der Kampf mit dem Sieg

Seit jenem tragischen Tag an dem ich mein Brecheisen verlor, bin ich ja auf bestem Wege maßlos zu verspießen und mich der gähnenden Eintönigkeit meines leistungsorientierten Bürolebens hinzugeben.
Wenn mitten in der Nacht morgens um 05:40 mein Wecker klingelt, stehe ich auf, laufe in meinen Bloggerbunker, schalte den Rechner ein, laufe zurück in die Küche, schalte den Wasserkocher ein, stelle Milch auf den Herd, kippe lösliches Kaffeepulver ins ein Glas, schmiere etwas Honig auf eine Scheibe Brot, dann mische ich das heiße Wasser und die heiße Milch ins Glas und kehre zum Rechner zurück auf dessen Bildschirm mir inzwischen die freundliche Ödnis meines leeren Desktops entgegenlächelt.
Jeden Tag setze ich mich dann hin, klicke den Firefox und den Thunderbird an und während ich zum erstem Biss in meine Honigbrotscheibe ansetze, schaue ich auf die Computeruhr: es ist jeden Tag 05:47.
Gestern merkte ich das erste mal, dass dies das unverkennbare erste Zeichen ist, maßlos zu verspießen. Am Abend dann, fest entschlossen mein Leben drastisch umzukrempeln, stellte ich feierlich, weil siegesgewiß, meinen Wecker auf 05:39.

Als ich heute früh in meine Honigbrotscheibe biss, war es 05:46 — und ich fühlte mich bedeutend wohler.

stream of consciousness

Selbstredend tut Mario es bei weitem nicht so schön wie Molly Bloom es tut, aber immerhin, er tut es.
Merlix bat mich im Dezember auf ein Bier nach St.Georg -das ist das St.Pauli östlich der Innenstadt- und daraus folgte, neben dem äußerst lehrreichen touristischen Spaziergang entlang der düstersten sozialen Gefälle der Stadt, auch ein Gespräch über eine kleine Geschichte, die er sich als gemeinsames Vornehmen ausgeklügelt hatte. Ich solle, so bat er mich, in dieser kleinen Geschichte den Monolog des verunglückten Südländers führen. Nun sind Merlix’ brillante Travemünder Geschichten alles andere als klein, und Travemünde für mich dadurch erst so richtig groß geworden; mein kleiner Beitrag ist Mario, in Gedanken versunken auf Glatteis, aber lest bitte selbst, wie das damals in diesem kalten Winter 78/89 so war: Auf dem Eis.

bigmek ist

BlueSky und Isa machen lustige Dinge. Ich jetzt auch:

Mek ist fortan die einzige terroristische Vereinigung dieser Welt
MEK ist insbesondere befugt
Mek ist ein kalorienarmes Produkt
MEK ist die stärkste und aktivste iranische Oppositionsgruppe
MEK ist super, leider nur monophon
MEK ist es nicht
Mek ist zum größten Teil selber modelliert
MEK ist zwar denkbar, auch getestet
Mek ist abgeleitet von dem Wort Whipping Boy (Prügelknabe)
MEK Ist 200.000

OK, sehr spaßig, aber immerhin:

Mequito ist eine coole Sau.
Mequito ist da ein Musterbeispiel

(das mache ich jetzt weil mir niemand das Kuriositätenstöckchen zugeworfen hat. Weil ich mir so darauf gefreut hätte zu schreiben: “…ach eigentlich will ich ja kein Stöckchen, aber, dann muß ich halt, aber ich bin ja gar nicht kurios.” Jetzt muß ich mich selbst halt ein bisschen hochloben.)

