6 1 Kuriosität

Manchmal mag ich mich selbst nicht ungerne und manchmal gibt es solche Stöckchen die einen dazu auffordern etwas über sich selbst zu erzählen. Das Kuriositätenstöckchen machte die Runde und kurios wollte ich immer schon mal sein, deshalb klickerte ich mich schwitzend durch das Internet, in verzweifelter Hoffnung jemand zeige Interesse an meine Person und hätte ein Stöckchen für mich hinterlegt. Dem war aber nicht so und ich wurde äußerst enttäuscht, hörte auf zu essen und zu trinken. Doch als ich vier Stunden später wieder Hunger bekam, aß ich und fing dafür an in meinem Blog zu quengeln.
Als Erste zeigte meine geliebte Lu erbarmen, danach meldete sich auch mein geschätzter Quengelkollege und schließlich die beste Lisa aller Lisas, die mich sogar zeichnete.

Und da lag es dann, das Stöckchen, und ich musste mir Gedanken ob meiner Kuriositäten machen. Eine Woche lang grübelte ich über meine Person, suchte nach merkwürdigen Verhaltensweisen und kurz bevor ich dran war einzugehen, schickte ich eine verzweifelte Mail an die hübsche junge Frau in Amsterdam, die mich leider sehr gut kennt und ich bat sie, ganz angestrengt nachzudenken ob es nicht vielleicht eine Kuriosität über mich zu erzählen gebe.
Daraufhin folgte -ich hatte es geahnt- eine lange und erniedrigende Liste sogenannter merkwürdiger Eigenschaften.

»Schätzchen, ich kann doch nicht schreiben, dass ich meine Abstandsbedienung Fernbedienung nicht verstehe.Das ist doch peinlich. Ich bin schliesslich ein angesehener UNIX Operator.«
»Doch, das kannst Du ruhig schreiben«
»Nein, das werde ich nicht«
»Dann schreib doch, dass Du die Fernbedienung immer Abstandsbedienung nennst«
»Die nenne ich schon lange nicht mehr so«
»Schreib dann, dass Du Dein Deo als Ganzkörperspray und auf Klamotten benutzt«
»Das ist doch nicht kurios!«
»Doch ist es«
»Nein, das ist völlig OK. Wie wäre es wenn ich schriebe, dass ich wunderbaren Kaffee machen kann?«
»DAS ist nun wieder nicht kurios«
»Aber weniger peinlich«
»Darum geht es nicht. Schreib sonst darüber, was Du abends immer mit dem Kompass machst«
»Nein tu ich nicht«
»Oder, dass Du es magst, wenn Stunden nach dem Essen der Geschmack wieder hochkommt«
»Nein, ich will ja anständig wirken«
»Bist Du aber nicht«
»Das wissen die Leute doch nicht«
»Warum schreibst Du nicht, Dass Du Deinem Basilikum Lieder vorsingst und ich Wochen später die zu Tode gequälten Pflänzchen wegschmeissen muss?«
»Ich geniesse den Ruf eines vortrefflichen Kammersängers, solche Geständnisse kann ich mir nicht leisten.«

Ich habe lange darüber nachgedacht und kam zum Schluß, dass ich eigentlich nur eine Kuriosität vorzuweisen habe: ich mache wunderbaren Kaffee.
Ihr könnt nun sagen »Mek, Sie sind aber ein komischer Vogel, ich weiss nicht ob ich noch in Ihrem Blog vorbeischauen werde.«
Meinetwegen, das kann man machen. Ich stehe aber dazu.

es ist ein schöner Weg

Ich treffe Amanda in der Juliusstrasse und wir setzen uns ins Berliner Betrüger auf einen Kaffee, was dann ein Bier wird, ein Zweites, sie sagt sie ginge nachher auf Theos Geburtstagsparty, ich könne mitkommen, aber mir ist nicht so nach Samstag zumute. Wir reden über französische Literatur und Völkerball. Ich erzähle ihr, dass ich gerade mit den Organisatoren der Völkerkball-WM in Kontakt getreten sei, dass wir uns gerade mailen. Danach kommt ihre Freundin, wir reden über das Planetarium, ich schwärme von den Sitzen, sie schwärmt von der Aussicht in den oberen Etagen. Zwei Biere später sehe ich mich in Richtung Geburtstagsparty laufen, nach vier Bieren ist der Weg in den Indra Club, wo die Party gefeiert wird, ist ein schöner Weg, ich bin leicht zu begeistern.

