[vorgestern also]

Die Popkultur auch, als vorgestern Rambo II im Fernsehen lief. Ich habe den Film als elfjähriger zum ersten mal gesehen und war sehr angetan von der Figur dieses einsamen Wolfes, der meine ersten pubertätsbedingten, persönlichen Rückschläge mit dem Pathos und dem Selbstmitleid des geschlagenen Hundes perfekt zu spiegeln wusste.
Zudem hat Rambo II zu meiner Bildung beigetragen. Das Gespräch mit der vietnamesischen Geheimagentin auf dem Piratenkutter, das meinen Wortschatz erweiterte, als sie Rambo mit einem etwas dämlich platzierte französischen Akzent nach dem Glück fragt: »Und was ist mit Dir?« »Ich bin entbehrlich.«
Sie wieder: »Was bedeutet… entbehrlich?« Rambo spielt mit seinem Rambomesser und sagt: »Entbehrlich bedeutet, wenn man auf einer Party eingeladen wird und man nicht hingeht. Und keiner merkt es.«
Er lächelt wie ein gepeinigter Hund, sie schaut nachdenklich übers Wasser. Seitdem weiß ich, was entbehrlich bedeutet, und seitdem muss ich immer an diese Szene denken, wenn ich irgendwo dieses Wort lese.
Meine Deutschlehrerin wollte einmal die Klasse herausfordern und die intellektuellen Vorteile von Büchern gegenüber des Fernsehens hervorheben. Sie stellte der Klasse die eher rhetorisch gemeinte Frage, wo wir denn jemals im Fernsehen etwas für unsere Intelligenz gelernt hätten. Ich hob nichtsahnend meine Hand, und sie machte den Fehler, mir das Wort zu gestatten. Ich sagte: Rambo II. Ich hätte da das Wort »entbehrlich« gelernt.

Ich habe den Film wieder geschaut. Es war ein interessanter Spaziergang in meine Pubertät. In der Werbepause lief der Trailer der neuen »Es« Verfilmung von Stephen King. Ich erinnerte mich daran, dass ich das Buch vor zwei Jahren angefangen hatte, weil ich mich mit Stephen King beschäftigen wollte, Mainstream verstehen, ich finde Mainstream ungemein faszinierend, das ist die Totalgegenwart, den Mainstream zu verstehen ist unerlässlich um die Gegenwart zu erfassen. Wobei ich Stephen King trotzdem nicht verstanden habe. Ich kann mich für vieles begeistern, besonders wenn ich eine Sinnhaftigkeit dahinter erkenne, aber »Es« fand ich in weiten Teilen schlicht zu langweilig. Ich hatte vieles befürchtet, aber Langeweile hatte ich nicht erwartet. Möglicherweise liegt es an der Langatmigkeit des Buches, Seitenstränge werden zu weitläufig ausgebaut, die einzelnen Figuren werden mit langen Vorgeschichten aus der Kindheit eingeführt, mühsam wird deren gemeinsame Geschichte aufgebaut. Vielleicht ist der Mainstream (und somit das Publikum) gar nicht so flüchtig und nervös oder auf die schnelle Unterhaltung aus, wie er oft dargestellt wird. Dieses Buch, das ja als eines seiner erfolgreicheren gilt, fordert auf, sich Zeit zu nehmen. Das wirkt unheimlich altbacken. Tröstet allerdings.
K liebte es, wenn ich ihr im Bett aus »Es« vorlas. Sie schlief immer innerhalb weniger Minuten ein. Ich nahm es gelassen, es lag ja nicht an mir, es lag am Buch, wir scherzten, haha, die Langeweile. Nach 400 Seiten stellte ich das Buch wieder weg. Als ich vorgestern also den Trailer in der Werbepause sah, fiel mir ein, dass vor zwei Jahren auch die Dreharbeiten begonnen hatten und ich das Buch eigentlich vor der Veröffentlichung des Films gelesen haben wollte, ich bin manchmal so, bei mir ist alles immer Projekt. Ich holte es wieder hervor. Als K schlafen ging, sagte ich, dass »Es« ins Kino kommt und ich das Buch weiterläse, ob ich ihr daraus vorlesen solle. Sie sagte: »Super, dann schlafe ich wieder schnell ein.«

[nombre sin hombre]

