der Kampf mit dem Sieg

Seit jenem tragischen Tag an dem ich mein Brecheisen verlor, bin ich ja auf bestem Wege maßlos zu verspießen und mich der gähnenden Eintönigkeit meines leistungsorientierten Bürolebens hinzugeben.
Wenn mitten in der Nacht morgens um 05:40 mein Wecker klingelt, stehe ich auf, laufe in meinen Bloggerbunker, schalte den Rechner ein, laufe zurück in die Küche, schalte den Wasserkocher ein, stelle Milch auf den Herd, kippe lösliches Kaffeepulver ins ein Glas, schmiere etwas Honig auf eine Scheibe Brot, dann mische ich das heiße Wasser und die heiße Milch ins Glas und kehre zum Rechner zurück auf dessen Bildschirm mir inzwischen die freundliche Ödnis meines leeren Desktops entgegenlächelt.
Jeden Tag setze ich mich dann hin, klicke den Firefox und den Thunderbird an und während ich zum erstem Biss in meine Honigbrotscheibe ansetze, schaue ich auf die Computeruhr: es ist jeden Tag 05:47.
Gestern merkte ich das erste mal, dass dies das unverkennbare erste Zeichen ist, maßlos zu verspießen. Am Abend dann, fest entschlossen mein Leben drastisch umzukrempeln, stellte ich feierlich, weil siegesgewiß, meinen Wecker auf 05:39.

Als ich heute früh in meine Honigbrotscheibe biss, war es 05:46 — und ich fühlte mich bedeutend wohler.

es stinkt

Die GEZ stinkt. Seit zwei Wochen klingelt es jeden Abend an der Haustür und ich lasse sie nicht rein. Auch nicht wenn ich offensichtlich zuhause bin, weil das Licht durch den milchigen Türspion nach draussen leuchtet und ich in der Küche laut Pavarotti imitierend koche. Die Klingel klingelt weiter. Ich mache niemals die Tür auf wenn jemand im Treppenhaus klingelt und wenn jemand unten auf die Glocke drückt dann frage ich immer nach Vor- und Nachnamen durch die Fernsprechanlage. Wenn ich besonders gut gelaunt bin, frage ich zusätzlich nach dem Beruf des Vaters und der Mutter. Man will ja gerne wissen welche soziale Klassen sich nachts auf St.Pauli so herumtreiben.

Ich finde das Spielchen ja witzig, meinetwegen, kommt er morgen halt wieder und ich singe ein bisschen schöner, auf das hohe D von vorhin bin ich schliesslich nicht besonders stolz.
Aber die sollen endlich aufhören. Fernsehen fühlt sich nach deren Besuch immer ein wenig Scheisse an. Das nervt.

“ER”

Wenn wir echten Kerle über “IHN” reden, und dabei nicht mehr unseren Pimmel Johannes meinen, sondern neuerdings unseren Bauch, dann ist die Welt zu einem Jammertal geworden. Wir sollten jetzt unseren Bäuchen eigentlich auch einen Namen geben, weil wir Männer das mit unseren besonders grossen Körperteilen halt nunmal machen. Da gäbe es “Ole”, das klingt irgendwie niedlich oder “Uwe”, beide Namen sind so schön eklig, um dem Ganzen irgendwie vorzubeugen, sozusagen ein mögliches Trauma zu verhindern. Richtige Kerlenamen wie Sylvester oder Sven, oder meinetwegen auch Don, sollten wir unbedingt vermeiden. Wir wollen uns mit den Dingern ja nicht anfreunden.

(Die Frage bleibt ob man Männerbusen einen Frauennamen oder Männernamen gibt. Ich gestehe, ich hätte ungerne zwei Angelas an den Rippen hängen. Zwei Edmunds allerdings auch.)

meine drei Weissen Haare

Man ist heutzutage ja gerne jung und frisch und meinetwegen auch dynamisch und all den Kram. Weil mich diese Eigenschaften jedoch nie sonderlich ausgezeichnet haben, ausser, dass ich vielleicht einmal jung gewesen bin, aber das ist ja eher biologisch bedingt als charakterlich, war ich immer mächtig stolz auf mein volles, pechschwarzes Haar. Ein Zeichen der Jugend, ohne Zweifel. Die Fülle meines Haares verdanke ich wohl den Genen meiner beiden Grossväter die beide sehr alt geworden sind und denen bis ins hohe Alter kaum, wenn überhaupt, eine Glatze wuchs.
Da ich kein sogenannter jungebliebener bin, brauche ich nach etlichen Gläsern Gin ohne Tonic (Gin lässt mich ganz besonders altern) nur ganz kurz mit der Hand durch mein Haar zu fahren und ich sehe sofort aus wie zwanzig. Oderso. Manchmal kommt mir das gelegen, meistens ist es mir aber egal. Aber es geht mir heute gar nicht um die Fülle meines Hauptes, sondern um die Farbe, denn Schwarz ist immer modisch, Schwarz passt zu jedem Anlass und es macht überdies auch noch schlank. Eine gute Farbe.

Seit drei Wochen trage ich jedoch auf meinem Haupt drei Weisse Haare mit mir herum. Zwei vorne links an der Schläfe und eines in der Mitte. Als ich eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte fand ich mich plötzlich mit drei weissen Haaren vor. Wie Pilze die aus dem Boden schiessen, so müssen die nachts aus meinem Hirn gesprossen sein. Ich starrte in den Spiegel und nach dem Anblick der drei weissen Haare erstarrte ich. Mek, Mek, dachte ich mir, da tragen Sie nun die Narben Ihrer Sorgen auf dem Haupt und jedem zur Schau. Jetzt ist aber was los, gleich fängt das Entsetzen an. Mequito, halten Sie sich fest, gleich werden Sie sich an den Spiegel schmeissen und in Eile, aber vorsichtig, die drei Haare sortieren, daran reissen und anschliessend ein Bier kippen, damit das ganze augenblicklich vergessen sein wird. Das Alter, das Alter, noch fünf Haare mehr und man schaufelt Ihnen schon das Grab!