In der Wohlwillstraße ruft jemand »Südtirol!«, das verwirrt mich, natürlich fühle ich mich angesprochen, die Stimme kommt von einer winkenden jungen Frau beim HASPA Automaten, es ist sie, ich laufe hinüber und bin erfreut, auch wenn ich mir Gedanken mache was ich für ein Mensch bin, dass ›Südtirol‹ das das Wort ist womit ich Leuten in Erinnerung bleibe. Ich nenne ihren Namen, sage, dass ich mich sogar noch an das ungewöhnliche ›J‹ in ihrem Namen besinne, wobei sie leicht beschämt fragt wie ich doch nochmal hiesse, und dann ›ahja wie konnte ich es vergessen‹. Wir tauschen Handynummern aus, und wie konnte man sich bloss aus den Augen verlieren, das war doch so schön vor zwei Jahren, als sie in meinen Freund verliebt war.

Dann muss ich weiter, mit Amanda und ihrer Freundin in den Indra Club, wir laufen erst daran vorbei, scheinbar ist niemand von uns je da gewesen. Dafür aber die Beatles, und in einem merkwürdigen Moment der Erleuchtung, kommt es mir vor als sei das eine gültige Ausrede. Später weiß ich nicht mehr warum. Der Indra Club ist voll, 400 geladene Gäste, ich staune, so viele Freunde hatte ich in meinem ganzen Leben noch nicht. Ich bekomme ein rotes Armand, die Lizenz zum Saufen ohne die Brieftasche zücken zu müssen, ich staune, soviel Geld hatte ich für Freunde mein ganzes Leben noch nie.
Amanda stellt mich Diego vor. Diego schüttelt meine Hand »Mäck was?«, ich sage »Mek Mek«, er so »Mäck Mäck?«, ich so »Em Eh Kah!«, er so: »Mek Wito!«, und ich so »Diego Völkerball!«. Wir lachen und sind unmittelbar alte Freunde. Amanda wirkt amüsiert aber verstört und ich erinnere sie an die Sache mit der Völkerball-WM. Sie beschließt, dass die Welt sehr klein ist, worauf Diego und ich auf Hamburg unser kleines Kaff anstoßen. Und nochmal. Und später nochmal.

Später schäme ich mich dafür, so schamlos auf Kosten des Gastgebers zu trinken, wobei ich letztens noch schlecht über ihn gesprochen hatte. Amanda sagt das sei OK, ich habe ihn vielleicht bloß an einem falschen Moment kennengelernt, er sei manchmal ganz nett. Dass er manchmal ganz nett ist beruhigt mich ungemein und ich gehe Bier holen.

Nachher rede ich mit Amandas Freundin über Waschmaschinen. Ich bin erstaunt wie vielfältig und breit sich dieses Thema bereden lässt. Eine Viertelstunde später fällt mir auf, dass Waschmaschinen an einem verschwommenen Samstagabend kein gutes Thema seien. Sie stimmt mir zu. Ich schlage das Thema Liebe vor, weil sich auch die Liebe vielfältig und breit diskutieren lässt. Sie mag den Vorschlag. Doch die Flasche in meiner Hand ist leer und über die Liebe soll man schließlich nicht nur reden, sondern auf die Liebe soll man auch trinken. Mit zwei kühlen Bieren reden wir dann über die Liebe. Ich erzähle ihr meine Liebesgeschichte und zwei Minuten später kippt sie zu Boden. Ich erschrecke, so schlimm war das doch gar nicht. Sie ist noch bei Bewusstsein, ich ziehe sie gegen die Wand und mache sie dort sitzen. Ich schlage ein Glas Wasser vor, auch ein Vorschlag den sie für gut befindet. Als dann Wasser nicht hilft, schleppe ich sie zum Notausgang an die frische Luft. Als die frische Luft dann auch nicht hilft, laufe ich innerlich meine Checkliste der ersten Hilfe bei Alkoholleichen ab und bevor ich die Sache mit dem Eimer Wasser ausprobieren möchte, fällt mir, für meine rustikale Fachkenntnis, etwas ziemlich modernes ein: Kreislauf!

