Alice
Ich unterhalte mich an Veranstaltungen wie Firmenpartys, Gallerieeröffnungen, oder ähnlichen sozialen Begebenheiten, in der Regel immer blendend, und vor allem reizt mich immer der Gedanke an guten Rotwein, Cocktails und herrliche Buffets in Überfluss. Stets eine willkommene Abwechslung zu meinen verwegenen Kochkünsten. Die gestrige Party hatte ich allerdings vergessen. Hätte ich mich daran erinnert, dann wäre ich vielleicht mit gewaschenen Haaren aufgetaucht, oder wenigstens sauberen Kleidern. Das einzig erfreuliche war, dass ich wiedermal vergessen hatte mir Brötchen mit auf die Arbeit zu nehmen, und zusätzlich hatte ich es in allerherrgottsfrühe auch noch verschlafen, sodass ich ohne Frühstück das Haus verliess, und mein Magen deshalb bei dieser Verkündung ganz aufgeregt vor sich hin schnurrte.
Man feierte auf Alice, da die Fabrik nun nach Berlin, München, Stuttgart und Frankfurt expandiert und das dunkelblonde DSL-Mädchen nun auch in anderen Städten als nur Hamburg, die Wände, Zeitungen, Hochhäuser, Baustellen und geheimen Mappen von pubertierenden Jugendlichen ziert.

Wie schön sie auch sein mag, ich war von ihr noch nie sonderlich angetan. Nicht weil ich es völligen Schwachsinn finde, eine hübsche, junge Frau als Marke für einen DSL Anschluss zu verkaufen, sondern weil mich diese gekünstelte Schönheit so vollkommen gleichgültig lässt. Das Mädchen ist siebzehn, werte Männer, wohnt im fernen Rom, lebt von ihrem abwesenden Lächeln und spart ihr Herz für den Prinzen im weissen Ferrari auf. Ich kenne diese italienischen Schnepfen zur Genüge, meine Lieben, da ist nichts mit unendlicher Liebe, oder Leidenschaft. Nein, da geht es um das Heiraten, mit einem grossen Bräutigamschatz im Kofferraum. Nichtmal kochen können sie.
Überdies bin ich mir sicher, dass sie in Wirklichkeit ganz anders aussieht. Fotoshop auf den Lippen und ein gekrümmtes Objektiv sind da im Spiel. Während all die Herrenscharen ganz hin und weg und ohnmächtig, sich die Werbeposter über das Büro hängen. Die ganze Fabrik ist voll davon. Und Hamburg auch. Und nun auch noch weitere Käffer in der Bundesrepublik.
Aber ich wollte essen. Und trinken.
Wir versammelten uns in einem gemieteten Saal. Gleich machte ich mich auf der Suche nach dem Buffet und den Cocktails. Überall nur hübsche, junge Frauen in breiten, roten Gürteln die uns den Weg zur Garderobe zeigten und auch sonst recht freundlich vor sich hin lächelten. Mal abgesehen davon, dass an deren Beinen viel zu wenig Fleisch hing, hatten sie auch sonst nicht viel mit Hunger zu tun.
Immerhin kamen aber bald die ersten jungen Damen mit roten Drinks auf dem Tablet heran. Wenn schon nichts gegen den Apetit, dann wenigstens gegen den Durst. Das sah nach irgendwas mit Blutorange aus. Vielleicht Vodka, oder Rum, oder gar Tequilla. Tequilla würde vielleicht nicht ganz so gut zu Blutorange passen, aber Vodka reichte mir vollkommen. Ich spurtete gleich los, zur nächsten ausgehungerten Dame hin, setzte mein heissestes Lächeln auf und erleichterte ihr Tablet um ein ganzes Glas. Sie ignorierte meine Hilfsbereitschaft. Sie hatte es eilig und ging auf die Menge zu. Das konnte nicht sein - das Glas Vodka-Blutorange war bloss der Anfang. Um meine Lippen zu befeuchten sozusagen. Ich brauchte gleich noch ein weiteres Glas, kippte den Inhalt des Glases über meine Zunge hinweg, rannte ihr hinterher, stellte das leere Glas auf ihr Tablet und nahm gleich das nächste.
