Springweg 23 – eine gruselige Trilogie mit coolen Untertiteln

Band II – die Rückkehr der Revolutionäre
(zu Band I geht es hierlang)

Eine Woche vor der zweiten Besetzung von Springweg 23 stand noch gar nicht fest wer überhaupt dort einziehen wollte. Jurij natürlich, der die ganze Aktion vorantrieb und eine junge Punkette namens Malentje, aber die versiffte Bande aus der Boorstraat war irgendwie anderweitig untergekommen. Richtig aktiv ein Haus zu besetzen verlangte schliesslich einige Einspannung, die die Meute aus der Boorstraat nicht oft aufzubringen vermochte. Einige zogen in die Bauwagen im ACU und hie und da gab es überall noch freie Zimmer. Utrecht zählte Ende der Neunziger Jahre immerhin etwa achtzig besetzte Häuser. Zu der Zeit stand auch die Räumung der Balistraat an. Die Strasse im Marokkanerviertel hinter dem Bahnhof. Schon alleine dort gab es mehr als zwanzig solcher Häuser. Die Leute in der Balistraat wohnten dort schon etliche Jahre und wurden nach einem jahrelangen juridischen Streit von der Stadt vor die Wahl gestellt ihre Häuser zu kaufen oder zu räumen. Viele entschlossen sich zu einem Kaufvertrag, doch einige wenige schauten sich wieder nach leeren Häusern um. Das lange, sichere Wohnen in der Balistraat hinterliess aber gewissen Spuren, viele die von der anstehenden Aktion am Springweg erfuhren und sich danach erkundigten, zeigten erst Interesse, waren dann auch bei der Besetzung dabei, als sie jedoch den riesigen Berg an Arbeit sahen und den fehlenden Komfort der ersten Zeit überdachten, verliessen sie alle Hals über Kopf das Haus. Witzigerweise blieb niemand aus der Balistraat im Springweg.