Ahja, warum ich jetzt unter Klarnamen schreibe, ist ganz schnell erklärt: Künstlernamen sind so achtziger.
Das hat nichts mit der gegenwärtigen Klarnamen-Diskussion um Pseudonyme im Netz zu tun, ich finde Nicknames gut und auch die relative Anonymität im Netz. Meinen Nickname habe ich nie wirklich als Nickname gesehen, sondern viel mehr als eine Verballhornung meines richtigen Namens. Mek wurde ich immer schon genannt, mequito kam dann, als ich in Madrid wohnte und der Rest war Gag. Der Seriosität wegen brauchte ich einen Nachnamen für einen Literaturverein, also legte ich mir das Wito zu, weil mir das Pfeifer irgendwie zu Pfeiferig war, zu echt, und vielleicht, weil ich nicht googlebar sein wollte, wobei man auf meiner Arbeit immer mitgelesen hat, und es auch in meiner neuen Arbeit wieder tut, deshalb: worüber reden wir. Vielleicht ist mir ein Klarname irgendwann zu zehnerjahre-mäßig, kann sein, vielleicht gibt man sich dann nur noch Vornamen, mit Ronaldo, Pele, Kaka und mequito in einer Reihe, was weiß ich, egal, aber Künstlernamen sind mir einfach zu achtziger. So einfach ist das.

[…]

Das hat mich damals schon bei Kim Wilde irritiert. Ich liebte Kim Wilde und hatte ein Poster von ihr, auf dem sie Strumpfhose und einen kurzen Rock trug, darüber ein knappes Oberteil, das ihren Bauch freilegte. Dieser Unterschied: unten Strumpfhose, dann Kleidung und kurz darüber ein blanker Bauch.
Das hat mich damals schon irritiert. Gestern auch bei Leslie Feist. Mich irritierte dabei dieser Unterschied in der Bedecktheit. Bestrumpfte Beine sind verhüllt, man hängt aber einem Glauben nach, die Beine zu sehen, durch einen nebelverhangenen Raum vielleicht, die Lichter dimmen runter. Wenn man weiter hochsah, kam dann aber dieser nackte Bauch nach. So blank, ungefiltert. Ich fühlte mich, als hätte man mich aus Träumen geholt, ohrgefeigt. Bei nackten Armen hat es mich nie gestört, auch nicht, wenn eine Frau nichts weiter als Strumpf am Körper trug, aber so hat es mich irritiert. Strumpf – Rock – blanker Bauch. Ohrfeige.

Daran wurde ich gestern erinnert. Aber Feist sang so schön, und es ist mir ohnehin ziemlich egal.

[…]

Ich bin wieder hier. Noch ein letzter Abschied, da.

[posting adieu]

OK, ich bin jetzt wieder zurück. Berlin hat mich sofort wieder geschluckt, ich musste mich um die Dinge kümmern, die in diesen Tagen liegengeblieben waren. Aber es fehlte mir sehr, noch ein paar abschließende Worte zu schreiben. Der letzten Veranstaltung mit Pete und mit dem Chor, habe ich nicht beiwohnen können, Sonntagabend musste ich wieder zurück sein, ich hoffe es war gut, die Fotos vermitteln jedenfalls den Eindruck.

Das Wochenende ist nun vorbei. Danke für die zahlreichen Besuche. Am stärksten Tag haben über 600 Besucher dieses Tagebuch besucht, damit seid ihr sozusagen die am besten besuchte Veranstaltung des Festivals gewesen. Ich werde euch vermissen, ich werde meine Familie vermissen, ich werde Haimo vermissen, Olivia, Sonja, Pete (Danke für das Buch und für die anregenden Gespräche), ein Dank an Hannes (komm mal nach Berlin, ich glaube, das könnte Dir gefallen, Haimo hat meine Adresse), Marco vom Nachtcafe, Paolo natürlich (u.a. auch für die Pappkometen, die Kinder meiner Schwester sind spontan in Weihnachtsstimmung versetzt worden), ein Dank auch der Fotografin Laura Zindaco, und Laura Mautoni (Grazie per la email, LEGGERO le poesie), und ah Peter Holzknecht sowieso, sowie seiner Freundin, deren Namen ich gar nie gefragt habe, und: So. OK. Ich glaube, das wars. Tschüß und Winkewinke.

[exilpost 7]

Exilpost 7

[posting 7 So 23:59]

Was ich noch mitgenommen habe: Paolo mischt Sambuca in seinen Kaffee. Das ist die leckerste Sache der Welt.

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Ich trage auf langen Bahnfahrten immer weiße Hemden. Weil lange Bahnfahrten so schlauchen. Die Kleider kleben am Körper, die Haare hängen, die Augenlider auch, oder sie schwellen an, die Menschen riechen, man klebt an den Sesseln, man muss sich lospuhlen. Wenn ich bei langen Bahnfahrten ein weißes Hemd trage, dann ändert sich mein Empfinden.