Sie sagt, sie könne es noch gar nicht fassen achtzehn zu sein, so plötzlich, alle Türen stünden nun offen. Sie will wie eine junge Frau wirken, sie ist stark geschminkt, trägt Kleider aus dem Privatfernsehen und schneidet Themen einer erfolgreichen, reisenden Weltbürgerin an. Sie redet und redet, zu ihrer Freundin gegenüber am Tisch, von der Marketingschule in London, von ihrer Sehnsucht nach San Francisco, und hey, Liv Tyler wohne da schließlich auch, wie ich von ihr erfahre.
Das Mädchen zu dem sie spricht, nennt sie plötzlich “Mama”. Ich sehe die Mutter nur von der Seite, ihr gewelltes und üppiges Haar bedeckt ihr Gesicht. Die Mutter wirft ab und an einen Ratschlag dazwischen, schweigt sonst meistens, und an der Stimme erkenne ich, dass sie älter ist. Sie kleiden sich beide im selben Stil, den des 23-jährigen Mädchens. Als die Mutter ihren Schminkspiegel hervorzieht um ihre Lippen nachmalen, streicht sie ihr Haar zur Seite und ich sehe ihr 55-jähriges Gesicht, hübsch würde ich sagen, doch man sieht es ihr an, wie sie unter den hängenden, sich faltenden Gesichtspartien leidet, wie sie sich immernochnicht und wahrscheinlich auch mit achtzig Jahren nicht, damit abgefunden hat, dass sie altert. Wie es mir auffällt, dass ich dachte sie sei hübsch, ich mich nachher besinne, sie gar nicht attraktiv zu finden, lediglich hübsch halt, weil vor lauter skizzierter Jugend die Fülle und Farbtiefe einer attraktiven Frau völlig fehlt. Ich stellte mir ihre Ehe vor, ihr erfolgreicher Mann mit üppigem Bauch im Anzug, wie er ihr immer wieder sagen muß wie hübsch sie sei, ach, das Kleid macht Dich zehn Jahre jünger, wie ihr ganzes Leben von diesen Momenten zehrt.
Sie steht auf, läuft zwischen den Stuhlreihen des ICEs hinunter zur Toilette, sie ist mager, der Arsch in der Markenjeans ist nicht ausgefüllt, ihr Gang wirkt ausgehungert, etwas eingeknickt, kränklich. Als sie zurückkommt, habe ich das Bedürfnis ihr mein Reiseproviant zwischen die Rippen zu schieben. Ich gucke manchmal etwas lüstern, vor allem wenn ich an Reiseproviant denke, das ist mir angeboren, und so schaute ich lüstern drein als sie den Gang hoch zu ihrem Sitzplatz zurückkam und ich mir die beste Stelle aussuchte wo ich ihr das Käsebrot dazwischenschieben hätte können. Sie sieht meinen lüsternen Blick an ihrem Brustkorb, und in dem Moment flammt ein Strahlen in ihren Augen auf, sie drückt die Brust nach vorne, verlangsamt ihren Schritt, neigt den Kopf affektiert zur Seite, streicht sich das Haar spielerisch aus ihrem Gesicht wie ein junges, schüchternes Mädchen, wiegt ihre Hüfte, und lächelt verlegen – und paarungswillig.

der Berliner Stil

Punktlich, als wäre der Himmel mir wohlgesinnt, entdecke ich genau einen Tag vor meiner Berlinfahrt “Stil in Berlin“. Damit ich mir etwas abschauen kann und somit meine ärmliche sowie modisch hinterwäldlerische Abstammung verbergen, damit ich mich orientieren kann, am guten Geschmack der modischen Avantgarde in der Hauptstadt. Genau einen Tag vorher, damit ich noch genügend Zeit habe diese tollen rosaroten Gummistiefel zu besorgen.

