Halleluja

Dass es heute ein sehr frueher Sonntag werden wuerde, wusste ich schon. Das Konzert im NDR-Gebaeude sollte schon um 11 Uhr beginnen, auch wenn es erst um 20Uhr ausgesendet wird. Das hiess natuerlich um sieben Uhr aufstehen, fruehstuecken und zaehneputzen. Nachdem ich das gemacht hatte, schaute ich auf die Uhr und sah dass es erst 4Uhr frueh war. Ich wurde augenblicklich muede und tauschte den verdammten Fruehstueckstisch gegen das Bett.
Drei Stunden spaeter wiederholte ich das ganze Ritual und kam anderthalb Stunden spaeter erfolgreich beim NDR an. Einsingen, Eintritt proben, Thee trinken, Stimme einraeuchern, und dann stroemte schon das Publikum in die Lounge. Wir verliessen den Konzertsaal und zogen uns in unsere Garderobe zurueck. Es blieben noch zehn Minuten, dann fiel mir auf, dass ich meine Noten nicht bei mir hatte. Ich habe normalerweise kein Lampenfieber, aber wenn ich heute die Noten nicht dabei gehabt haette, dann waere es vorbei gewesen. Ich bin fuer dieses Konzert im letzten Moment eingesprungen, kenne die Einsaetze nicht auswendig, den Text erst recht nicht, und bei dem russischen Stueck vom Tschaikowski bewege ich nur den Mund, da ich nicht gleichzeitig den unverstaendlichen russischen Text und die Noten lesen kann. Heute ohne Noten zu sein haette bedeutet, dass ich vor tausend Leuten stehe und nicht mal den Mund zum richtigen Text bewegen kann, und wenn ich die Melodie wusste, dann wusste ich den Text immer noch nicht.
Es war also zehn Minuten vor Konzertbeginn und meine Noten waren verschwunden. Meine Mitsaenger drehten sich schon weg, wenn ich mich ihnen zu sehr naeherte. So nervoes war ich geworden. Aber aus einem duesteren Hinterkaemmerchen meines Gehirnes kam eine neblige Erinnerung heraus, die mich an den Moment erinnern liessen, wo der Dirigent die Pause ankuendigte, und ich in der Eile meine Noten auf den Boden legte und zwei Stockwerke hinunterlief zum Rauchen. Die Noten mussten also noch vorne auf der Buehne liegen. Ich verliess unsere Garderobe und lief hinauf zum Konzertsaal. Der Saal war schon voll. Und zu meinem Glueck sah ich meine Notenmappe in der Ferne. Die Buehne war beleuchtet und und eine grosse Vase mit einer riesigen Pflanze stand in der Mitte der Buehne, worauf alle Scheinwerfer gerichtet waren. Und daneben, auf dem Boden, ganz schlampig hingeschmissen, meine schwarze Notenmappe. Ich konnte nichts tuhn. Ich konnte unmoeglich vor den tausend Leuten nach vorne auf die Buehne klettern und mir die Mappe holen. Aber das war in dem Moment wurscht. Ich wusste nun wo meine Noten waren, und ich braeuchte sie eh erst wenn ich da bei der riesigen Pflanze stand.
Fuenf Minuten spaeter kam der Auftritt. Erst die Baesse, dann die Tenoere, dazwischen irgendwo ich, der Hybride, der sowohl beide Stimmlagen singt, wie auch in beiden Choeren, dem Kammerchor und dem Philharmoniachor. Ich kam in der Mitte der Buehne an, sah die riesige Pflanze, aber, welch ein Schreck, meine Notenmappe lag nicht mehr da! Ich brach in Panik aus, wurstelte mich durch einige Mitsaenger, die mich genervt darauf hinwiesen, dass wir gerade vor tausend Leuten stuenden die uns anguckten, dann drehte sich mir ploetzlich jemand zu und fragte mich ob ich die Notemappe suchte, die er mir entgegenhielt. Ich weiss gar nicht mehr wer das gewesen ist, es muss daher wohl ein Engel gewesen sein. Dann blickte ich auf zum Publikum, und das Konzert fing an. Zigeunerbaron, Fledermaus, Tschaikowski, Verdi etcetera. Bis auf Verdi, alles fuerchterliches Material.
Eine Stunde spaeter kam die Pause und wir begaben uns in die Garderobe. Da ich aus dem Notendilemma gelernt hatte, legte ich meine Notenmappe in der Garderobe auf das Fluegel (ja ein Chor hat ein Fluegelklavier in der Garderobe stehen) und ging meine Stimme einraeuchern und ein paar Snacks vom Buffet naschen. Als die Pause um war, schritt ich zum Fluegel hin, nur um festzustellen, dass die verdammte Notenmappe nicht mehr da war. Ich singe ab jetzt nur noch Punkmusik dachte ich und stampfte auf den Boden. Ich lief zu meinen Mittenoeren und beklagte das Verschwinden meiner Mappe. Einer der Tenoere hielt mir meine Noten entgegen und sagte nur, dass er sie aus Vorsorge mal unter den Arm gesteckt haette. Er wolle ja nicht, dass ich nochmals so einen Tamtam auffuehren wuerde. Ich nahm die Noten grummend entgegen, ohne mich zu bedanken und wir stampften wieder los, hinauf in den Konzertsaal.
Nach der Pause sollte der Kammerchor singen. Das Halleluja aus Haendels Messias. Ein wunderbares Stueck, schade nur, dass wir heute lediglich vom Klavier begleitet wurden, es fehlten wirklich die Pauken und die Trompeten um das noetige Volumen zu bekommen. Wie auch immer, wir standen mit der kleinen Kammerchorbesetzung und dem Klavier im Scheinwerferlicht, wo sich voellig unangekuendigt und aufgeregt, meine Blase zu Worte meldete. Sie wollte pinkeln. Und zwar jetzt! Ich senkte die verwunschene Notmappe in meinen Schambereich und huepfte etwas ungeduldig, aber unauffaellig von einem Bein auf das andere. Ich haette es wissen koennen, ich hatte schliesslich vor zwei Stunden einen ganzen Liter Wasser getrunken. Das Halleluja wurde angekuendigt, also verwies ich meine Blase in die Puschen. Dann betrat der Dirigent sein Pult und ich merkte in dem Moment, dass ich meine Notenmappe noch gar nicht geoeffnet hatte. Hilfe, wo war das Halleluja nochmal? Ich blaetterte mich wild durch den ganzen Stapel, Verdi, Strauss, irgendwo dazwischen musste es ja sein. Das Klavier fing schon an. Ich guckte zum Nachbarn, aha, der hatte einen anderen Stapel! Genau, das gehoerte nicht zu den Operetten, sondern war ja vom Kammerchorrepertoir. Aber oh weh, hatte ich die Sachen vom Kammerchor ueberhaupt dabei? Und dann musste ich meine Stimme erheben: “Haaaaa-le-luja! Haaaaaa-le-luja!”, Scheisse, die Noten, die Noten, wo sind die Noten. Ich musste jetzt aufhoeren zu suchen, ich konnte nicht weitersuchen waehrend das Lied schon angefangen hatte und ich laut mitgroehlte. Ich kannte es ja mehr oder weniger auswendig. Bis auf ein paar Passagen, die ich zur Sicherheit etwas leise und verzoegert mitsingen wuerde. Aber genau da ging es schief. Da war ein Stueck in der ersten Haelfte wo der Tenor beim “For ever and ever”, einen unerwarteten Oktavensprung nach unten macht, und da ich mir jene gemeine Stelle nur in den Noten markiert hatte, aber nicht in meinem versengten Hirn, und ich mich bei der Stelle vom Bauchgefuehl her, aeusserst sicher fuehlte, ich natuerlich so laut und halleluja sang wie es nur ging, den Oktavensprung verpasste, und frohlockend jauchzte, waehrend alle Maenner sich in die tieferen Gefilde zurueckgezogen hatten. Es war unueberhoerbar gewesen, aber gar keine schlechte Verzierung - muss ich auch mal sagen.
Von da an wurde ich leiser. Es gab bestimmt mehrere solcher Stellen. Und ja, die gab es. Meiner Vorsicht wegen, gingen die aber in den Hintergrund unter.
Danach kam wieder der Kinderchor, einige Soli, und spaeter Verdi und Strauss, und irgendwann war alles vorbei, Applaus, Rosen, Verbeugungen, Dankesworte und ich konnte pinkeln und nach Hause.
Naechstesmal wieder Punkmusik.