Am Tag der Besetzung war die Gruppe gross, natürlich waren alle aus meinem Haus anwesend, schon nur aus sentimentalen Gründen und weil Jurij unser Gast war, dann eigentlich sowieso jeder der bei der ersten Besetzung dabei war, ein gutes Dutzend aus der Balistraat, einige vereinzelte Dauerbesetzer die immer dabei waren und drei oder vier Hunde. Und Clumsy.
Das Aufbrechen der beiden Türen ging nicht ganz so einfach wie beim vorigen Mal. Der neue Besitzer hatte grosse Holzplatten an die Türen geschraubt, die ich nicht sofort weg bekam. Jurij hatte bei der linken Tür die selben Probleme, bekam dann Hilfe von einem Reservisten, der beim ersten Anzeichen von Problemen aus seiner Ecke sprang und das Brecheisen zückte. Auch das half nichts, es waren zu viele Schrauben im Türpfosten versenkt worden. Ich liess meine Tür sein und sprang ihnen bei. Ich steckte meine Stange unten hinter die Platte, Jurij in der Mitte beim Schloss und der Helfer fast ganz oben. Dann zweimal wippen und auf der “drei” rissen wir mit aller Kraft and der Platte, die laut samt den langen Schrauben aus dem Pfosten krachte.
Jurij sammelte sein Werkzeug vom Boden auf, während alle anderen Mitkämpfer aus den Hauseingängen und umliegenden Gassen hervorsprangen und zum Haus her liefen. Ein grosser Teil verschwand in der ersten Tür, und einige blieben stehen, weil wir abgesprochen hatten, dass die andere Hälfte in das andere Hausteil gehen sollten. Aber die verdammte Tür war immer noch dicht. Jurij suchte das Schiebeschloss in seiner Tasche um das an die erste Tür zu montieren, und der Helfer und ich eierten an der Platte der zweiten Tür herum, die sich nicht bewegen wollte. Wir brauchten Jurij, aber es war schwierig abzuschätzen was in jenem Moment wichtiger war. Die erste Tür von Innen zu verriegeln oder die zweite Tür aufzubekommen. Wenn die Polizei in jenem Moment auftauchte, dann musste eigentlich schon beides geschehen sein, weil wenn die zweite Tür nicht offen war, mussten wir alle durch die erste Tür ins Voderhaus, damit war der Rest aber nicht besetzt.
Und dann fingen drinnen im Haus die Hunde an zu bellen, es gab irgendwie Krach und Unruhe da drin, aber ich konnte mich nicht darum kümmern, die Tür musste auf. Und dann sah ich auch Clumsy unweit von mir, weil Roos auf meiner Seite des Hauses stand. Clumsy schickte sich wieder an merkwürdige Sachen zu machen, zog und jaulte. Ein anderer Hund stand auch dort der schon seit längerem zu bellen schien, so kam mir das jedenfalls vor. Jedoch wusste ich im Stress nicht ob der nun von Clumsy aufgesscheucht war oder gar von den lärmenden Hunden oben im Vorderhaus, oder – und bei dem Gedanken ging ich mir selbst schon auf die Nerven – gab es da tatsächlich Gespenster?
Ich schlug meinem Helfer vor, tief durchzuatmen und ein anderes System zu testen. Stück für Stück, an zwei Schrauben gleichzeitig mit zwei Brecheisen die Platte erstmal zu lockern. Wenn wir es bis dann nicht schafften, dann sei Jurij mit dem Schiebeshloss fertig und würde uns helfen. Gesagt getan, immer paarweise von unten nach oben, zweimal wackelten wir die ganze Schraubenrunde ab und als wir dann beschlossen zu zweit anzusetzen, löste sich die Platte ohne jegliche Widerrede wie Pappe vom Türpfosten.
Die Tür hinter der Platte war geschlossen. Sie konnte aber nicht abgeschlossen sein, weil ich das letzte Mal beim Verlassen des Hauses alle Schlösser abmontiert hatte. Überdies sah ich, dass kein neues Schloss angebracht war. Nägel und Schrauben sah ich keine, also musste sie bloss klemmen. Ich nahm Anlauf und warf das gesamte Gewicht meines Körpers gegen die Tür, die ging mit einem ächzenden quietschen sofort auf und da ich zu viel Kraft angewendet hatte, stolperte ich in weit den dunklen Hausflur hinein. Als ich zum Stillstand gekommen war, stand dort in der Finsternis ein grosser, junger Mann mit zersausten Haaren vor mir, der mich von allen Geistern verlassen ansah.
Ich blickte ihm in seine weit aufgerissenen Augen, weil das, neben dem Umriss seines gefühlten doppelten Körperumfangs, das einzige war, das ich dort weit drin im dunklen Flur einigermassen deutlich erkennen konnte. Nach einem sekundenlangen Zögern kam er mir mit einem etwas steifen Schritt entgegen und streckte seine Hand aus. Ich war in dem Moment erstarrt und in Gedanken war ich schon meilenweit davongelaufen. Ich glaube er wollte mir etwas sagen, aber bevor es dazu hätte kommen können, polterte schon die ganze Meute der anderen Besetzer von hinten nach, in den Flur gestürmt, an mir vorbei, an die Gestalt vorbei und mir zwängte sich die Frage auf ob ich nun wirklich der einzige war der ihn sehen konnte. Ich hörte meinen Namen rufen, vorne an der Tür brauchte man meine Hilfe mit dem Schloss, aber ich hatte bereits Wurzeln geschlagen. Stattdessen umging mich die grosse Gestalt und machte sich ganz selbstverständlich an der Tür behilflich.

