(nächste Gefühlsregung)

Diese kühle Art sexuell beraten zu werden. Die alte Dame, blondiertes Haar, goldene Ketten an Hals und Arm, als meine damalige Freundin und ich das erste Mal im Leben einen Sexladen betraten und verstohlen zwischen den Regalen schlichen. Wie uns die Dame professionell beriet, drei Plastikschwänze ihrer Wahl aus der Auslage nahm, sie mit Batterien fütterte und nacheinander einschaltete. Ihre erfahrene Hand, mit der sie fest das vibrierende Ding umklammerte, und meine Freundin dabei anblinzelte und sagte, fühl mal, der ist ziemlich fein, und ihr zum Vergleich auch die anderen beiden hinhielt. Ihre freundliche, doch wissenschafltiche Art über Lust zu reden, als sei es eine gewöhnliche Gefühlsregung wie Lachen, oder Traurigsein, mit Fragen die nicht auf Antworten warten, sondern in den Raum geworfen, ob man eher das schnelle Vibrieren bevorzuge oder ob man eher das Ding sich bewegen spüren wolle, und anschließend auf die verschiedenen Durchmesser im Regal weisen. Das alles immer mit einem etwas anrüchigem, doch freundlichem Lächeln.

Abrupter Szenewechsel. Anderthalb Dekaden später. Heute in meiner Lieblingsbuchhandlung. Die richtige Formulierung suchen bei der Frage nach Nancy Friday. Diese Bücher, von, wie hieß sie nochmal, Friday, die die die sexuellen Phantasien der Frauen in Interviews dokumentiert hat. Die Frage nach den Büchern hinstellen als ginge es um eine Studie, weil man sagt, “ich bräuchte mal”, auch wenn es in diesem konkreten Fall auch wirklich um eine Studie ging. Der sonst so freundliche Verkäufer, der nickt und sagt er wisse welche Bücher ich meine, mir dabei nicht in die Augen schaut und die Stimme senkt.

Das Buch ist da, es riecht außerordentlich gut und ist sehr sehr — blau.

Meine Geschichte darin ist mittlerweile unlesbar. Nicht weil sie alt ist, sondern weil so viel Zeit vergangen ist. Nicht damals Berlin, sondern damals die Geschichte die ich schrieb.
Was mich wiedermal daran erinnert den Keller hier im Blog aufzuräumen.

“Du wirst keine Literaturpreise gewinnen, Deine Texte sind zu schmutzig.”
“Schmutz?”
“Ja Schmutz. Dreck. Nach dem Lesen Deiner Texte will man sich waschen. Oder beichten.”

berlin oder so. Kleine Großstadtgeschichten

André ist ziemlich schnafte. André hat einen Verlag gegründet und heute ist das erste Buch in diesem Verlag herausgekommen. Ein superschnaftes Buch mit Texten aus superschnaften Blogs, und ich fühle mich ausserordentlich geehrt einen Text von mir darin abgedruckt zu wissen. Eine lange Geschichte die es hier schon einmal gab, jedoch überarbeitet (digitally remastered) und in rechtgeschriebenem Deutsch.

Bestellen kann man es beim Thomsn Verlag. (Es geht auch über Amazon, aber Amazon bezahlt nur halb so gut und stinkt ausserdem)

Buchpremierenlesung samt Buchpremierenschnaps am 01.06.07 um 20 Uhr in der Brotfabrik am Caligariplatz in Berlin.

Bach Bach immer nur Bach

Als ich als kleiner Junge Sonntags in der Dorfkirche saß und der Sohn des Kapellmeisters (der heute als berühmter Organist zwischen Paris und New York Musikerherzen höher schlagen läßt) damals als verkanntes Genie zwischen Wirtshaus und Orgelempore mit seinen unendlichen Bachfugen die Bauersleut in den Wanhsinn trieb, war ich Bach von der ersten Fuge an verfallen. Nun erlag ich als Kind schon der Musik wenn Lieder gesungen oder wenn auf den Festen die Ziehharmonika gequetscht wurde, aber der sonntägliche Kirchenbesuch blieb viele Jahre der wöchentliche Höhepunkt meines kulturellen Lebens. Bis der Sohn des Kapellmeisters in Paris die Pfeifen pfeifen ließ.

