[...]

Ich mag ja Brandenburg. Und anders als Brandenburgs Ruf, ist es dort auch ziemlich schön, vor allem im Norden, die Uckermark, Templin, der lichte Wald, leicht bewegte Hügel, dazwischen die vielen Seeen, immer wieder Industrieruinen aus der Zeit Wilhelmzwo, kleine Orte, an denen sich unprätentiöse, alte Häuser reihen, mit Dächern die an Pickelhauben erinnern. Sanft entschlafen. Und: freundliche Menschen da.

#
Ich möchte wissen:
-Wer in der Berlin-Brandenburger Regionalbahn diese Ankunftsdüdel komponiert
-Ob jeder Landstrich sein eigenes Düdel hat (ich kenne mittlerweile drei)
-Oder ob es sich saisonal ändert
-Welches Instrument das Düdel imitiert (Holzpfeifen-Orgel? Panflöte mit Gitarrenmäßigen Anschlag? Elektro-Blockflöte?)
Das möchte ich wissen. Obwohl. Nein. Ich möchte es doch nicht wissen.

#
Beim näherem Nachdenken möchte ich wissen:
-Ob das Wort Düdel jetzt tatsächlich ein existierendes Wort ist, oder eine Wortschöpfung von mir, da ich unweigerlich an den komponierenden Dödel dahinter denken musste.
Mehr will ich nicht wissen.

[tagebuchbloggend 11.2.]

Bei Anselm Nefts Premiere für sein Buch Die Lebern der Anderen gewesen. Rampensauerei. Und das meine ich positiv. Witzig, laut, aber reflektiert, Hilfe, ein paar Adjektive möchte ich mir noch für eine eventuelle Besprechung beim Common reader aufbewahren, aber achnein, ich rede hier ja vom Vortrag, von der Rampensauerei, also: witzig, laut, aber reflektiert, und nunja, ziemlich super, er ist ein Unterhalter, und jetzt war ich kurz davor, wieder zu schreiben “das meine ich aber positiv”, ah, diese ewigen Korrekturen im laufenden Text, ich mag sie.
Jedenfalls habe ich mich gut unterhalten gefühlt und sehr viel und gut gelacht.

[tagebuchbloggend 10.2.]

Gestern sind K und ich im Frau Mittenmang gewesen und haben auf Michaels Geburtstag angestossen. Ein paar Gläser Wein getrunken, ein bisschen gelacht und geredet, mich von einer Restaurateurin in interessantem Fachwissen unterrichten lassen.
Nachher, noch ziemlich früh eigentlich, sind wir dann die Schönhauser hinuntergelaufen, das mit den Straßenbahnen war uns gestern zu mühsam, wegen des BVG-Streikes fuhren sie ja nur bedingt, und in der Kälte herumzuklappern war auch mühselig, zudem hatte ich ja diese dünne Jacke an, die man erst ab dem ersten Plusgrad tragen soll, und so liefen wir eben über die Schönhauser Allee hinunter und redeten über die Sache mit Helene Hegemann, ein Thema bei dem K und ich uns nicht einig werden können, es hampelt in dieser Sache ja immer mit, dass man sagt, sie hätte es nicht so weit bringen können, wenn sie nicht die Tochter des Intendanten wäre, mag sein, das trübt die Sicht auf ein mögliches, tatsächliches Talent, andererseits ist das im Kulturbetrieb _immer_ so: der Traum vom Entdecktwerden ist ein naiver Jugendtraum. Wovon reden wir also. Also nicht K und ich, sondern die anderen. Den Airen wird es jetzt allerdings freuen. Das ist ja auch so ein klasse Nebeneffekt. Der sich freuende Dritte um den sich das eigentlich alles dreht.
Wir wurden dann von einem jungen Mann im Rollstuhl unterbrochen, ob wir ihn hinüber zur Sonnenburger Strasse fahren können, die Bürgersteige seien so miserabel und ihm sei kalt, er käme nicht weiter, und er wolle schalfen gehen, ich sagte, klardoch, packte die Griffe am Stuhl und wir fuhren ihn durch das Gleimviertel, zudem war das ja auch eine Art Nachhauseweg, K und ich führten dann noch schnell zweidrei Sätze des Gespräches zu ende, aber das starke Zittern der Beine des jungen Mannes im Rollstuhl war dann stärker, ich meine stärker im Sinne der Präsenz, da konnte ich mich nicht auf meine Gedanken konzentrieren, und fragte ihn, hey, alles gut mit Deinen Beinen?, und er sagte, ohja, alles bestens, das sei eine muskuläre Reaktion bei Minusgraden, das käme von seiner Krankheit, er könnte auch eines dieser muskelberuhigenden Mittelchen nehmen, aber das sei ihm zu gefährlich, ein Freund von ihm sei schließlich daran gestorben, weil, man darf nicht vergessen, auch das Herz ist ein Muskel, und bei dem Freund habe sich das Herz dann total beruhigt, zu Ende beruhigt sozusagen, boah bitter das, jo, bitter das. Zehn Minuten später erreichen wir sein Haus, er wohnt im Erdgeschoß, ich schiebe ihn rein ins Treppenhaus, er bedankt sich. K und ich gehen weiter durch das Eis, kommen dann zuhause an und gehen schlafen. So.