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Und sonst gibt es nur noch Fetzen Was ich aber noch unbedingt loswerden muss ist die Sache mit dem Hotel, in das wir Paolo unterbringen mussten, mich hat das fertig gemacht, die anderen schienen sich nicht daran zu stören.

Das war so: um halb drei mussten wir von Kastelbell nach Meran, da der Künstler Paolo Caneppeli abgeholt werden musste. Er kam mit dem Zug aus Wien, kennt sich in Meran daher nicht sehr aus. Wir brachten ihn in ein renommiertes Kunst-Hotel, eine ziemlich noble Addresse aus dem Ende der Habsburger-Zeit. Das Hotel war eine Notlösung, da in Meran das Weinfest stattfindet und alle weiteren Herbergen verbucht waren.
Wir betraten jedenfalls das Hotel durch einen sehr schönen und größzügig angelegten halboffenen Treppenaufgang aus Schiefersteinen, gelangten oben in die offene Lobby, flankiert von einer langen Bar aus edlem Holz, daneben erstreckte sich die Terrasse, halb als Wintergarten angelegt, halb im Freien. Die Wände sind mit Gemälden behangen, keine albackenen Leinwände, durchaus okaye Sachen. Paolo checkt ein, ist auch ein wenig überwältigt von der Großzügigkeit des Hauses, er will sich frisch machen, Haimo und ich beschließen einen Drink auf der Terrasse zu nehmen, Sonja kopiert in der Lobby ein Manuskript. Draußen sitzen andere Gäste des Hauses. Das Hotel scheint sich in Kunst zu suhlen, genüsslich, die Kunst lässt Glanz auf die Gäste ab, die Gäste fühlen sich sichtlich wohl in dem Ambiente, geben sich großzügig, bewegen sich langsam und bedächtig durch den Raum, die Luft ist vom edlen Geist der Kunst bereichert. Gut, es gibt sie sicherlich, die Menschen, für die Kunst die Auseinandersetzung ist, für die Kunst das Reiben ist, aber worum geht es letztlich? Warum malen wir die Bilder? Warum hauen wir Metall? Warum schreiben wir die Sachen auf? Warum spielen wir die Musik? Ist der Grund wirklich nur der, dass das alles, was wir Kunst nennen, dass all dieser Mist, den wir auskotzen, kann es sein, dass er einfach nur Glanz auf andere Leute abgibt?

[exilpost 6]

Exilpost 6

[posting 6 So 17:01]

12:30
Im bin mit Sigrid, Jörg und den Kindern bei Haimo und Olivia in Kastellbell. Wir haben Picknick mitgebracht, Käse, Schinken, Tomaten, Obst. Und Meraner Knackwürste. Wir sitzen draußen vor dem Haus, die Sonne wärmt mir den Rücken.

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Es gibt Fotos.
Hier sind Haimo, Pete, Sonja, ich und Olivia. Den Heiligenschein habe ich immer.

16:00
Ich fahre noch mit in die Stadt, verlasse dann aber die Gruppe, um mich mit Anders und Anna-Karin, einem befreundeten älterem Ehepaar, zu treffen. Ich rufe sie an, sie sind überrascht, dass ich in der Stadt bin, sie säßen am Brunnenplatz in der Sonne und gönnen sich ein Nachmittagsbierchen, sie würden sich freuen, wenn ich dazu käme. Ich laufe zum Brunnenplatz hoch, weiß genau, vor welchem Café sie sitzen, sehe sie, denke mir, Mensch, so glücklich biertrinkend in der Sonne, möchte ich auch älter werden, wir begrüßen uns, ich streichle den Hund Lina, wir reden über die Indigenos-Demo in Bozen, sie seien kurz da gewesen, haben ihren Sohn und seine Freundin getroffen, auch meine Schwester Astrid, es sei alles friedlich gelaufen, die Stimmung sei gut gewesen, in Rom brannten allerdings die Straßen. Wir unterhalten uns nett, sie fragen, ob ich mit ihnen essen will, ich muss aber ins Kulturhaus, da um 18Uhr die Performance von Hannes Egger beginnt, ich wackle aber kurz, als Anna-Karin sagt, dass sie ein Wok-Gericht zubereiten, mein Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Chronistenpflicht gewinnt aber über meinen ständigen Totalhunger. Ich begleite sie nur nach Hause.

18:15
Ich laufe auf dem Weg in die Altstadt am Haus meiner Schwester Sigrid vorbei, erhasche dabei ein paar Wellen von ihrem WLan, lade mir die Mails auf das Handy und öffne Spiegel Online, sehe, dass Hertha gegen die Bayern 4:0 hinten liegt, was mich fürchterlich deprimiert, dann laufe ich ins Kulturhaus. Ich bin zu spät.

