Mir war gestern einfach nur kalt. Und Durst hatte ich. So stand ich mit der Menschenmenge draussen vor der Kneipe. Ich kannte die meisten Leute nicht, da es eine Abschiedsparty von irgendeiner Englaenderin war, die wieder zurueck nach England ging. Ich war nur da, weil ich mich mit einer Freundin getroffen hatte, die auch den Abschied von dieser Englaenderin feierte.
Es war mir recht, ich wuerde ein paar Getraenke schluerfen und mich mit jemandem unterhalten. Aber ich wurde ungeduldig, da sich die Gruppe nicht entscheiden konnte ob sie nun in die Kneipe reingehen wollte oder nicht. Sie waren alle besoffen, und so trat ich auf die Englaenderin zu und sagte laut und bestimmt, in gepflegtem Englisch, aber trotzdem mit gespieltem Witz: “Du siehst aus alsob du hier die Entscheidungstragende Person bist” und erklaerte weiter, dass ich naemlich irgendwo reingehen wollte, aber die Gruppe sich nicht aus eigenen Stuecken entscheiden koenne.
Alle waren sie ploetzlich still und guckten mich an.
Die junge Lady fauchte mich mit einer Ernsthaftigkeit an, die man einer betrunkenen Person nicht zutrauen wuerde. In gepflegtem Englisch, wenn auch lallender: “Du siehst aus alsob du die Person bist mit der ich ueberhaupt nichts zu tun haben will.”
Ich war sozial geaechtet. Es ist verblueffend wieviel Wirkung manche Saetze haben koennen.

Erdbeben

Auch das noch. Heutefrüh um 9 uhr, Erdbeben in der Lüneburger Pampa. Zwar nur 4,5 auf der Richterskala und deshalb nicht zu vergleichen mit einem Beben in Kalifornien, Armenien, Japan oder irgendeinem anderen Ort auf den Sollbruchstellen der Kontinetalplatten, aber trotzdem. Gläser schienen geklirrt zu haben und im Redaktionsgebäude des Spiegels, an der Ost-West-Strasse, wackelten die Akten. Ich hab es zwar verschlafen, aber es ist eine halbe Katastrophe!
Ich fühlte mich sicher in meiner norddeutschen Tiefebene. Hatte alle notwendigen Sicherheitsvorkehrungen getroffen, so wohne ich auf dem höchtsmöglichen Punkt in St.Pauli (lediglich die nächsten 6 Häuser suedlich von mir stehen etwas höher, da die Strasse einen Buckel macht), habe sogar am Tag der Wohnungsentscheidung mich fuer diese Wohnung entschieden, weil die andere Wohnung im Karoviertel etwa 5 Meter niedriger liegt, und wohne deshalb nun auf stolzen 32 Metern über dem Meeresspiegel. Keine Monsterflutwelle kann mir etwas anhaben und schon gar keine Sturmflut. Ich glaube, dass mir nichtmal eine 200 meter hohe Tsunami-welle etwas anhaben kann, da diese erstmal statistisch sowas von selten auftreten, dass ich sie gar nicht in Anbetracht ziehen will, aber auch wenn sie auftreten, dann würde sie irgendwo mitten im Atlantik ausgelöst, und schon an den untieferen Stellen der europäischen Kontinentalplatte deutlich abgebremst werden, und dann muss sie erstmal Lissabon, Bordeaux, und andere Küstenstädte ueberschwemmen, dann vielleicht noch London, Rotterdam und wohl auch Bremerhafen, aber bis sie die Elbmuendung hochgekommen ist und Hamburg erreicht hat, muss sie immer noch die 32 Meter bis auf meinem Berg herrauf überwinden, und das traue ich ihr nun wirklich nicht zu.
Auch bin ich gegen Blitzeinschlag geschützt, da mein Haus zwar auf dem Berg steht, aber nur halb so gross ist wie alle umliegenden Gebäude. Wenn sich daher ein Blitz entladen will, dann trifft er erst die anderen Häuser. Auch gibt es keine grossen und dicke Bäume in die er einschlagen kann, die über mein kleines Häuschen einbrechen könnten.
Windgeschützt ist es da auch, und sollte mal ein richtiger Tornado kommen, dann habe ich meinen Bloggerbunker, ein relativ grosses, fensterloses Zimmer mitten in der Wohnung, worin leicht eine ganze Familie Schutz finden könnte. Und wenn ich mal aufräumen würde, dann sogar zwei.
Also rundum vorgesorgt. Und nun das! Erdbeben! Haette man mir das nicht sagen können? Dann wäre ich nicht in diese Bruchbude eingezogen, die schon wackelt wenn am anderen Ende der Wohnung die Waschmaschine schleudert. Bevor ich nach Hambuich gezogen hab ich mir schliesslich die seismologischen Statistiken der Stadt angesehen und es gab keinerlei Hinweise von tektonischer Aktivität und habe deshalb die architektonische Aktivität dieses Hauses in Kauf genommen ohne mir weitere Gedanken darüber zu machen. Und was nun?