Ich sage zu Amanda, dass ihrer Freundin Kreislauf auf Trab gebracht werden müssen, hole Jacken und wir verlassen zu zweit den Indra Club. Wir laufen die Große Freiheit hoch und ich bestimme ein etwas zügiges Tempo. Sie ist noch ein bisschen wacklig auf den Beinen, die Farbe scheint aber ins Gesicht zurückzukommen. Sie redet von Blutzuckerspiegel, was sie aber merkwürdig fände, die letzte Schokolade sei noch gar nicht lange her. Wir biegen in die Reeperbahn ein und ich befördere sie zu Hessburger um einen Hessburger zu essen. Den Vorschlag findet sie ausgezeichnet. Sie verdrückt einen Hessburger und danach noch einen grossen Hessburger mit Hähnchen. Ich bezahle. Ich glaube es ist gut, Patienten das Gefühl zu geben sie bräuchten sich um nichts zu kümmern. Nach den zwei Burgern ist ihr im Magen ein bisschen übel, aber die Gesichtsfarbe ist zurückgekommen und das ist gut.
Doch der Kreislauf muss noch ein wenig angekurbelt werden. Wir vefolgen unseren Trabweg die Reeperbahn hoch, biegen in die Talstrasse ein, ich zeige ihr den Naziladen, zeige ihr die Schwulenkinos, dann schlagen wir rechts um die Ecke in die Schmuckstrasse ein, laufen über den Transsexuellenstrich und ich zeige ihr die katholische Kirche von St.Pauli.
Bei der Simon-von-Utrecht Strasse will sie über rot gehen. Ich weise sie darauf hin, ein schlechtes Vorbild für andere Menschen zu sein. Mit dieser Meinung stehe ich ziemlich alleine da. Daraufhin wechsle ich meine Meinung.
Zurück im Indra Club bestelle ich mir einen doppelten Whiskey. Ich treffe den Gastgeber und wünsche ihm alles Gute zum Geburstag und sage, dass ich beeindruckt sei von seinen vielen Freunden. Zwei Minuten später bestelle ich noch einen Whiskey an der Bar und drücke der Kellnerin 30 Euro in die Hand. Sie sagt ich bräuche nicht zu bezahlen, ich sage, dass ich das aber gerne möchte, sie sagt, ich trüge ja so ein rotes Armband. Ich reiße mir das Armband ab und sie nimmt mein Geld.
Zwei Whiskey später ist Schluss mit mir und ich verabschiede mich. Ich latsche diesen schönen Weg nach hause, singe Lieder von den Pet Shop Boys und denke mir, Mekmek, Du singst Petshopboys, worauf ich mir sage, Ja, Du bist ganz schön blau. Dann stehe ich plötzlich in der Seidlerstrasse und weiss nicht mehr wo ich bin und denke »Seidlerstrasse, Seidlerstrasse, die Strasse kennst du doch, du musst doch wissen wo du bist«, aber alles was ich in jenem Moment weiss, ist, dass ich vermutlich in Hamburg bin.

der Kampf mit dem Sieg

Seit jenem tragischen Tag an dem ich mein Brecheisen verlor, bin ich ja auf bestem Wege maßlos zu verspießen und mich der gähnenden Eintönigkeit meines leistungsorientierten Bürolebens hinzugeben.
Wenn mitten in der Nacht morgens um 05:40 mein Wecker klingelt, stehe ich auf, laufe in meinen Bloggerbunker, schalte den Rechner ein, laufe zurück in die Küche, schalte den Wasserkocher ein, stelle Milch auf den Herd, kippe lösliches Kaffeepulver ins ein Glas, schmiere etwas Honig auf eine Scheibe Brot, dann mische ich das heiße Wasser und die heiße Milch ins Glas und kehre zum Rechner zurück auf dessen Bildschirm mir inzwischen die freundliche Ödnis meines leeren Desktops entgegenlächelt.
Jeden Tag setze ich mich dann hin, klicke den Firefox und den Thunderbird an und während ich zum erstem Biss in meine Honigbrotscheibe ansetze, schaue ich auf die Computeruhr: es ist jeden Tag 05:47.
Gestern merkte ich das erste mal, dass dies das unverkennbare erste Zeichen ist, maßlos zu verspießen. Am Abend dann, fest entschlossen mein Leben drastisch umzukrempeln, stellte ich feierlich, weil siegesgewiß, meinen Wecker auf 05:39.