Die Lage im Haus war angespannt. Normalerweise beruhigen sich die Gemüter sobald der Riegel vorgeschoben ist. Man setzt sich hin oder besichtigt erstmal die nei eroberten Räume, trinkt Kaffee, fängt mit kleineren Räumarbeiten an und wartet erstmal auf den ersten Besuch der Polizei. Doch im Vorderhaus bellten die Hunde und man hörte es oben poltern. Oben, weil das sogenannte Wohnzimmer des hinteren Teiles des Hauses sich genau unter dem Vorderhaus befand. Das Vorderhaus war in diesem Sinne gar nicht wirklich das Vorderhaus, sondern belegte lediglich die vordere Seite des Vorderhauses, das heisst, alle Zimmer die auf die Strasse schauten hatten eine eigene Haustür und waren mit einem eigenen Treppenhaus verbunden. Das war die Nummer 23bis. Das sogenannte Hinterhaus war der ganze Rest, also das Parterre, die Hinterseite des Vorderhauses, der Seitenflügel, der Hof und das hintere Gebäude, die Schlachtscheune. Wir sassen also Hauptsächlich im Parterre, dieses grosse Wohnzimmer, was früher vielleicht der Laden gewesen ist. Vorne war der Giebel mit einer grossen Holzplatte zugenagelt, aber es kam genügend Licht aus dem Hinerhof. Und im Laden konnten wir die Hunde von oben hören. Bei uns unten sassen zwei Hunde die sich zwar über den Lärm der Artgenossen zu wundern schienen, sich sonst aber vorerst sehr ruhig verhielten. Nur Clumsy war wieder davongelaufen. So sagte man mir.

Die Gestalt, der ich im Flur begegnet war, war natürlich auch allen anderen aufgefallen, weil es ja keine Gespenster gibt. Er war einigen sogar bekannt, hiess Karel und war irgendwie reibungslos in der Besetzergruppe aufgegangen. Er half mit bei den Räumarbeiten, kochte auf dem Gasbrenner Kaffee und schien auch sonst recht eifrig unterwegs zu sein.
Unsere Hunde fingen erst an als es oben aufhörte. Wir sassen in der Runde auf einigen miefigen Sofas und Stühlen im Parterre, die noch vom letzten Mal zu einer Sitzecke zusammengeschoben waren und tranken Kaffee, als unsere beiden Hunde plötzlich gleichzeitig ihre Köpfe gegen die Wand drehten, augenblicklich aufsprangen und anfingen die Wand anzubellen.
Einfach so die Wand. Dabei schienen sie einen unsichtbaren Punkt anzubellen, der sich langsam an der Wand entlang zu bewegen schien, weil die Hunde erst nebeneinander nach links oben bellten und sich langsam nach rechts unten hinbewegten. Hart und kämpferisch gaben sie sich, als würden sie als miltantes Doppelpack einem immaginären Feind den Weg versperren. Rechts unten angekommen schien dieser immaginäre Punkt kurz verweilen, die beiden Hunde wurden dabei noch lauter und böser. etwa zehn Sekunden nur, dann baumten sich die Hunde auf, weil dieser Punkt sich nach oben hin bewegte.
Als die Hunde schon fast die Decke anzubellen schienen, hörten sie plötzlich auf, knurrten nur noch ein wenig und schauten zu uns herüber. Eine Dosenbierpunkette rief ihren Hund, dieser stellte sich laut schnaufend neben sie auf den Hinterbeinen und schielte dauernd zu seinem Kumpanen.
Wir, etwa sieben oder acht Menschen die dort auf dem Sofa sassen, hatten alle mit offenen Mündern die kurze, etwa zwei Minuten dauernde Vorstellung verfolgt, wagten kein Wort zu sagen, sondern sassen sprachlos da, und versuchten erstmal die Tasse Kaffee auszutrinken ohne allzuviel zu zittern.
Wir sprachen vorerst nicht darüber. Schon wenige Sekunden nachdem unsere Hunde mit dem Bellen aufgehört hatten, ging es oben wieder weiter. Auf der rechten Seite an der Decke polterte es, wahrscheinlich die Hunde, und das Gekohle ging von vorne los.

