topografie

Und dann der Dingsda. Fernsehturm. In Berlin stehe ich immer so, dass er mir direkt auf den Kopf fallen könnte. Man kann ihm nicht ausweichen, und das macht mich verrückt. Ich bin ja mehr die einfache Seele, eine Seele für Paris beispielsweise. Dort weiß man wo man sicher ist. Der Eiffelturm hat einen viereckigen Grundriss und fällt nur nach vorne oder nach hinten. Auch nach seitwärts kann er fallen, sowohl nach links als auch nach rechts. Aber in Paris brauche ich mich nur schräg zum Turm zu positionieren und schon weiss ich gewiss, auf sicherem Boden zu stehen.
Ganz anders ist das in Berlin, der Turm ist rund und fällt überallhin, wenn er fällt. Und wenn er auf den Kreuzberg niederkracht, dann rollt er er in Längsrichtung zurück ins Spreetal. Und walzt alles dazwischen platt. Straßen, Häuser, Eisdielen, Museumsinseln, Starbuchs, alles. Fällt er nach Norden, zur Schönhauser hin, gilt dasselbe. Nun kann man natürlich denken ein recht Kluger zu sein und vorsichtigen Schrittes auf Distanz gehen, schätzungsweise 386,03 Meter, oder sich sagen, ha, ich ziehe ganz oben hinauf, auf den Prenzlauer Berg, oder ich bau mir eine Baumhütte im Tiergarten, oder flußaufwärts am Friedrichshain oder Stralau, rollen tut alles immer nach unten. An die große Kugel denkt man aber natürlich nicht. Womöglich will man die Kugel nicht an die große Glocke hängen. Denn wenn der Ball ins Rollen. Ich aber habe die Topografie studiert, und alle Rollbahnen berechnet. Öftermals.

primo maggio

Der große, grüne Polizeiwagen mit der Aufschrift Bearbeitungstrupp fährt hinter dem Demonstrationszug her. Ich muß an einen Fleischwolf denken, der ahnungslosem Frischfleisch hinterherhechelt. Ganz kurz staune ich, wie gutherzig die Aufschrift eigentlich ist, wie es wohl wäre, wenn da Verarbeitungstrupp stünde. Und trotzdem finde ich den Orwellschen Neusprech in diesem Fall gräulich mißglückt. Aber wer weiß, vielleicht wird in diesem Wagen wirklich nur Vorarbeit geleistet, gehäutet und geschält beispielsweise, die Nieten vom Bösen getrennt, die Spitzeln von den Stacheln.

Der Neo-Schanzianer der sich am Neuen Pferdemarkt beklagt, dass er dieses Jahr wieder nicht seinen Latte am Schulterblatt trinken könne. Er weiß natürlich nicht, dass die Schanze so cool geworden ist, gerade weil dort regelmäßig Pflastersteine zweckentfremdet wurden. Aber vermutlich ist ihm das egal, die Frauen sind schließlich schöner geworden.

Bearbeitungstrupp. Was für ein Name. Muss ich nachher googeln.

Sie ist heute nach Berlin gezogen. Heute. Bepackt wie ein Lastentier unter einer schweren Reisetasche, einem Rucksack, einer vollgestopften Laptoptasche und ihrer Handtasche, irrt sie durch Kreuzberg auf der Suche nach dieser vorläufigen Adresse. Als wäre es ein Film, ruft sie mich von ihrem Handy aus an und ich höre sie meinen Namen rufen. Danach versinkt ihre Stimme in Polizeisirenen. Es ist ein bisschen wie das letzte Zeichen einer geliebten Person im Weltall, kurz bevor der Kuypers Gürtel die letzten Übertragungswellen abreißt. Ich weiß natürlich, dass es im Weltall keine Polizeisirenen gibt. Und das ist gut.

Bearbeitungstrupp. Was für ein geiler Name. Muss ich unbedingt googeln.

Lesung auf der Elbinsel

Merlix und ich lesen heute schon dort wo es morgen cool sein wird. Damit ihr schonmal einen Blick ins neue Schanzenviertel werfen könnt, laden wir herzlich ein zur Lesung im Südbalkon in Wilhelmsburg.
Der Saal ist sehr klein, etwa dreissig Leute passen rein, eine sehr kuschelige und familiäre Atmosphäre ist daher garantiert.

Südbalkon, Veringstrasse 156, Hamburg-Wilhelmsburg.
Von S-Bahn Wilhelmsburg mit dem 13-er Bus in Richtung Veddel. Haltestelle Veringstraße (Mitte).

filmstöckchen

Alexander wirft.