Man sagt, Musik treffe gewisse Adern tief drin im Seelenleben, als hätte man Saiten im Rumpf gespannt, die dann mitschwingen, wenn einem das Lied gefällt. Als ich als Kuhhirte auf den Wiesen saß und allzuviel Zeit übrig hatte, auf Gräsern zu kauen und über die wichtigen Dinge des Universums nachzudenken, stellte ich den Bezug zwischen der Stimmung die die Musik erzeugt, und der Stimmung dieser immaginären Saiten in meinem Seelenleben her. Nun verstand ich noch nicht ganz den Unterschied zwischen der Stimmung einer Saite und einer Gefühlsstimmung, aber ich glaubte mir selbst erklärt zu haben warum mich manche Musik so sehr berührte: die für mich schöne Musik hatte eben die selbe Stimmung wie die Saiten in meiner Seele.

Dies traf auf alle Musik zu die ich hörte — bis auf Bach. Bei Bach blieb immer ein merkwürdiges Gefühl übrig, dass diese Theorie nicht stimme, das Gefühl, dass es nicht die ganze wahre (absolute, endgültige) Wahrheit sei. Und seit heute weiß ich auch warum:

Klick

Die Musik von Bach besteht nicht nur aus Stimmung, sondern auch aus Formen!
Ein beeindruckendes Filmchen das mir das Universum erklärt hat.

als die Welt ein bisschen anders war

Heute war die Welt ein bisschen anders als sonst.

Ich speise jeden Tag zu Mittag in Michelinas kleinem Restaurant. Üblicherweise betrete ich Michelinas kleines Restaurant und höre Michelina schon lange bevor ich sie sehe. Michelina kommt aus Sizilien und sie ist so laut wie Palermo im Feierabendstau. Ich höre sie rufen, dass Tisch drei noch drei Espressi haben will, oder dass die Spaghetti gut scharf sein sollen, und wenn sie mich sieht, dann ruft sie mir die Tagesempfehlung über vier Tische hinweg zu, und wenn sie Risotto mit Meeresfrüchten hat, dann brüllt sie, Mek, ich habe heute Deinen Lieblingsrisotto. Und wenn sie mal nicht weiß was sie hat, dann brüllt sie ebenso laut, ich solle zum Koch gehen, zu Franco, und fragen was er-für-mich-so-habe. Manchmal brüllt sie Franco auch quer durch das Lokal hindurch zu, er solle mir diesen Steinpilzrisotto machen. Michelina kennt mich eben, Michelina weiß was ich mag. Und deshalb fügt sie noch hinzu: eine große Portion.
Michelina reicht mir bis zum Nabel. Ungefähr. Überdies vermute ich, dass sie keine Leber hat. Und keine Eingeweide. Ich glaube nämlich, dass Michelina nur ein großes Herz hat und der Rest ist Klangkörper. Klangkörper mit integrierten, reißfesten Stimmbändern. Ein Klangkörper mit Ärmchen und Beinchen dran.
Wenn ich bei Franco über den Tresen zur Küche bestelle, dann fragt mich Franco freundlich, ob er mir einen Risotto machen solle, und ich sage jaah, mit einem langen aa und Dehnungs-Ha. Auch fragt er immer ob ich großen Hunger habe, aber auf die Antwort wartet er nicht. Man kennt mich eben bei Michelina, man weiß was ich mag.
Man kennt auch meine kleinen Unpäßlichkeiten. Wenn ich beispielweise Spaghetti alla Bolognese bestelle, dann ruft Sara in die Küche: einmal Bolognese für den Mek, aber mach sie mit kurzen Nudeln. Weil sie weiß, wie ich mich immer bekleckere.
Sara kommt aus Marokko, aber Michelina sagt Sara käme aus Sizilien, das sei eh da um die Ecke, und so wie Sara Carbonara koche, muß Sizilien in ihren Adern fließen.
Es ist immer laut bei Michelina, es ist immer geschäftig. Teller scheppern, Gläser klirren, die Kaffeemaschine mahlt ununterbrochen, Michelina delegiert, Franco klingelt die Kellnerinnen herbei und die Gäste versuchen sich über den sizilianischen Feierabendverkehr hinweg zu unterhalten. Man gewöhnt sich daran, beim Anblick der Pasta Amatriciana nur das Rauschen des Meeres im napoletanischen Archipel zu hören. Manchmal höre ich schöne Nixen singen und ich stelle mir vor wie sie, auf einem Stein sitzend ihr langes Haar kämmen, und mich ansehen und singen: Mek, mein ganzes Leben habe ich auf Dich gewartet.
Bis mir Michelina einen Klaps gibt. Ich solle essen, nicht träumen. Sonst werde nichts aus mir.
Michelina ist manchmal besorgt, dann setzt sie sich zu mir an den Tisch, und fragt mich auf italienisch lauter geheime Sachen. Neulich wollte sie wissen was ich von dem Mann im Anzug an Tisch vier fände, ob der was für Sara wäre, oder eher für Martina. Ich sagte für Martina sei er zu gepflegt und für Sara zu nett. Und sie stimmte mir zu und seufzte, dass sie doch so kompliziert seien, ihre Frauen. Dabei suchte der schon seit zwei Jahren eine Frau. Michelina kennt eben ihre Gäste.