Stattdessen geschah gar nichts. Ich starrte weiter in den Spiegel und merkte wie ich völlig regungslos meine drei neuen Gesellen begutachtete. Ich drehte mich ein wenig nach links, strich die beiden Haare an der Schläfe etwas nach hinten und probte einen mafiösen Blick. Gar nicht übel, dachte ich mir so, könnte man durchaus Schauspieler werden. Ich versuchte noch einige Legungen mit dem weissen Haar in der Mitte, sah jedoch gleich, dass es am besten sass, wenn ich es mit dem Scheitel nach rechts warf, ganz lässig und frech in die andere Richtung der anderen beiden Haare, ein bisschen rebellisch sozusagen, es muss ja nicht alles gleich geordnet sein wenn man älter wird.
Dann fielen mir meine Anzüge ein und ein kurzer Schreck kam hoch, um Himmels Willen, passt Weiss denn überhaupt zu Schwarz?
Weil ich meinem Alter nach völlig würdelos dastand, zog ich mir erstmal die Hose hoch und lief ins Schlafzimmer einen Anzug aus dem Schrank zu holen und testete die Farbkombination. Ich war sehr angetan, es stand mir wirklich gut. Schwarz macht mit Weiss einen äusserst aufgeräumten Eindruck. Der Mann der mich aus dem Spiegel anguckte war ein sehr weiser Kerl, der Sartre und Mann und Eco gelesen hatte, dreimal um die Welt gereist war und alle dunklen Abgründe des Lebens mit eigenen Augen gesehen hatte.
Ich zog den Anzug den Rest des Tages nicht mehr aus. Ich war ein neuer Mann geworden.

Mittlerweile habe ich eines der drei neuen Haare verloren. Zum Glück nur eines der beiden an der Seite, das ist gut, weil sich die beiden überiggebliebenen Haare wenigstens nicht symetrisch zueinander verhalten.
Denn wenn man schon altert, dann wenigstens mit Stil.

Plusminus Null (das blanke Flohmarktelend)

(lange und schlampig geschriebene, jedoch hochdramatische Erzählung)

Es fing eigentlich alles ganz harmlos an, gestern auf dem Strassenfest, die Dame des Hauses und ich wollten zusammen mit einer Freundin einen Tisch raus auf die Strasse stellen und unseren Schrott verkaufen. Punkschrott, Hesseschrott und alle meine Hemden die sich dagegen sträubten, sich meinem neuen Körperumfang anzupassen. Ich hatte die Hemden schon jahrelang im Schrank liegen, mit dem grossen Ziel vor Augen, irgendwann wieder hineinzupassen, aber da sich mein Leib in den letzten Jahren lediglich in die andere Richtung entwickelt hatte, beschloss ich, vorläufig einen Schlussstrich zu ziehen. Erstmal weg damit, ich muss die Schande ja nicht jeden Tag im Kleiderschrank rummiefen sehen.
Das mit der Verkaufsfläche gestaltete sich erst etwas kompliziert, weil wir uns viel zu spät angemeldet hatten und die ganze Strasse daher rauf und runter alles schon reserviert war, aber die Organisation meinte, man könne sich bestimmt irgendwo dazwischenschieben. So ging das bei uns dann auch. Um acht Uhr sassen die Werte Dame und ich mit einer Tasse Kaffee auf der Treppe vor unserem Haus und guckten jeden bitterböse an, der mit seinen Siebensachen vorbeikam um irgendwo seinen Stand aufzustellen. Vielleicht war es unser Glück, dass genau vor unserem Haus ein Auto geparkt hatte, dass niemand sich dort hinstellen wollte, weil da ja noch der grosse Abschleppwagen kommen und einen riesen Tamtam veranstalten würde. Die Nachbarn von nebenan waren wahrliche Optimisten, die meinte wir sollen unseren Tisch einfach neben den Ihren stellen und wenn noch Leute mit Reservierungen kämen, dann sollten die einfach ein bisschen aufrücken, wir seien ja auf St.Pauli, da soll man sich um Himmels Willen doch bitte nicht aufregen wegen ein paar Meter hin oder her. Das waren Worte der Tat, denen wir, nachdem der Abschleppwagen den fetten Berliner Schlitten wie ein Spielzeugauto auf seine Ladefläche gehievt hatte, begeistert Folge leisteten. Dann stand der Tisch und ich brachte erstmal meine Platten nach unten. “Werte Dame ich gehe nochmal schnell hoch die Bücherkisten holen, danach können Sie Ihr Zeug holen” sagte ich zu meiner Bettgenossin. Als ich in der Wohnung stand und versuchte die Kisten zu stapeln klingelte es an der Haustür und die Dame rief irgendwas von Kundschaft. Wie denn das, ich bin doch gerade erst weggegangen? Sogleich stolperte ich mit den Bücherkisten hinunter, brach mir fast das Genick und etliche Zähne, dann sah ich zehn junge Männer, die sich wie wildgewordene Hunde an meinen Platten zu schaffen machten. Wieviel die und die Platte kostete, wollten sie wissen und ich schmiss daraufhin mit Zahlen um mich, drei Euro, ein Euro, fünf Euro, zwei komma dreisunddreissich Euro haha, und die Leute zahlten mit zitternden Händen und fragten ob ich nicht mehr von diesem Punkzeug habe, nein hatte ich nicht, vieles habe ich verschenkt, oder blieb damals zwischen einer Räumung und der anderen irgendwo liegen. Die erste halbe Stunde wurde nur mit Geldscheinen gewedelt, ich hatte nichtmal Wechselgeld, wenn ich also mal fünfzig Cent nicht zurückgegeben konnte, dann hiess es stimmt schon.
Ich hatte keine Ahnung vom Wert meiner Platten, das war einfach Zeug das ich damals hörte, das war die Musik zu der man damals trank und Pflastersteine schmiss, Musik die nach Benzin und abgestandenen Kleidern roch, der durchschnittliche Kaufpreis der Platten war damals, wasweissich, etwa 5000Lire oder 5Gulden, einige Platten hatte ich sogar in Mercedessternen bezahlt, mit dem grandiosen Kurs von eins zu eins, was wusste ich schon von Preisen. Die ganze Euphorie verstand ich erst, als der eine junge Mann mich nach dem Preis von der einen Platte fragte. Weil kein Inlay dabei war, und der getrocknete Ketchupfleck auf Seite A zwischen den Liedern zwei und fünf wohl auch nicht der Klangqualität zu gute kommen würde sagte ich, wie bei vielen anderen Platten auch: ein Euro. Der junge Mann reichte mir das Stück Geld und vertraute mir im Weggehen an: oh übrigens, nurmalso, dafür hätte ich dir auch zehn Euro gegeben. Wahrlich sehr freundlich. Nach diesem Tip begann ich natürlich an den Preisen zu drehen, aber da war das Vinyl schon beträchtlich geschrumpft, und für Rod Steward (von meiner Ex, ich schwöre es) wollte leider keiner 20EUR bezahlen. Das war aber alles gar nicht schlimm, das Schlimme kam erst viel später.