Als ich heute früh in meine Honigbrotscheibe biss, war es 05:46 — und ich fühlte mich bedeutend wohler.

stream of consciousness

Selbstredend tut Mario es bei weitem nicht so schön wie Molly Bloom es tut, aber immerhin, er tut es.
Merlix bat mich im Dezember auf ein Bier nach St.Georg -das ist das St.Pauli östlich der Innenstadt- und daraus folgte, neben dem äußerst lehrreichen touristischen Spaziergang entlang der düstersten sozialen Gefälle der Stadt, auch ein Gespräch über eine kleine Geschichte, die er sich als gemeinsames Vornehmen ausgeklügelt hatte. Ich solle, so bat er mich, in dieser kleinen Geschichte den Monolog des verunglückten Südländers führen. Nun sind Merlix’ brillante Travemünder Geschichten alles andere als klein, und Travemünde für mich dadurch erst so richtig groß geworden; mein kleiner Beitrag ist Mario, in Gedanken versunken auf Glatteis, aber lest bitte selbst, wie das damals in diesem kalten Winter 78/89 so war: Auf dem Eis.

bigmek ist

BlueSky und Isa machen lustige Dinge. Ich jetzt auch:

Mek ist fortan die einzige terroristische Vereinigung dieser Welt
MEK ist insbesondere befugt
Mek ist ein kalorienarmes Produkt
MEK ist die stärkste und aktivste iranische Oppositionsgruppe
MEK ist super, leider nur monophon
MEK ist es nicht
Mek ist zum größten Teil selber modelliert
MEK ist zwar denkbar, auch getestet
Mek ist abgeleitet von dem Wort Whipping Boy (Prügelknabe)
MEK Ist 200.000

OK, sehr spaßig, aber immerhin:

Mequito ist eine coole Sau.
Mequito ist da ein Musterbeispiel

(das mache ich jetzt weil mir niemand das Kuriositätenstöckchen zugeworfen hat. Weil ich mir so darauf gefreut hätte zu schreiben: “…ach eigentlich will ich ja kein Stöckchen, aber, dann muß ich halt, aber ich bin ja gar nicht kurios.” Jetzt muß ich mich selbst halt ein bisschen hochloben.)

Sie sagt, sie könne es noch gar nicht fassen achtzehn zu sein, so plötzlich, alle Türen stünden nun offen. Sie will wie eine junge Frau wirken, sie ist stark geschminkt, trägt Kleider aus dem Privatfernsehen und schneidet Themen einer erfolgreichen, reisenden Weltbürgerin an. Sie redet und redet, zu ihrer Freundin gegenüber am Tisch, von der Marketingschule in London, von ihrer Sehnsucht nach San Francisco, und hey, Liv Tyler wohne da schließlich auch, wie ich von ihr erfahre.
Das Mädchen zu dem sie spricht, nennt sie plötzlich “Mama”. Ich sehe die Mutter nur von der Seite, ihr gewelltes und üppiges Haar bedeckt ihr Gesicht. Die Mutter wirft ab und an einen Ratschlag dazwischen, schweigt sonst meistens, und an der Stimme erkenne ich, dass sie älter ist. Sie kleiden sich beide im selben Stil, den des 23-jährigen Mädchens. Als die Mutter ihren Schminkspiegel hervorzieht um ihre Lippen nachmalen, streicht sie ihr Haar zur Seite und ich sehe ihr 55-jähriges Gesicht, hübsch würde ich sagen, doch man sieht es ihr an, wie sie unter den hängenden, sich faltenden Gesichtspartien leidet, wie sie sich immernochnicht und wahrscheinlich auch mit achtzig Jahren nicht, damit abgefunden hat, dass sie altert. Wie es mir auffällt, dass ich dachte sie sei hübsch, ich mich nachher besinne, sie gar nicht attraktiv zu finden, lediglich hübsch halt, weil vor lauter skizzierter Jugend die Fülle und Farbtiefe einer attraktiven Frau völlig fehlt. Ich stellte mir ihre Ehe vor, ihr erfolgreicher Mann mit üppigem Bauch im Anzug, wie er ihr immer wieder sagen muß wie hübsch sie sei, ach, das Kleid macht Dich zehn Jahre jünger, wie ihr ganzes Leben von diesen Momenten zehrt.
Sie steht auf, läuft zwischen den Stuhlreihen des ICEs hinunter zur Toilette, sie ist mager, der Arsch in der Markenjeans ist nicht ausgefüllt, ihr Gang wirkt ausgehungert, etwas eingeknickt, kränklich. Als sie zurückkommt, habe ich das Bedürfnis ihr mein Reiseproviant zwischen die Rippen zu schieben. Ich gucke manchmal etwas lüstern, vor allem wenn ich an Reiseproviant denke, das ist mir angeboren, und so schaute ich lüstern drein als sie den Gang hoch zu ihrem Sitzplatz zurückkam und ich mir die beste Stelle aussuchte wo ich ihr das Käsebrot dazwischenschieben hätte können. Sie sieht meinen lüsternen Blick an ihrem Brustkorb, und in dem Moment flammt ein Strahlen in ihren Augen auf, sie drückt die Brust nach vorne, verlangsamt ihren Schritt, neigt den Kopf affektiert zur Seite, streicht sich das Haar spielerisch aus ihrem Gesicht wie ein junges, schüchternes Mädchen, wiegt ihre Hüfte, und lächelt verlegen – und paarungswillig.