Kommentare (3) zu “Halleluja”

  1. ich hab grad ganz schwitzige hände bekommen…

  2. Ich hab’ mal ein Musical getrommelt. Die meisten Stücke waren nicht besonders schwer und hatten sich schon in mein Gehirn eingebrannt. Allerdings die Ouvertüre, die gleichzeitig das erste und letzte zu spielende Stück war, hatte es in sich. Schlagzeugergerechte Pausen, immer wieder Einsätze allein, Aneinandereihungen von fiesen krummen Takten ohne Sinn und Verstand.

    Gelöst blätterte ich am (fast) Ende meine Noten um und schaute zuerst verwirrt und dann panisch auf den leeren Deckel des Notenordners. Auf den Fußboden. Hinter mich. Nichts. Ogott. Ich habe noch nie so geschwitzt zuvor. Letztendlich hab’ ich mich mehr oder minder durch die Passage gemogelt. Ich hätte auch gern leise spielen mögen, aber das ist bei Schlagzeugern ein wenig schwierig. Die Noten habe ich nie wieder gefunden. Wahrscheinlich war es ein böser Gauklerstreich.

  3. waren sie der einzige trommler der bande? das ist sehr schmerzhaft. in einem grossen chor kann man sich oft noch verstecken hinter der ganzen lautstaerkewand. im kammerchor geht das viel schlechter, da es da wirklich auf die einzelnen stimmen ankommt. aber als trommler… warum hat bloss noch niemand dieses loch erfunden worin man vom erdboden verschwiden kann. sie erfinden atombomben, fernseher, und mikrowellengrille und anderes unnuetzes zeuchs, aber keine solche loecher.

    herr nase, ich hoffe das nimmt ihnen jetzt nicht die freude am blogsingen. nur mut! :)

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