18:45
Hannes Egger hat zwei Holzbalken aufgestellt. Dazwischen liegen auf einem Tuch drei flache Behälter ausgelegt. In den Behältern liegen Kohle, Kieselsteine und Sand. Daneben stehen ein Dutzend leerer PET-Flaschen. Er kündet an, er würde jetzt Tee machen. Die Flaschen werden der Verschlüsse und der Böden entledigt und zu Röhren zusammengesteckt. Als er zwei gleich lange Rohre hat, befestigt er sie mit dicken Klebestreifen vertikal an den Balken. Es dauert ewig. Ich könnte ewig den Leuten beim Arbeiten zusehen. Nicht, weil es entspannt, sondern weil das den Geist unendlich anregt. Nachher beginnt er Erde, Kieselsteine und Kohle, in die Rohre zu kippen. Ich störe mich ein wenig an seiner ineffizienten Art, er könnte sich einige Bewegungsabläufe sparen, wenn er die flachen Behälter näher an die Balken heranziehen würde. Zudem verschüttet er einige male Kieselsteine auf das Parkett und räumt es nicht auf. Macht mich fertig.
Danach zerreißt er Aristoteles’ Buch über die Poetik und steckt es in ein Rohr. In das andere Rohr schmeißt er ein altes Handy. Schließlich kippt er Wasser aus der Passer in die Rohre. Es tröpfelt. Er hat einen Bodenfilter gebaut. Unten kommt irgendwann Wasser heraus, er fängt es in einer Metallkanne auf, filtert es mehrere Male durch ein weißes Tuch und stellt es anschließend auf eine Herdplatte. Dann verteilt er Teebeutel. Schwarztee, Grüntee, Yogitee und eine abenteuerliche Schokoladentee-Mischung. Ich trinke nichts, mir ist das zu heiß, ich habe morgen eine elfstündige Bahnhfahrt vor mir, ich möchte diese nicht auf Zugtoiletten verbringen. Olivia trinkt und sagt: mmmmm.

20:30
Theater in der Altstadt. Paolos Performance ist eigentlich eine Powerpoint-Show. Er erzählt uns wunderbarlicherweise vom Weltuntergang. Er verführt uns mit einer aus alten Drucken, Zeitungsschnipseln und historischen Postkarten zusammengeschusterten, irren soziologischen Studie über den Weltuntergang 1910, als der Halleysche Komet die Erde in viele Stücke zerrissen hat. Wir gehen zurück ins Europa des 1900 und zittern mit. 2012 geht die Welt ja wieder unter.

23:00
Nachher essen wir alle Pizza in der Pizzeria Relax. Die Pizza ist sehr gut. Mehrmals haben sich Leute lustig darüber gemacht, dass ich im letzten Posting schrieb, Haimo habe einen Bauernhof. Ich habe vergessen, dass ich das geschrieben hatte, hatte ich das wirklich? Möglicherweise denke ich bei “Haus in Kastelbell” automatisch an einen Bauernhof, da es mir sich sonst nicht erschließen mag, warum jemand dort wohnen wolle. “Bauernhof” ist eine Art Erklärung, ein Projekt, das ist etwas handfestes.

09:00
Der letzte Vormittag mit meiner Familie. Das gestaltet sich wie immer eigenartig freudlos für mich. Nicht traurig, sondern freudlos. Ich schaffe es nicht mehr ordentliche Gespräche zu führen.

12:00
Auf der Autobahn nach Bozen, ich fahre, Mutter Co-Pilotet, ich gerate in den ersten Stau meines Lebens. Ich freue mich, das ist so aufregend, dass ich das Wanrblinklicht vergesse, dabei hatte ich das so gut gelernt, sobald man den Stau sieht, abbremsen und sofort die Warnblinkanlage einschalten. Ich sehe aber nur Stau und denke: boah.

Tätigkeiten im Stau: Schleifpunkt der Kupplung suchen, Anfahren, im zweiten Gang losfahren. Irre. Als ich versuche, im dritten Gang zu starten, säuft mir der Wagen beinahe ab.