der Berliner Stil

Punktlich, als wäre der Himmel mir wohlgesinnt, entdecke ich genau einen Tag vor meiner Berlinfahrt “Stil in Berlin“. Damit ich mir etwas abschauen kann und somit meine ärmliche sowie modisch hinterwäldlerische Abstammung verbergen, damit ich mich orientieren kann, am guten Geschmack der modischen Avantgarde in der Hauptstadt. Genau einen Tag vorher, damit ich noch genügend Zeit habe diese tollen rosaroten Gummistiefel zu besorgen.

Via Kathrin

(Und seid froh, dass ich derzeit meine neuen Texte offline behalte. Ihr würdet schlechtes von mir denken)

I

ch mag meine Putzfrauen in der Firma gerne. Im Besonderen die kugelrunde Russin, einssechzig hoch, einssechzig breit, die mir beim Spaziergang ins Raucherzimmer meistens im Weg steht, die wie ein überdimensionierter Medizinball im Flur den Boden saugt, und ich mich immer ein wenig davor fürchte sie aus versehen anzurempeln, wonach sie unaufhaltsam rollend, einen Pfad der Zerstörung quer den Gang hinunter, hinterlassen würde. Sie ist stets gut gekleidet, trägt Schmuck aus Gold wo immer man Schmuck tragen kann, ihr Haar sorgfältig blondiert, die Lippen rot, ein dicker Schatten über den Lidern und spricht zu mir, heiter und in breitem Vodkadeutsch »Nix Deutsche Frau für Sie. Sie Itaalianer, sie brauchen italiaanische Frau. Frau andere Land nix gut für Heeerz« und ahmt dabei das Herausreissen ihres Herzens nach.
Ich mag sie wirklich gerne. Alle meine Putzfrauen.

Und manchmal kommt eine Neue hinzu. Manchmal ist es eine hübsche junge Frau. Die jungen Hübschen bleiben nie lange. Einen Tag, zwei Tage, ich meine mich zu erinnern, dass Eine einmal eine ganze Arbeitswoche geblieben ist.
Ich war fast ein wenig schockiert, als die neue hübsche Putzfrau aus Kirgisien, heute wieder ins Büro kam. Den sechsten Tag. Sie ist freundlich, wirkt überaus intelligent, hält den Staubwedel elegant, aber fest in der Hand als wäre es ein Degen. Sie hat eine sehr feine Art die Bürotische zu wischen, sie wischt eher so, als würde sie der Tischplatte Leben einschäumen wollen, sie leert meinen Abfalleimer so, als wäre sie in mein Leben gekommen um meinen ganzen Ballast, meine Sorgen, und zerplatzten Träume in ihren Beutel zu kippen. Sie kommt zu meinem chronisch unaufgeräumten Schreibtisch, zeigt auf den aufgetürmten Papierberg und macht lachend eine ausufernde Handbewegung mit der sie andeuten will, dass das alles besser auf den Müllhaufen gekippt gehöre. Und sie sagt mit einem strahlenden Lächeln: »Tabula Rasa!«. Du meine Güte. Eine Putzfrau die so Sachen sagt wie Tabula Rasa.