1. Name a movie you have seen more than 10 times.
The Terminator (der erste Teil)

2. Name a movie you’ve seen multiple times in the theater.
Keinen.

3. Name an actor who would make you more inclined to see a movie.
Katherine Zeta Jones, aber nur wenn sie so aussähe wie in “Chicago”.

4. Name an actor who would make you less likely to see a movie.
Ohje, ganz viele.

5. Name a movie you can and do quote from.
The Terminator (der erste Teil): “Ich will deine Kleider”

6. Name a movie musical in which you know all of the lyrics to all of the songs.
Keinen.

7. Name a movie you have been known to sing along with.
Zurück in die Zukunft: “The Power Of Love”. Man hasst mich dafür.

8. Name a movie you would recommend everyone see.
No Mans Land

9. Name a movie you own.
höhö.

10. Name an actor who launched his/her entertainment career in another medium but who has surprised you with his/her acting chops.
Kennichnich.

11. Have you ever seen a movie in a drive-in?

12. Ever made out in a movie?
Das erste Mal, dass ich ein Mädchen ins Kino eingeladen habe. Alien II. Ich war heillos verliebt und ich konnte vor Aufregung tagelang nicht essen. Ich hatte sie im Kino, öhm, gefüßelt. Irgendwann bat sie mich freundlich, damit aufzuhören. Es täte ein bisschen weh.

14. Ever walked out of a movie?
oft.

15. Name a movie that made you cry in the theater.
Der zweite Teil von “L’ auberge espagnol”.

16. Popcorn?
Mit Salz.

17. How often do you go to the movies?
Manchmal often, manchmal nicht so often.

18. What’s the last movie you saw in the theater?
Paris Je t’ aime.

19. What’s your favorite/preferred genre of movie?
Kein Genre im Besonderen.

20. What’s the first movie you remember seeing in the theater?
Cinderella.

21. What movie do you wish you had never seen?
hm.

22. What is the weirdest movie you enjoyed?
The Sperminator. Ich habe die Handlung nicht verstanden.

23. What is the scariest movie you’ve seen?
The blair witch project

24. What is the funniest film you have ever seen?
hm.

Sher unspannend meine Kinokultur. Das Stöckchen geht nach Nürnberg. Zweimal. Und nach Düsseldorf

(nächste Gefühlsregung)

Diese kühle Art sexuell beraten zu werden. Die alte Dame, blondiertes Haar, goldene Ketten an Hals und Arm, als meine damalige Freundin und ich das erste Mal im Leben einen Sexladen betraten und verstohlen zwischen den Regalen schlichen. Wie uns die Dame professionell beriet, drei Plastikschwänze ihrer Wahl aus der Auslage nahm, sie mit Batterien fütterte und nacheinander einschaltete. Ihre erfahrene Hand, mit der sie fest das vibrierende Ding umklammerte, und meine Freundin dabei anblinzelte und sagte, fühl mal, der ist ziemlich fein, und ihr zum Vergleich auch die anderen beiden hinhielt. Ihre freundliche, doch wissenschafltiche Art über Lust zu reden, als sei es eine gewöhnliche Gefühlsregung wie Lachen, oder Traurigsein, mit Fragen die nicht auf Antworten warten, sondern in den Raum geworfen, ob man eher das schnelle Vibrieren bevorzuge oder ob man eher das Ding sich bewegen spüren wolle, und anschließend auf die verschiedenen Durchmesser im Regal weisen. Das alles immer mit einem etwas anrüchigem, doch freundlichem Lächeln.

Abrupter Szenewechsel. Anderthalb Dekaden später. Heute in meiner Lieblingsbuchhandlung. Die richtige Formulierung suchen bei der Frage nach Nancy Friday. Diese Bücher, von, wie hieß sie nochmal, Friday, die die die sexuellen Phantasien der Frauen in Interviews dokumentiert hat. Die Frage nach den Büchern hinstellen als ginge es um eine Studie, weil man sagt, “ich bräuchte mal”, auch wenn es in diesem konkreten Fall auch wirklich um eine Studie ging. Der sonst so freundliche Verkäufer, der nickt und sagt er wisse welche Bücher ich meine, mir dabei nicht in die Augen schaut und die Stimme senkt.

Das Buch ist da, es riecht außerordentlich gut und ist sehr sehr — blau.

Meine Geschichte darin ist mittlerweile unlesbar. Nicht weil sie alt ist, sondern weil so viel Zeit vergangen ist. Nicht damals Berlin, sondern damals die Geschichte die ich schrieb.
Was mich wiedermal daran erinnert den Keller hier im Blog aufzuräumen.