17:01
München HBF

[exilpost 5]

Exilpost 5

[posting 5 Sa 11:24]

20:30 (Freitag)
Ich betrete den Sparkassensaal im Kunsthaus. Der Name ist irreführend. Der Sparkassensaal ist ein riesiges, habsburgisch anmutendes Empfangszimmer. Ich sage das jetzt so, weil es sich für mich habsburgisch anmutet. Holzvertäfelung, Rococo-Verzierungen, schwere, nach Holz riechende Luft.
Es sitzen etwa vierzig Zuhörer in einem dreireihigen Halbkreis. Zuerst liest Laura Mautone. Lyrik auf italienisch. Ich habe sicherlich fünfzehn Jahre keine italienische Lyrik mehr gehört. Ich mag ihren Vortrag sehr, doch ist er zu kurz, nach zehn Minuten hört sie auf und gibt der nächsten Autorin Platz.
Astrid Kofler setzt sich ans Mikro. Eine sehr attraktive Frau, die vermutlich viel älter ist, als sie aussieht. Sie trägt ein dunkelblaues Stoffkleid, die Ärmel sind schwarz, schwarz auch ihre Stiefel, und schwarz die Haare, schwarz und schwer. Sie trägt keine Ohrringe, keine Ringe, nichts an den Armen. Alles an ihr ist streng, edel, sie hat etwas Popstarmäßiges, schön, unannahbar, und dann ihre Strumpfhose: Pünktchen. Aber natürlich fabrlich auf das Kleid und die Ärmel abgestimmt. Um den Hals trägt sie ein stoffernes, besticktes Band, das aus der Ferne aussieht wie ein hölzerner Ring. Piet sitzt neben mir, ich frage ihn, wie man ihren Halsschmuck nennt. Er sagt: Reif. Halsreif.
Nach der Lesung, an der Bar, sehe ich, dass der Holzreif allerdings aus Stoff ist, zu einem Reif gebogen. Sie denke an sie als eine Mischung aus Eva Klotz und Mom Munster. Was jetzt wie eine Veralberung klingt, ist in Wirklichkeit aber todernst.
Sie liest Heimatprosa, starke Bilder, sehr atmosphärisch und unbehaglich.

Später an der Bar trinken Piet und ich ein englisches Bier. Astrid Kofler gesellt sich dazu. Ich ärgere mich zuerst, würde gerne mit Pete das entspannte Gespräch über meraner Lyrik (das meine ich wirklich, das war sehr entspannend, weiß nicht warum) fortführen, jetzt ist aber eine attraktive Berühmtheit dabei, muss man sofort aufpassen, keinen Scheiß zu reden. Wir reden über die Lebendigkeit Merans. Ich bringe die Messermorde aus den neunzigern ins Gespräch, wie morbide die waren, und wie sie ästhetisch eigentlich nur nach Meran passen, dass Bozen zu groß und erschlossen ist, für einen irren Serienmörder, der sich nachts durch die Gassen schleicht. Wir reden über Plots, und über die Ästhetik, und über arme Leute.

Beim Rausgehen komme ich mit Laura Mautone ins Gespräch. Ich verstehe mich auf Anhieb mit ihr. Wir reden über Lyrik, ich erkläre ihr, dass ich Lyrik nicht sonderlich mag, außer sie wird mir vorgetragen. Als Lied beispielsweise, oder vom Autor, weil man mitgenommen wird, ich bin ein serviler Lyrikleser, die offengelassenen Räume bei Lyrik sind mir zu groß. Sie versteht mich. Sie ist italienerin, ich spreche italienisch mit ihr, sie antwortet auf deutsch.

22:30
Peter Holzknechts Klanginstallation im Hotel Aurora. Ich treffe ihn oben am Eingang, er raucht. Er erkennt mich wieder. Wir unterhalten uns blendend. Ich frage ihn nach früheren, gemeinsamen Freunden. Einige sind Alkoholiker, einige den Drogen erlegen. Einige aber auch normal.

Wir stehen in einem weit verzweigten Kellerraum, die Steinwände sind weißgekalt. Peter Holzknecht verstärkt Kugelschreiberklicks und auf Holz klappernde Hartholzstäbe, verdauerschleift es, wieder und wieder, lässt Karton wabbeln, fügt das den Klicks und den Stäben hinzu, dann Klebestreifenabzüge, reißendes Papier, alle zwanzig Sekunden tönt ein Basston, der klingt, als wäre er ein Fingerzeig Gottes, von oben herab, die Wolken spalten sich, ein Lichstrahl bricht hindurch, herunter zu Erde, herunter in den weißgekalkten Keller, in dem Peter Holzknecht barfuß an seinen Mikros sitzt und in den Apple presst.

Nachher sage ich ihm, dieses Zeug das er da macht, das finden wir nur toll, weil wir zu alt für Drogen sind.

23:45
Und dann ist es schon wieder fast Mitternacht, und ich erneut vergessen zu essen. Eine junge Frau verteilt Broschen mit Graphiken. Sie schenkt mir eine Brosche, auf dem ein umgekipptes Proseccoglas darauf abgebildet ist. Ich sage, ich sei zu eitel für Broschen, sie stünden mir nicht. Sie sagt, ich könne es doch auch um 90 Grad gedreht tragen. Ich verstehe das Argument nicht, lasse es aber gelten.