#
Heute bei Saturn am Alex, ich wollte diese Sichtschutzfolien für mein Netbook kaufen, ich mag es nämlich nicht, wenn ich unterwegs bin, und mir Menschen in den Bildschirm schielen, da war im Saturn durch die CD Abteilung hindurch, durch die Computerabteilung hindurch, schlängelnd zwischen den Regalen, bis hinüber zu den Fernsehern, bis ins hinterste Eck und dann einmal an der ganzen Wand entlang, eine Schlange von mehreren hunderten Menschen. Ganz vorne war der Grund der Aufregung. Peter Maffay signierte seine neue CD. Er war braungebrannt. Wie ein Außerirdischer von einem sommerlichen Planeten, oder einem sonnigen Himmel der Stars heruntergeschwebt, oder aus einem weit entfernten Jahrzehnt herbeigebeamt, aus meinen Erinnerungen als kleiner Junge, als ich in den achtzigern über eine grüne Wiese lief und in die Sonne schielte.

[7.2.]

von der Beusselstraße bis nach Bellevue spaziert

#
Schwere See

#
Bei Element of Crime in der Arena die Hüften gewiegt. Die Band ist definitiv als allgemeines Kulturgut angekommen. Und das meine ich gar nicht negativ, nur ein bisschen verlassen fühle ich mich vielleicht, das war ja sehr intim damals, als wir rauchend auf dem Sofa saßen.

[tagebuchbloggend 27.1.]

Das hat gestern ziemlich gedauert. Die Mädls von K waren zum Essen da. Sie hatten ihre Männer mitgebracht. Die Männer habe ich abgefüllt. K die Frauen. Wir haben viel gelacht, und viel geredet.

Heute ist Mozarts Geburtstag. Der 27.1. Nicht wichtig das, aber das wusste ich als Kind immer schon. Weiß nicht warum mir das jedes Jahr am 27.1. einfällt.

Zusammen mit mir hingegen, haben lauter eigenartige Menschen Geburtstag: Sarkozy zB. Aber auch: Elijah Wood. Oder: Gianluigi Buffon. Ich mag die italienische Fussballnationalmannschaft ja überhaupt nicht, aber Buffon gefällt mir schon. Erscheinungsmäßig jedenfalls, er hat etwas von einem respekteinflößenden römischen Soldaten. Aber auch: Henry VII. Ich habe eben K gefragt ob Henry VII okay war, sie weiß solche Sachen immer. Wusste sie aber nicht, nur dass es der Vater eines anderen Henrys war. Das macht ihn weder okay noch nicht-okay. Aber auch gute Leute sind am 28.1. dabei: David Lodge. Also einer jedenfalls.

K hat es da schon nicht so gut getroffen mit Jörg Haider und Nicolae Ceauşescu.

Heute haben wir erst die Geburtstagsfeier ausgeschlafen. Danach kam der Fenstermann, der sich die undichten Fenster angesehen hat. Er hat nur den Kopf geschüttelt.
Danach haben wir gefrühstückt und dann sind wir spazieren gewesen. Wir wollten eigentlich nach Kreuzberg, dort liegt K’s ehemaliger Lieblingsbuchladen. Wir sind aber erst zu Fielmann ins Alexa, neue Gläser für K, das hat lange gedauert. In der Zwischenzeit habe ich die SuperILLU komplett durchgelesen. Als wir beide fertig waren, habe ich mir eine Mütze gekauft. Und dann war es auch schon dunkel, und wir haben Kreuzberg sein lassen. Sind nachhause und haben total auf Schlechtewettertag gemacht. Rumsitzen, lesen, schreiben und ab und zu etwas trinken.

[tagebuchbloggend 26.1.]

Heute ist K’s Geburtstag, übermorgen ist meiner, also haben wir einfach alle drei Tage frei genommen, so ein Geburtstagsübergreifende Auszeit, so schirmmäßig muss man sich das vorstellen, es bedeckt die Tage, hält sogar ein bisschen warm, was bei diesen Minusgraden nicht schadet, ich habe gestern ja die Deutschlandkarte gesehen und Berlin liegt in der Minusfünfzehnzone, die westlich hinter den Stadtgrenzen alles schon bald wieder zum Tauen bringt, total sibirisch erstarrt hier, während es ein paar hundert Kilometer flussabwärts in Hamburg ja fast schon tropisch ist. Irre das, und natürlich übertieben, aber auch egal. Gestern hatten wir im Büro diesen Spezialisten aus Paris zu Besuch, der gerade aus Stockholm gekommen war und sagte, in Schweden sei schon fast Frühling. Das ist auch “irre”, aber nachher habe auf wetter-de-e geguckt und gesehen, dass er ein bisschen geschwindelt hat. Womöglich beschäftigt uns alle das einfach zu sehr, alsdass wir uns mit Non-absolutismen zufrieden geben würden. Jedenfalls. K und ich haben heute also ihren Geburtstag mit Frühstück im Bett begonnen, ich habe ihr auch ein paar Geschenke ans Bett gebracht, die Schuhe hat sie noch liegend anprobiert, die Kerzen haben in den Schinken getropft, weil das so olle Kerzen ohne Tropfschutz waren, und dann halt auf Schinken, weil K die süßen Sachen nicht so mag, sondern mit Schinken und Käse am Morgen total glücklich zu kriegen ist, dachte mir heute früh, ein bisschen Schlagsahne drauf zu tun, eine Art gespielte Feierlichkeit, die irgendwas Geburtstägiges mit dem Schinkenbrot machen soll, aber das wäre wiederum kein schlechter Witz, sondern eher eine eigenartig ungelenke Bösartigkeit gewesen, die mir ja gar nicht liegt, und überhaupt: habe so oft das Gefühl, mich mit schlechten Witzen zurückhalten zu müssen [...]
Nun.