“Du wirst keine Literaturpreise gewinnen, Deine Texte sind zu schmutzig.”
“Schmutz?”
“Ja Schmutz. Dreck. Nach dem Lesen Deiner Texte will man sich waschen. Oder beichten.”

berlin oder so. Kleine Großstadtgeschichten

André ist ziemlich schnafte. André hat einen Verlag gegründet und heute ist das erste Buch in diesem Verlag herausgekommen. Ein superschnaftes Buch mit Texten aus superschnaften Blogs, und ich fühle mich ausserordentlich geehrt einen Text von mir darin abgedruckt zu wissen. Eine lange Geschichte die es hier schon einmal gab, jedoch überarbeitet (digitally remastered) und in rechtgeschriebenem Deutsch.

Bestellen kann man es beim Thomsn Verlag. (Es geht auch über Amazon, aber Amazon bezahlt nur halb so gut und stinkt ausserdem)

Buchpremierenlesung samt Buchpremierenschnaps am 01.06.07 um 20 Uhr in der Brotfabrik am Caligariplatz in Berlin.

Bach Bach immer nur Bach

Als ich als kleiner Junge Sonntags in der Dorfkirche saß und der Sohn des Kapellmeisters (der heute als berühmter Organist zwischen Paris und New York Musikerherzen höher schlagen läßt) damals als verkanntes Genie zwischen Wirtshaus und Orgelempore mit seinen unendlichen Bachfugen die Bauersleut in den Wanhsinn trieb, war ich Bach von der ersten Fuge an verfallen. Nun erlag ich als Kind schon der Musik wenn Lieder gesungen oder wenn auf den Festen die Ziehharmonika gequetscht wurde, aber der sonntägliche Kirchenbesuch blieb viele Jahre der wöchentliche Höhepunkt meines kulturellen Lebens. Bis der Sohn des Kapellmeisters in Paris die Pfeifen pfeifen ließ.

Man sagt, Musik treffe gewisse Adern tief drin im Seelenleben, als hätte man Saiten im Rumpf gespannt, die dann mitschwingen, wenn einem das Lied gefällt. Als ich als Kuhhirte auf den Wiesen saß und allzuviel Zeit übrig hatte, auf Gräsern zu kauen und über die wichtigen Dinge des Universums nachzudenken, stellte ich den Bezug zwischen der Stimmung die die Musik erzeugt, und der Stimmung dieser immaginären Saiten in meinem Seelenleben her. Nun verstand ich noch nicht ganz den Unterschied zwischen der Stimmung einer Saite und einer Gefühlsstimmung, aber ich glaubte mir selbst erklärt zu haben warum mich manche Musik so sehr berührte: die für mich schöne Musik hatte eben die selbe Stimmung wie die Saiten in meiner Seele.

Dies traf auf alle Musik zu die ich hörte — bis auf Bach. Bei Bach blieb immer ein merkwürdiges Gefühl übrig, dass diese Theorie nicht stimme, das Gefühl, dass es nicht die ganze wahre (absolute, endgültige) Wahrheit sei. Und seit heute weiß ich auch warum:

Klick

Die Musik von Bach besteht nicht nur aus Stimmung, sondern auch aus Formen!
Ein beeindruckendes Filmchen das mir das Universum erklärt hat.

als die Welt ein bisschen anders war

Heute war die Welt ein bisschen anders als sonst.