02:00 Patzbumm, Bett

06:45
Vor meiner Schalfzimmertür singt der kleine Artur: “Backe Backe Pizza, der Pizzaiolo hat gerufen!”
Der kleine Ruper sagt: ANN ANN ANN. ANN heisst KIRCHE. Weil die Glocken ANN machen.

11:00
Wir fahren nach Kastellbell zu Haimos Bauernhof.

[exilpost 4]

Exilpost 4

[posting 4 Fr 19:47]

20:36
Die Band heißt Nachtcafe und ist die musikalische Antwort auf den immer wieder hochschwelenden ethnischen Konflikt südlich des Brenners. Eine italienisch sozialisierte Band aus Bozen, die alte und vergessene südtiroler Volksmusik wiederbelebt und ins italienische übersetzt. Zudem: italienische Versionen von Franz Wedekind, Brecht, Weill. Si chiama Mackie Lama. Hinreißendes Programm. Einzige Unstimmigkeit vielleicht die etwas steife Sitzordnung, im Nachhinein denke ich, hätten Sitzrunden mit Getränken besser gewirkt, als die Konzertstimmung. Aber das ist unwichtig.

22:30
Alle Menschen, mit denen ich nach dem Konzert spreche, haben Mundgeruch. Ich vermutlich auch. Das ist immer das gleiche, wenn man vor dem Konzert ein Glas Alkohol trinkt und danach stundenlang austrocknet. Der Mund verwest. Ich kenne den chemischen Prozess nicht. Ich führe ein interessantes Gespräch, dränge aber darauf, in die Schloßbar zu gehen, die Chemie abzutöten. Das sage ich natürlich nicht.

22:45
Wir gehen hoch in die Schloßbar und trinken Warsteiner. Ich treffe Piet, wir reden über die Literatur, ich frage ihn nach seinem Roman, erfahre, dass der letzte Roman schon seit zweiter ist, daraufhin bitte ich ihn um ein Exemplar, ich würde das gerne lesen, auch wenn ich den Inhalt nicht kenne, der Roman interessiert mich schon nur wegen der persönlichen Bekanntschaft. Piet trägt einen dichten Bart, das war schon vor zwanzig Jahren so, als wir zusammen Theater gemacht haben. Überhaupt: Piet ist nicht gealtert. Piet sah damals schon ein bisschen älter aus als ich und tut es heute immer noch, ich bin aber um zwanzig Jahre gealter, er hingegen nicht. Macht mich fertig. Ich werde schon längst tot sein, während Piet einfach nur ein bisschen älter als ich aussieht.
Sein Roman ist bei Raetia erschienen, Raetia, so unverhältnismäßig gut, es freut mich zu hören, dass es Raetia immer noch gibt, sei ja Nischenliteratur, dann auf so einem Nischenmarkt wie Südtirol.

23:50
Haimo und ich haben Hunger. Wir haben den ganzen Abend nichts gegessen. Es gibt Gerstensuppe und Nudelgerichte. Eine Besucherin behauptet, dass das Essen nicht schmeckt, wir beschließen deswegen Pizza zu essen. Jemand sagt, im Relax gäbe es Pizza bis eins, das finde ich gut, im Relax schenken sie Forstbier. Haimo, Olivia, Piet und ich brechen auf, Piet will aber nichts mehr essen, wir fahren ihn nach hause, verfahren uns zweimal und gehen dann ins Relax. Im Relax ist der Pizzaofen aber schon abgekühlt. Die Kellnerin sagt uns, im Bruschetta machen sie Pizzen bis halb zwei, also fahren wir ins Bruschetta in die Romstraße. Überhaupt: Bruschetta. Die beste Pizzeria der Welt. Wer das Due Forni / Casolare in Berlin kennt, und glaubt, das sei authentischer Trashfaktor mit den besten Pizzen der Welt, der kennt nicht das Bruschetta in der Meraner Romstraße.
Wir bestellen uns Pizza Quattro Formaggi, Zingara und Pugliese und trinken Forstbier.

02:00
Patzbum, Bett.