Das Wetter war wunderbar, eigentlich hätte es ein schöner Tag werden können, Musik wurde gespielt, auch live, es roch überall nach Essen, die Strasse war bevölkert, man kaufte und unterhielt sich, und bestimmt zwitscherten auch die Vögel. Um zehn wollten die Damen plötzlich Bier haben, darüber erschrak ich erstmal, hilfe, ich bin doch keine neunundzwanzig mehr, ich fang doch nicht schon am Vormittag mit dem Saufen an, ach quatsch, du bist gerade mal dreissig, komm trink einen, sagte man mir, und so sass ich schon in der Mittagssonne mit einem glücklichen Lächeln herum und verscherbelte allen möglichen Kram aus der Wohnung. Immer wieder lief ich hoch ins Haus und kam wieder mit Sachen die ich nicht mehr benötigte, zurück. Ein paar verstaubter, alter Boxen (verkaufspreis 2EUR), die beiden Laptops die ich nicht mehr reparieren wollte (1EUR und 6EUR), die Mikrowelle weil ich nur noch gesund leben will (4EUR), alte Tapedecks und CD-Spieler (1EUR und 2EUR), DVD’s und spanische VHS-Kasetten, und mittags schleppte ich schon einen Gewinn von 170EUR in meiner Tasche herum. Ich war in grosser Laune, war äusserst spendabel, holte riesige Portionen Bratwürste mit Kartoffelsalat und Bier für unsere Freunde und Bekannten die sich an unserem Stand angesiedelt hatten.

Als grosser Verkaufshit erwiesen sich meine Tonnen holländischer Bücher, die eigentlich blosser Gag waren, und den Nachbarn als Grundlage für deren Witze dienten. Ich hing ein Schild an den Tisch Nederlandse Boeken, und einer nach dem anderen blieb an den Kisten hängen. Letztendlich sind mehr holländische Bücher über den Tisch gegangen als alle deutschen Bücher meiner gesamten unmittelbaren Nachbarschaft zusammen. Ich will ja nicht sagen, dass ich als Letzter gelacht habe und am Besten ja auch nicht, nein, weil danach kam ja das Elend, aber gelacht hab ich gut.