Ich speise jeden Tag zu Mittag in Michelinas kleinem Restaurant. Üblicherweise betrete ich Michelinas kleines Restaurant und höre Michelina schon lange bevor ich sie sehe. Michelina kommt aus Sizilien und sie ist so laut wie Palermo im Feierabendstau. Ich höre sie rufen, dass Tisch drei noch drei Espressi haben will, oder dass die Spaghetti gut scharf sein sollen, und wenn sie mich sieht, dann ruft sie mir die Tagesempfehlung über vier Tische hinweg zu, und wenn sie Risotto mit Meeresfrüchten hat, dann brüllt sie, Mek, ich habe heute Deinen Lieblingsrisotto. Und wenn sie mal nicht weiß was sie hat, dann brüllt sie ebenso laut, ich solle zum Koch gehen, zu Franco, und fragen was er-für-mich-so-habe. Manchmal brüllt sie Franco auch quer durch das Lokal hindurch zu, er solle mir diesen Steinpilzrisotto machen. Michelina kennt mich eben, Michelina weiß was ich mag. Und deshalb fügt sie noch hinzu: eine große Portion.
Michelina reicht mir bis zum Nabel. Ungefähr. Überdies vermute ich, dass sie keine Leber hat. Und keine Eingeweide. Ich glaube nämlich, dass Michelina nur ein großes Herz hat und der Rest ist Klangkörper. Klangkörper mit integrierten, reißfesten Stimmbändern. Ein Klangkörper mit Ärmchen und Beinchen dran.
Wenn ich bei Franco über den Tresen zur Küche bestelle, dann fragt mich Franco freundlich, ob er mir einen Risotto machen solle, und ich sage jaah, mit einem langen aa und Dehnungs-Ha. Auch fragt er immer ob ich großen Hunger habe, aber auf die Antwort wartet er nicht. Man kennt mich eben bei Michelina, man weiß was ich mag.
Man kennt auch meine kleinen Unpäßlichkeiten. Wenn ich beispielweise Spaghetti alla Bolognese bestelle, dann ruft Sara in die Küche: einmal Bolognese für den Mek, aber mach sie mit kurzen Nudeln. Weil sie weiß, wie ich mich immer bekleckere.
Sara kommt aus Marokko, aber Michelina sagt Sara käme aus Sizilien, das sei eh da um die Ecke, und so wie Sara Carbonara koche, muß Sizilien in ihren Adern fließen.
Es ist immer laut bei Michelina, es ist immer geschäftig. Teller scheppern, Gläser klirren, die Kaffeemaschine mahlt ununterbrochen, Michelina delegiert, Franco klingelt die Kellnerinnen herbei und die Gäste versuchen sich über den sizilianischen Feierabendverkehr hinweg zu unterhalten. Man gewöhnt sich daran, beim Anblick der Pasta Amatriciana nur das Rauschen des Meeres im napoletanischen Archipel zu hören. Manchmal höre ich schöne Nixen singen und ich stelle mir vor wie sie, auf einem Stein sitzend ihr langes Haar kämmen, und mich ansehen und singen: Mek, mein ganzes Leben habe ich auf Dich gewartet.
Bis mir Michelina einen Klaps gibt. Ich solle essen, nicht träumen. Sonst werde nichts aus mir.
Michelina ist manchmal besorgt, dann setzt sie sich zu mir an den Tisch, und fragt mich auf italienisch lauter geheime Sachen. Neulich wollte sie wissen was ich von dem Mann im Anzug an Tisch vier fände, ob der was für Sara wäre, oder eher für Martina. Ich sagte für Martina sei er zu gepflegt und für Sara zu nett. Und sie stimmte mir zu und seufzte, dass sie doch so kompliziert seien, ihre Frauen. Dabei suchte der schon seit zwei Jahren eine Frau. Michelina kennt eben ihre Gäste.

Ich wage es nicht zu beurteilen ob das Essen dort gut ist, ich weiß nur, dass es fantastisch ist. Wenn ich zu Michelina gehe, dann ist das ein bisschen wie nach hause zu kommen. Und Mutters Essen gehört eben immer mein Herz. Wenn ich meinen Teller beiseite schiebe und Michelina danach greift, fragt sie jeden Tag, ob es geschmeckt habe. Und jeden Tag nicke ich und sage: Si, fantastico!

Aber heute war die Welt ein bisschen anders als sonst. Heute gab es in der Firma Pizza, und als es Ein Uhr schlug und ich die Zeitung unter den Arm klemmte um zu Michelina zu gehen, merkte ich, dass ich schon gegessen hatte. Die Welt war nicht nur anders, sie schien für einen Moment stillzustehen. Ich mußte einsehen, dass es keinen Sinn hatte zu Michelina zu gehen. Nach langem zögern und Umplanen meines ganzen Lebens, beschloß ich einfach in ihr Restaurant zu gehen und einen Kaffee zu trinken. Das was viele andere sonst auch tun.
Als ich ihr kleines Restaurant betrat hatte sie natürlich meinen Lieblingsrisotto auf der Tageskarte, und als sie dazu ansetzte zu Franco in die Küche zu rufen, hielt ich sie entsetzt fest: No!
Ich merkte, dass Michelina mich ungläubig ansah. Wiewas no?, fragte sie, und schien dabei empört. Ich erklärte die Sachlage. Sie zeigte Verständnis. Ohne Hunger zu essen, das sei nichts, fand auch sie.
So saß ich am Tisch, las meine Zeitung und vor mir — eine Tasse Kaffee. Alles war wie nie zuvor.
Es beruhigte mich sehr, dass auch Michelina nicht mit dieser neuen Situation umgehen zu können schien. Als sie die leere Kaffeeschale wegräumte, tat sie das, was sie jeden Tag zu tun pflegt: Hat es geschmeckt? Und ich nickte, und sagte, wie jeden Tag: Si, fantastico!

[von den Ängsten ein unstetes Leben zu führen]