Es dauerte noch fünf Minuten an und dann war vorläufig Ruhe. Später kam Jurij nach unten und wir liefen in die Zimmer des Seitenflügels und besprachen, dass diese wohl als erste wenigstens Wetterfest gemacht werden mussten. Der gesamte Seitenflügel, der nur zwei Stockwerke hoch war, hatte die grössten Schäden die auf das Wetter zurückzuführen seien. Regen ist nämlich der schlimmste aller Hausvernichter. Der Regen frisst sich in das Holz ein, weicht alles auf, lässt schimmeln, das Holz morsch werden und alles andere vermodern. Wasser frisst mit der Zeit richtige Löcher aus dem Boden durch die man dann hinunterwinken kann, vorausgesetzt es sich jemand darunter befindet, der dann auch zurückwinken kann. Und im Winter gibt es dann Risse, insbesondere in diese leeren Häusern in denen es im Winter auch friert, da ja nicht geheizt wird. Das Dach hatte an mehreren Stellen kleine Lecks, durch die der Flur und alle Zimmer morsche Stellen auf dem Boden bekommen hatten. Vor allem im Flur gab es Stellen an denen wir Bretter hinlegten, weil es gut sein konnte, dass sich jemand beim Darüberlaufen plötzlich ein Stockwerk tiefer befinden würde. Das hinterste Zimmer hatte gar ei zwanzig Zentimeter breites Loch im Boden und in der Decke, obwohl der Rest des Bodens dort relativ gut beinander war. Es regnete dort halt richtig rein. Ein Dach zu reparieren ist immer teuer. Jedenfalls wenn man es gut machen will und dauerhaft. Mit Dauerhaftigkeit ist es bei Besetzungen immer so eine Sache, aber “gut”, das kriegt man meistens schon hin. Ich schlug ihm vor, erstmal Planen über das Dach zu spannen. Ich hatte noch reichlich Planen in der Lange Nieuwstraat liegen. Über das ganze Dach des Seitenflügels, weil man die kleinen undichten Stellen kaum ausmachen kann. Ein geteertes Dach sieht nämlich immer nach Löchern aus. Jurij zog tief an seiner Zigarette und wechselte ganz plötzlich das Thema. Er habe vor, so sagte er, das Haus nicht zu verlassen wenn wir am Abend die Meldung der Räumung bekommen würden. Er möchte hier eigentlich gar nicht mehr wegziehen, das Haus sei genau richtig für ihn, er möge die Nachbarschaft, die verwinkelten Gänge des Hauses und überhaupt alles, so genau ihn den Details wisse er es auch nicht. Und obwohl man kaum etwas über den neuen Besitzer wusste, schien es ihm nicht als wollte der nun wirklich bald etwas machen. So ein 0815 Spekulant eben, der wahrscheinlich Porsche fuhr und gerade ein wenig mit seinen ersten Häusleins spekulierte. So einer müsste sein Handwerk noch richtig kennenlernen und mal auf die Fresse fallen, damit er es sich nochmal überlegt. Wenn ich, Malentje und Alex aus der Nikolaasstraat bleiben würden, dann würde er die Konfrontation angehen. Wir vier würden den Rest schon dazu bewegen können.
Nun war es in Utrecht nicht wirklich schwierig jemanden zu einer spektakulären Räumung oder eben zu einer spektakulären Nicht-Räumung zu überreden, man brauchte eigentlich nur abends in ein Besetzercafe zu gehen und zu sagen, dass man bleiben wolle, man solle am Räumungstag doch mit Hausrat, brennbarem Material und dicken Jacken vorbeikommen. Dann leuchteten die meisten männlichen Augen hell auf. Mit einem Drittel der aufleuchtenden Augen konnte man dann auch rechnen. Es bedarf bei einer grossen Räumung lediglich jemanden der dazu aufrief und tagelang über nichts anderes mehr reden wollte. Damit sich das Wort verbreitete. Der Rest lief dann von selbst. Obwohl der Grund des Bleibens sehr dürftig war, sagte ich ohne zu zögern zu: Wir bleiben.

