Ein Horizont da hinten
Ganz zufaellig war ich im Dezember auf jener Party in der Lutherotstrasse. Ich wollte eigentlich gar nicht hingehen, aber letztendlich war es doch die einzige Alternative des Abends. Ausser meine beiden Begleiter kannte ich dort niemanden, jedoch wurde ich beim Betreten der Wohnung gleich von einer derartig guten Laune uebermeistert, dass ich innerhalb einer halben Stunde gleich ein halbes Dutzend neuer Menschen kennengelernt hatte. Die Leute waren ungezweifelt nett und die Gespraeche sprudelten aus der Kehle heraus, wie das Bier hinuntersprudelte. Besonders lange unterhielt ich mich mit einem Paaerchen aus Wien. Ueber die Tuecken des Lebens und der Liebe und der Bitterkeit von allem Anderen.
Vor wenigen Tagen rief mich der Gastgeber jener Party ueber Umwege an, und sagte, dass er fuer seine Firma PHP- und Perl-Programmierer suchte, die sonst auch ein bisschen weitlaeufiger arbeiten koennten, wie etwa Projekt Management und auch zu Kunden duesen um sich mit denen zu unterhalten, und nebenher eventuell noch ein bisschen an UNIX rumfummeln koennen. Perl und PHP sind zwar nicht meine Staerke, aber auf meiner Liste stehen die ganz oben einsam an der Spitze und warten darauf bis ich mich in sie vertieft habe. Nach einem sehr anregenden Telefongespraech war ich begeistert, da die Firma anscheinend zum Grossteil von den Leuten von jener Feier bestueckt war. Jung, fidel, und keine geschniegelten Frisuren. Genau da wollte ich arbeiten.
Wir verabredeten uns gleich fuer ein Bewerbungsgespraech. “Ehm, soll ich noch meinen Lebenslauf mitnehmen?” - “Nunja, wenn du den hast, nimm ihn ruhig mit, brauchste aber nicht eigens dafuer zu schreiben”. Das war mal was anderes, als der Druck, eine saubere Bewerbungsmappe vorzuweisen, wobei man den Brief und den Lebenslauf, neununddreissigtausendmal durchliest, und nervoes herumkauend hofft, keinen Rechtschreibfehler zu uebersehen, und die man dann an einem besonderen Ort aufbewahrt, damit ja kein Knick oder uebergrosser Staubkruemel, den eh niemals jemand sieht, die Chancen auf eine Anstellung zunichte machen koennte. Ich machte mir schon Sorgen ob ich im schwarzen Anzug nicht zu geschniegelt daherkommen wuerde und ich mir nicht besser eine Jeans kaufen sollte, damit ich ja normal erschiene. Das mit der Jeans liess ich aber sein, da mich solche Hosen nicht besonders gut zieren.
Meine Vorgesetzte wuerde die Wienerin werden, jenige, mit der ich mich den halben Abend unterhalten hatte. Bei dieser Mitteilung wurde ich etwas nervoes. Oh Gott, Mek, worueber hast du an dem Abend gefaselt?. Das Bier war an dem Abend bald uebergegangen in Wein. Die Vodkaflasche hatte ich auch bald entdeckt gehabt. Nicht nur das - die Vodkaflasche stand lange Zeit im Radius meiner Armspanne! Ich schluckte. Aber ich musste wohl keinen allzu schlechten Eindruck gemacht haben, sonst haette man mich wohl kaum angerufen.
Dann kam das Gespraech gestern, der Aschenbecher stand schon bereit und wir unterhielten uns erstmal zu dritt. Er, sie und ich, und alles war gut. Sie nahm meinen Lebenslauf zur Hand, ueberflog ihn, und fragte dann, ohne aufzugucken: “Und was bedeutet der Punkt zu ‘Bei verschiedenen Projekten in Berlin, Zuerich, Mailand und Wien mitgearbeitet’? Ist das was du auf der Party meintest mit: ‘ich habe keine Ausbildung weil ich ein halbes Jahrzehnt lang nur Steine geschmissen, Haeuser besetzt und gesoffen habe?’”. Es war mir peinlich. Nein Mek, wie koenntest du mit ihr nur genau darueber sprechen? Du solltest wissen, dass man im Leben jedem zweimal begegnet. Von wem ist der Spruch nochmal? James Bond? Ich, aeh, ich, aeh, sagte, “ja genau”, laechelte etwas gequaelt, aber beide lachten sie mit. Das Laecheln kam mir ehrlich vor und so entspannte ich mich wieder.