Der Geburtstag fing jedenfalls mit einer kaputten Spülmaschine an. Nicht weiter schlimm, nur, dass die Küche heute Kopf stand, und wir am Abend Leute zum Essen haben werden, also gleich, in einer halben Stunde, heute war dann irgendwie alles Putztag und Kochtag, gerade haben wir uns selbst noch ein bisschen herausgeputzt, weil wir uns ja total vollgeschwitzt haben, nachdem dann auch noch der Staubsauger den Geist aufgegeben hat, und als K noch schnell ihr Kleid bügeln wollte, streikte auch noch das Bügeleisen, das war dann so etwas wie: schlechtes Omen. Wegen dreimal, das ist Schiffsrecht, oder quasi biblische Zahl [...] Oh. Die Klingel.

[tagebuchbloggend 23.1.]

Sonne.

#
Gestern am Abend auf V’s Housewarmingparty im Friedrichshain gewesen. Sie und ihr Freund sind noch nicht eingezogen, es sei besser erst zu feiern und dann erst die Sachen umziehen, sagte sie. Das klang gestern so plausibel. Heute verstehe ich es allerdings nicht mehr. Wegen der Sachbeschädigung vielleicht, aber das bringe ich mit V nicht so recht in Verbindung, weil V so Sachen macht wie: TonSteineScherben hören, oder barfuß durch Peru zu laufen. Oder so ähnlich halt, möglicherweise hatte sie Schuhe an, aber ich meine ja nur.
Tatsächlich wurde ich von einem jungen Mann angerempelt und der Inhalt meines Rotweinglases landete auf dem Boden. Niemand interessierte es, es gab auch keine Tücher.

K und ich waren sehr gut gelaunt. Später haben wir ein Taxi genommen, der Fahrer, der Frisur nach ein Rastafari, hörte Rasta, K und ich plauderten, hörten der Musik zu und als wir zuhause waren, kochte K noch Spaghetti und gab gewürfelten Gorgonzola und geriebenen Parmesan dazu.

Und generell: zu wenig Wein auf den Boden geleert.

#
Am Morgen dehydriert wach geworden. Ich hatte vergessen, vor dem Schlafengehen einen halben Liter Wasser zu trinken, das heilige Ritual, das mich vor dem nächsten Tag rettet. Diesmal nicht. Diesmal wurde ich morgens verstört wach. Trockene Kehle, trockenen Mund, die männliche Katze saß mir in den Gliedern. Und blieb dort den ganzen Tag.

Heute habe ich alles aufgeschoben. (Oder sagt man dazu noch das Wort mit dem Pro vornedran?)

[tagebuchbloggend 21.1.]

Als gestern, nach sechzehn Tagen zum ersten mal, plötzlich und unangekündigt, die Sonne auf Berlin herunterschien, schauten wir im Büro ziemlich wundernd und etwas träge aus dem Fenster. Es blendete uns. Wir machten alberne Witze darüber. Die Sonne ging nach zwanzig Minuten wieder. Die albernen Witze blieben.

#
Am Abend haben K und ich die Tiger Lillies im Berliner Ensemble gesehen. Oder nennt man das, das Theater am Schiffbauerdamm? Ich habe das mit der Bezeichnung des Brecht-Theaters noch nie ganz verstanden, und die umständliche Auslegung auf Wikipedia nervt mich. Ich will jetzt gar keine fundierte Betrachtung der World’s foremost Death Oompah band aufschreiben, ich habe sie schon so oft gesehen, ich höre sie schon so lange, ich mag sie immer noch so gerne. Was ich aber unbedingt empfehlen kann: die Tiger Lillies im Berliner Ensemble. Gerade wenn das Licht im Saal ausgeht und nur noch die Bühnenlampen, den überladenen Barock im Saal, so zwielichtig anleuchten, und die drei Musiker, total grotesk in ihrere Erscheinung, ihre Lieder spielen. Dann wird alles plötzlich wunderbar unzeitgemäß.

#
Nachher hat mir K zuhause die Tindersticks vorgeführt, sie sagte, tolle Band sei das, im März kämen sie in die Stadt und sie würde Karten kaufen. Sie sang die Lieder mit. Ich schaute ihr dabei zu. Sie gefielen mir.

[tagebuchbloggend 20.1.]

Manche Menschen können reden und reden und reden. Und reden. Ich brauchte für meinen Vortrag exakte sieben Minuten. Hätte mir nicht jemand dazwischengequatscht, wäre ich mit fünfeinhalb ausgekommen.
Ein Kollege brauchte für seinen Vortrag, – ähnliche Thematik, ähnliche inhaltliche Fülle –, eine Dreiviertelstunde. Und wir mussten ihn unterbrechen. Ich mag ihn leider gerne. Beim ihm konnte ich mir allerdings richtig vorstellen wie das aussieht, wenn jemand einem die Ohren abquatscht, ich kann mir das bildlich und klar vorstellen: wie ich ihn enthöhlt anstarre, während er mich mit breiigen Sätzen bespricht, und mir ohne Grund, und ohne dazugehöriger Metapher, die Ohren abfallen. Wir würden beide etwas ratlos die auf dem Boden liegenden Ohren ansehen und nicht wissen was sagen.