Via Kathrin

(Und seid froh, dass ich derzeit meine neuen Texte offline behalte. Ihr würdet schlechtes von mir denken)

I

ch mag meine Putzfrauen in der Firma gerne. Im Besonderen die kugelrunde Russin, einssechzig hoch, einssechzig breit, die mir beim Spaziergang ins Raucherzimmer meistens im Weg steht, die wie ein überdimensionierter Medizinball im Flur den Boden saugt, und ich mich immer ein wenig davor fürchte sie aus versehen anzurempeln, wonach sie unaufhaltsam rollend, einen Pfad der Zerstörung quer den Gang hinunter, hinterlassen würde. Sie ist stets gut gekleidet, trägt Schmuck aus Gold wo immer man Schmuck tragen kann, ihr Haar sorgfältig blondiert, die Lippen rot, ein dicker Schatten über den Lidern und spricht zu mir, heiter und in breitem Vodkadeutsch »Nix Deutsche Frau für Sie. Sie Itaalianer, sie brauchen italiaanische Frau. Frau andere Land nix gut für Heeerz« und ahmt dabei das Herausreissen ihres Herzens nach.
Ich mag sie wirklich gerne. Alle meine Putzfrauen.

Und manchmal kommt eine Neue hinzu. Manchmal ist es eine hübsche junge Frau. Die jungen Hübschen bleiben nie lange. Einen Tag, zwei Tage, ich meine mich zu erinnern, dass Eine einmal eine ganze Arbeitswoche geblieben ist.
Ich war fast ein wenig schockiert, als die neue hübsche Putzfrau aus Kirgisien, heute wieder ins Büro kam. Den sechsten Tag. Sie ist freundlich, wirkt überaus intelligent, hält den Staubwedel elegant, aber fest in der Hand als wäre es ein Degen. Sie hat eine sehr feine Art die Bürotische zu wischen, sie wischt eher so, als würde sie der Tischplatte Leben einschäumen wollen, sie leert meinen Abfalleimer so, als wäre sie in mein Leben gekommen um meinen ganzen Ballast, meine Sorgen, und zerplatzten Träume in ihren Beutel zu kippen. Sie kommt zu meinem chronisch unaufgeräumten Schreibtisch, zeigt auf den aufgetürmten Papierberg und macht lachend eine ausufernde Handbewegung mit der sie andeuten will, dass das alles besser auf den Müllhaufen gekippt gehöre. Und sie sagt mit einem strahlenden Lächeln: »Tabula Rasa!«. Du meine Güte. Eine Putzfrau die so Sachen sagt wie Tabula Rasa.

Und wie man sich dann dabei ertappt in die Prinzenrolle schlüpfen zu wollen, Aschenputtel zu befreien, wie man aufstehen will und sagen ›Es ist der verdammte sechste Tag. Du hast doch was besseres verdient.‹ Und ich mit diesem ›Du‹, nicht der kirgisischen Putzfee helfe, sondern in Wirklichkeit die kugelige Russin degradiere. Wie ich merke, dass ich den Job der Putzfrauen immer noch als niedrigere Arbeitsklasse, niedrigere Gesellschaft empfinde. Auch wenn mich die Russin amüsiert, so lache ich letztendlich doch immer nur von oben herab. Und das nicht nur weil sie einssechzig ist.

amsterdammer Tagebuchnotizen

Viele Dinge fallen mir jetzt erst auf, seit ich seit vier Jahren nicht mehr hier wohne, wie Mikro hier alles ist, wieder so eine Mikrostadt, diese Konzentration halb berühmter Orte, halb bekannter Menschen. Jeroen Pauw macht eine Vollbremsung auf seinem Fahrrad vor einer Traube verwirrter spanischer Touristen, die ihrerseits erschrocken aufspringen und tuscheln, während Pauw freundlich den Kopf schüttelt, mit dieser Luft von “Aj, ihr werdet unser Amsterdam wohl nie verstehen”, dieser merkwürdige Stolz auf diese provinzielle Weltstadt, provinzielles Weltniveau, alles niedlich, klein und knus und gezellig, wie man als in Deutschland Lebender diesen selbstverständlichen Nationalstolz der Holländer genießt, dieser Stolz auf dieses unser Typisches, unsere großen Fenster, unsere Eckkneipen, wie man realisiert wie unprätentiös die Cafes sind, nichts nachahmen, nichts sein wollen, sondern einfach sind.
Während man offenherzig die verlorenen Seelen und gescheiterten Lebensentwürfe aufsaugt, die vielleicht die eigentliche Weltstadt schreiben.
Die Momentaufnahme des auf dem Fahrrad in der Linnaeusstraat erstochenen und erschossenen Theo Van Gogh als Amsterdammer Stillleben.