Oh und bevor ich vom Elend erzählen will, muss ich auch noch den Tisch erwähnen, den kreisrunden, ausziehbaren Tisch für vierzig Euro, den wir von der Nachbarin gekauft haben, perfekt für nächtliche Kartenspiele, darüber bin ich sehr froh. Wenn ich jedoch gewusst hätte was nachher passiert, dann hätte ich den Tisch wohl nicht gekauft, aber so hatte ich ja Geld im Überfluss und alles für niks, nur weil ich eben meinen Schrott verkaufte.
Doch dann wollte die kleine Tochter des Freundes W. aufs Klo, klar, nimm den Schlüssel mit, das Klo findest du ja. Drei Minuten später kommt er wieder und sagt, dass er den Schlüssel nicht umgedreht bekäme, er wolle nichts forcieren, deshalb käme er mich lieber rufen. Achnee, die Tür geht schon auf, ist halt ein bisschen alt, sagte ich, nahm den Schlüssel und lief zur Wohnungstür hinauf. Ich rüttelte und schüttelte und drehte, nahm dann ein kleines bisschen Gewalt zur Hilfe, dann ein bisschen mehr Gewalt, aber nichts tat sich. Nach zehn erst ruhigen, dann immer nervöseren Minuten klingelte ich beim Nachbarn an. Hallo Nachbar, sag mal, hast du nen Bohrer?. Er war etwas verblüfft, aber er fand die ganze Angelegenheit äusserst spannend, zog gleich seinen ganzen Werkzeugkasten zum Vorschein und ich konnte zu Werke gehen.
Erst mit vorsichtiger Gewalt (einen Meissel in den Türschlitz stecken), dann später blanke Gewalt (Hammer, Schraubenzieher, das Schloss aufgehohrt). Der ganze männliche Teil meines Hauses hatte sich im Laufe der nächsten Stunde vor meiner Wohnungstür versammelt und half mit beim Beraten, während ich alle verschiedenen empfohlenen Techniken testete. Ein Metallbohrer brach ab, die Meissel und Schraubenzieher gingen alle kaputt und selbst die von W. empfohlene Schimanski Methode brachte nichts weiteres als Abschürfungen an der Tür. Die Tür blieb verschlossen.
Es war mittlerweile schon dunkel geworden, und man legte mir nahe den Schlüsselnotdienst zu rufen, das kostet zwar einiges, jedoch mache der das dann auch sauber, aber ich lasse mich doch nicht zu solchen niedrigen Lösungen herab, Ich sagte ich sei Hausbesetzer der ersten Klasse gewesen, sieben lange Jahre, ich hatte hunderte von Türen aufbekommen, hunderte oder tausende, in allen Formen und Variationen, es hatte bisher nur eine einzige Tür gegeben die ich nicht aufbekommen hatte, und selbst die nur, weil wir später draufkamen, dass man dahinter eine Mauer hochgezogen hatte, die Tür die ich nicht aufbekam, die müsse erst erfunden werden, gebt mir ne Brechstange, und macht Platz, jetzt geht Supermequito ans Werk, jetzt wird hier anderes Geschütz aufgefahren. Der Nachbar schüttelte bedauernd den Kopf, Brechstange habe er keine. Und meine Brechstange, die ich aus Sentimentalitätsgründen immer noch unter meinem Kopfkissen im Kleiderschrank aufbewahre, befand sich natürlich genau hinter der sich nicht öffnen wollenden Tür.
Dann wollte ich unten vom Garten aus in meine Küche aus reinsteigen, das gekippte Fenster war immer schon irgendwie wackelig gewesen, das könne ich bestimmt aus den Angeln heben. Die Nachbarin von unten war nicht im Haus, sondern irgendwo bei einer Band in der Strasse, die zu suchen war in dem Moment keine Alternative. Also liefen wir ins Dachgeschoss und holten die Leiter, die man dazu verwendet auf das Dach zu steigen, steckten die von der Küche des Nachbarn aus nach hinten in den Garten und ich stieg hinab in die tiefe Dunkelheit. In der Finsternis des Gartens stellte ich die Leiter zu meinem Küchenfenster um, baumelte an der Leiter hoch und befand mich mit meinem Kopf etwa zwanzig Zentimeter unter meinem Küchenfenster. Mit einem Schraubenzieher und einem Meissel hebelte ich herum, aber das Fenster liess sich nicht öffnen. “Da hilft nur noch einschlagen”, sagte ich zu den beiden Nachbarn drüben am Fenster, “wenn du mir ein altes TShirt von unserem Stand bringst, dann kann ich die Scherben am Rande abdecken und komme halbwegs heil in die Wohnung”. Ich war ein Tier geworden. Jedoch brachte man mir bei, dass ein neues Fenster teurer sei als den Notdienst zu rufen, und mit diesem Argument gestand ich mein Scheitern ein. Nachdem ich nach einer mühsamen Torkelaktion auf der Leiter heil in der Küche des Nachbarn angekommen war, waren die anderen Männer immer noch am Bohren und hämmern, aber alles ohne Erfolg, wie mir schien.
Ich gönnte mir eine Zigarette, gesellte mich zu den Frauen unten auf der Strasse, gab ein bisschen mit meinen Heldentaten an und nach kurzer Überprüfung der Lage der Männer, rief ich den Notdienst an.
“Ja, eh, hallo, hier Herr Wito, ich brauche professionelle Hilfe.”
“Sie kommen nicht mehr in Ihre Wohnung?”
“Ja, so ungefähr”. Ich handelte einen Preis aus, plus Mehrwertsteuer 104 Euro. Ich müsse das nochmal kurz mit meiner Dame aushandeln und riefe dann zurück. Das war mir zu teuer, deshalb wählte ich eine andere Nummer aus dem Telefonbuch.
“Ja eh, hallo, hier Herr Wito, ich brauche professionelle Hilfe.”
“Ah ja Sie schonwieder, also Ihre Dame ist damit einverstanden?”
Ich guckte etwas verwirrt in den Hörer. Ein Schlüsselnotdienstmonopol.
“Äh, nun… ja, ist sie, schicken Sie mir doch einen Ihrer Männer vorbei.”
Da Strassenfest war, sagte ich, ich würde vorne an der Kreuzung warten und den Supermann reindirigieren. So stand ich dann vorne an der Strasse und war fuuuuurchtbar schlecht gelaunt, 104 Euro, plus den Tisch den ich gekauft habe, und dem ganzen Bier und Essen, war ich am Ende wieder bei Null. Alsob ich nichts verkauft hätte den ganzen Tag.
Plötzlich wurde mein Name gerufen, aus der Ferne, ich guckte der Stimme nach und erblickte das herzliche Gemüt des Herrn Paulsen, der gerade auf dem Weg zum Strassenfest war, in Begleitung seiner Liebsten, und überraschenderweise Frau Isa in Begleitung ihres Lustigen Mannes, die von meiner Begrüssung etwas erschrocken war. Sie konnte ja nicht wissen, dass ich mich trotz Nebel aus Bier und Türenbrecherschweiss noch an ein Flickrfoto von einer pizzaessenden Isabo erinnern konnte. Dass das Bild in mir hängengeblieben ist, überrascht mich allerdings auch. Herr Paulsen sprach auch den Rabattcode “Lieber Herr Mequito” aus, aber leider war mein Geschäftsgeist samt Platten schon verpufft. Ich erzählte kurz von meinem Schicksal und dass das alles ein sehr grosses Elend sei, jedoch, darüber waren wir uns einig, sei die Geschichte Blogbar und das Ganze daher vielleicht gar nicht so schlimm wie es aussehe. Darin steckte sehr viel Wahrheit.
Wir verabredeten uns für nachher in der Bar und dann kam auch schon gleich der Mann vom Fache. Samt geheimnisvollem Koffer und blondhaariger Schnitte. Das war einer wie ich, vom Fach also, nur hatte er natürlich das bessere Werkzeug. Er war erst einmal verärgert über den ganzen Schaden den wir der Tür angerichtet hatten, das würde seine Arbeit ungemein erschweren. Ich war fasziniert davon wie er zur Tat schritt, erst mit Drähten, dann mit etwas Gewalt, dann ein bisschen mehr Gewalt, dann fing er an zu bohren aber nach einer halben Stunde scheiterte auch er.
“Siehste” sagte ich und lachte “wenn ich eine Tür nicht aufbekomme, dann kriegt die niemand auf.”
“Nein” sagte er “ihr habt alles kaputt gemacht, sonst wäre die lange schon offen”
Ich liess es ihm durchgehen und regte mich nicht weiter darüber auf. Jetzt musste schweres Geschützt aufgefahren werden, sagte er, er ging die Brechstange holen. Er staunte, das letzte mal als er eine Brechstange dafür brauchte war etwa drei Jahre her, das sei ein Ausnahmefall. Ich lachte leise in mir hinein, jaja, soweit war ich auch schon. Ich liess ihm meine Freude jedoch nicht spüren, er war ja vom Fach, so einen muss man nicht unnötig kränken, überdies würde er sowieso nur über unser Rumgebohre jammern, damit kämen wir nirgendwo hin. Als er den Kuhfuss in die Spalte steckte und riss, kam mir ein Sentiment hoch, das Geräusch der aufbrechenden Tür, oh wie lange war das schon her als ich das letzte mal dieses warme Knacken gehört habe. Dankend, wenn auch ein wenig resigniert, drückte ich ihm 105EUR in die Hand und wünschte ihm viel Erfolg bei seinen weiteren Missionen.
Mit einer demolierten Tür und kaputtem Schloss war auch das Weiterfeiern in der Bar mit den Familien Paulsen und Bo keine Alternative mehr. Dabei wäre es so wichtig gewesen, den grossen Ärger zu ertränken. So kaufte ich mit dem Restgeld noch einige Biere für die übriggebliebenen und tapferen Freunde, aber das Bier schmeckte schon lange nicht mehr.

Heute früh Mittag, ging ich dann mit meinen letzten Eurostücken einige Brötchen kaufen. Plusminus Null, wenigstens habe ich nicht draufgezahlt, achja und blogbar ist das Ganze natürlich auch.

achja,

das Konzert war natürlich sehr gut. Ich will mich jetzt nicht in angeberische Details verlieren, und erwähnen, dass das Orchester dermassen begeistert war, dass der Orchesterdirigent sagte, wir seien der beste Chor, den sie jemals gehabt hätten, und dass man uns für unser Singsang eigentlich bezahlen müsste. Nein, das will ich nicht erwähnen. Aber ich muss das erwähnen wenn ich erzählen will, dass der ganze Chor daraufhin fast einstimmig ausrief: Pizza!
Jaja, das war schon witzig.

