Weltallreisen

Als ich ein kleiner Junge war, und noch Meki hiess, anstatt des weitaus grösseren “Mek”, der ich heute bin, wollte ich Astronaut werden. Oder Kaminkehrer, so genau konnte ich mich nicht entscheiden. Ich war sechs Jahre alt als mich der Lehrer nach meinem Berufswunsch fragte. Meine Schulkameraden wollten Bauer werden, oder Automechaniker, oder Metzger, für mich hingegen hatte das Schicksal schon lange festgelegt, dass ich Astronaut werden würde. In meiner silberblauen Rakete würde ich von Alpha Centauri bis zum Wassermann düsen, unter dem grossen Wagen hindurch, und die Marsmenschen auf Pollux würde ich mit meinen blinkenden Scheinwerfern im Vorbeirauschen grüssen. Ich hatte zwar keine Ahnung wie man Pollux schrieb, aber ich wusste genau wie ich dorthin kam. Nämlich unter dem grossen Wagen hindurch.
Meine Banknachbarin hiess Valeria. Es war zwar sehr ungewöhnlich, dass ein Junge und ein Mädchen zusammen in einer Schulbank sassen, aber Valeria und ich waren vom ersten Schultag an verliebt ineinander und hatten uns ohne viele Worte zu verlieren zusammen in die Bank gesetzt. Ob sie auch in mich verliebt gewesen ist, weiss ich bis heute nicht genau, wir haben kaum miteinander gesprochen, aber an jenem Tag, an dem ich vom Lehrer nach meinem Berufswunsch fragte, antwortete ich: “Ich will Astronaut werden und ich werde Valeria heiraten”.
Weil sie das ohne zu protestieren akzeptierte, schloss ich, dass sie auch in mich verliebt sein musste, und dass sie die Frage nach dem Berufswunsch mit “Hausfrau” beantwortete, stimmte mich überaus glücklich.
Ich malte mir Bilder von unserer gemeinsamen Zukunft in die Luft, wie ich frühmorgens nach einem Kuss auf Valerias Wange, in meine silberblaue Rakete stieg, zur Milchstrasse düste, abends wieder nach Hause kam und ihr einen rosaroten, lächelnden Ausserirdischendackel mit langen Antennen mitbrachte, der ihr tagsüber bei ihrer Hausfrauenarbeit behilflich sein konnte, oder ihr einfach Gesellschaft leisten würde, während ich die intergalaktischen Missionen erfüllte.

Gestern, also viele Jahre später, war ich im Planetarium, eingeladen von der Dame des Hauses. Vielleicht weil sie mir nicht meinen Kindheitstraum der Hausfrau an meiner Seite, erfüllen wollte, und mir deshalb einen Kurzausflug ins Weltall schenkte? Wer weiss. Ich sage euch aber: die Vorstellung im Hamburger Planetarium hat mich geradeaus ins All katapultiert! Der Hammer. Ein runder Saal mit etwa 200 Sitzplätzen, und Stühlen, die man weeeit nach hinten kippen kann und über dem Kopf eine riiiiiiesige Kuppel, auf der eine Weltraumdoku abgespielt wurde. Reisen durch den Andromedanebel, hunderte und tausende sich drehende Galaxien, in sekundenschnelle explodierende Supernovae, schwarze Löcher, die ganze Sternenhaufen absorbierten.
Ich lag da, starrte an die Decke, um mich herum nur Weltall soweit ich sehen konnte, verfolgte einige Sterne die an mir vorbeiflogen, oder eine sich merkürdig bewegende Galaxie rechts oben in meinem Blickwinkel und dachte an meine Hausfrau zuhause, die auf mein Heimkommen warten würde. Ich würde heute keine Zeit haben für rosarote Dackel, aber bestimmt ein andermal. So flog der kleine Meki und düste vor sich hin, in die unendlichen Weiten des Weltalls.

Bis von links ein kleiner Meteorit in meine Rakete knallte. “Du hast geschnarcht.” sagte der Meteorit. Ziemlich schnell realisierte ich jedoch, dass Meteoriten nicht sprechen können und blickte sogleich in die Augen meiner Begleiterin. Sie trug keinen Hausfrauenschurz.

Ich kann das Planetarium nur empfehlen. Momentan zeigen sie die Aufnahmen des Hubble Weltraumteleskopes, zu seinem fünzehnjährigen Jubiläum. Wirklich wunderschön.

Kommentare (5) zu “Weltallreisen”

  1. Hach!
    (Das war auch mein Jungentraum. Der rosarote Antennendeckel ist allerdings einmalig ihr Phantasieprodukt - herrlisch)

  2. AntennenDACKEL natürlich, sorry.

  3. Und, was ist aus Ihnen geworden? :)
    Ich hab mir später ein Fernrohr gekauft.

  4. Ich hab auch eines. Einen Newton-Reflektor, DN 114mm, liegt seit Jahren im Karton im Keller, schade! Und was Richtiges geworden bin ich auch nicht. Hatte ja zwischenzeitlich noch Hoffnungen auf den Posten eines Welterklärers, aber das Fisolofistudium wartete mit nichts dergleichem an seinem Ende auf, außer einem Haufen Schulden und Freunden, die einen nicht mehr verstanden.

  5. Der Posten eines Welterklärers! Wie schön, das wäre halbwegs eine würdige Alternative gewesen.
    Auf meinem Weg nach Orion bin ich bloss mehrmals in die Gosse gestürzt, und bin nie weiter als Madrid gekommen. Das Fernrohr liegt bei mir, wie auch bei Ihnen, bei allen nicht erreichten Zielen (und vielleicht auch bei allen Freunden die einen nicht mehr verstehen, das haben Sie sehr schön gesagt).

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