trautes Heim, Glück allein [Statistik]

Danziger Straße.
Ich will in der Danziger wohnen. Wollte ich immer schon. Obwohl Provisionsfrei, empfängt mich ein Makler. Einer von der Sorte Seifenblase. Er redet den Lärm schön und die fehlende Sonne. Ich mag die Wohnung trotzdem sehr, der Lärm stört mich nicht, aber schlafen würde ich gerne nach hinten raus, beim Schlafen möchte ich den Lärm lediglich indirekt hören. Sozusagen. Was jedoch mangels eines fehlenden Zimmers nach hinten ein bisschen umständlich werden könnte. Der Makler sagt, wenn man die Fenster schließe, dann sei der Lärm wie verschluckt. Er schließt die Fenster und ich warte auf das Schlucken. Selbstredend vergeblich.
Irgendwie stört mich der Lärm trotzdem nicht, doch finde ich die Miete zu hoch. Ich frage den Makler wie nun weiter zu verfahren sei. Er zeigt mir Formulare, die ich ihm bei Interesse einfach zufaxen solle. Er fügt hinzu, dass die Wohnung zwar Provisionsfrei sei, aber wenn ich wolle — gegen eine Maklerprovision würde er sich natürlich nicht wehren. Und lächelt dabei wie eine Seifenblase. Oder zumindest würden Seifenblasen so lächeln wenn sie Makler wären.
Ich überlege kurz, dem Makler zu sagen ich würde ihm Provision bezahlen wenn er beim Besitzer die Miete um fünfzig Euro drücken könne. Der Lärm, der Lärm, Sie wissen schon. Aber ich lasse es sein. Ich weiß nicht wem ich das Geld weniger gönne; lächelnden Maklern oder wuchernden Vermietern.

Schonhauser Allee.
Ein Loch.

Gaudystraße.
Eigentlich auch ein Loch. Aber ein hübsches Loch. Julietta findet das Loch passe irgendwie zu mir. Sie vermeidet dabei das Wort Loch und umgeht dies mit der Beschreibung, die Wohnung sei ein bißchen dunkel und mürrisch aber irgendwie charmant. Ich denke lange darüber nach was sie wohl mit mürrisch meinen könnte wenn sie über Wohnungen redet. Etwas in mir drin sagt mir, dass das schon in Ordnung sei.
Die Wohnung wurde als renoviert angepriesen. Frau Staller von der Hausverwaltung, eine 50jährige, biedere, und nur im ersten Moment freundlich wirkende Dame, entdeckt die leckende Wasserleitung unter der Spüle — rein zufällig — mit routiniertem Entsetzen. Sie mag es nicht wenn man sie auf den unrenovierten Zustand der Wohnung hinweist. Sie wird ungastlich.

Schliemannstraße.
Ein Loch ohnegleichen.

Stargarder Straße.
Eine hübsche Wohnung auf der Hinterseite des Hinterhauses. Der Hausmeister, ein 45-järiger freundlicher Mann öffnet die Tür und bittet mich herein. Es ist Sonntag und er trägt einen Blaumann. Dienstbeflissen, denke ich. Er zeigt mir die Wohnung und redet ununterbrochen, von den Mietern, von der Schule vor der ich keine Angst zu haben bräuchte, da der Schulhof mit den spielenden Kindern letztes Jahr auf die andere Seite des Gebäudes verlegt worden sei. Es sei hier schön ruhig, so versichert er mir. Ich weiß nicht ob ich Ruhe brauche, nicke aber. Dann schwärmt er vom neuen Grün im Innenhof, wie sauber das jetzt alles sei, schön angelegt, endlich die großen Bäume weg, dafür jetzt diese hübschen kleinen Büsche die man quadratisch schneiden kann. Wie frisieren sei das, fügt er hinzu und ich glaube kurz ein Flackern der künstlerischen Begeisterung in seinen Augen leuchten zu sehen. Dann erzählt er, dass man ihm diese Wohnung auch schon angeboten habe, er sie aber letztendlich ablehnen musste, da er als Hausmeister einen Blick auf den Hof haben müsse, haben wolle. Es könne ja nicht sein, dass er nicht wisse was da so abgehe.
Ich beschließe die schöne, ruhige Wohnung eine schöne, ruhige Wohung sein zu lassen und gehe zu meinem nächsten Termin.

