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# Hubert Winkels kommt am Beginn des Abends auf uns Finalisten zu. Ich strecke meinen Rücken und strecke meine Hand. Ich komme mir vor wie ein Musterschüler.
Thomas Hettche, der andere aus der Jury, hält sich im Hintergrund. Er ist eine beeindruckende Präsenz.

# Dummerweise war ich zwei Tage vor der Lesung auf einen etwas älteren Artikel von Winkels in der Zeit gestoßen. Es ging um Emphatiker und Gnostiker. Darin taucht Moritz von Uslar in einem negativen Kontext auf. Ich bin kein Uslar-Bewunderer, fand sein letztes Buch jedoch unheimlich gut. Das Dumme war in diesem Fall nur: Uslars Name taucht auf den ersten Seiten meines Romanes auf. Warum auch immer, fraget nicht. Ich werde also vor einem Kritiker lesen, dem in der Wertung meines Textes unweigerlich dieser Fakt aufstoßen wird. Das war schon witzig. Ich habe seitdem kein Auge mehr geschlossen.

# Nein, ich habe den Preis nicht gewonnen. Aber viel Erkenntnis.
Der Preis ging an Simone Adams. Und der Publikumspreis an Martina Klein. Alle beide sehr verdient. Wobei mir der letztere Text ein bisschen besser gefiel.

# Nachher haben wir viel Wein getrunken und beachtlich schweres, sächsisches Bier. Wir sitzen bis in die Nacht lose beinander. Winkels und Hettche im Mittelpunkt. Sie reden viel, und werden geliebt. Martina Klein, Winkels und ich bleiben übrig, ich bringe uns ins Hotel, ich habe noch meinen inneren Kompass. Unterwegs stapfen wir durch eine Eislandschaft und reden angeregt. So angeregt, dass wir auf die offene Hotelbar hoffen. Die hat aber zu, also legen wir uns ins Bett.

# Beim Einschlafen verblüfft das Neue Testament auf dem Nachttisch erspäht. Und den Anfang gelesen. Ein ziemlich beeindruckender Romananfang: Dies ist das Buch von der Geschichte Jesu Christi, des Sohnes David, des Sohnes Abrahams. Danach wird über eine komplette Buchseite in Sätzen wie dem folgenden, der Stammbaum durchgerattert: Abraham zeugte Isaak. Isaak zeugte Jakob. Jakob zeugte Juda und seine Brüder. Bis man eine Seite später bei Jesu angelangt.

# Am Frühstückstisch setzt sich Winkels mir gegenüber. Er ist am Frühstückstisch geistig schon so rege wie nachts nach dem letzten Glas Wein. Er isst nichts, trinkt nur Kaffee und weist mich auf die Schwachstellen meines Manuskriptes hin. Das liegt alles schwerer im Magen als die Frühstückssalami, die ich zu essen versuchte, man kann sich fundierter Kritik eines berühmten Kritikers nicht entziehen, man hört zu gespannt hin und schluckt es. Das Frühstück auch. Im Magen kommt ohnehin alles zusammen, egal wie es auf dem Teller aussah. Er hat aber auch lobende Worte, die gehen mir hingegen runter wie Öl.
Als ich später vom Frühstück aufstehe, weiß mein Verdauungstrakt nicht mehr weiter.

8 Comments

  1. mek

    Ja, er ist cool. Bei den Klagenfurter Lesungen teile ich auch meist seine Ansichten. Die er allerdings so wiedergibt, dass man ihm auch zuhören will.
    Aber er sieht mich wohl eher als Emphatiker, vermute ich 😉

  2. Ja, machen Sie mal. Auch wenn es Ihnen zunächst schwer im Magen lag, hat Ihnen Winkels doch beim Frühstück ein tolles Geschenk gemacht, als er Sie auf die Schwachstellen hinwies. Und gelobt hat er Sie obendrein.

  3. mek

    Dauert schon noch ein bisschen. Wenn es soweit ist, schreibe ich es bestimmt hier hin. Wenn ich es in der Aufregung dann nicht vergesse.

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