#
Am Abend habe ich B in ihrer neuen Wohnung besucht. B ist gerade von Hamburg nach Berlin gezogen und hat mir gestern stolz ihre neue Bleibe gezeigt. Sie sagt, sie fühle sich noch ein bisschen verloren in dieser großen Wohnung, die Wege seien so weit, und Decken auch so weit weg. Das ist der Berlin-Effekt wenn man hier herzieht und sich auf einmal so viele Quadratmeter leisten kann. Nein, nicht Neuköln. Prenzlauer Berg, Helmholtzkiez.

#
Heute mit meinem Nachbarn J in dieser neuen Bar am Rosenthaler Platz verabredet gewesen, da im ersten Haus auf der linken Seite der Brunnenstraße, wo früher der Buchladen gewesen ist, der so dramatisch durch eine Mieterhöhung weggemobbt wurde und in den Weinbergsweg umziehen musste. Eine gewisse Schadenfreude hatte ich dabei, zu sehen, wie da einfach nur eine Bar nachgezogen ist und kein großer, lukrativer Laden, mit großen, lukrativen Sahnehäubchen. Dort habe ich auch Frank (argh.de) getroffen, was eine Freude war.
Die Bar heißt Mein Haus am Meer, ist rundum ein Provisorium, ein this is so fucking Berlin, hat 24 Stunden geöffnet, hat WLAN, super Sofas und Sessel, und den schlechtesten Kaffee der Stadt, vor dem mich Frank gleich in den ersten Sätzen der Begrüßung gewarnt hatte. Ich habe dann in einer Gedankenlosigkeit, trotzdem einen Capuccino bestellt.

[tagebuchbloggend 18.1.]

Dass Leipzig kalt war, hatte ich nicht erwähnt, da ja alles kalt ist momentan und ich wollte dem positiven Geist, den ich Leipzig gestern im Blog entgegengebracht habe, nicht durch unnötige Negativinformation entgegen-öhm-geistern.
Der Nachteil an Leipzig war eben, dass es auch in Leipzig ziemlich kalt war, und ich es nicht nötig fand, zwei paar Socken und zwei Unterhemden zu tragen, wie es die anderen taten, sondern ich saß da, und war eigentlich anderthalb Tage lang ein bisschen unterkühlt, und jetzt zurück in Berlin hat sich das Immunsystem nicht mehr gleichzeitig mit der Körpertemperatur mit hochgefahren, und jetztjetztjetzt, jetzt rotze ich.
Mich krank gemeldet und im Bett Sachen geträumt. Hat gut geholfen.

#
Wenn Literaturnobelpreisträgerinnen zu Stilikonen werden. Als K heute nachhause kam und mir diesen neu erworbenen, schwarzen Umhängecardigan vorführte, sagte ich: gefällt mir, so Herta-Müller-Style.
Fühlte sich ganz pioniermäßig an, das gesagt zu haben.

[tagebuchbloggend 16.1.]

Im Zug nach Leipzig, weite Schneelandschaften ziehen an mir vorbei, wie bewegt das Brandenburg eigentlich ist. Ich sehe Rehe im offenen Feld, wie sie versuchen Schnee beiseite zu scharren, um an das darunterliegende Gras zu kommen. Rehe, denke ich, jemand muss sie aus dem Winterschlaf geweckt haben, doch dann schaue ich bei Wikipedia nach und lese nichts von Winterschlaf und denke mir alles mögliche dazu. Vor allem auch, ob ich meine diese Ignoranz wirklich ins Blog schreiben soll.

#
Ich werde mich im Schreiben unterrichten lassen. Deshalb Leipzig. Nicht das Literaturinstitut, sondern Textmanufaktur, Basiskurs Keatives Schreiben, das wollte ich immer schonmal machen, ich kann zwar schreiben, kann einige unterschiedlichen Dinge, ich experimentiere rum, mit Stilen, mit dem Sound, mit der Art, Gedanken in Textform auszudrücken, ich verstehe Schreibe, was man sich im Laufe der Zeit eben so erlernt, wenn man liest und schreibt, oneway, twoway, die do-it-yourself-Schreibe, wie wir die Popkultur zur Hochkultur stilisieren, und das völlig zurecht, aber ich meine, so etwas wollte ich immer schonmal machen, einen Schreibkurs, ich habe ja keine Bildung, ich wollte immer schonmal jemanden haben der mir sagt: machmalso und machmalso, probier mal das, und wirf das mal um (usw.), gezielte Anregungen den Text, der ja nichts anderes ist als in Form gebrachte Gedanken, in Form zu bringen, den Sound zu verfeinern, aber dann so von extern diesmal. Das wird toll. Auch freue ich mich, endlich mal nach Leipzig zu kommen.

#
Und schon wieder vergessen für Haiti zu spenden. K macht das gleich und ohne Umstände, bei mir spielt immer der Gedanke mit, dass der Großteil meines Geldes in Benzin und Logistik aufgeht, und an Miete der Räumlichkeiten der Organisationen und–, als würde meine Spende nicht effizient genug sein, Kosten/Nutzen. Was total daneben ist.

[tagebuchbloggend 14.1.]

Gestern im Kino gewesen, in einem Film, dessen Titel ich jetzt nicht sage. Überhaupt haben wir uns geschworen, niemanden zu sagen welcher Film das war. K sagte: Du bist der einzige Mann hier. Ich sagte: da ganz vorne links sitzt noch einer und etwas mittiger ein anderer. Aha, sagte sie, das hast Du schnell gesehen. Achja, sagte ich, war mir wichtig.