Die Spiegelgracht hinunter, zigzag Prinsengracht, Leidsegracht um an der Keizergracht in einem langen Bogen immer am Wasser entlang zu meinem Lief am Silodamm zu gelangen. Kulisse. Bloss nicht auf die Singel geraten, dann muss man sich wieder am Grachtengürtel nach außen begeben, dieses hinterlistige Spinnennetz das Dich immer wieder von der Route abbringt, die Unmöglichkeit in dieser Stadt den Norden zu bestimmen, wo ich sonst selbst nachts noch, aus dem Schlaf heraus, sagen kann wo Süden ist. Der Mann und sein innerer Kompass. Wie mein innerer Mann an diesem Spinnennetz scheitert. Ich habe einmal gelesen, dass Spinnen unter LSD die besseren Netze bauen und lache spontan drauflos, beim einfältigen Witz mit dem ich mir erkläre, warum die Besucher dieser Stadt zu Drogen greifen.

Singel, Heren-, Keizer- und Prinsengracht. Nicht Prinsen-Keizer-Heren-Singel. Und Sowieso Keizergracht, ich bin ein Keizergrachttyp. Sie ist mehr der Singeltyp. Und lacht dabei.

Diese Stadt, die viel zu klein ist für den Ruhm den sie genießt. Die Innenstadt ein einziger Vergnügungspark
Wie ich es mir in Amsterdam schon seit je angewöhnt habe Touristenutensilien zu hause zu lassen, keine Knipse, keine große Tasche, wie sehr man sich von den besuchenden Menschenmassen absetzen will, wie sehr man hier die Touristen am Schritttempo erkennt und die Art wie sie ehrfürchtig verweilen, die Grachtenkulisse in sich aufnehmen, und dabei viel zu lange verharren, wegen der vielen Details und noch ein Giebel und noch ein Treppchen, wie schief das Haus und der alte Mann der sein Fahrrad ins Sousterrain schleppt.
Wie ich mir damals als Neuling sofort das Amsterdammer Tempo angewöhnt habe, nicht wie ein Tourist zu wirken, die Kulisse zu lieben, ohne dabei zu erstarren, mit einer weissen Plastiktüte, darin die aktuelle Vrij Nederland und ein Notizbuch, etwas gelangweilt, aber schnellen Schrittes an den Trauben junger Spanier und Trauben junger Italiener vorbei, gefragt werden “Do you know where the next Coffeeshop is?” und dann nicht genau den Weg zu wissen, aber sehr genau zu wissen, zu was man gerade gemacht worden ist und daraufhin mit dieser typischen hochnäsigen Freundlichkeit mit verwirrenden Straßennamen Looiersgracht, Raamstraat, Lijnbaansgracht um mich zu schmeißen und hochnäsig und freundlich lächelnd, verwirrte spanische Trauben zurück zulassen, die sich mit einem hastigen “Thank you” bedanken. Und mir dann denken, Gott, was bist Du für ein selbstverliebtes Arschloch manchmal, und drehe mir dann – natürlich im Gehen und ohne die Tüte aus der Hand zu nehmen – eine Zigarette.

