Takt vierzehn

Weil ich gerade in den Noten vertieft bin um Bach’s Prelude in C Dur zu erlernen, merke ich wahrscheinlich nicht, wie sehr ich meiner Umgebung mit dem Geklimper auf die Nerven trample. Ich könnte natürlich die Lautstärke herunterschrauben, das ist schliesslich ein Vorteil dieser elektrischen Pianos, aber wie soll man sich bitteschön wie ein virtuoser Pianist fühlen, wenn einem die gespielte Musik nicht um die Ohren peitscht als sei man auf hoher See.
Der Lautstärkeregler muss auf, das Fenster auch, die Haare wie ein besessener Komponist in die Luft gestreut und die Finger greifen bedrohlich wie Klauen in die Tastatur. Ja, so spielt man Piano.

Aber dann dieser Takt vierzehn. Takt vierzehn, Takt vierzehn. Ich merke mir nie, dass das ein D ist, wie auch im vorigen Takt, und wenn ich es einmal nur schaffe, dort ein D zu spielen, dann vergesse ich wiederum, dass der zweite Ton kein A ist, wie im vorigen Takt, sondern ein F. Takt vierzehn ist des Teufels. Wenn ich nur Takt vierzehn alleine spiele, dann geht das tadellos, ich kann ihn schnell spielen und langsam, wenn ich wollte sogar rückwärts, minutenlang Takt vierzehn ist kein Problem, doch sobald ich von Takt dreizehn herangeritten komme, spiele ich bei Takt vierzehn einen ganzen Haufen Mist.
Ich habe auch schon versucht einen grösseren Anlauf zu nehmen, genauer gesagt, von Takt eins aus, das ganze Stück durchzureiten, in der Hoffnung den Trottel in Takt vierzehn einfach niederzutrampeln, aber natürlich ohne Erfolg.

Eine halbe Stunde lang kämpfte ich mich zu Takt vierzehn heran, als ich jedoch kurz davor war, Takt vierzehn kurzerhand umzuschreiben und mir die Noten einfach so zu setzen wie sie mir passen, ertönt aus einem Haus aus der Nachbarschaft ein Klavierspiel. Laut und deutlich. Die Prelude in C Dur aus dem Wohltemperierten Clavier von Johann Sebastian Bach. Ich höre zu. Schön sauber, vielleicht ein bisschen langsam, aber sauber, fast als sei er ein Lehrer der einem eine Übung vorspielt, und natürlich, wie zu erwarten, kam Takt vierzehn und wurde einwandfrei gespielt, so wie Bach es geschrieben hat. Dann, nahtlos hintendran Takt fünfzehn, ging flüssig weiter und endete zum Schluss völlig harmonisch mit der finalen Schleife auf Takt fünfunddreissig.

Der unbekannte Pianist irgendwo in meiner Strasse spielte nichts anderes mehr. Er hatte nur dieses eine Stück gespielt. Entweder wollte er mich ärgern, oder er hielt mein ewiges Falschgeklimper auf Takt vierzehn nicht mehr aus.
Der Vorteil dieser elektrischen Pianos ist übrigens auch, dass man Kopfhörer in die Hinterseite stecken kann.

Kommentare (8) zu “Takt vierzehn”

  1. Ahh.

    Hier ist es Bourree, Anonymous, 18tes Jahrhundert, Takt 8, das Hauptmotiv um a-gis-a.

    Ich kann das hohe a in Takt 8 partout nicht sauber spielen. Das hohe a – es ist eigentlich leicht.

    Takt 8 alleine ist natürlich kein Problem

  2. Bei sowas fällt mir gleich Zar und Zimmermann ein: “Her die Noten, her die Noten”
    (Vielleicht sind Zitate das einzige wozu Operetten gut sind)
    Anonymes Bouree aus dem 18. Jht. klingt nämlich sehr gut.

  3. Komisch, ich kenne das umgekehrt: Solange man einfach von vorne durchspielt, läuft es glatt. Doch blickt man etwas genauer auf einen vorbeiziehenden Takt, läuft man gegen die Laterne.

  4. knalleranekdote, ehrlich.
    hätte meine schwester damals nur auch eins von den elektrischen besessen. der rachmaninov wäre mir vielleicht nicht um die ohren gepeitscht, als wären wir grade auf hoher see.

  5. Ach Gott, ja. Aber was hätte man zu erzählen, wenn immer alles glatt liefe, schreckliche Vorstellung das. Man wüßte gar nicht, das man Fehler machen könnte und die sind doch das eigentlich interessante.
    Aber die Verzweiflung kenne ich auch, keine Sorge, gerade bei Bach. Meiner Meinung nach rührt sie daher, das man sich nicht erklären kann, was gerade nicht funktioniert und warum man es schon wieder falsch macht, genausowenig, wie man sich erklären kann, warum es jetzt, zufällig natürlich, wie um einen zu ärgern, geklappt hat. Man kann es natürlich auch nicht reproduzieren, das richtige, wohingegen, der Fehler problemlos zu wiederholen ist. Ärgerliche Sache das

  6. Im Wilden Westen, im Saloon, wurden die Falschspieler sofort erschossen. Oder sogar geteert und gefedert und aus der Stadt geworfen. Allerdings ließ man die Pianisten in Ruhe. Herr Mequito: sie müssen ein Glas Bier ins Piano kippen, dann haben Sie den Honky-Tonk-Sound, und alles klingt gut.

  7. Mequito glaub dem Mann kein Wort!!! Ich warne dringend vor Nachahmung. In meinem Klavbier sind mittlerweile Bier, Gin und Wodka, da geht nur noch free jazz.

  8. In Takt 13 solltest du kein “F” spielen, sondern lieber ein “Fis”. Zweimal!! Sonst wirds doch arg mollig. Macht ja nüscht. Spiel schneller, merkt keiner…

    Hatte aber ähnlich traumatische Einbrüche mit meinem privaten Weltkulturerbe… Durfte – als es damals nach dem Krieg in verlotterten WGs keine Klaviere gab – einmal die Woche bei ner Freundin an den Kasten. Wenn sie nicht da war…
    Steigerte mich Woche um Woche in die wiedergewonnene Fingerfertigkeit rein. Und sodomierte aus Leibeskräften Beethovensonaten oder Debussy. Meistens eher aus einer blassen Erinnerung denn nach Noten…

    Was ich nicht wusste: im Reihenhaus nebenan wohnte die wunderbare 90jährige ehemalige Domorganistin und wollte eigentlich ihren Lebensabend genießen. Was sie auch tat. Außer einmal die Woche…

    Eines Tages klingelte es also an der Tür und da stand eine sehr sehr böse aussehende alte Dame. Die schnaufte nur kurz und blaffte mich dann an: “G-Moll! Das ist G-Moll! Ich kann’s nicht mehr hören!” – und verschwand augenblicklich wieder. Ich hab mich nie wieder getraut, dieses Klavier dort anzurühren.

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