Nicht so witzig fand ich allerdings, dass ich unser Acapella-Konzert im Petersdom nicht mitsingen konnte, weil ich meine Termine verschlampt und daher die Zugkarte nach Bozen einen Tag zu früh gebucht habe.
Aber da ich ja so oft Termine verschlampe, hat das nicht weiter Gewicht.

vom Essen

Wenn ich für einige Tage wegfahre, dann nehme ich immer etwas ab. Immer. Weil ich viel laufe und mich um andere Sachen kümmere als um das Essen. Auch in Italien, wo dauernd Knoblauch- und andere Gerüche durch die engen Strassen wehen, als würde dieses Volk nichts anderes tun als sich den ganzen Tag lang mit der Futterzubereitung zu beschäftigen. Die ersten neun Tage des Aufenthaltes in meiner Heimat waren auch dementsprechend gesund. Erst in Rom mehrere tausend Kilometer pro Tag gelaufen, zwischendurch ein paar frische Tomaten vom Markt gegessen, ein bisschen Melone mit Schinken und ab und zu eine Pizza oder Risotto mit Parmesankäse, so wie es sich halt gehört. In Südtirol war es ähnlich: viel gelaufen, bergab und bergauf, frische Tomaten, ab und zu Pizza und zwischendurch natürlich die übliche Pflichtkost - ein paar Stücke Speck.
Bis zum letzten Tag.
Eigentlich fing es schon am Vorabend des letzten Tages an. Ich war schonwieder bei Vater zum Essen eingeladen, irgendwas mit Spargeln hatte er zubereitet, ich sollte um neun Uhr zu ihm kommen. Also ging ich erstmal um acht zu Hello und Francesca, die ich schon seit zwei Jahren nicht mehr gesehen hatte, und die mittlerweile schon ihr zweites Kind bekommen hatten. Zwei gute Freunde, ehemalige Irokesenträger, die es jetzt in mein Bergkaff verschlagen hat und sich nun fröhlich vor sich hin vermehren. Sie waren gerade dabei Pizza zu backen und hatten Teig und geschnittenes Gemüse über den halben Tisch verstreut. Ich hatte kaum Hunger, und das bisschen Essenslust das in meinem Magen schlummerte, wollte ich für das Abendessen bei meinem Vater aufsparen.
Nachdem man sich mehrmals nach meinem Hunger informierte und ich mehrmals abgelehnt hatte, nach dem fünften Mal jedoch kleinlaut zugab eine kleine Ecke aus Francescas Teller haben zu wollen, nur der Neugierde wegen, weil selbstgemachte Pizza immer wieder äusserst spannend ist, vor allem für mich, der mittlerweile zum nordländischen Kartoffelesser mutiert ist, wurde mir kurzerhand ein Riesenstück Spargelpizza auf einem Teller zugeschoben. Während ich den Teller protestierend annahm, kleine Stücke davon abschnitt und behutsam prüfend in den Mund schob und vor lauter Gaumenfreude stöhnte, erzählte ich weiter von Hamburg, der Elbe und dem komischen deutschen Essen. Und bald darauf war auch schon mein Teller leer. Anschliessende Versuche mir eine weitere Riesenportion unterzuschieben scheiterten. Als Francesca nach dem Essen jedoch ihren halbleeren Teller beiseite schob, und ich während dem Erzählen dauernd meine Finger in ihre Pizza steckte um die Käsekrusten abzuziehen und daran zu kauen, wurde ich nach einiger Zeit aufgefordert doch einfach Messer und Gabel zu nehmen und die halbe Pizza aufzuessen. Nein, nein, nein, aber nach dem dritten “Nein”, nahm ich das Besteck und ass.
Daraufhin war es gleich neun Uhr und ich musste zu meinem Vater. Schon beim Öffnen der Haustür wurde ich von einem teuflischen Duft von Fleisch und hunderten verschiedener Kräuter überfallen und wäre dabei beinahe aus meinen Schuhen gekippt. Da mich mein Vater bei der Begrüssung umarmte, verhinderte er das Schlimmste. Obwohl ich wirklich keinerlei Hunger hatte, von Appetit will ich gar nicht sprechen, konnte ich das Essen natürlich nicht abschlagen. Als Vorspeise gab es Spargellasagne und als Hauptgericht einen riesigen Braten mit in Bratensosse geschmortem Gemüse. Und dazu natürlich südtiroler Lagreiner Rotwein, ein wunderbares Getränk. Wenn man bei meinem Vater zum Essen oder zum Trinken eingeladen ist, dann wird einem immer ungefragt Wein eingeschenkt und Essen unter die Nase geschoben, ob man will oder nicht. Wenn der Teller leer ist, kommt gleich die nächste Portion. Auch wenn man ausdrücklich ablehnt. Aus irgendeinem Grund hatte ich es geschafft, die Lasagne abzulehnen. Wie mir das gelungen ist, weiss ich immer noch nicht, aber vielleicht lag es am Braten, auf den er besonders stolz zu sein schien.
Also legten wir uns gleich mit dem Braten an. Die erste Portion ging noch ziemlich einfach runter. Zwischen dem letzten Stück Pizza und dem Braten war mittlerweile schon eine halbe Stunde vorübergegangen, da gab es also eine Lücke im Magen wo der noch reinpasste. Für die zweite Portion, die ich nicht schaffte abzulehnen, musste ich meine Sitzhaltung verändern, damit der Magen genug Expansionsraum zwischen Rippen, Herz und Leber bekam. Wie ich dritte Portion in mich reinbekommen habe, weiss ich nicht, und will ich eingetlich gar nicht wissen. Vielleicht hatte ich bloss Glück, dass ich wenig Wein getrunken hatte, und damit nicht unnötigen Platz im Bauch verschwendet hatte.
Dann rief Francesca an und sagte, dass sie ganz vergessen hatte zu sagen, dass sie und Hello morgen heiraten würden, und ich doch um zwei Uhr zum Festessen ins Gasthaus kommen solle. Ich war so verblüfft von dieser Meldung, dass ich meine Essensverabredung für den nächsten Tag augenblicklich vergass und einfach zusagte. Heiraten? Die beiden? Obwohl die beiden schon zwei Kinder hatten und mittlerweile seit sieben Jahren zusammen wohnten, fand ich das trotzdem sehr überraschend. Gut, um zwei Uhr Festessen. Danach viel mir ein, dass Mutter für mich am nächsten Tag zu Mittag kochen wollte. Den Spargelrisotto den sie mir versprochen hatte. Aber das würde schon gehen. Den Risotto sah ich als Hauptmahlzeit und das Festessen danach würde ja eh mehr ein Fest als ein Essen sein. So dachte ich mir das aus.
