vom Essen
Wenn ich für einige Tage wegfahre, dann nehme ich immer etwas ab. Immer. Weil ich viel laufe und mich um andere Sachen kümmere als um das Essen. Auch in Italien, wo dauernd Knoblauch- und andere Gerüche durch die engen Strassen wehen, als würde dieses Volk nichts anderes tun als sich den ganzen Tag lang mit der Futterzubereitung zu beschäftigen. Die ersten neun Tage des Aufenthaltes in meiner Heimat waren auch dementsprechend gesund. Erst in Rom mehrere tausend Kilometer pro Tag gelaufen, zwischendurch ein paar frische Tomaten vom Markt gegessen, ein bisschen Melone mit Schinken und ab und zu eine Pizza oder Risotto mit Parmesankäse, so wie es sich halt gehört. In Südtirol war es ähnlich: viel gelaufen, bergab und bergauf, frische Tomaten, ab und zu Pizza und zwischendurch natürlich die übliche Pflichtkost - ein paar Stücke Speck.
Bis zum letzten Tag.
Eigentlich fing es schon am Vorabend des letzten Tages an. Ich war schonwieder bei Vater zum Essen eingeladen, irgendwas mit Spargeln hatte er zubereitet, ich sollte um neun Uhr zu ihm kommen. Also ging ich erstmal um acht zu Hello und Francesca, die ich schon seit zwei Jahren nicht mehr gesehen hatte, und die mittlerweile schon ihr zweites Kind bekommen hatten. Zwei gute Freunde, ehemalige Irokesenträger, die es jetzt in mein Bergkaff verschlagen hat und sich nun fröhlich vor sich hin vermehren. Sie waren gerade dabei Pizza zu backen und hatten Teig und geschnittenes Gemüse über den halben Tisch verstreut. Ich hatte kaum Hunger, und das bisschen Essenslust das in meinem Magen schlummerte, wollte ich für das Abendessen bei meinem Vater aufsparen.
Nachdem man sich mehrmals nach meinem Hunger informierte und ich mehrmals abgelehnt hatte, nach dem fünften Mal jedoch kleinlaut zugab eine kleine Ecke aus Francescas Teller haben zu wollen, nur der Neugierde wegen, weil selbstgemachte Pizza immer wieder äusserst spannend ist, vor allem für mich, der mittlerweile zum nordländischen Kartoffelesser mutiert ist, wurde mir kurzerhand ein Riesenstück Spargelpizza auf einem Teller zugeschoben. Während ich den Teller protestierend annahm, kleine Stücke davon abschnitt und behutsam prüfend in den Mund schob und vor lauter Gaumenfreude stöhnte, erzählte ich weiter von Hamburg, der Elbe und dem komischen deutschen Essen. Und bald darauf war auch schon mein Teller leer. Anschliessende Versuche mir eine weitere Riesenportion unterzuschieben scheiterten. Als Francesca nach dem Essen jedoch ihren halbleeren Teller beiseite schob, und ich während dem Erzählen dauernd meine Finger in ihre Pizza steckte um die Käsekrusten abzuziehen und daran zu kauen, wurde ich nach einiger Zeit aufgefordert doch einfach Messer und Gabel zu nehmen und die halbe Pizza aufzuessen. Nein, nein, nein, aber nach dem dritten “Nein”, nahm ich das Besteck und ass.
Daraufhin war es gleich neun Uhr und ich musste zu meinem Vater. Schon beim Öffnen der Haustür wurde ich von einem teuflischen Duft von Fleisch und hunderten verschiedener Kräuter überfallen und wäre dabei beinahe aus meinen Schuhen gekippt. Da mich mein Vater bei der Begrüssung umarmte, verhinderte er das Schlimmste. Obwohl ich wirklich keinerlei Hunger hatte, von Appetit will ich gar nicht sprechen, konnte ich das Essen natürlich nicht abschlagen. Als Vorspeise gab es Spargellasagne und als Hauptgericht einen riesigen Braten mit in Bratensosse geschmortem Gemüse. Und dazu natürlich südtiroler Lagreiner Rotwein, ein wunderbares Getränk. Wenn man bei meinem Vater zum Essen oder zum Trinken eingeladen ist, dann wird einem immer ungefragt Wein eingeschenkt und Essen unter die Nase geschoben, ob man will oder nicht. Wenn der Teller leer ist, kommt gleich die nächste Portion. Auch wenn man ausdrücklich ablehnt. Aus irgendeinem Grund hatte ich es geschafft, die Lasagne abzulehnen. Wie mir das gelungen ist, weiss ich immer noch nicht, aber vielleicht lag es am Braten, auf den er besonders stolz zu sein schien.
Also legten wir uns gleich mit dem Braten an. Die erste Portion ging noch ziemlich einfach runter. Zwischen dem letzten Stück Pizza und dem Braten war mittlerweile schon eine halbe Stunde vorübergegangen, da gab es also eine Lücke im Magen wo der noch reinpasste. Für die zweite Portion, die ich nicht schaffte abzulehnen, musste ich meine Sitzhaltung verändern, damit der Magen genug Expansionsraum zwischen Rippen, Herz und Leber bekam. Wie ich dritte Portion in mich reinbekommen habe, weiss ich nicht, und will ich eingetlich gar nicht wissen. Vielleicht hatte ich bloss Glück, dass ich wenig Wein getrunken hatte, und damit nicht unnötigen Platz im Bauch verschwendet hatte.