Glimlach, wie die Niederländer das Lächeln nennen, bei dem ich unweigerlich immer an das fehlende Glimmen des Lächelns der Servicekräfte denken muss. Die Holländer, die beim Glimlach dann auch nicht an ein Servicelächeln denken, sondern wirklich nur das Lächeln mit einem Glimmen meinen, das Lächeln bei dem es nicht nur an der Fassade, sondern auch dahinter lächelt und rumort. Wie wenig man auf holländisch sagen kann “Setz Dein freundlichsten Glimmlachen auf”, weil man zwar immer lächeln, aber nicht immer glimmen kann, weil es eben nicht immer rumort – hinter der Fassade.
Dieses fehlende Wort: Lächeln.

Beim Vorbeilaufen an den Stationen von früher erinnert werden, an die Geschichten die ich alle noch erzählen sollte, die Krawalle beim Europgipfel, vor Chiracs Hotel, wie wir vor der heranrückenden Staatsmacht flüchteten und einfach in den Kanal sprangen, oder als ich am Amstelufer zwar meinen Herz verlor, dafür aber die besten Fritten meines Lebens aß, oder als ich auf dem Weg zum Westermarkt dachte jetzt sei alles vorbei, alles aus und vorbei, zu ende, und wie es dann doch noch weiterging. Und. Und. Und.

Ah, ganz vergessen, die coolsten Frauen auf der ganzen Welt, die Holländerinnen mit kurzem Rock und hohen Stiefeln bei Wetter und Unwetter auf dem Fahrrad, trotzen sie Sturm und Tram und die allerorts verirrten Italiener, mit stolz und ohne Zucken mit der Wimper.

Den alten S. gesehen. In der Kantine von HEMA am Nieuwendijk. Ich musste daran denken wie ich ihm einmal bei einer Schneeballschlacht am Ufer der Villa Omval einen Schneeball mitten ins Gesicht geworfen habe. Wäre er bloß nicht so unbeteiligt am Rande des Schlachtfeldes gestanden, dann wäre es glimpflicher abgelaufen für ihn. Und nachher, als wir den ganzen Weg zu einer Party in die Spuistraat liefen, er mir stundenlang, nein, tagelang von Guatemala erzählte, vom Kampf der Einheimischen, von der Unterdrückung, romantisch verknüpft mit den revolutionären Guerilleros. Alles Guatemala da beim alten S. Auch als er zu uns in den Stencilkeller kam, wo wir wöchentlich den Springstof klebten und schrieben und druckten, er noch sein Guatemala-Speciaal in unserem Blatt haben wollte.
Ich grüße ihn nicht, er ist zu weit weg. Er ist immer noch alt. Und er trägt rot- und weissgebundene Brochüren unterm Arm. Guatemala wahrscheinlich. Mittlerweile vielleicht Nicaragua.

(reisenotizen 24.01.2007)

Im Zug nach Amsterdam und schon wieder einen falschen Platz reserviert. Ich will schreiben, ich will Strom, aber ich mag es nicht, an diesen Vierertischen zu sitzen. Ich hatte die Bahnschalterdame gebeten mir einen Platz mit Strom zu geben, jedoch nicht an den Vierertischen, sondern genau dahinter.

Es könnte schliesslich geschehen, dass eine hochschwangere Kuh auf den Gleisen steht und der flitzende ICE auf die Vollbremse treten muss. Ich bin im Besitz einer allzu lebhaften Phantasie und ich weiss es mir ziemlich detailiert auzumalen, wie mein Tischgegenüber bei einer Vollbremsung oder einem Frontalaufprall von diesen Tischen entzweigerissen wird. Und wenn es schon sowas gibt wie Qualität bei der Deutschen Bahn, weil in Deutschland ja alles Qualität haben sollte, dann sind diese Tische bestimmt qualitativ übergeprüft und qualitätsversiegelt, sodass sie erst recht nicht nachgeben wenn eine hochschwangere Kuh auf den Gleisen steht.
Und immer wenn ich an diesen Vierrertischen sitze, habe ich zudem das Pech mit dem Rücken zur Fahrichtung zu sitzen, sodass ich zwar, bis zum Tod hin, in den Sessel gequetscht werde, das könnte ich in Ausnahmesituationen (der eigene Tod beispielweise) noch verkraften, aber, dass ich mich noch in meinen letzten Lebenssekunden mit dem blutenden Oberkörpers meines Gegenübers abmühen muss, das muss nun wirklich nicht sein.