Vorher waren wir in den Potsdamer Platz Arkaden, weil ich dringend winterdichte Schuhe brauche, stattdessen sind wir in einem Uhrenladen hängen geblieben, Uhren, Uhren, Uhren, Himmel, ich habe ja nichts mit Uhren, wollte eigentlich nur eine Uhr, weil es vielleicht praktisch ist, die Zeit am Arm abzulesen, aber auch weil es mir gefällt, in unsicheren Zeiten, den linken Arm zu strecken und nachdenklich|planerisch auf die Uhr zu schauen und die Zeit abzulesen, die Geste nur, aber gegen die SPIEGEL|ZEIT-Abo-Uhren bin ich allergisch, und das meine ich wörtlich, der Drehkopf an der Seite verursacht bei mir Ausschlag, nur der Drehkopf, nicht der Rest der Uhr, und gestern hat man mir in diesem Laden an den Potsdamer Platz Arkaden versprochen, dass deren Uhren keine Allergien verursachen würden, zudem bin ich jetzt von dieser Einstellung abgekommen, eigentlich eine ganz klassische, einfache Uhr zu wollen, eigentlich wolle ich ja nur etwas klassisches und einfaches, weil ich nichts anderes kenne, und es einfacher ist, sich zu nichts zu bekennen und schön im Hintergrund zu bleiben, aber dann stieß ich auf diese spanische Uhren von LOTUS, mit diesen eigenartig expressionistisch-artdeco-mäßigen Aussehen, die so Sachen machen wie: Aufmerksamkeit erregen. Ich mag ja Anstoß. Gekauft. Ich werde sie dann in zwei Wochen von K zu meinem Geburtstag bekommen.
Ich habe die Uhr gestern zweimal vor ihr versteckt, ich fand das blöd, nach so vielen uhrlosen Jahren, jetzt auch noch zu warten. Ja, das mit dem Verstecken war albern, deshalb habe ich es bald sein lassen.

#
Heute hat mich Anke Gröner wegen dieser Tagebuchblogsache verlinkt, so mit Danke und all dem. Das hat mich sehr gefreut. Ich habe mich gefragt wie ich das mit dem Dankezurück am besten mache, weil sie ja die Kommentare ausgeknipst hat, und Mail zu schreiben ist ja auch wieder so eine verstummte Sache, bin dann allerdings auf keinen grünen Irgendwas gekommen, weshalb ich das jetzt einfach mal blogge, so pingpong, über Netz. Und dabei habe ich kurz überlegt, für diesen Eintrag die Kommentare auszuschalten, das hätte ich witzig gefunden, ist aber auch wieder albern, ich finde das ja gut, dass sie keinen Bock auf Kommentierer hat, und das stünde dann wieder so larmoyant: siehste die Gröner mag keine Kommentare jetzt zeige ichs ihr mal, aber, eben, das ist ja nicht so.

[tagebuchbloggend 13.1.]

Wieder zwischen den Tagen. Die Nacht also im Büro verbracht. Ich weiß gar nicht wie ich diesen Tagebucheintrag betiteln soll, noch welcher Tag das eigentlich gewesen ist. Vor der Nacht habe ich ein bisschen vorgeschlafen und nach der Nacht ein bisschen nachgeschlafen, zwei Stunden vor, vier Stunden nach, und dazwischen diese lange Nacht, das fühlt sich viel mehr Raubbau am Körper an, als eine ganze Nacht lang in Bars oder zu Beats sich den Puls der Zeit zu erhöhen.

#
Morgens um sieben, nüchtern mit der U-Bahn nachhause gefahren, mich zusammen mit den frühaufstehenden Arbeitsmaschinen im Pendlerblock durch die unterirdischen Schächte schleusen lassen. Gespenstische Stimmung. Dabei bin ich Frühaufsteher, nur so nebenher.

[tagebuchbloggend 9.1.]

Und dann Soul Kitchen gesehen. Wir haben viel gelacht, und erst als ich später im Bett lag, und mich die gewaltige Ästhetik des Filmes innerlich nicht in Ruhe ließ, fiel mir auf, einen unendlich traurigen Film gesehen zu haben, der nur mit liebevollem Witz und wegen der grotsek gezeichneten Figuren, den Anschein gibt, eine Komödie zu sein. Ich bin auch heute noch eigenartig mitgenommen. Danach sind wir durch den Schnee, die Rosenthaler Straße hoch gelaufen, meine Schwester und ich, bis zum Rosenthaler Platz, haben uns verabschiedet, sie ist in die Ubahn gestiegen und ich bin die Brunnenstraße hoch gelaufen. Die verschneite Partynacht, alles gedämpft von einer Watteschicht, nur vereinzelte Idioten haben sich ins Auto gesetzt und fahren herum. Zuhause arbeitete K noch. K arbeitet zur Zeit Tag und Nacht. Ich setzte mich an meinen Schreibtisch und schrieb bis ungefähr vier Uhr. Danach legte ich mich ins Bett und konnte nicht einschlafen. Und da fiel mir auf, dass ich einen unendlich traurigen Film gesehen hatte.

[tagebuchbloggend 7.1.]