Dann wurde es Zeit endlich mal das Buffet zu finden. Doch es gab nichts essbares weit und breit. Keine Platten mit Shushi, oder Rollmöpsen, oder Blätterteigdelikatessen. Welch eine Enttäuschung. Ich merkte bald, dass die Suche sinnlos war, und gesellte mich somit zu meinen Bekannten, die schon einen Stehtisch ergattert hatten und da ihr Revier markierten. Ich beschwerte mich über das fehlende Essen und trank wie ein ausgedurstetes Maultier an meinem Vodka-Blutorange. “Ja stimmt” sagte einer der Kollegen der auch mit einem Vodka-Blutorange verharrte “und nichtmal Alkohol schenken sie ein”.
Nach einigen zustimmenden Augenblicken, hielt ich inne und schielte in mein Glas. “Kein Alkohol, was?” dachte ich und hielt es an meine Nase. In der Tat, ich hatte in der Eile gar nicht gemerkt, dass dem Getränk der etwas beizige Geruch des Vodkas fehlte. Ich steckte meine Nase noch tiefer in das Glas und roch weder Tequilla noch Rum, noch irgendwas anderes gebranntes. Nur Blutorange und noch etwas fruchtiges das ich nicht identifizieren konnte. Nein, nichtmal Sekt oder sowas änliches schwamm darin herum. Dann meldete sich der Hunger wieder und ich wurde ungeduldig.
Die Feier sollte vom besonderen Gast aus Italien, dem Vorstandsvorsitzenden der Mutterfirma eröffnet werden. In der Zwischenzeit lief Alice über eine riesige Leinwand im Saal. Wie sie posierte, während des Fotoshootings zur Werbekampagne, Interviews gab auf Sat1 und vieles andere. Nur ein Kurzfilm der in einer ewigen Schleife abgespielt wurde. Alice hier und Alice da. Das DSL-Maedchen. Und viel zu mager. Mir war nach Fleisch. Fisch hätte es auch getan. Meinetwegen Obst, aber es gab immer noch kein Anzeichen einer auffahrenden Buffetkolonne. Den Männern schien der Hunger ausgetrieben zu sein. Die starrten bloss zur Leinwand und sabberten zu tänzelnden Knochen in einem braunschwarzen Kleid. Nichtmal den Alkohol schienen sie zu vermissen. Darum war Warten angesagt. Auf den Vorstandsvorsitzenden. Der würde uns begrüssen, uns einige aufmunternde Worte zusprechen, vielleicht einen Witz reissen, und dann würde bestimmt das Buffet vorgefahren werden. Ein bisschen warten konnte ich noch. Das bisschen warten, zog sich zu einer Stunde hin. Eine ganze Stunde ohne Buffet und mit Blutorangen-irgendwas. Und nervenden Kollegen. Während Alice immer noch ihre Knochen über die Leinwand schleuderte.
Doch auch das Warten hatte irgendwann ein Ende und das Licht wurde gedimmt. Vorne rechts wurde eine Türe erleuchtet und eine junge Dame in einem braunschwarzen Kleid und einer dunkelblonden Mähne sprang hervor. Oha, das war Alice! tänzelte die nicht noch eben auf der Leinwand herum? Einige hundert Männerkopfe beugten sich nach vorn und schienen wohl ebenso erstaunt wie ich. Das war ja eigentlich eine ganz nette Überrasschung. Sie hüpfte vor dem Publikum entlang, mit einem euphorischen, kindlichen Lachen auf ihrem Gesicht und betrat die Bühne.
“Hello Hamburg!” piepte sie herab. Die Männer waren nicht mehr zu halten. Ein lautes Jubeln und Klatschen brach aus. Viele standen auf und hoben ihre Arme. Die Frauen steckten mit bitterböser Miene die Köpfe zusammen oder guckten scheinbar uninteressiert in der Gegend herum.
“Hello Hamburg, I am sooooo excited to be here with you!” Das Tosen wurde immer lauter. “I am sooooo happy to be here in your sooooo beautiful city!” Ich hörte lautes stampfen der Füsse auf dem Boden. “You are all sooooo nice. Now I want to present you the CEO of Telecom Italia:” Sie rief den Namen des Typen, den ich wieder vergessen habe, verliess die Bühne und liess einen etwas älteren kahlen Mann an ihrer Stelle. Der euphorische Beifall verstummte innerhalb weniger Sekunden.
