Keine Toten in Lübeck
Keine Toten in Lübeck. Witzigerweise ertappte ich die Hälfte des Chores beim Verlassen der Bühne, wie deren Augen aufgeregt die Publikumsbänke nach schlafenden Gästen durchsuchten. Nein so schlimm waren wir nicht. Ganz im Gegenteil.
Geärgert hat mich nur die gestrige Pflicht eine Weste zu tragen. Nichts gegen Westen, nein ganz und gar nicht. Ich trage liebend gerne schwarze Westen. Schwarzer Anzug, schwarze Weste, schwarze Schuhe, schwarze Haare, schwarze Phantasie. Nunja ganz schwarz ist meine Phantasie zwar nicht, jedoch sehr dreckig, und das ist auch dunkel. Aber ich habe aufgehört Westen zu tragen, nachdem mir Mal nahegelegt wurde, dass Westen nur schlanken Männern gut stünden, weil man sonst gleich dem Onkel von dem und dem gleichen würde. Wie die alten Männer auf Hochzeiten, die sich nach etlichen Gläsern Schnaps, junge und hübsche Mädls zum Tanzen erschnorren. Die Typen mit Schweissperlen auf der Glatze, bei denen die Knöpfe der Weste kurz vor dem Aufplatzen stehen. Die Typen, die beim zweiten Tanz, und vor lauter viel frischem Fleisch in den Armen, schon derartig ins Schwitzen geraten, dass sie zum heimlichen Abtrocknen immer diese riesigen weissen Taschentücher dabei haben.
Und nein, diese Art von Ästhetik liegt mir nun wirklich nicht. Weil ich aus den Bergen komme, werden mir zwar viele Schweinereien verziehen, aber irgendwo liegt eine Grenze, die ich selbst als grenzensprengender Südtiroler nicht überschreiten will.
Das ist nun anderthalb Jahre her. Und gestern war wieder Westentag.
Dass ich wieder zugenommen habe, wusste ich zwar, aber Sachen die man weiss, müssen ja nicht unbedingt wahr sein, und lassen sich deshalb immer votrefflich ins gute Gewissen hinüberschleusen.
Bis man dann wiedermal eine Weste anzieht.
Da ich mit Sport am besten gleich anfangen sollte, hielt ich mein Notenheft vor meinem Bauch und marschierte, wie ein richtiger Komponist, den Saal auf und ab, zerwuschelte mir die Haare, damit das auch alles noch ein wenig glaubwürdiger aussah, machte Streckübungen alsob ich mich entspannen müsste und hielt eine Jacke auf meinem Schoss wenn ich sass.
Und natürlich kam in der Pause auch wieder die fünfzigjährige Sopranistin für ihr tägliches Schwätzchen mit mir. Ich unterhalte mich in der Regel sehr gerne mit ihr, aber genau an diesem Tag brauchte sie nun wirklich nicht zu sagen: “Oha du hast ja ein Bäuchlein bekommen!”.
Beim singen ist es wichtig, dass der Körper entspannt ist und man tief Luft holen kann, damit der ganze Leib zum Klangkörper wird. Wenn ich das tat, dann sah ich die Westenknöpfe in den Knopflöchern verschwinden und zwischen meinem Blickfeld und den Füssen tat sich ein riesiger Ballon auf, der mir beim Pinkeln bald den Blick zum Pimmel versperren würde.
Dass mir die Sopranistin etwas später in den Bauch zwickte und augenzwinkernd sagte: “Keine Angst, das steht dir schon irgendwie” half in dem Moment auch nicht mehr.
Das hatte sie bestimmt auch ihrem Mann mal gesagt, vor dem Schlafengehen, bevor sie in wilde Träume mir Klaus Wussow versinkt.

hans-georg schrieb:
In welchem Saal seid ihr in Lübeck aufgetreten?
| 20. Maerz 2005 — 16:29 | Permalink |
mequito schrieb:
Ähm, den Namen habe ich jetzt vergessen. Konzerthalle? Kongresshalle? Ein grosses Gebäude aus Glas und Beton links vom Holstentor, wenn man von aussen auf die Innenstadt zufährt.
Oh, dieser Klaus Wussow heisst übrigens Klaus-Jürgen wurde mir gesagt. Kann ich ja nicht wissen.
| 21. Maerz 2005 — 00:11 | Permalink |
hans-georg schrieb:
das war die MuK in der ihr aufgetreten seid - Musik- und Kongresshalle. Danke für die Auskunft.
| 21. Maerz 2005 — 18:16 | Permalink |