10:00
Frühstück.
Ich schreibe den Text in den Laptop und lese Zeug im Internet. Plötzlich ist es halb eins, wir haben einen Tisch in einem Wirtshaus oben am Hang beim Schloß Katzenstein bestellt. Großer familiärer Kreis. Vater, Mutter, beide Schwestern, Jörg, die drei Kinder. Ich fahre meine Mutter. Die engen Straßen in Meran sind die Hölle, es passt gerade mal ein Auto, aber sie sind für Gegenverkehr ausgewiesen. In Obermais fahre ich um die Kurve, ich fahre einen Seat Ibiza, ich passe mit diesem Kleinwagen gerade mal in die Straße und auf einmal fährt mir ein Stadtbus vor die Nase. Es dauert lange, bis ich verstehe, dass es ein Stadtbus ist, ich denke: Stadtbus. Zu mehr bin ich nicht fähig. Ich kann nicht ausweichen, wir bremsen beide, der Bus erwartet natürlich von mir, dass ich zurückfahre, er ist zu groß, er weiß aber nicht, dass ich noch nie in meinem Leben richtig rückwärts gefahren bin, ich stecke den Rückwärtsgang ein, treffe ihn aber nicht richtig, der Motor kotzt, ich sage, Mama, Du musst mit mir tauschen, ich kann das jetzt nicht, ich steige aus, gebe Dem Busfahrer ein Zeichen des “Scusami, non so che cazzo faccio”, der ganze Bus lacht mich aus, und meine Mutter übernimmt das Steuer. Sie fährt hundertfünfzig Meter rückwärts durch die Gasse und gibt dem Stadtbus Platz.

16:30
Den ganzen Nachmittag gegessen.

[exilpost 3]

Exilpost 3

[posting 3 Fr 12:38]

17:55
Sigrid, Mutter und ich spazieren zur Winterpromenade, laufen hoch zum Ponte Romano und spazieren die Sommerpromenade wieder hinunter, bis zum Cafe Darling. Wir schieben die kleine Maria im Kinderwagen vor uns her. Sie ist jetzt vier Monate alt, sie schläft friedlich. Ich weiß, dass Haimo sich mindestens um eine Stunde verspäten wird, daher nehme ich mir die Zeit. Wir spazieren weiter über die Postbrücke und gehen zur Casa della Cultura, dem vereinbarten Treffpunkt. Doch langsam drängt es mich, ins Haus zu gehen, und Haimo zu treffen, ich bin immerhin eine Stunde zu spät, in jenem Moment kommt er um die Ecke gelaufen, er entschuldigt sich, dass er so spät sei. Es freut mich, sein Zeitempfinden richtig eingeschätzt zu haben, das ist fast wie Heimat. Kurz darauf kommt auch Olivia, die Mitorganisatorin und wir sind komplett.

Dann gehen wir ins Haus. Drinnen ist ein Raum für Piet reserviert. Piet sitzt am Tisch und rezitiert Gedichte. Piet heißt natürlich nicht Piet, sondern Peter. Peter Oberdörfer. Ich weiß nicht ob Piet sich Piet schreibt oder Pete, aber da ich holländisch sozialisiert bin, schreibe ich es defaultmäßig Piet. Außerdem fühlt sich Piet südtirolerischer an. Piet sitzt also am Tisch und rezitiert Gedichte. Er betreibt im Zuge des Festivals das sogenannte Literaturbüro/ufficio letterario. Zwischen 16 und 18 Uhr fungiert es als Laboratorium, in dem die Begriffe Literatur und Büro aufeinanderprallen/reiben/verlieben sollen. Wie erwartet, handelt es sich hier nicht um eine Massenveranstaltung. Faktisch sitzt Piet um dieser Uhrzeit nur noch alleine an einem großen Tisch mitten im Raum und rezitiert Gedichte. Ich bin zu verklemmt, um Begriffe im Kollektiv aneinanderreiben zu lassen, aber Piet ist ein Theatermensch und ein blendender Rhetoriker. Wir sitzen am Tisch und unterhalten uns über südtiroler Dichter. Gerhard Kofler und NC Kaser. Alles aufgeriebene Südtiroler. Das steht so dramatisch im Raum. Stand es aber immer schon.

Ich weiß nicht, ob ich morgen hingehen werde, um dem Literaturbüro beizuwohnen, ich würde das gerne beobachten, aber als Dichter ist man zwangsläufig mehr ein Teilnehmer, als nur Beobachter, was üblicherweise von Vorteil ist, doch für solche Theatralien bin ich, wie gesagt, zu verklemmt. Es würde sich empfehlen Kameramann zu sein, oder mindestens Fotograf. Da wird man als Hintergrund verstanden.

18:20
Da das Literaturbüro zu ende ist, beschließen wir, ins Schloß Pienzenau zu fahren, die Abendveranstaltung anzugehen. In zwei Stunden beginnt das Konzert, man müsse die Band delegieren, schauen ob mit dem Bühnenaufbau alles klappe. Piet geht zuerst nach hause, da er noch etwas für das Sonntagsprogramm vorbereiten muss. Olivia will ein Bier trinken, Haimo und ich finden die Idee absolut richtig. Also gehen wir in die Pizzeria Relax und bestellen drei große Forstbier. Wir besprechen das Design des Sprachspieleblogs und sind uns einig, dass im Layout ein Menü an die Seite muss, damit man die letzten Kommentare und das Facebook-Widget besser im Blick hat. Ich ziehe den Laptop hervor, aber Internet klappt wieder nicht, also lassen wir es sein.