Stubbenkammerstraße.
die Anzeige sagt: TRAUMHAFTE WOHNUNG FÜR INDIVIDUALISTEN IN TRENDIGEM SZENEKIEZ.
Ich beschließe nicht hinzugehen.

Schönhauser Allee.
die Anzeige sagt 115 Quadratmeter für 320€. Zwei Nettokaltmieten für den Makler. Ich beschließe den Makler auf seinem Loch sitzen zu lassen.

Wolliner Straße
Vormieter sucht Nachmieter. Hübsches und helles Ding, nahe an der ehemaligen Mauer. Ich wollte immer schon nahe an der ehemaligen Mauer wohnen. Ich muss in Berlin immer wissen wo die Mauer früher stand und ob ich mich gerade im ehemaligen Osten befinde oder im Westen. Sonst fühle ich mich unglücklich. Berlin und die Geschichte mit der Mauer ist für mich wichtig. Zudem dachte ich mir, es sei ein toller Moment wenn mich meine Mutter besuchen kommt und ich ihr sagen kann, siehe da Mama, hier am Ende der Straße stand die Mauer, da ab dem Kirschbaum. Das ist so statisch, das mag ich.
Die Wohung ist ein bißchen klein vielleicht, aber ich bin sofort verliebt. Der Vormieter erklärt mir die Wohnung, er hat so gut wie alles selbst gebaut und spricht ein sehr eckiges “Icke” wenn er betont was alles von ihm stamme. Die Dusche, das Podest, die Küche, die Regale, alles Icke. Und wie dolle das auf den Mietpreis drücke. Ich gebe zu, dass ich lieber einem Vormieter fettes Geld für Abstand in die Hand drücke als Maklern das selbe Geld für die Vermittlung. Mündige Mieter sind das A und das O der Revolution. Ich strahle die ganze Zeit über, ich wolle die Wohnung, sage, wie toll das alles sei, werfe auch einige “tolls” dazwischen wenn sie gar nicht passen.
Wir reden auch übers Viertel, ich erzähle wie es früher hier aussah, wenige Jahre nach der Wende. Und er erzählt mir wie es nachher war.
Er wird mit der Zeit immer ernster, beginnt gar auf Abstand zu gehen. Dann gesteht er mir, er trete ein wenig gegen die Verwestlichung seines Kiezes ein. Das sei ja alles nix wie das geworden sei hier. Und sagt das mit einer verächtlichen Unterton. Ich bin begeistert. Ich sage, ich sei sogar gegen die Verwestlichung der ganzen Welt! Doch ich sehe ein, dass wir die Verwestlichung aus zwei unterschiedlichen Perspektiven betrachten und nachdem ich die Treppen nach unten laufe, weiß ich schon, dass es mir auch wenig hilft aus dem kleineren Westen, den Süden, zu kommen.

11 Comments

  1. Ach, die bekommen Sie, ganz bestimmt!
    Rassismus sollte sich doch nicht auf die Himmelrichtug beziehen, aus der man kommt, oder?

  2. In einer Wohnung, die dunkel und mürrisch ist, soll man nicht wohnen, Charme hin oder her. Der Mensch braucht Licht, sonst wird man ja trübsinnig.

  3. anna

    nein, mek, komm nach neukölln! das ist viel besser! billige wohnungen, billiges essen, massenhaft grün, und du bist schnell überall mit allen ubahnen.
    und hier sind alle alle alle aus dem kleineren westen, also dem süden. und man kann für berliner verhältnisse essbares fleisch kaufen.
    lauf nicht der vergangenheit hinterher! auf ins licht und in die bäume!

  4. Nicht nur ich…

    Ganz witzig auf andere NachBerlinZiehende zu treffen – wenn auch nur im weiten Web.
    Überdies, so dachte ich mir letztens, habe ich nun ein Alter erreicht, in dem man wieder in Wohngemeinschaften wohnen kann. Der Gedanke morgens und abends gemeinsa…

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