Ich wage es nicht zu beurteilen ob das Essen dort gut ist, ich weiß nur, dass es fantastisch ist. Wenn ich zu Michelina gehe, dann ist das ein bisschen wie nach hause zu kommen. Und Mutters Essen gehört eben immer mein Herz. Wenn ich meinen Teller beiseite schiebe und Michelina danach greift, fragt sie jeden Tag, ob es geschmeckt habe. Und jeden Tag nicke ich und sage: Si, fantastico!

Aber heute war die Welt ein bisschen anders als sonst. Heute gab es in der Firma Pizza, und als es Ein Uhr schlug und ich die Zeitung unter den Arm klemmte um zu Michelina zu gehen, merkte ich, dass ich schon gegessen hatte. Die Welt war nicht nur anders, sie schien für einen Moment stillzustehen. Ich mußte einsehen, dass es keinen Sinn hatte zu Michelina zu gehen. Nach langem zögern und Umplanen meines ganzen Lebens, beschloß ich einfach in ihr Restaurant zu gehen und einen Kaffee zu trinken. Das was viele andere sonst auch tun.
Als ich ihr kleines Restaurant betrat hatte sie natürlich meinen Lieblingsrisotto auf der Tageskarte, und als sie dazu ansetzte zu Franco in die Küche zu rufen, hielt ich sie entsetzt fest: No!
Ich merkte, dass Michelina mich ungläubig ansah. Wiewas no?, fragte sie, und schien dabei empört. Ich erklärte die Sachlage. Sie zeigte Verständnis. Ohne Hunger zu essen, das sei nichts, fand auch sie.
So saß ich am Tisch, las meine Zeitung und vor mir — eine Tasse Kaffee. Alles war wie nie zuvor.
Es beruhigte mich sehr, dass auch Michelina nicht mit dieser neuen Situation umgehen zu können schien. Als sie die leere Kaffeeschale wegräumte, tat sie das, was sie jeden Tag zu tun pflegt: Hat es geschmeckt? Und ich nickte, und sagte, wie jeden Tag: Si, fantastico!

[von den Ängsten ein unstetes Leben zu führen]

punkisdead

Nebenbei hänge ich halb erschlagen in meinem Leben herum, weil ich neue Musik entdeckt habe die so melancholisch fröhlich ist wie ein dicker Hammer auf den Hinterkopf. Und weil Blogs ohnehin nicht mehr Punkrock sind, weil Funpunk ja weniger schwer im Magen liegt, haben die Unkrocker fröhlich witzelnd das ›R‹ aus ›Radical‹ rausgenommen, weil es ja um die REvolution geht, weil man vom Ogo-Tanzen ja irgendwann auch Hunger kriegt und dann die Butter aufs Brot muss. Weil ich mich dafür vorwärmen will, mache ich heute Werbung für oben erwähnte Band: CocoRosie… [Seufzpause] [Komma] [und noch eine Seufzpause weils so schön ist].

Und nach der Seufzpause die Links dazu: [1] [2] [3]. Hach, ist das nicht toll?

Leider noch unbezahlt, da ich dem Produkt zu viel Leidenschaft entgegenbringe. Aber das kann sich ändern.

liebe unter schwierigen physikalischen Umständen

Sie sagte, es sei eine wunderbare Liebesgeschichte, ich solle das Buch lesen wenn sie damit fertig sei. Manchmal fand ich sie ein wenig verstimmt vor wenn sie auf dem Sofa saß und daraus las. Manchmal lachte sie. Und manchmal wirkte sie ein bisschen verliebt. Ich freute mich darauf es selbst zu lesen. Ich mag Liebesgeschichten sehr. Wenn sie im Bett liest, dann liest sie immer lange und manchmal wache ich verschwitzt aus wilden Träumen auf, und ich bin jedes mal ein bisschen glücklich wenn sie neben mir liegt und liest. Weil ich dann sofort weiß, dass der Alptraum ein Alptraum war und die Welt da draußen schlichtweg weiter geht. Doch in jener Nacht wurde ich wach weil ich ein merkwürdiges Gefühl hatte. Als ich die Ohren weit genug geöffnet hatte, vernahm ich ein Schluchzen. Erschrocken drehte ich mich um und ich fand eine zutiefst erschütterte junge Frau vor. Was los sei, wollte ich wissen. Ach nichts, sagte sie und wischte sich die Tränen aus den Augen, sie sei gerade mit dem Buch fertig. Und sie wolle nicht darüber reden. Es sei so traurig.