Da gibt es die Tage an denen man sich dauernd auf die Schuhe pinkelt. An solchen Tagen passiert es dann auch nicht nur einmal, sondern gleich mehrmals. Am naechsten Tag ist alles wieder in Ordnung.

5 August Donnerstag – Sommer

Es sind die Naechte die den Sommer verschoenen. Nicht die Tage. Es sind die Naechte.
Es sind nicht die Tage, wo man so hohl wie eine Fata Morgana herumschwebt und vor und hinter den Augen einem nur die Formen verbiegen und die Distanzen so nah doch am Ende der Erdenplatte verdampfen, weil der Arsch erstickt und sich nicht heben kann.
Nein, es sind die Naechte. Wo man naechtlich wieder, nachtein nachtaus vom Hitzetod befreit, in die Strassen eintaucht und Wunder ueber Wunder man darin frei atmen kann als haette man ploetzlich Chiemen, wo der ganze Tagesschweiss sich wegwaescht oder abstreift und nur noch die nackte Haut am Ende bleibt.
Es sind wirklich nur die Naechte.

4 August Mittwoch/Wednesday – Dr. Best

Während sich mein Gebiss als achtzehnjaehriger Strassenpunk wegen uebermaessigen Alkohol- und Drogenkonsum dramatisch zu verschlechtern begann, ich irgendwann nur noch Suppen ass oder Bohnen aus Dosen die ich einfach mit der Zunge zerkauen konnte, weil das kauen von Pizza oder anderer fester Nahrung mir fuerchterliche Schmerzen bereitete, und mir dann vier Zaehne gerissen wurden die als irreparabel eingestuft wurden und einige weitere repariert, entschloss ich mich dazu mir das Zaehneputzen anzugewoehnen. Einige Monate spaeter klaute ich bei Schlecker eine Zahnbuerste der Marke Dr.Best, dies weil ich bei der Auswahl der richtigen Zahnbuerste voellig ueberfordert war und mir dann ploetzlich die Werbung des alten gutmuetigen Dr.Best mit seiner Schwingkopf-Buerste ins Gedaechtnis schoss. Und da hielt ich sie dann in der Hand, meine erste blaue Dr.Best Schwingkopf mit den sorgfaeltig verschieden angelegten Borsteln die es einfacher machten die Ritzen und Rillen von Schmutz und Karies und boesartigen haarigen Bakterien zu befreien. Eine Zahnbuerste die durch ihre Federung und dem genialen Schwingkopf sogar den Tomatentest ueberstanden. Dies wuerde mich wieder in Schuss bringen. Es sollte dann noch einige Wochen dauern bis ich mir Zahnpasta besorgt hatte, aber der Marke Dr.Best war ich schon verfallen. Wie sie meine Zaehne massierte, so delikat, kaum Bluten, sie lag perfekt in meiner Hand, alsob sie sich anpassen wuerde, die Beschichtung gleitfest, nur saeubernder Genuss. Von da an kam mir nur noch Dr.Best an meine Zaehne.
Vorgestern starrte Julietta entsetzt meine Zahnbuerste an und machte mich auf den abgenutzten Zustand meiner Dr.Best Zahnbuerste aufmerksam und sagte dass man alle drei Monate eine neue Zahnbuerste kaufen solle (huch, wusstet ihr das?). Am naechsten Tag schon lag eine neue Packung einer blauen Dr.Best Schwingkopf im Badezimmer. Zu meinem Entsetzen musste ich feststellen dass von meiner guten alten blauen Dr.Best Schwingkopf so gut wie nichts mehr uebrig geblieben war. Ausser dem (Schwing)Kopf hatte sich alles veraendert. Der Stiel ist nicht mehr so gleitfest, die Noppen sind anders angelegt und das Ende des Stiels bohrt sich aeusserst unangenehm in meine Handflaeche. Alsob sie ploetzlcih meine gute alte blaue Dr.Best Schwingkopf fuer einen anderen Menschen erfunden haetten.
Alsob mir ein Stueck meiner Vergangenheit rausgerissen worden waere. Vergleichbar mit Tod und Elend.