19:40
Schloß Pienzenau. Ein mittelalterliches Anwesen oberhalb Meran. Restaurant, Konzertraum. Es gibt noch nichts zu organisieren. Wir bestellen Bier. Sie haben kein Forstbier, nur Wahrsteiner. Meinetwegen, trinke ich auch. Früher gab es in Südtirol nur Forstbier, man sollte die neue Vielfalt schätzen. Früher haben wir uns ja immer über die Eintönigkeit im Bierangebot beklagt, heute glauben wir, dass die Welt von damals, als es nur Forstbier gab, echter war. Wir machen es uns auch nie recht.
Es gibt WLan. Ich klappe den Laptop auf, wir suchen ein neues Theme für das Blog und aktivieren es.

20:30
Die Band ist bereit. Das Publikum fehlt.

20:35
Die Band ist bereit. Der kleine Saal ist voll. ~50 Leute.

Fortsetzung später, ich muss jetzt Kastanien essen.

[exilpost 2]

Exilpost 2

[posting 2 Do 16:55]

Posting. Überhaupt: Posting. Es fehlt nicht der Ironie, beim Dokumentieren der Gegenwart Posts zu verfassen.

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Ich hatte vergessen, dass ich in Südtirol Autofahren wollte. Auch ich habe jetzt, mit 18 Jahren Verspätung, einen Führerschein. Ich habe allen versprochen, dass ich sie herumfahre. Vater kommt mich abholen, steigt aus, reicht mir den Schlüssel und ich stehe ein bisschen verdutzt am Auto. Ich bin noch in Bahn-und-Berlin-Modus, das ist so weit vom Autofahren weg, wie [irgendein blöder Vergleich]. Ich habe vergessen, dass ich das mit dem Autofahren ernst meinte.
Autofahren in Bozen ist so anders als in Berlin. Die deutschen Autofahrer sind diszipliniert und genau, die Straßen sind breiter. In Bozen ist alles eng, man schlängelt und improvisiert. Das liegt mir nicht so, ich bin unerfahren und brauche Verlass.

13:20
Wir holen meine Schwester Astrid von der Arbeit ab. Sie arbeitet in Bozen-Gries. Sie muss noch fünfzehn Minuten etwas zu Ende bringen. Inzwischen warten mein Vater und ich draußen auf der Straße. Wir treffen einen Bekannten meines Vaters. Er bleibt stehen und unterhält sich mit uns. Wir reden über Autos. Mein Vater überlegt einen dieser kleinen A-Klasse Mercedes zu kaufen. Die seien ja so günstig. Ich kann endlich mitreden, es freut mich eine Meinung zu haben, ich sage, ich würde nur Opel Corsa kaufen, Opel Corsa seien solide und gut. Das weiß ich, weil meine Carsharing Station einen Opel Corsa bereithält. Das ist das Auto, das ich immer erwische. Viel mehr kenne ich nicht. Aber immerhin genug, um eine Meinung zu haben.
Man nickt. Opel Corsa findet man okay.

Auf der Landstraße fahre ich vierzig, weil ich mich nicht traue, einen Fahrradfahrer zu überholen. Ein dicker Lancia hupt hinter mir. Ich erschrecke. Mein Vater sagt, ich solle dem Arsch den Mittelfinger zeigen, der Arsch überholt mich, ich schaue verschämt gerade aus, und versuche eine Miene des moralischen Siegers zu ziehen, was mir nicht sonderlich gelingt. Mein Vater macht Zeichen.

14:30
Bei meiner Schwester Sigrid in Meran begrüßen uns erst die Kinder, wir besprechen alles, was wir in den letzten Monaten verpasst haben, Mutter ist auch da, sie kocht eine Pastasciutta.

15:45
Endlich mit Haimo telefoniert. Haimo ist einer der Organisatoren der Veranstaltung. Ein Freund aus früheren Tagen. Wir wollen uns um fünf in der Casa della cultura gegenüber dem Minigolf treffen. Ich will nicht früher hingehen. Ich kenne die Leute dort nur flüchtig. Wobei: mit Piet habe ich vor zwanzig Jahren einmal Theater gemacht. Er war unser Regisseur und ich habe positive Gefühle, wenn ich an ihn denke. Haimo hat mir erzählt, Piet habe ein Buch geschrieben. Ich weiß nichts darüber, das kann aber nur spannend sein, ich werde mich nachher erkunden.