Diese Geschichte ist eine Geschichte über die Liebe als Liebe überhaupt, über Liebe und Zeit, Vergänglichkeit, über Sehnsucht, über Abwesenheit, über das Warten, darüber zu viel zu wissen, über das Beschützen der Gefühle, über ganz viel. Henry hat die etwas ungewöhnliche Eigenschaft sich in Stresssituationen unfreiwillig in Luft aufzulösen und willkürlich in einer anderen Zeit zu landen. Auf diese Weise lernt er Clare kennen, ein sechsjähriges Mädchen das in Zukunft einmal seine Frau werden wird. Anhand eines Tagebuches das er in der Zukunft von seiner Frau bekommen wird, in dem sie Datum und Uhrzeit seiner Besuche aufzeichnete, verrät er ihr jedesmal seinen nächsten Besuch und es entwickelt sich eine merkwürdige, geheime Verbundenheit die über die Jahre hinweg dazu führt, dass Clare den jungen Henry besucht, der noch nichts von seiner zukünftigen Ehefrau weiß. Sehr klug erzählt, kapitelweise oder Absatzweise mit dem Alter der Protagonisten und des jeweiligen Datums, anachronistisch, und doch so, dass die Geschichte von vorne bis hinten erzählt wird.
Ich hatte anfangs Bedenken, Liebe und Zeitreisen… Sie wissen schon. Als ich das Buch jedoch beiseite legte und erstmal furchtbar erschlagen war, dachte ich mir, dass man womöglich wirklich nur auf diese Weise über die Liebe als Liebe an sich schreiben kann wenn man die Liebe in ihrer gesamten Größe beschreiben will.

Die Frau des Zeitreisenden — Audrey Niffenegger (The Timetraveller’s wife)

Gut, es ist ein Bestseller, aber trotzdem: schöne Liebesgeschichten müssen weiterempfohlen werden.

endlich

Endlich haben wir es. Endlich haben auch wir im Schanzenviertel ein Café ohne Szene, ohne Einheitslook, ein Café das nicht irgendetwas sein will das es ohnehin nicht ist, neben all den neuen Kneipen deren oberstes Gebot es ist, untrinkbares Astra und Holsten einzuschenken, die Wände rot zu streichen und das Licht dermassen zu dämpfen, dass man nicht einmal mehr das explodieren der Lautsprecherboxen hören kann, finde ich es eine wahre Genutuung dieses Café zu betreten in dem man Nachmittags in aller Seelenruhe einfach ein Buch lesen kann oder Notizen aufschreiben während im Hintergrund, aus der Ferne, leise Gläser klirren, Teller scheppern oder die Kaffeemaschine mahlt und die Kellnerin in richtigen Kellnerkleidern — dezent elegant, ein bisschen altmodisch vielleicht, aber nicht spießig — einen Espresso bringt.

Ich rede hier nicht vom Café im Jesus Center, sondern vom neu eröffneten Frank und Frei in der Susannenstraße. Die frühere miefige Rockerkneipe an der Ecke. Es ähnelt jetzt einem Grand Café, es hat Spiegel, es ist wunderbar hell, und nach der Renovierung kamen richtige Säulen zum Vorschein. Ich kann da endlich neben alten Menschen sitzen, richtig alt und weisshaarig, die dort einfach eine Zeitung lesen, und wären sie an diese neue Situation schon gewöhnt, würden wir über Hartzvier und Herzpumpen debattieren, als säßen wir in Paris oder in Madrid, wo sich die ganze Gesellschaft in den Cafes die Zeit vertreibt. Beinahe wäre ich hier am Junge-schnelle-Leute-Koller gestorben, wirklich.

Es mutet noch ein wenig unsicher an. Noch scheint es mir, dass sich dort lediglich jenes Publikum hinwagt, das die Sonnenbrillenmode noch nicht verstanden hat und das Floradingsda fürchtet, und sich zur Sicherheit an einem neutralen Ort verschanzt. Aber bald ist es so weit, bald, wenn die Revolution kommt, werden wir alle dort sitzen, Rentner, Mütter, Studenten, Künstler, Blogger und wir werden bei französischen Rotwein Pläne schmieden, den König zu enthaupten.