Am nächsten Tag sollte ich erstmal bei meinem Vater frühstücken, da er den Rest des Tages verhindert sei, mich jedoch vor meiner Abfahrt am Abend noch sehen wollte. Da ich vom vielen Essen jedoch schlecht geschlafen hatte, kam ich erst um zehn Uhr bei meinem Vater an, der inzwischen alles gedeckt hatte. Als Überraschung gab es neben Brot, Schinken, Käse, Speck, Ei und Marmelade auch die Spargellasagne von gestern. Die müsse ich unbedingt probieren, da habe er sich was besonderes einfallen lassen um sie schön saftig zu bekommen. Ich konnte das unmöglich abschlagen, da er weiss, wie gerne ich am Morgen Herzhaftes esse. Eine Ausrede wollte ich mir gar nicht einfallen lassen, weil ich wieder richtigen Hunger bekommen hatte, und ich mir für den Spargelrisotto zu Mittag schon was einfallen lassen würde. So ass ich das dreifache was ein normaler Mensch zum Frühstück verzehrt. Die Lasagne hatte er wirklich vortrefflich hinbekommen. Das Geheimnis der Saftigkeit war, dass er den Spargel mit dem Beschamel zuerst mit Weisswein kurz vorgekocht hatte, bevor er alles zwischen die Lasagneblätter gab. Ich war sehr angetan.
Um halb zwoelf rollte spazierte ich runter zum Weissen Rössl, in dem ich mich kurz mit dem Nachbarn meiner Mutter auf einen Kaffee verabredet hatte, weil er mit mir etwas wegen Hamburg besprechen wollte. Nur kurz, etwas wegen Reisebuchungen, das er als Reiseführer wissen musste. Im Weissen Rössl wollte mir die Wirtin ihren selbstgemachten Apfelstrudel aufdrängen. Ich sei doch so selten hier, und da oben im Norden gäbe es bestimmt keinen vernünftigen Apfelstrudel. Da hatte sie zwar vollkommen Recht, aber weil mich Süsses nicht sonderlich anzieht, beharrte ich auf mein forsches “Nein”. Auch dass er aus frischen Äpfeln gemacht war anstatt alter, vergammelter Restbestände (im Mai?) konnte mich nicht umstimmen. Erst als ich sagte, ich sei ja schon so dick geworden, dass ich nicht mehr ohne weiteres dauernd jede verführerisches Speise zu mir nehmen könne, gab sie endlich Ruhe. “Stimmt” sagte sie “du bist wirklich dick geworden”. Nicht gerade charmant, aber das kann man in den Bergen ja sowieso nicht erwarten.
Um Punkt zwölf war der Risotto bei Mutter an der Reihe. Ich will darauf gar nicht mehr näher eingehen. Die treue Leserschaft wird wissen, wie sehr Risotto mein Leben geprägt hat und wie sehr ich von Risotto schwärmen kann. Und dann erst recht, wenn Mutter ihn kocht. Ich will nur sagen, dass ich gleich drei Teller gegessen habe. Erst bloss eine bescheidene Portion, dann zwei etwas unbescheidenere. Und dazu ein Glas Lagrein dunkel.
Nach kurzem Packen der Koffer war auch schon die Hochzeit dran. Die Zeremonie war nicht festlich, bloss ein standesamtliches Ringetauschen, aber alle Anwesenden schienen eh nur auf das Fest im Gasthaus hinzufiebern. Viele alte Bekannte, Freunde und Verwandte tauchten auf und es war die hellste Freude sie alle wieder zu sprechen. Zuerst beim Aperitiv, dann beim Antipasto aus Schinken und Melone, dann bei der köstlichen Lasagne mit Schlutzkrapfen, dann beim Rinderbraten mit gedünstetem Gemüse, oder wahlweise Wienerschnitzel mit Pommes (ich nahm sie beide), und anschliessend beim Eisbecher. Soviel gab es zu reden. Eigentlich hätte mir schlecht sein müssen, aber Wein gab es ja nicht nur als Aperitiv, sondern auch dazwischendurch, und mein Magen musste sich wohl auch etwas ausgeweitet haben, noch vom Vortag. Es schien alles zu passen.
Um fünf kam die Stunde des Abschieds, Mutter holte mich ab und wir fuhren zum Zug nach Bozen. Beim Bahnhof fiel mir ein, dass ich noch unbedingt südtiroler Döner zu Dokumentationszwecken testen musste. Samt Foto und Geschmackstest hier im Weblog. Daraufhin die erstbeste (einzige?) Dönerbude neben dem Bahnhof betreten, Döner bestellt und kurz vor dem ersten Biss festgestellt, dass ich die Fotokamera im Auto vergessen hatte, und somit der ganze Dönertest sinnlos war. Wer will schon einen saftigen Testbericht ohne saftige Fotos? Den Döner habe ich dann etwas lieblos hinuntergewürgt, der Fotokamera wegen, damit ich nächstes Jahr beim Test unbelasteter zu Werke gehen kann. Ich war bloss etwas verärgert, dass ich jetzt sinnloserweise noch mehr in meinen Magen gestopft hatte. Aber es passte. Mir war weder schlecht noch sonstwas, einfach nur voll.
Und so stieg ich bald in den Zug, und schwor mir, die ganze nächste Woche keinen Bissen mehr zu mir zu nehmen. Bis der Zug durch Kufstein tuckerte, ich an das doofe Lied “Mein Städtchen Kufstein” denken musste, mir dann die Strophe vom “Weinerl aus Südtirol” einfiel, und ich gleich wieder an Essen dachte. Und zwar dachte ich an das leckere Brötchen oben im Rucksack, das mir meine Mutter für die Reise zubereitet hatte. Ein gewaltiges Leabele aus Roggen, mit einem Diameter von fünfundzwanzig Zentimetern, bestrichen mit Ricotta, vermischt mit Schnittlauch aus dem Garten, ein Blatt Salat und Käse aus dem Gadertal.

Ich stand kurz auf und öffnete meinen Rucksack.