Es verlief aber alles gut. Ich blieb noch lange, liess mir die Sachen zeigen, die sie entwickelten, und wir einigten uns darauf, dass ich erstmal in meinen Abendstunden, von zuhause aus, als Freelancer fuer sie arbeiten wuerde, sozusagen als Probezeit, und wenn alles gut verliefe, dann wuerde ich am ersten April angestellt werden.
Ein Horizont da hinten.

kid37 schrieb:
Klingt doch fantastisch. Wenn ich Ihnen Ihren Lebvenslauf kurz in curriculum vitae-Deutsch erläutern darf:
Ihre internationalen Projekte beschäftigten sich im Erfinden neuer Programmiersprachen fürs Internet (PUSCII), dynamischen Peer-to-Peer-Systemen wie “People Help People” (PHP), der usernahen Analyse von “growing markets” nach dem “grass-roots”-Prinzip sowie einer Simulations-Untersuchung der prozeduralen Strukturen “non-virtueller Domain-Grabber” (aka >i>Squatting v1.0 und Hausbesetzung v2.1).
Den nächsten Lebenslauf lassen Sie bitte mich aufpeppen. Viel Glück!
| 22. Januar 2005 — 14:54 | Permalink |
mekwito schrieb:
Vorgestern schrieben Sie, dass Sie sich auch umsuchen muessten. Sie waren mein Headhunter, haette ich jetzt nicht eine Aussicht. Schonmal versucht die Branche zu wechseln? Worte wie prozeduralen Strukturen non-virtueller Domain-Grabber bekommt keiner dieser Gleitmittelhead-hunter hin, die ich bisher kennengelernt habe. Da gaebe es bestimmt eine Luecke fuer Sie. Und ich wuerde mich durch Sie natuerlich gleich viel hoffnungsvoller durch die Welt bewegen, verloere ich meine Arbeit.
| 22. Januar 2005 — 16:13 | Permalink |
L9 schrieb:
Super! Des wird!
(…) ich ein halbes Jahrzehnt lang nur Steine geschmissen, Haeuser besetzt und gesoffen habe
*hihi* - und ein Gruss aus Chile - hab da leider bloss mal ne Ex-Rechts”terroristin”- “Steine fuer Rechts” aus der Allendezeit kennengelernt und mir permanent auf die ZUnge gebissen, bzw. einen blauen Fleck bekommen von Mikes Stoessen begleitet von seinem gezischelten “sag ja nichts, halt dich zurueck, ich kenn deinen Diskussions-Blick. B-I-I-T -T E die Frau ist unsere Vermieterin, ich moechte jetzt nicht auf der Strasse schlafen”. Tja, so isses, unsereiner haelt mittlerweile echt den Mund wenn er dafuer ein warmes Bett bekommt.
| 23. Januar 2005 — 20:11 | Permalink |
L9 schrieb:
…und shit, jetzt ist meine ganze Erzaehlung uerber die Rechtsterroristin aus der Allendezeit weg. *grr*. Jetzt Keine Zeitmehr, Gruss aus CHile!
| 23. Januar 2005 — 20:13 | Permalink |
mequito schrieb:
Der Code hatte bloss Probleme mit den Sonderzeichen. Habe die jetzt kursiv gemacht und schwupps, taucht der Terroristinnentext wieder auf :)
Das mit dem Mund halten fuer ein warmes Bett ist sone Sache die mir auch schon oefter durch den Kopf ging. Ich glaube nicht dass das an uns “aelteren” liegt (ich gehe davon aus, dass du das meinst, da du “mittlerweile” sagst), sondern es scheint mir eher der allgemeine Zeitgeist zu sein. Man will nicht mehr dogmatisch sein. In jeglicher Hinsicht. Politische Meinungen verflachen, greifen ineinander ueber. Man lebt nebeneinander und denkt sich “Mach was du willst, solange ich nichts damit zu tun habe”. Das hollaendische Modell. Leute mit einer lauten Meinung sind verpoent. Es geht uns wahrscheinlich allen (noch) zu gut. Hartz IV muss nun her!
Aber dir wuensche ich vor allem viel Spass in Chile.
| 23. Januar 2005 — 21:40 | Permalink |
klaxelk schrieb:
sehr gut das.
| 29. Januar 2005 — 14:55 | Permalink |
mequito schrieb:
Ah, Sie sagen es…
| 29. Januar 2005 — 17:31 | Permalink |