Jetzt lacht er noch, der dicke Mann mir gegenüber, beisst vergnügt in sein Wurstbrot und kaut mit offenem Mund, während er den Hals streckt und verstohlen in mein Notizheft schielt. Ja, jetzt lacht er noch. Ich lache schon lange nicht mehr zurück, wenn ich bald mit blutverschmiertem Anzug dasitze, weil sein Rumpf mit Kopf und Armen an mir kleben wird und das zerkaute Wurstbrot oben, oder mitten aus dem Bauch heraus, hervortritt. Nein, ich lache nicht mehr. Ich schweige aber und schaue den grasenden Kühen hinterher.
Und der Mann ist irgendwie sauer geworden.

dreiundzwanzigmal Essen

Oh, der Monsegneur hat mir ein Stöckchen zugeworfen. Es geht um essen. Und essen ist gut.

1) Kannst du kochen? Wenn ja, kochst Du gerne?

Ich kann kochen. Ich koche nicht schön, aber ich koche mit Liebe. Das heisst ich koche auch gerne.
Das einzige das ich lieber tuhe als kochen, ist essen.

2) Wann isst bei Euch die ganze Familie gemeinsam?

Ich koche gerade nur für mich alleine und übe mich darin, stinklangweiliges essen zu kochen. Im Kampf gegen den Wohlstandsbauch. Gestern beispielsweise gedünstetes Gemüse und zwei Scheiben rohen Tofu. Das ist dermaßen langweilig, dass ich es zwar aus Hunger esse, danach jedoch nicht mehr nachschöpfe (Nachschöpfen ist eine meiner großen Leidenschaften), weil mir der Apetit vergangen ist. Und das funktioniert.
Wenn ich für die ganze Sippe koche, dann am liebsten Risotto. Viel Risotto. Oder Saucen. Saucen mit Sauce (Man zwingt mich dann immer, noch etwas Gemüse dazuzumachen).

3) Was isst Du zum Frühstück?

Viel. Und gerne.

4) Wann, wo und wie esst ihr in der Woche?

Wochentags frühstücke ich am Rechner bei Blogs, Nachrichten und Zigarette. Mittags “da Michelina”, die die beste Pasta mit aufgestochenen, italienischen Bratwürstchen macht. Abends wahlweise am Tisch oder am Rechner. Kommt darauf an ob ich Gesellschaft habe oder nicht.

5) Wie oft geht ihr ins Restaurant?

Jeden Tag eigentlich. Bei Michelina. Aber das zählt hier wohl nicht, hm? Sonst meist einmal in der Woche. Ich liebe Restaurants. Sich bei Bier oder Wein angeregt unterhalten, während es im Hintergrund brutzelt, und dauernd diese Vorfreude auf das Essen. Das könnte ich immer tun.

6) Wie oft bestellt ihr Euch was?

In unregelmässigen Abständen, aber immer wieder gerne: Sushi bei Sushiforfriends.

7) Zu 5 und 6: Wenn es keine finanziellen Hindernisse gäbe, würdet ihr das gerne öfters tun?

Wie gesagt, ich könnte immer in Restaurants sitzen, aber dann würde ich erstens noch mehr zunehmen, und zweitens, was ich auch immer tun könnte: Mit Freunden, sich bei Bier und Wein unterhalten, während ich regelmässig in die Küche spute und es anbrennen brutzeln lasse.

8) Gibt es bei Euch so was wie “Standardgerichte”, die regelmäßig auf den Tisch kommen?