Die letzten Tage mich vor der Kälte gedrückt. Diese berliner kontinentalsibirischen Minusgrade gehen mir in die Knochen, das bin ich so nicht gewohnt, das geht mir sehr auf das Gemüt. Dabei sollte ich die Kälte kennen. Da wo ich herkomme ist ungefähr sechs Monate im Jahr Winter, ein Monat ist Sommer und fünf Monate Herbst. Frühling gibt es da nicht. Der Frühling ist der Matsch im auslaufenden Winter. Später in meinen langen Jahren an der Nordsee hatte ich nie richtigen Winter; die Sache mit dem Golfstrom, wir wissen bescheid. Ich sitze also drin. Oder bewege mich über U-Bahn. Und was will ich damit eigentlich sagen. Während ich die Zeit also Großteils drinnen verbracht habe, fand ich diesen Ton. Beim Aufschreiben von Liebesgeschichten aus meiner Jugend, wie das damals mit den Gefühlen war, das ist eigenartig, diese Leichtigkeit mit der man sie plötzlich betrachtet kann, umschreiben auch, die Zusammenhänge sind plötzlich so klar. Obwohl. Mal sehen ob später etwas davon ins Blog passt, ist dann ja auch wiedermal etwas autobiologisches, das kann hierher, die fitkiven Sachen machen mir sonst das Blog immer so fremd.

[tagebuchbloggend 3.1.]

Was ich vergessen hatte zu erwähnen, ist die Aufgeregtheit am Potsdamer Platz. Die Menschenströme von Außerhalb, die sich Berlin geben wollen und dann vor der Kulisse des Potsdamer Platzes landen, am plattgetretenen Dreieck: Reichstag, Brandenburger Tor, Potsdamer Platz. Ich gehöre ja zur Generation der Berliner, die den neuen Potsdamer Platz schon als integrierten Stadtraum wahrnehmen, und ihn auch entsprechend nutzen, wegen dieser gespielten Mondanität, der wir uns manchmal hingeben, Filme nur im Originalton zu sehen zu können, weil man bei synchronisierten Filmen, nach einer kurzen Entwöhnungsphase im Ausland, diese hermetische TOTALAKUSTIK der Syncronschaltung nicht mehr ausstehen kann. K und ich saßen in einem dieser Touristencafes an der Erhardt-irgendwas-Straße und tranken einen Kaffee, wir waren ziemlich ausgekühlt von der Kälte draußen, K las das Kinoprogramm und ich tat das, was ich früher beim Rauchen auch oft tat: in den Raum schauen. Nur hat man ohne Zigarette das Gefühl man sei ein Tagträumer, während die Zigarette immer die Bedeutungsschwere mitlieferte. Eine alte Erkenntnis. Mir kam jedenfalls in den Sinn, dass die Anwesenden vermutlich dem Trug erlegen wären, sich unter Berlinern zu befinden, das glaube ich, weil ich allen ernstes auch immer glaube, in Paris im 1mere Arrondissement zu sitzen und mich unter Parisern zu befinden, und genauso geht es den Berliner Touristen, sie setzen sich in die Bars am Potsdamer Platz und wähnen sich unter Berlinern, das ist vielleicht das Eigenartige dieses industriellen Massentourismusses – gegen den ich übrigens nichts habe – dass wir uns in, öhm, Sicherheit wähnen. Meine Schwester zieht übrigens wieder um. Der Entschluß alleine zu wohnen. (Diese KAPITALNEBENSÄTZE, ich komme in diesen Tagen nicht drumherum.). Ich begleitete sie zu einer Wohnungsbesichtigung im vorderen Samariterkiez, unweit der besetzten Häuser in der Rigaer-/Liebigstraße. Eine eindrucksvolle urbane Kulisse, die Sprache der bemalten Fassaden, die so explizit daherkommt, in der Ästhetik mit der wir früher die Flyer gestaltet haben. Ein Dutzend Häuser, sie wirken wie eine Territoriumsmarkierung, es ist wie Popart, recycled auf Gründerzeitpappe, TOTALÄSTHETIK. Erst beim Schreiben diese Zeilen fallen mir die Parallelen zum vorgestern erwähnten Quartier Jägerstraße auf, möglicherweise ist Aldo Rossi in seinen letzten Tagen der TOTALPOPART verfallen, der KAPITALTOTALÄSTHETIK, ein gewisser Brutalismus, der angewandt werden will, wenn man mit der Neuen Sachlichkeit brechen muss. Weshalb ich ja auch das Alexa so toll finde. Aber ich schweife ab. Wir haben uns dann diese Einzimmerwohnung im Erdgeschoß in einem Hinterhof angeguckt, die jetzt von den drei Typisierungen her ganz entsetzlich klingt. Das war aber gar nicht so. Die Wohnung war ziemlich geräumig, ziemlich billig, und ziemlich hell. Ich ging mit, weil ich ein fürchterlich neugieriger Mensch bin. Sehen wie Menschen wohnen, die Details, Gegenstände die Identitäten stiften, zu Personen assoziieren, Möbelstücke, und deren Ausrichtung, wie die Inseln geschaffen werden, wie Intimitäten geschaffen werden, überhaupt, wie der Lebensraum von Intimitäten lebt, wie der Stadtraum von Intimitäten lebt. Ich könnte immer nur Wohnungen ansehen. Mein bester Job war vielleicht Ende der Neunziger in den Niederlanden, als ich fast drei Jahre lang Möbel geschleppt habe, etwa 15 Wohnungen pro Tag, 4 Tage die Woche, 12 Monate im Jahr, ich habe damals NUR Wohnungen gesehen, und ich bin morgens mit wunderbarer Laune in die Fabrik gefahren. Später habe ich dann mit der Büroarbeit angefangen und dann bin ich fett wie eine Mozarella geworden, und schlechtgelaunt dazu. Aber gut, wovon wollte ich erzählen? Ach von den Tagen nur. Am Abend haben wir dann Billy Wilders One, Two, Three geschaut, Film aus ’61 über das Sektorenberlin, eine Komödie in der die Menschen unentwegt brüllen, wie so oft in den Filmen aus dieser Zeit, ich weiss nicht, sogar Willy Brandt hat ja immer gebrüllt, wenn er seine Reden hielt. Ich war am Ende des Filmes jedenfalls ein herbstliches Blätterhäufchen, irgendwas mit Espen oderso, und total erleichtert, als K in normalem und ruhigen Tonfall sagte: toller Film, was? Ich nickte. Der Film wurde übrigens von der Geschichte eingeholt; während der Dreharbeiten wurde die Mauer gebaut, und die ganze Thematik war danach für den Dings. Weshalb der Film anfänglich auch gefloppt ist. Erst später fing man ihn an zu schätzen. Heute kam meine Schwester am Nachmittag vorbei, weil sie sich auf dem Flohmarkt am Mauerpark eine TOTALVEREISUNG zugezogen hat. Ich hatte K kurz vorher eine Nackenmassage versprochen, also bat ich meine Schwester aus »Es« vorzulesen, während K vor mir auf dem Boden saß und sich von mir den Rücken kneten lies. So ging das eine ganze Weile und ich fühlte meine Hände irgendwann gar nicht mehr, wobei Ks Nacken TOTALBREI geworden war, was sie aber ziemlich Okee fand. Stephen King jedenfalls– diese öden Abschweifungen vom Handlungsstrang die er macht, zu viel Ballast, zu viel Nebensächlichkeiten, ich verstehe das nicht, ich meine, ich verstehe den Mainstream, ich weiß genau was funktioniert, aber bei »Es« sehe ich schlichtweg nicht, was den Mainstream an diesen öden Ausschweifungen über öde Figuren reizen soll, doch auf irgendeine Art schafft er es, uns bei der Geschichte zu halten, und während ich das so schreibe, glaube ich, dass er uns einfach eindudelt, es ist vielleicht ein bisschen wie beten oderso, er zieht eine enorme Kulisse hoch, und fängt dann an zu beten, mantraartig irgendwie, auch wenn der Text weiterfließt, vielleicht schauen wir bei King tatsächlich dem Fließen zu, als säßen wir am Fluß, ließen die Füße baumeln und schauen stundenlang hinein. [...] ah, der Text verliert an Fahrt, ich will jetzt ins Bett. Morgen fängt das Bürojahr an.