Nachdem die Polizei am Morgen Leerstand überprüft hatte, kam sie am frühen Nachmittag schon zurück und meldete die juridische Duldung der Besetzung. Der neue Besitzer konnte keine Nutzung des Hauses vorweisen und sein Recht als Hausbesitzer wurde somit vorläufig beiseite geschoben. Nach der ganzen Lust auf Lärm kam diese Aussprache überraschend. Ab jetzt gab es also Hausfrieden, Recht auf Wasser und Strom und wenn der Besitzer sein Haus zurückhaben wollte, dann musste er eine Klage eindienen die dann zum Prozess führen würde, und letztendlich in den meisten Fällen auch gewinnen. Da vergingen meistens Monate und in einigen Fällen Jahre. Und in einzelnen, sogar Jahrzehnte. Es gab kleine juristische Tricks mit denen man sich bedienen konnte, die die Zeiten etwas in die Länge zogen, manchmal musste man mit Pflastersteinen bei den Fensterscheiben der Anwälte ein wenig nachhelfen und bei manchen ekligen Besitzern brannte schon mal der Porsche, vor allem wenn sie mit lächerlichen Räumungsgründen daherkamen. Oder bloss weil sie Porsche fuhren und eklig waren.
An jenem Tag war aber Feierstimmung am Springweg. Die Nachbarinnen der ersten Besetzung hatten sich seit Mittag auch wieder um das Haus herum versammelt und brachten nach der Verkündung der Polizei noch belegte Brötchen vorbei. Für die Nacht, weil wir ja gut schlafen sollten, damit wir morgen wieder bei Kräften sein würden, wenn wir anfangen würden, den ganzen Müll aus dem Haus zu schaufeln. Von Ausschlafen und arbeiten wollten wir vorerst aber nichts wissen, sondern wir verschlangen die Brötchen, danach spendierten wir aus der Lange Nieuwstraat eine Kiste Bier, danach noch eine und irgendwann holten wir beim Spanier in der Strasse eine Flasche Wein nach der anderen.

Weil es noch keine feste Bewohnergruppe gab, blieben viele Leute in der ersten Nacht dort schlafen. Aus Solidarität. Die erste Nacht ist immer etwas schwierig. Das Haus ist neu, es gibt meistens keine Stromschalter und man weiss auch meistens nicht wie der Hausbesitzer mit dieser Situation umgehen würde. Es gab schon genügend Geschichten von Schlägertruppen, dass man wenigstens in der ersten Nacht das Gefühl haben wollte, in der Überzahl zu sein. Beim nächtlichen Umtrunk im ersten Geschoss des Vorderhauses verkündete Karel, die etwas verwirrende Gestalt im dunklen Flur, dass er da eigentlich ganz gerne wohnen bleiben möchte. Mir war er suspekt. Er hatte diesen Blick eines Irren den ich nicht traute. Auch redete er nicht viel, und wenn er etwas sagte, dann sprach er mit einer monotonen Stimme und einem verwirrten Blick, wie es nur Irre aus Film und Fernsehen zu tun pflegen. Ich mochte ihn nicht, aber die Entscheidung ihn in das Gemäuer des Springwegs aufzunehmen, lag nicht an mir, ich sass ja warm und freudig an der Lange Nieuwstraat. Es stellte dich heraus, dass Karel momentan kein Zuhause hatte und schon seit einigen Tagen im Springweg 23 schlief. Er hatte eine leise Einstiegsmöglichkeit an der rechten Seite des Hauses gefunden gehabt, durch ein Loch in der Mauer vom Gelände des ehemaligen Deutschen Ritterordens her. Jurij lachte laut auf und scherzte, dass er dann also der Urbesetzer des Springwegs sei, und natürlich könne er bleiben und er solle ihm doch noch eine Flasche Bier herüberreichen.