Dann rief Francesca an und sagte, dass sie ganz vergessen hatte zu sagen, dass sie und Hello morgen heiraten würden, und ich doch um zwei Uhr zum Festessen ins Gasthaus kommen solle. Ich war so verblüfft von dieser Meldung, dass ich meine Essensverabredung für den nächsten Tag augenblicklich vergass und einfach zusagte. Heiraten? Die beiden? Obwohl die beiden schon zwei Kinder hatten und mittlerweile seit sieben Jahren zusammen wohnten, fand ich das trotzdem sehr überraschend. Gut, um zwei Uhr Festessen. Danach viel mir ein, dass Mutter für mich am nächsten Tag zu Mittag kochen wollte. Den Spargelrisotto den sie mir versprochen hatte. Aber das würde schon gehen. Den Risotto sah ich als Hauptmahlzeit und das Festessen danach würde ja eh mehr ein Fest als ein Essen sein. So dachte ich mir das aus.
Am nächsten Tag sollte ich erstmal bei meinem Vater frühstücken, da er den Rest des Tages verhindert sei, mich jedoch vor meiner Abfahrt am Abend noch sehen wollte. Da ich vom vielen Essen jedoch schlecht geschlafen hatte, kam ich erst um zehn Uhr bei meinem Vater an, der inzwischen alles gedeckt hatte. Als Überraschung gab es neben Brot, Schinken, Käse, Speck, Ei und Marmelade auch die Spargellasagne von gestern. Die müsse ich unbedingt probieren, da habe er sich was besonderes einfallen lassen um sie schön saftig zu bekommen. Ich konnte das unmöglich abschlagen, da er weiss, wie gerne ich am Morgen Herzhaftes esse. Eine Ausrede wollte ich mir gar nicht einfallen lassen, weil ich wieder richtigen Hunger bekommen hatte, und ich mir für den Spargelrisotto zu Mittag schon was einfallen lassen würde. So ass ich das dreifache was ein normaler Mensch zum Frühstück verzehrt. Die Lasagne hatte er wirklich vortrefflich hinbekommen. Das Geheimnis der Saftigkeit war, dass er den Spargel mit dem Beschamel zuerst mit Weisswein kurz vorgekocht hatte, bevor er alles zwischen die Lasagneblätter gab. Ich war sehr angetan.
Um halb zwoelf rollte spazierte ich runter zum Weissen Rössl, in dem ich mich kurz mit dem Nachbarn meiner Mutter auf einen Kaffee verabredet hatte, weil er mit mir etwas wegen Hamburg besprechen wollte. Nur kurz, etwas wegen Reisebuchungen, das er als Reiseführer wissen musste. Im Weissen Rössl wollte mir die Wirtin ihren selbstgemachten Apfelstrudel aufdrängen. Ich sei doch so selten hier, und da oben im Norden gäbe es bestimmt keinen vernünftigen Apfelstrudel. Da hatte sie zwar vollkommen Recht, aber weil mich Süsses nicht sonderlich anzieht, beharrte ich auf mein forsches “Nein”. Auch dass er aus frischen Äpfeln gemacht war anstatt alter, vergammelter Restbestände (im Mai?) konnte mich nicht umstimmen. Erst als ich sagte, ich sei ja schon so dick geworden, dass ich nicht mehr ohne weiteres dauernd jede verführerisches Speise zu mir nehmen könne, gab sie endlich Ruhe. “Stimmt” sagte sie “du bist wirklich dick geworden”. Nicht gerade charmant, aber das kann man in den Bergen ja sowieso nicht erwarten.
Um Punkt zwölf war der Risotto bei Mutter an der Reihe. Ich will darauf gar nicht mehr näher eingehen. Die treue Leserschaft wird wissen, wie sehr Risotto mein Leben geprägt hat und wie sehr ich von Risotto schwärmen kann. Und dann erst recht, wenn Mutter ihn kocht. Ich will nur sagen, dass ich gleich drei Teller gegessen habe. Erst bloss eine bescheidene Portion, dann zwei etwas unbescheidenere. Und dazu ein Glas Lagrein dunkel.
Nach kurzem Packen der Koffer war auch schon die Hochzeit dran. Die Zeremonie war nicht festlich, bloss ein standesamtliches Ringetauschen, aber alle Anwesenden schienen eh nur auf das Fest im Gasthaus hinzufiebern. Viele alte Bekannte, Freunde und Verwandte tauchten auf und es war die hellste Freude sie alle wieder zu sprechen. Zuerst beim Aperitiv, dann beim Antipasto aus Schinken und Melone, dann bei der köstlichen Lasagne mit Schlutzkrapfen, dann beim Rinderbraten mit gedünstetem Gemüse, oder wahlweise Wienerschnitzel mit Pommes (ich nahm sie beide), und anschliessend beim Eisbecher. Soviel gab es zu reden. Eigentlich hätte mir schlecht sein müssen, aber Wein gab es ja nicht nur als Aperitiv, sondern auch dazwischendurch, und mein Magen musste sich wohl auch etwas ausgeweitet haben, noch vom Vortag. Es schien alles zu passen.