[tagebuchbloggend 1.1.]

Neujahr. Gut reingerutscht irgendwie. Nach Mitternacht, gegen zwei oder drei, wurde, in der soundsovielten Rückblende, die soundsovielte Uhr eingeblendet, wie der Zeiger in den letzten Sekunden auf das neue Jahr zugeht. Um 00:00 geschah dann gar nichts, der Zeiger der Zeit ging einfach weiter, ohne inne zu halten und zu reflektieren, ohne jemanden zu küssen, oder den Sekt aufzumachen, nach der nullten Sekunde des neuen Jahres, kam einfach die erste Sekunde des neuen Jahres, und die Zweite, und weiter in seiner unendlichen Schleife. K und ich sahen das geschehen und waren total gerührt. Heute war das mit dem Aufstehen dann doch wieder schwierig. Warum auch immer. Am Nachmittag wollten wir spazieren gehen, auch mit meiner Schwester, die Silvester alleine in ihrer Wohnung verbracht hatte, verbringen wollte, es muss in der Familie liegen. Aber unsere Aufbruchstimmung war für sie dann ein wenig zu hektisch. K und ich fuhren also mit der u8 bis zur Heinrich-Heine-Straße, weil ich von dort durch die Luisenstadt zur Friedrichstadt in Mitte laufen wollte, das Quartier Schützenstraße von Aldo Rossi, genauer anzusehen. Bisher war ich ja immer nur daran vorbeigefahren, und in jene Ecke von Mitte kommt man sonst nicht so schnell, ist ja eine dieser Ex-Mauer-Gegenden, die so eigenartig unerreicht bleiben, für das Berlin, das man so im Kopf hat wenn man Berlin im Kopf hat, was vielleicht auch nur an mir liegt, und meinem Lebensumfeld, das so geprägt ist von diesem Aufbruchberlin, das das Berlin seit 1968 geworden ist. Wir sind dann um den ganzen Block herumgelaufen, ahh, die Körperlichkeit, und sehr angetan gewesen von dieser Architektur die sich so verliebt in Szene setzt. Wir sind dann noch weiter durch die Friedrichstadt gelaufen, durch das rechtwinklige Straßenraster der Quarrees, wie es Ende Sechzehnhundert angelegt wurde, und haben uns im Zickzack bewegt, ein bisschen als wäre es ein Abenteuerurlaub, wegen der Schluchten und des historischen Kontextes, was zwar nur zur Hälfte Abenteurlich ist, aber unsere Generation ist ja geprägt vom aufgezwungenen pädagogischen Wert unserer Kindheit. Sag ich jetzt mal so.

[tagebuchbloggend: 28.12.]