Und wie man sich dann dabei ertappt in die Prinzenrolle schlüpfen zu wollen, Aschenputtel zu befreien, wie man aufstehen will und sagen ›Es ist der verdammte sechste Tag. Du hast doch was besseres verdient.‹ Und ich mit diesem ›Du‹, nicht der kirgisischen Putzfee helfe, sondern in Wirklichkeit die kugelige Russin degradiere. Wie ich merke, dass ich den Job der Putzfrauen immer noch als niedrigere Arbeitsklasse, niedrigere Gesellschaft empfinde. Auch wenn mich die Russin amüsiert, so lache ich letztendlich doch immer nur von oben herab. Und das nicht nur weil sie einssechzig ist.

amsterdammer Tagebuchnotizen

Viele Dinge fallen mir jetzt erst auf, seit ich seit vier Jahren nicht mehr hier wohne, wie Mikro hier alles ist, wieder so eine Mikrostadt, diese Konzentration halb berühmter Orte, halb bekannter Menschen. Jeroen Pauw macht eine Vollbremsung auf seinem Fahrrad vor einer Traube verwirrter spanischer Touristen, die ihrerseits erschrocken aufspringen und tuscheln, während Pauw freundlich den Kopf schüttelt, mit dieser Luft von “Aj, ihr werdet unser Amsterdam wohl nie verstehen”, dieser merkwürdige Stolz auf diese provinzielle Weltstadt, provinzielles Weltniveau, alles niedlich, klein und knus und gezellig, wie man als in Deutschland Lebender diesen selbstverständlichen Nationalstolz der Holländer genießt, dieser Stolz auf dieses unser Typisches, unsere großen Fenster, unsere Eckkneipen, wie man realisiert wie unprätentiös die Cafes sind, nichts nachahmen, nichts sein wollen, sondern einfach sind.
Während man offenherzig die verlorenen Seelen und gescheiterten Lebensentwürfe aufsaugt, die vielleicht die eigentliche Weltstadt schreiben.
Die Momentaufnahme des auf dem Fahrrad in der Linnaeusstraat erstochenen und erschossenen Theo Van Gogh als Amsterdammer Stillleben.

Die Spiegelgracht hinunter, zigzag Prinsengracht, Leidsegracht um an der Keizergracht in einem langen Bogen immer am Wasser entlang zu meinem Lief am Silodamm zu gelangen. Kulisse. Bloss nicht auf die Singel geraten, dann muss man sich wieder am Grachtengürtel nach außen begeben, dieses hinterlistige Spinnennetz das Dich immer wieder von der Route abbringt, die Unmöglichkeit in dieser Stadt den Norden zu bestimmen, wo ich sonst selbst nachts noch, aus dem Schlaf heraus, sagen kann wo Süden ist. Der Mann und sein innerer Kompass. Wie mein innerer Mann an diesem Spinnennetz scheitert. Ich habe einmal gelesen, dass Spinnen unter LSD die besseren Netze bauen und lache spontan drauflos, beim einfältigen Witz mit dem ich mir erkläre, warum die Besucher dieser Stadt zu Drogen greifen.

Singel, Heren-, Keizer- und Prinsengracht. Nicht Prinsen-Keizer-Heren-Singel. Und Sowieso Keizergracht, ich bin ein Keizergrachttyp. Sie ist mehr der Singeltyp. Und lacht dabei.