Raucherstreik

Meinetwegen koennen sie in Italien das Rauchen in den Kneipen ja verbieten. Hier ist es meistens sowieso warm genug, dass man auch draussen sitzen kann und seit dem neuen Antirauchergesetzt ist das Leben vor den Kneipen mindestens doppelt so spannend geworden wie in den Kneipe selbst, aber, wenn man dann zu spaet erfaehrt, dass das Rauchen in Zuegen nun auch verboten ist, dann geht das eindeutig zu weit. Vor allem wenn man in einem deutschen Zug im Raucherabteil sitzt, durch Oesterreich faehrt und schon eine ganze Stunde nicht geraucht hat, weil man sich ja ein bisschen zusammenreissen will nachdem man die ganze Fahrt lang das Abteil vollgequalmt hat, und sich daher eine genuessliche Zigarette aufhebt, fuer den Moment an dem man vom Brenner hinunterfaehrt in das sonnige Suedtirol. Ein freudiger Moment den man nur mit einer Zigarette teilen kann. Jedoch macht es jegliche Freude kaputt, wenn nach dem Drehen der Zigarette eine unglaublich unfreuliche Frauenstimme mit dem Klang einer Kaffeemuehle aus dem Lautspreche ratert, dass das Rauchen in italienischen Zuegen verboten sei.
Pft, dachte ich, ich zuende sie mir an, ich habe ein Ticket aus Deutschland, ich kann so tun, als spraeche ich kein italienisch. Aber natuerlich konnte die Lautsprecherzicke auch Deutsch, wir sind schliesslich ja in Suedtirol. Und dann kam mir der Einfall, dass ich mich ja als Englaender oder irgendwas auslaendisches ausgeben kann, und ja, natuerlich kam nach der deutschen Ansage auch die englische Ansage und ich liess es einfach sein. War mir doch wurscht, die Stunde bis nach Bozen wuerde ich schon ueberleben.
Dass die Lautsprecherzicke allerdings auch ermahnte, dass lautes Sprechen oder laute Klingeltoene, die Mitreisenden stoeren koennte, nervte mich viel mehr.
Spaeter musste ich jedoch wieder darueber lachen. Eine europaeische Erziehungsmassnahme fuer Italiener. Das lernen die eh nie.

Und jetzt in Bozen hoere ich erstmal vom Zugstreik. Genau heute wo es weitergeht nach Rom. Es gibt einen einzigen Zug der heute faehrt, also sechs Stunden zwischen Koffern im Gang und kreuz und quer sitzenden Reisenden und Schweiss und Hitze, und das alles in einem Nichtraucherzug. Sechs Stunden lag. Da muss ich erstmal eine rauchen…

Weltallreisen

Als ich ein kleiner Junge war, und noch Meki hiess, anstatt des weitaus grösseren “Mek”, der ich heute bin, wollte ich Astronaut werden. Oder Kaminkehrer, so genau konnte ich mich nicht entscheiden. Ich war sechs Jahre alt als mich der Lehrer nach meinem Berufswunsch fragte. Meine Schulkameraden wollten Bauer werden, oder Automechaniker, oder Metzger, für mich hingegen hatte das Schicksal schon lange festgelegt, dass ich Astronaut werden würde. In meiner silberblauen Rakete würde ich von Alpha Centauri bis zum Wassermann düsen, unter dem grossen Wagen hindurch, und die Marsmenschen auf Pollux würde ich mit meinen blinkenden Scheinwerfern im Vorbeirauschen grüssen. Ich hatte zwar keine Ahnung wie man Pollux schrieb, aber ich wusste genau wie ich dorthin kam. Nämlich unter dem grossen Wagen hindurch.
Meine Banknachbarin hiess Valeria. Es war zwar sehr ungewöhnlich, dass ein Junge und ein Mädchen zusammen in einer Schulbank sassen, aber Valeria und ich waren vom ersten Schultag an verliebt ineinander und hatten uns ohne viele Worte zu verlieren zusammen in die Bank gesetzt. Ob sie auch in mich verliebt gewesen ist, weiss ich bis heute nicht genau, wir haben kaum miteinander gesprochen, aber an jenem Tag, an dem ich vom Lehrer nach meinem Berufswunsch fragte, antwortete ich: “Ich will Astronaut werden und ich werde Valeria heiraten”.
Weil sie das ohne zu protestieren akzeptierte, schloss ich, dass sie auch in mich verliebt sein musste, und dass sie die Frage nach dem Berufswunsch mit “Hausfrau” beantwortete, stimmte mich überaus glücklich.
Ich malte mir Bilder von unserer gemeinsamen Zukunft in die Luft, wie ich frühmorgens nach einem Kuss auf Valerias Wange, in meine silberblaue Rakete stieg, zur Milchstrasse düste, abends wieder nach Hause kam und ihr einen rosaroten, lächelnden Ausserirdischendackel mit langen Antennen mitbrachte, der ihr tagsüber bei ihrer Hausfrauenarbeit behilflich sein konnte, oder ihr einfach Gesellschaft leisten würde, während ich die intergalaktischen Missionen erfüllte.

Gestern, also viele Jahre später, war ich im Planetarium, eingeladen von der Dame des Hauses. Vielleicht weil sie mir nicht meinen Kindheitstraum der Hausfrau an meiner Seite, erfüllen wollte, und mir deshalb einen Kurzausflug ins Weltall schenkte? Wer weiss. Ich sage euch aber: die Vorstellung im Hamburger Planetarium hat mich geradeaus ins All katapultiert! Der Hammer. Ein runder Saal mit etwa 200 Sitzplätzen, und Stühlen, die man weeeit nach hinten kippen kann und über dem Kopf eine riiiiiiesige Kuppel, auf der eine Weltraumdoku abgespielt wurde. Reisen durch den Andromedanebel, hunderte und tausende sich drehende Galaxien, in sekundenschnelle explodierende Supernovae, schwarze Löcher, die ganze Sternenhaufen absorbierten.
Ich lag da, starrte an die Decke, um mich herum nur Weltall soweit ich sehen konnte, verfolgte einige Sterne die an mir vorbeiflogen, oder eine sich merkürdig bewegende Galaxie rechts oben in meinem Blickwinkel und dachte an meine Hausfrau zuhause, die auf mein Heimkommen warten würde. Ich würde heute keine Zeit haben für rosarote Dackel, aber bestimmt ein andermal. So flog der kleine Meki und düste vor sich hin, in die unendlichen Weiten des Weltalls.

Bis von links ein kleiner Meteorit in meine Rakete knallte. “Du hast geschnarcht.” sagte der Meteorit. Ziemlich schnell realisierte ich jedoch, dass Meteoriten nicht sprechen können und blickte sogleich in die Augen meiner Begleiterin. Sie trug keinen Hausfrauenschurz.