Den achtundzwanzigsten vor allem nerdend am Computer verbracht. Den Drucker wieder zum Laufen gebracht, aber damit nicht genug, den PC als Druckerserver für alle Computer im Hause eingerichtet, und eine fünfhundertgigabyte USB-Platte als Haushaltsdaten-Share eingerichtet und natürlich für alle Computer in der Wohnung (6, bei zwei Personen) übers Netz zur Verfügung gestellt, und Skripte geschrieben um täglich die aktualisierten Dateien mit dem Server im Netz zu Syncen, und. Nach dem Aufstehen sind K und ich allerdings erst aus dem Haus gegangen, weil der gestrige Tag schon so ein Tag des künstlichen Lichts war, ich hatte nämlich gar nicht erwähnt, dass wir Avatar am Nachmittag geschaut hatten, also während der paar hellen Stunden dieser kurzen Dezembertage, haben wir diese paar hellen Stunden in einem verdunkelten Keller im SonyCenter am Potsdamer Platz verbracht, und sowieso, wenn ich morgens nicht aus dem Bett muss, dann verschiebt sich mein Biorythmus ganz schnell nach hinten, momentan bin ich bei 4:50Uhr Schlafenszeit angekommen, und irgendwann nach Mittag komme ich aus dem Bett, und tja, der Tag fängt dann schon an zu dämmern, und mich ärgert das, also sind wir heute gegen halb zwei aus dem Haus gegangen, die Brunnenstraße hinunterspaziert, sind in zweidrei Schuhläden reingegangen, haben dann in der Rosenthaler Straße einen Burrito gefrühstückt, und sind dann über den Hackeschen Markt, auf die andere Seite der S-Bahntrasse gegangen, um dieses neue, noch im Rohbau befindliche, sogenannte Hackesche Quartier auszuchecken, Quartierquartier, diese Vermarktungssprache, die Angst vor dem Unschicken, jedenfalls befürchte ich ja, dass die da wieder unsägliche Langeweile hinbauen, oder mindestens diese geleckte Ästhetik, der sich in Avantgarde befindend glaubenden Architektonischen Riege, die, wie so oft, Zurückhaltung predigt, Klarheit, Form follows Function — von der Function erwarte ich, dass sie praktisch ist, die Fernbedienung soll (verdammtnochmal) übersichtlich sein, aber von der Form erwarte ich, dass ich (verdammtnochmal) nicht durch eine Stadt von Fernbedienungen laufen muss. Dabei rede ich nicht einmal ausschließlich von Ästhetik. Aber möglicherweise bin ich ein bisschen ungerecht, ich habe mich über die neuen Häuser hinter der SBahn sehr gefreut, die Intensität des Stadtkörpers, die dort wieder hergestellt wird, aah – und ich klinge wie ein Esoteriker wenn ich vom Städtebau rede.

[tagebuchbloggen 27.12.]

Hm, K sagt, ich wäre schon zu betrunken für diesen Tagebuchblogscheiß um diese Uhrzeit. Ich hingegen bin mir noch nicht ganz sicher. Dabei liebe ich es ja gerade so sehr, diese Zwischenzeit, ha und jetzt erwähne ich es wieder, ich weiss nicht genau warum mir dieser Term in diesen Tagen so oft in die Quere kommt, die Zwischenzeit gibt es ja jedes Jahr, mehr oder weniger jedenfalls, vielleicht weil ich mich darauf eingestellt habe. Und dabei weiss ich nicht was das jetzt wiedermal zu bedeuten hat. Vielleicht wäre wiedermal Kulturkritik angebracht, heute sind wir nämlich in Avatar gewesen, der Film, der die Kinogeschichte umschreiben soll, [...] Ploink. Doch nur der 3D-Technik erlegen, eigentlich. Obwohl man immer nur fokussieren kann, man tut sich so schwer das gesamte Bild zu erfassen, man muss immer Details scharfstellen. Wenn man den Überblick behalten will, sich zurückziehen aus dem Geschehen und auch die Ecken erfassen, dann wird alles unscharf, die Augen folgen dem Geschehen nicht mehr. Aber die 3D-Brillen haben ich natürlich behalten. Und das zerstreuende an diesen platten, emotionalen Geschichten ist immer, dass man weiß, wie sehr die Bösen am Ende auf den Deckel kriegen werden. Opium für das Volk, ich meine, man lehrt eine Art von Moral vielleicht, vielleicht; vielleicht ist das auch OK so. Möglicherweise bin ich aber tatsächlich gerade zu betrunken.

[tagebuchbloggen: 22.12.]

Dieser seitliche Kopschmerz, dieser seitliche Kopschmerz, dieser seitliche Kopschmerz. Von der linken Stirnkante bis zum linken Wangenknochen und nach hinten bis zum Ohr, zuweilen wird es da auch fiebrig warm. Er treibt mir sporadisch Tränen ins linke Auge. Und er macht komische Sachen mit der Haut auf meiner Nase, große Pickel, die ziemlich schnell zerplatzen. Auf beiden Flügeln.
Vermutlich die Kälte vom Samstag, die mir bis in die Knochen gekrochen ist und dort ein paar Tage ausgeharrt hat, auf die Gelegenheit wartend, mir bei den Ohren wieder herauskriechen zu können.

Sonst aber alles OK. Heute sowieso besser.
Nur gestern meine Verabredung mit Modeste absagen müssen.

Heute noch die letzten Erledigungen im Büro getan: Abschied genommen, Froheweihnacht gewünscht, und den guten Rutsch, zwischen den Tagen haben wir alle frei bekommen, und alle sagen, wie blöd das zu sagen: zwischen den Tagen. Ich hingegen mag das, den Ausdruck meine ich, natürlich auch die freien Tage, aber im Ausdruck ist es dieses Undefinierte dieser Tage, das Dazwischen, so eine _Dazwischenzeit_ ist das, alles bleibt ein bisschen stillstehen und eine warme Decke wird über alles drübergelegt und jetzt glaube ich, dass das alles ziemlich dämlich ist, das so zu beschreiben.