Diese Stadt, die viel zu klein ist für den Ruhm den sie genießt. Die Innenstadt ein einziger Vergnügungspark
Wie ich es mir in Amsterdam schon seit je angewöhnt habe Touristenutensilien zu hause zu lassen, keine Knipse, keine große Tasche, wie sehr man sich von den besuchenden Menschenmassen absetzen will, wie sehr man hier die Touristen am Schritttempo erkennt und die Art wie sie ehrfürchtig verweilen, die Grachtenkulisse in sich aufnehmen, und dabei viel zu lange verharren, wegen der vielen Details und noch ein Giebel und noch ein Treppchen, wie schief das Haus und der alte Mann der sein Fahrrad ins Sousterrain schleppt.
Wie ich mir damals als Neuling sofort das Amsterdammer Tempo angewöhnt habe, nicht wie ein Tourist zu wirken, die Kulisse zu lieben, ohne dabei zu erstarren, mit einer weissen Plastiktüte, darin die aktuelle Vrij Nederland und ein Notizbuch, etwas gelangweilt, aber schnellen Schrittes an den Trauben junger Spanier und Trauben junger Italiener vorbei, gefragt werden “Do you know where the next Coffeeshop is?” und dann nicht genau den Weg zu wissen, aber sehr genau zu wissen, zu was man gerade gemacht worden ist und daraufhin mit dieser typischen hochnäsigen Freundlichkeit mit verwirrenden Straßennamen Looiersgracht, Raamstraat, Lijnbaansgracht um mich zu schmeißen und hochnäsig und freundlich lächelnd, verwirrte spanische Trauben zurück zulassen, die sich mit einem hastigen “Thank you” bedanken. Und mir dann denken, Gott, was bist Du für ein selbstverliebtes Arschloch manchmal, und drehe mir dann – natürlich im Gehen und ohne die Tüte aus der Hand zu nehmen – eine Zigarette.

Glimlach, wie die Niederländer das Lächeln nennen, bei dem ich unweigerlich immer an das fehlende Glimmen des Lächelns der Servicekräfte denken muss. Die Holländer, die beim Glimlach dann auch nicht an ein Servicelächeln denken, sondern wirklich nur das Lächeln mit einem Glimmen meinen, das Lächeln bei dem es nicht nur an der Fassade, sondern auch dahinter lächelt und rumort. Wie wenig man auf holländisch sagen kann “Setz Dein freundlichsten Glimmlachen auf”, weil man zwar immer lächeln, aber nicht immer glimmen kann, weil es eben nicht immer rumort – hinter der Fassade.
Dieses fehlende Wort: Lächeln.

Beim Vorbeilaufen an den Stationen von früher erinnert werden, an die Geschichten die ich alle noch erzählen sollte, die Krawalle beim Europgipfel, vor Chiracs Hotel, wie wir vor der heranrückenden Staatsmacht flüchteten und einfach in den Kanal sprangen, oder als ich am Amstelufer zwar meinen Herz verlor, dafür aber die besten Fritten meines Lebens aß, oder als ich auf dem Weg zum Westermarkt dachte jetzt sei alles vorbei, alles aus und vorbei, zu ende, und wie es dann doch noch weiterging. Und. Und. Und.

Ah, ganz vergessen, die coolsten Frauen auf der ganzen Welt, die Holländerinnen mit kurzem Rock und hohen Stiefeln bei Wetter und Unwetter auf dem Fahrrad, trotzen sie Sturm und Tram und die allerorts verirrten Italiener, mit stolz und ohne Zucken mit der Wimper.

Den alten S. gesehen. In der Kantine von HEMA am Nieuwendijk. Ich musste daran denken wie ich ihm einmal bei einer Schneeballschlacht am Ufer der Villa Omval einen Schneeball mitten ins Gesicht geworfen habe. Wäre er bloß nicht so unbeteiligt am Rande des Schlachtfeldes gestanden, dann wäre es glimpflicher abgelaufen für ihn. Und nachher, als wir den ganzen Weg zu einer Party in die Spuistraat liefen, er mir stundenlang, nein, tagelang von Guatemala erzählte, vom Kampf der Einheimischen, von der Unterdrückung, romantisch verknüpft mit den revolutionären Guerilleros. Alles Guatemala da beim alten S. Auch als er zu uns in den Stencilkeller kam, wo wir wöchentlich den Springstof klebten und schrieben und druckten, er noch sein Guatemala-Speciaal in unserem Blatt haben wollte.
Ich grüße ihn nicht, er ist zu weit weg. Er ist immer noch alt. Und er trägt rot- und weissgebundene Brochüren unterm Arm. Guatemala wahrscheinlich. Mittlerweile vielleicht Nicaragua.