Ich kann das Planetarium nur empfehlen. Momentan zeigen sie die Aufnahmen des Hubble Weltraumteleskopes, zu seinem fünzehnjährigen Jubiläum. Wirklich wunderschön.

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Wenn man sich freiwillig meldet, auf der Arbeit den Kühlschrank zu säubern, nachdem er das ganze Wochenende offen gestanden hat, der schon seit Monaten derartig dreckig ist, dass im untersten Gemüsefach eine dickflüssige gelb-braune Brühe herumschwimmt, und wo sowieso lauter vergessene Speisen mit Verfallsdatum vom letzten Weltkrieg herumlungern, und die restlichen Kollegen bloss nachstopfen, wenn sie etwas kühlgestellt haben wollen, alsob sie keinen Geruchssin mehr hätten, wobei jeder von den Schimmelpilzen redet, diese aber nicht mehr zu sehen sind, weil sie irgendwo zwischen den Verpackungen im Dunklen wuchern, dann ist wirklich etwas nicht mehr ganz in Ordnung.

Wenn man sich freiwillig meldet diesen Kühlschrank zu putzen, und es als Erleichterung empfindet, endlich mal was anderes tun zu können, dann wird es wirklich Zeit sich einen anderen Job zu suchen.

(Huch, hab ich letztes Jahr nicht auch schonmal so etwas gesagt?)

personalabteilung

Den treueren Lesern dieser Seite ist mein beruflicher Frust und mein staendiger Kampf um eine Anstellung bekannt. Ich bin ein freigevoegelter Zeitarbeitler und mein karger Lohn geht erstmal durch einen Spamfilter bei einer Fremdfirma, welche die grossartige Leistung vollbracht hat, mich zu bemitteln, und jetzt noch weiterhin meine Urlaubstage, Krankmeldungen und Stundenzettel verwaltet. Nach dem Spamfilter fliessen noch die paar gereinigten Geldscheine heraus, wie das schlanke Gemuese bei Bonduelle, in mein Bankkonto hinein. Ich soll ja nur das feinste bekommen.
Jetzt ist es soweit. Nach einem halben Jahr Versprechungen der Firma, musste ich mit Kuendigung drohen, damit der Vertrag zustande kommt. Deshalb rief mich letztens eine unfreundliche Dame der Personalabteilung an:

p: ich braeuchte noch Ihre Schulzeugnisse und Ihre Arbeitszeugnisse.
m: oh, tut mir Leid, die habe ich nicht. Ich habe noch nie in Deutschland gearbeitet. In anderen Laendern sind Arbeitszeugnisse nicht ueblich. Ich habe Referenzen angegeben.
p: was reden Sie da fuer einen Unsinn. Ich habe auch im Ausland gearbeitet, und habe sehr wohl Zeugnisse bekommen.
m: also es tut mir wirklich Leid, jedenfalls gibt es sowas nicht in dern Laendern wo ich gearbeitet habe. Wo haben Sie denn gearbeitet?
(es kommt keine Antwort)
p: Also ich kann Ihren Vertrag nicht zustande kommen lassen wenn Sie mir keine Zeugnisse vorlegen koennen.
m: Also ich bitte Sie, ich arbeite schon seit einem Jahr in dieser Firma, was sollen da Zeugnisse noch bewirken?
p: Sie sollten einfach froh sein, dass Sie ueberhaupt eine Anstellung angeboten bekommen haben. Die Firma stellt nicht mehr viele neue Leute ein.
m: Ich bitte Sie, ich bekomme den Vertrag weil ich sonst kuendige.
p: Wie sieht es mit Schulzeugnissen aus?
m: Wenn Sie meinen Lebenslauf durchnehmen, dann werden Sie sehen, dass ich mit 16 das letzte Mal auf der Schule gewesen bin. Das war Pflichtschule, ich glaube kaum, dass das relevant sein sollte.
p: Ohne Schulzeugnisse kann ich nichts fuer Sie tun.
m: Ach jetzt reiten Sie aber auf Burokratie herum. Ich habe in den letzten 15 Jahren noch nie irgendwo meine Schulzeugnisse vorlegen muessen. Das dauert mehrere Wochen bis ich die habe. Die muss ich aus Italien beantragen.
p: Ohne Zeugnisse keinen Vertrag.
m: Also ich werde das mal mit meinem Vorgesetzten besprechen.
p: Sie koennen sich auch gerne an meinen Vorgesetzten wenden (gemeines lachen)
m: Nein, ich klaere das ganz diplomatisch.
p: Wer ist denn Ihr Vorgesetzter?
m: Herr X
p: Nein, Herr X ist ihr Teamleiter, Sie muessen sich an den Herrn Y wenden.
m: Herr Y ist der Vorgesetzte meines Vorgesetzten, kommen sie, sie wollen das doch nicht auf Bereichsleiterebene hochspielen lassen.
p: Herr Y ist Ihr Vorgesetzter.
(Ich lege auf)

Mein Vorgesetzter war an dem Tag nicht da, deshalb schrieb ich der Sekretaerin meines Bereichsleiters, eine aeltere Dame, die mir sehr zu Herzen gewachsen ist, und schildere ihr die Situation, mit der Frage, was ich nun am Besten tun koennen. Diese wiederum leitet die Mail samt Rechtschreibfehler weiter an den Bereichsleiter, der scheinbar sofort flucht und den Satz “Ach die sollen sich nicht so anstellen!” ausruft und ein klaerendes Gespraech mit dem Vorgesetzten des Vorgesetzten der Personaldame beantragt.

Irgendwie witzig. Vielleicht hat sie es auch verdient, wer weiss. Jedoch habe ich auch vernommen, dass sie einen riesigen Stress hat und voellig ueberfordert ist, mit Bergen von Arbeit, die sie alle selbst erledigen muss. Wer weiss, vielleicht habe ich alles nur noch schlimmer gemacht.
Deshalb schrieb ich ihr ein paar Tage spaeter eine freundliche Mail, uebersaet mit smileys, mit der Bitte, mir mitzuteilen ab wann ich mit dem Vertrag rechnen kann, damit ich mich darauf einstellen kann, es ginge ja um finanzielle Sachen.
Darauf kam ein Einzeiler:

“Ich werde Herrn Y mitteilen sobald Sie Ihren Vertrag abholen koennen.”

Sie macht es mir nicht leicht. Und sichselbst auch nicht.