Radicchio/Steinpilz-Risotto. Beides mit schwerem Rotwein. Oder wenn es schnell gehen muss, Pasta mit einer Thunfisch-Sahne-Sauce und einem Spritzer Zitronensaft.

9) Hast Du schon mal für mehr als 6 Personen gekocht?

Ja.

10) Kochst du jeden Tag?

Fast.

11) Hast Du schon mal ein Rezept aus dem Kochblog ausprobiert?

Ja. Marmorkuchen von der Kaltmamsell (ging ganz furchtbar in die Hose. Kuchen ist aber ja auch nicht wirklich kochen) und Champignonschnitzel bei der Meisterköchin (herzhaftes gelingt mir meistens besser).

12) Wer kocht bei Euch häufiger?

Da ich gerade alleine wohne: ich
Sonst: ich (jaja, ich weiß)

13) Und wer kann besser kochen?

hm

14) Gibt es schon mal Streit ums Essen?

Ja. Immer. Man lernt aber.

15) Kochst du heute völlig anders, als Deine Mutter /Deine Eltern?

Jasicher. Auch damals schon. Knödel wollten mir noch nie richtig gelingen.

16) Wenn ja, isst Du trotzdem gerne bei Deinen Eltern?

Ja. Das Problem mit meiner Mutter ist lediglich, dass sie nicht mehr so viel Fett benutzt wie sie es früher tat. Früher schmeckte das Essen richtig nach etwas. Und alles triefte. Heutezutage ist auch bei ihr alles modern, europäisch gleichgeschaltet, gesund und mager. Der Hüftspeck muss halt weg.

17) Bist Du Vegetarier oder könntest Du Dir vorstellen vegetarisch zu leben?

Ich war neun Jahre lang Vegetarier. Ich habe in jener Zeit nie Fleisch vermisst. Eines Tages ging ich in den Laden, sah eine Dose Thunfisch und dachte mir, Mekmek, das ist jetzt richtig lange her, da hast Du jetzt Lust drauf. Am nächsten Tag saß ich beim Griechen und ass eine riesige, gemischte Fleischplatte.
Ich koche allerdings selten Fleisch. Ausser Fisch. Eigentlich koche ich nur Fleisch wenn ich Besuch habe. Und jetzt weiss ich wirklich nicht warum.

18) Was würdest Du gerne mal ausprobieren, an was Du Dich bisher nicht rangewagt hast?

Einen alten Porsche fahren.

19) Kochst Du lieber oder findest Du Backen spannender?

Kochen. Ich kann nicht backen. Ich habe einmal den Kaltmamsellschen Marmorkuchen gebackt und das war eine reine Katastrophe. Die Küche war nachher ein Schlachtfeld und der Kuchen ein eingefallener Klumpen Teig. Ich mag diese Genauigkeit und diese Vorschriften des Backens nicht.
Kochen ist viel dynamischer. Man bringt die Speisen sozusagen kochend zu dem was sie sind, indem man testet, verlängert, nachkippt, anstatt dieses starren Vorgaben zu folgen.
Überdies mag ich keine Süßigkeiten.

20) Was war die größte Misere, die Du in der Küche angerichtet hast?

Die Größte? Ohje, wo fange ich da an.

21) Was essen Deine Kinder am liebsten?

Hätte ich sie, würden sie meinen Risotto lieben, vergöttern, davon schwärmen, davon träumen…

22) Was mögen Deine Kinder überhaupt nicht?

Marmorkuchen.

23) Was magst Du überhaupt nicht?

Ich mag eigentlich alles. Oh nein, ich hasse diese durchsichtigen Fleischstücke in dem Asialaden in Barmbek, die sie dort Schinkenstreifen nennen.

Das Stöckchen werfe ich in die Marmorkuchenküche, zur besten Rotweinhäsin aller Rotweinhäsinnen und in eine Heimatküche, die es bestimmt hasst, Stöckchen zu bekommen.