Um fünf kam die Stunde des Abschieds, Mutter holte mich ab und wir fuhren zum Zug nach Bozen. Beim Bahnhof fiel mir ein, dass ich noch unbedingt südtiroler Döner zu Dokumentationszwecken testen musste. Samt Foto und Geschmackstest hier im Weblog. Daraufhin die erstbeste (einzige?) Dönerbude neben dem Bahnhof betreten, Döner bestellt und kurz vor dem ersten Biss festgestellt, dass ich die Fotokamera im Auto vergessen hatte, und somit der ganze Dönertest sinnlos war. Wer will schon einen saftigen Testbericht ohne saftige Fotos? Den Döner habe ich dann etwas lieblos hinuntergewürgt, der Fotokamera wegen, damit ich nächstes Jahr beim Test unbelasteter zu Werke gehen kann. Ich war bloss etwas verärgert, dass ich jetzt sinnloserweise noch mehr in meinen Magen gestopft hatte. Aber es passte. Mir war weder schlecht noch sonstwas, einfach nur voll.
Und so stieg ich bald in den Zug, und schwor mir, die ganze nächste Woche keinen Bissen mehr zu mir zu nehmen. Bis der Zug durch Kufstein tuckerte, ich an das doofe Lied “Mein Städtchen Kufstein” denken musste, mir dann die Strophe vom “Weinerl aus Südtirol” einfiel, und ich gleich wieder an Essen dachte. Und zwar dachte ich an das leckere Brötchen oben im Rucksack, das mir meine Mutter für die Reise zubereitet hatte. Ein gewaltiges Leabele aus Roggen, mit einem Diameter von fünfundzwanzig Zentimetern, bestrichen mit Ricotta, vermischt mit Schnittlauch aus dem Garten, ein Blatt Salat und Käse aus dem Gadertal.
Ich stand kurz auf und öffnete meinen Rucksack.

Carsten schrieb:
Oh mein Gott …
| 23. May 2005 — 17:05 | Permalink |
Herr Paulsen schrieb:
Sie müssen ein sehr glücklicher Mensch sein, Mequito! Es ist noch nicht mal 8:00 Uhr und ich wässere hier schon meine Tastatur ein…
| 24. May 2005 — 07:54 | Permalink |
mulio schrieb:
ha, ich komm auch immer mit ein paar kilo mehr um die hüften aus südtirol zurück. aber ein problem ist bei mir oft auch der ständig latent vorhandene alkoholspiegel der sich bei mir dortn einstellt. weil am abend wird natürlich gefeiert wenn man die ganzen alten freunde wiedersieht, am morgen will ich dann meistens ganz unschuldig durch die stadt bummeln und da die stadt so klein ist trifft man sofort jemanden und ein “weißer” ist unvermeidlich. zum mittagessen am elterlichen tisch ists dann eh schon wurst und man trinkt ein glaserl roten mit, auch mit der familie will nämlich angestoßen sein.
vom außertourlichen feierlichkeiten a la hochzeiten ganz zu schweigen.
p.s.: hatte kürzlich ein wiedersehen anderer art mit dem hello: ein freund von mir hat nämlich eine dvd mit konzertvideos aus südtirol aus der zeit 1992-1994 zusammengestellt. darauf zu sehen hello beim wilden herumpogen auf dem meraner open-air, ein weiteres schmankerl ist der jürgen (R.I.P.), wie er bei den bozner chaostagen “e dai dio cane, gebbs enk a bissl a mossa!” ins micro rotzt. und auch der herr mequito scheint ganz kurz im bild zu sein.
da wurden viele alte erinnerungen wach :-)
| 24. May 2005 — 08:07 | Permalink |
mequito schrieb:
Demnächst gibt es wieder ein Knödelrezept hier. Knödel machen glücklich. Da nehm ich es her.
Es freut mich aber Ihren Hunger geweckt zu haben.
| 24. May 2005 — 10:32 | Permalink |
mequito schrieb:
Herr Mulio, schicken Sie mir unbedingt und sofort eine Kopie dieser DVD!
| 24. May 2005 — 10:34 | Permalink |
nase schrieb:
herr paulsen spricht mir aus der seele…
| 24. May 2005 — 10:58 | Permalink |
mulio schrieb:
hab leider keinen dvd-brenner, aber irgenwie werd ichs schon auf die reihe kriegen. auch meine erste reaktion war HABENWILL!!
| 24. May 2005 — 17:25 | Permalink |
Modeste schrieb:
Herr Mequito, sehen Sie mich in der kulinarischen Diaspora an der Spree vor Neid erblassen.
| 24. May 2005 — 19:10 | Permalink |