[liebe Isa]

Liebe Isa.
Mein Plan, Ende März nach Hamburg zu kommen, ist jetzt erstmal aufgeschoben. März ist ohnehin keine gute Jahreszeit für Hamburg, man wartet besser einen oder zwei Monate, ich gehe schließlich nicht nach Hamburg ohne die Aussicht, mir für ein paar Stunden am Elbstrand die Nordsee in den Schädel zu pusten. Und ich weiss wie kalt es unten an der Elbe sein kann. Immer die paar Grade weniger als oben in der Stadt.

Jedenfalls geht es mir ziemlich gut. Ich bin gerade umgezogen und wie ich ja schon einige male in meinem Blog beklagt habe, besteht mein Tag aus Arbeit in der Fabrik und Arbeit mit der Renovierung.
Seit letztem Freitag habe ich aber beschlossen, dass ich jetzt auch mal wieder wohnen kann. Seit einer knappen Woche habe ich wieder Internet, seit vorgestern versuche ich wieder regelmässig Blogs zu lesen und gestern habe ich sogar wieder an einem längerem Text geschliffen, es wendet sich also alles dem Guten zu. Und das ist oftmals schön.
Und wie geht es Dir denn? Obwohl, vieles entnehme ich Deinem Blog, und Du bist ja eine der wenigen von denen ich auch hin und wieder das Gezwitscher lese, da kriegt man also einiges mit. Also wenigstens, dass Du weiterhin immer sehr beschäftigt bist und hell im Kopf. Und das freut mich immer. Und wie gehts dem Mann? Und überhaupt, immer noch froh in Hamburg zu sein? Auch wenn sich gerade _die_ Frage wohl nicht stellen wird, ihr seid ja sowas von Hamburgsich mittlerweile, überhaupt: totale Vorzeigehamburger; ich habe nur immer noch euren Umzug im Gedächtnis und die damalige Hoffnung es würde nichts passieren das euch verschreckt, weil das schon toll ist wenn Leute herziehen.
Dieses Briefe übers Blog schreiben wollten Merlix und ich schon einmal tun, fanden wir witzig, aber die Antwort von ihm ist dann ausgeblieben. Gleich wie das mit den Briefen früher in den umständlichen Zeiten auch manchmal passiert ist. Und dann läuft alles tot.
Auch wenn beim Merlix ja eher gerade das Leben einzieht anstatt der Tod, hehe, ohje, der war jetzt ganz schrecklich albern. Muss ihm gleich noch gratulieren. Diese Art von Floskelmails finde ich ja ungemein schwierig, da ich mir immer vornehme etwas total tolles und originelles zu schreiben und wenn man es dann liest, dann klingt es immer wie diese Vordrucke auf Glückwunschkarten. Nur Kid37, der kann sowas richtig gut, aber ich weiss nicht wie der das macht. Bei mir bleibt es dann liegen, einen Tag später ärgere ich mich. Und dann läuft wieder alles tot.

Übrigens, Du magst die Brenner-Krimis von Wolf Haas ja auch so gerne. Gestern war ich in der Haas-Verfilmung “Der Knochenmann”. Als dritte Verfilmung gesellt er sich schön zu den beiden Vorgängern. Obwohl dieser mir bisher am besten gefallen hat, auch wenn er vielleicht weniger düster als die anderen ist und Düsterkeit ist ein Attribut das Filme durchaus aufwertet. Düster? wirst Du jetzt fragen. Ja düster. Die Verfilmungen weichen ziemlich stark von den Romanen ab und die Romane habe ich ja immer eher als, wie soll ich sagen, witzig vielleicht, also: witzig, empfunden, trotz des Brenners dauernder Kopfschmerzen und des hohen Anteils an meist übel zugerichteter Leichen. Ich gehe jetzt davon aus, dass Du die Romane auch eher als witzig empfunden hast, ich meine mich zu erinnern Du hättest in einer Deiner Haas-Besprechungen so etwas erwähnt wie “frecher und hoch amüsanter Umgang mit der Sprache”. Das war nämlich auch das bei mir vorherrschende Gefühl. Die Filme sind aber das Gegenteil. Immer ist Nacht und alles ist versifft und krank und überall ist immer alles tot. Das ist vielleicht typisch Österreichisch, oder eben typisch für das versiffte und kranke Wien. Das passt schon. Das Publikum hat sich jedoch köstlich amüsiert. Es gab so Inseln im Publikum die regelrecht von Lachkrämpfen heimgesucht wurden. Das habe ich nur bedingt verstanden, aber ich bin ja auch eher so ein unspassiger Südtiroler. Verstanden habe ich es erst ganz am Ende, als ich merkte, dass das Publikum aus Österreichern bestand. Sie sassen dort zu Hunderten! Daraus hat sich mir alles erschlossen.
Ich habe die DVD’s der anderen beiden Filme. Wenn Du magst, kann ich sie Dir einmal leihen.

So. Jetzt beende ich diesen Brief und werde Gardinenstangen kaufen.
Mach es gut inzwischen und ich freue mich von Dir zu hören.

Herzlichst.
Dein Mek

[...]

“Heute nichts geschrieben morgen keine Zeit” (Kafka, Tagebuchblogging)

[...]

Ich ordne Bücher nicht nach Farbe oder nach Zahlen oder nach dem Alphabet, sondern ordne Bücher nach denen die ich selber geschrieben habe und jenen die andere geschrieben haben. Das erleichtert die Arbeit des Sortierens ungemein.

[seeblogger]

Nach einer Woche so gut wie ohne Internetz gleich die bewegenderen Nachrichten aus dem Netz erfahren. Von Opa Edi. Siehe hier und hier.
Ich habe ihn einmal persönlich getroffen, zusammen mit Undundund, wir besuchten Opa in dessen Nuttenturm an der Reeperbahn. Wir hissten obligatorisch die St.Pauli-Flagge, tranken Wein und später mussten wir für sein Blog posieren. Mit Sonnenbrille und Plastikpistole auf seinem Wohnzimmertisch stehend. Wir sollten auch gefährlich dabei schauen. Seine einnehmende, warme Art. Das gefiel mir. Wie eigentlich sein ganzes Blog, die Erzählungen von der See, von der Liebe und der Freundschaft, wie er die Menschen um sich scharte, die Menschen begeisterte.

Wir schrieben uns noch einige male, ich sollte ihm das KafffeeSatzLesen-Buch vorbeibringen, er sei ja so schlecht zu Fuß. Das habe ich dann nie mehr getan. Mein Fahrrad kaputt, oder das Schietwetter. Bald zog er in den Allgäu, und ich nach Berlin.

Ein reiches Leben war das.
Schade, dass das Blog jetzt weg ist. Kommt es wieder?