Es war etwas peinlich fuer den armen Herrn Vorstandsvorsitzenden, der glücklicherweise seine Haut rettete, indem er ganz sportlich zugab, dass er wohl nicht so spannend sei wie Alice.
Und damit fing ein uuuuuuuneeeendlicher Vortrag an. Zwanzig Minuten stand ich da, hinten in der Menge, schielte hin und wieder nach hinten, um ein Buffet zu erblicken, an welches ich mich heranschleichen könne, aber da das offensichtlich nicht kam, schmiss ich mich an eine dieser roten Servicedamen und fragte nach einem Blutorangendrink. Sie wies meine Nachfrage freundlich ab, dass während des Vortrages kein Getränkeausschank vorgesehen war. Ich fragte nach Cocktails, ob es die nachher geben würde.
“Ohja, natürlich” erwiderte sie. “Buffet auch?” fragte ich. “Ja natürlich, aber wir servieren auch ein ganzes Menu heuteabend. Gleich nach dem Vortrag.” “Aha, und wie lange dauert der noch?” wollte ich wissen. Ich hätte es vielleicht besser nicht fragen sollen. Vielleicht hätte ich es alles überstanden wenn ich die Dauer des Vortrages nicht gewusst hätte. Ich hatte ja schliesslich keine Uhr bei mir, wodurch ich in steter Hoffnung hätte leben können, dass der Vortrag jeden Moment vorbei hätte sein können. Vielleicht wäre die Zeit im Flug vergangen. Aber als sie “Zwei Stunden” sagte, zeigte mir der Magen einen Stinkefinger und schrie “Gib mir Döner”. Daraufhin war ich gezwungen die Veranstaltung zu verlassen. Und ich kam auch nicht wieder.

axelk schrieb:
wie spricht man den namen eigentlich aus ?
so italienisch: [alitsche]
oder wie aus dem wunderland: [älliss]
.. oder etwa [allitze] ??
fragen an den ders wissen muss.
| 17. February 2005 — 11:15 | Permalink |
kid37 schrieb:
Alissa hat mir schon geschrieben (zum Glück stehe ich nicht auf blond). Sie will es mir jetzt schneller besorgen. Und ich sage Euch was: Sie tut das auch! Ungefragt und ohne mehr dafür zu verlangen. Das finde ich gut, denn nur in diesem anderen Gewerbe wäre es für den Kunden von Vorteil, ließe sie sich mehr Zeit. So aber kann es gar nicht schnell genug gehen - und das tut es sogar bei mir im Ghetto, meilenweit vom nächsten Knotenpunkt entfernt.
Und: Wer auch mit dieser Dame ins Geschäft kommen will, mache das bitte über meinen Namen. Das soll zu unser aller Vorteil sein ;-)
| 17. February 2005 — 12:18 | Permalink |
mequito schrieb:
Älliss ist die richtige Aussprache, Herr K, aber was man da so von den Leuten hört, reicht von Allittsche bis hin zu “die doofe Schlampe”. Ich bin da sehr tolerant was die Benennung betrifft.
Kid, Sie wären ein geeigneter Stratege, die Älliss weiteren Zielgruppen anzuwerben. Ha, da hab ich schon wieder einen Beruf für Sie. Ich schlage vor wir teilen uns die Provision.
| 17. February 2005 — 18:33 | Permalink |
fabe schrieb:
vetternwirtschaft!
richtig so, von den großen lernen!
| 18. February 2005 — 11:24 | Permalink |
sakanachan schrieb:
wenn man von speed komplett zu alice wechselt, gilt das auch? faktisch wohl das gleiche…
| 19. February 2005 — 18:44 | Permalink |
mequito schrieb:
Leider nicht. Sonst könnten wir natürlich alle bloggende hartzvierler am Leben halten.
Man könnte aber kündigen und dann den Anschluss wieder neu bestellen. Sechs Wochen ohne Internetz und Telekram. Das fühlt sich bestimmt wie Urlaub an.
| 20. February 2005 — 09:02 | Permalink |