Irgendwann war ich eingeschlafen, auf einem grossen Kissen in dem ich mich vorher schon biertrinkend hineingekuschelt hatte. Ich weiss nicht wie spät es gewesen ist als ich aufgewacht war, es war jedenfalls noch stockdunkel, obwohl es damals August war und die Nächte somit noch kurz. Wir waren nur noch zu viert im Zimmer oben, die anderen hatten sich wahrscheinlich unten auf die miefigen Sofas gelegt. Ich war von Castros Knurren aufgewacht, der unweit von mir mit aufgestützten Vorderpfoten an die Decke starrte. Als er bemerkte dass ich wach war, sah er mich an und stand auf, blieb jedoch an der selben Stelle stehen. Oben hörte ich langsame und schwere Schritte an der Decke, irgend ein Holzmöbel wurde herumgeschoben, machte dabei einen furchtbaren und unnötigen Lärm, dann war für einige Augenblicke Ruhe, und danach hörte ich ein lautes Poltern dieses Holzmöbels. In dem Moment bellte Castro drauflos. Die restlichen vier Schlafenden regten sich und stöhnten, Jurij befahl seinem Hund seine Schnauze zu halten. Dieser folgte seinem Befehl nur widerwillig, bellte erst etwas leiser, hörte jedoch ganz damit auf als er merkte, dass sein Herrchen wieder eingeschlafen war.
In dem Moment war ich wach wie ein Hase, oder meinetwegen wach wie Espenlaub. Ich räusperte mich und sagte etwas davon, dass da oben jemand herumliefe, aber meine Stimme klang so einsam in diesem Zimmer, dass ich es gar nicht mehr wagte zu wiederholen. Der Satz blieb unerhört.
Dann ging mir dieser verdammte Gespensterkrams auf die Nerven, ich nahm mein Brecheisen in die Hand, zündete mir eine Kerze an und zog Catsro an seinem Halsband mit in das Treppenhaus nach oben. Castro lief hinter mir. Ein treuer, wenn auch nur halbmutiger Geselle. Ich hasste es, mich nachts in schwachem Kerzenschein durch dieses Haus zu schleichen. Vor allem weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass da oben in jenem Zimmer sich tatsächlich jemand von uns schlafengelegt haben würde, weil da oben gab es keine Sofas, oder Kissen. Nicht einmal einen Teppich, der einen ein wenig Wärme spenden konnte und Schlafsäcke hatte sich niemand besorgt soweit ich wusste, es war ja August. Es gab da oben nichts. Ausser diesen umgefallenen Stuhl, aus Holz.
Als ich das Zimmer betrat sah ich erstmal überall Geister und Gespenster. Der Schein der Kerze malte überall flackernde und umherirrende Ungeheuer an die Wand. Der umgefallene Stuhl zog verschiedene lange und bewegende Schatten und die Stützbalken an den rissigen Wände taten das ihre. Ich merkte, dass Castro das Zimmer nicht betreten hatte, sondern draussen im Treppenhaus stehengeblieben war. Ich ging nicht weit in das Zimmer hinein, sondern vergewisserte mich nur mit der Brechstange in der rechten Hand, dass hier keine Schlägertruppe eingebrochen war, die uns gleich im Schlaf überfallen würde.
Ich sah niemanden und deshalb drehte ich mich schleunigst um und eilte zurück ins Treppenhaus, mit diesem kalten Gefühl im Nacken, dass es hinter mir wieder dunkel geworden war. Ich beschloss den Rest der Nacht wachend im Parterre zu verbringen. Vorne bei der Tür. Ab und zu ging ich hinaus und rauchte eine Zigarette. Castro blieb bis zum Morgengrauen bei mir. Auch ihm schien es unten wesentlich besser zu gefallen.

(zum ersten Band der Trilogie)

(der nächste Teil demnächst, vielleicht morgen oder übermorgen, oderso, wobei ich ganz besonders auf das “oderso” verweisen möchte.)

(Aktualisiert: Teil3)

10 Comments

  1. Wenn ich jetzt gleich nicht schlafen kann, weiß ich auch, warum.
    Dieses kalte Gefühl im Nacken kenne ich nur zu gut. Um so mehr bewundere ich Ihren Mut, da allein hoch gegangen zu sein.

  2. Wenn man sich einbildet, dass es oben nicht spukt, sondern bloss ein Schlägertrupp sich neu formiert, dann geht das schon. Man muss sich nur Prioritäten setzen. Von schlafen war danach natürlich keine Rede mehr. Und warum hat man auch immer diese doofen Kerzen bei sich. Das fragte ich mich jedenfalls immer in den Filmen.

  3. Frau Modeste, ich verneige mich. Und natürlich auch vor den anderen guten Zusprüchen. Aber sagen Sie mal, wann geht es drüben bei Ihnen eigentlich wieder weiter?

  4. Nie habe ich gewusste, wie man denn Häuser besetzt, und Türen aufhebelt. Dank ihren Bemühungen bin ich im Bilde.
    Der Raum mit dem Gruselfaktor macht mich natürlich unruhig und so harre ich der Dinge, und frag mich, ob die Geister Ratten sind oder echte Untote. Das vereinfacht nichts, ich weiß, doch hätte ich bitte gerne schnell den Dritten Teil.Vielleicht bald oder morgen oder so?

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