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Übrigens frage ich mich, wie ich all diese Jahre unbeschadet auf dem Fahrrad durch den Straßenverkehr gekommen bin. Die rechts vor links Regel kenne ich erst seit einigen Wochen, auf Schilder habe ich nie geachtet. Über das Verhalten bei Ampeln weiß ich allerdings bescheid. Auch dass man sie missachten kann. Ich bin immer sehr auf Sicht und auf Gehör gefahren. Jetzt muss ich aber umdenken. Ich sitze in einem Wagen, bin schwer, gefährlich, sitze tief, und höre wenig was außen passiert, außer es scheppert richtig doll. Ich entwickle gerade ein neues Verkehrsverhalten, mache Schulterblicke, achte auf die Geschwindigkeitsbegrenzungen.
Und wenn ich mit dem Fahrrad fahre, halte ich an roten Ampeln. Irre das.

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Jaja, klar, sowas ist natürlich nicht flatterbar. Flatterlich. Oder wie nennt man das? Es soll hier ja auch so weitergehen wie bisher immer. Achtung, vielleicht mache ich ja wieder Tagebuchblogdingens, was ich jetzt mal als Drohung hinstelle.

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Ah: Dienstag

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Und morgen fahre ich für ein paar Tage nach Usedom. Mich mal richtig einschneien lassen.

[schmeichlr]

Ich bin sehr spät damit, und das lag nicht daran, dass ich skeptisch wäre, sondern schlicht am unmöglichen Design dieser Flattr-Buttons. Das Grün-orange beißt sich doch sehr mit dem grauschwarzweiß auf dieser Seite. Und mit meinem ästhetischen Verständnis. Deshalb habe ich lange auf die Entwicklung der Flattr-Restapi gewartet, damit man vielleicht simple Textlinks einbauen kann, aber irgendwie wird das nichts, und je mehr Zeit verstrich, desto mehr wurde es mir egal. Aussehen ist eh überbedingst. Zudem: einem guten Text steht jede Frisur.

Ich merke auch, wie sehr ich in den letzten Monaten, beim innerlichen Vorbereiten dieses Posts, immer nach Rechtfertigungen suchte, weil sich bei Geldheischerei, dann doch meine vorgetäuschte Coolness wehrt. Aber dazu später.
Als damals die ersten Blogs mit der Professionalisierung begannen und Werbung schalteten, fand ich das übel, finde ich immer noch, ich wollte nicht einsehen, dass Werbung das einzige funktionierende finanzielle System für Inhalte im Netz gelten soll. Werbung ist bäh, ist öde, das ist der falsche Ansatz, darauf will ich mich nicht einlassen. Ich finde Geldverdienen im Internet durchaus gut, und deshalb auch wichtig, aber nicht, indem ich an dieser Produktverwertungsgrütze teilhabe.

Wir diskutierten viel über Ökonomie, bis tief in die Nacht, bei Wein und bei Bier. Und wussten vor allem, dass wir unsere kleine, feine Blogwelt vermissten.
In der Zwischenzeit war es leicht, mich ins hermetische Mysterium der Neinsager zurückzuziehen, dieses Blog als Liebhaberwerk zu verstehen und dadurch unangreifbar zu werden. Andererseits ist dieses Blog immer schon mehr als nur Liebhaberei gewesen. Über dieses Blog bin ich zu Veröffentlichungen in Anthologien gekommen, wurde ich zu Lesungen eingeladen, Literaturagenten haben mich angeschrieben, und nicht zu vergessen: Freunde. Und auch einschlägige Kontakte. Zudem verbringe ich viel Zeit mit dem Verfassen von Texten, meistens kommen sie zwar nicht ins Blog, weil sie oft nicht passen, mein Blog versteht sich ja mehr als autobiographisches Logbuch, aber trotzdem bleibt dieses Blog immer ein sehr wichtiges Nebenher, und ich glaube einfach, dass es mir Spaß macht, zu wissen, dass jemand bereit ist, zwanzig Cent zu bezahlen, wenn ich mal irgendwas supergescheites geschrieben habe.

Anfang dieses Sommers kam also Flattr aus Schweden. Ich war sofort begeistert. Es ist nicht der erste Micropaymentdienst, aber das schöne an Flattr war, dass sich ihm plötzlich alle anschlossen. Zumindest in Deutschland. Mensch, kann man sich denken, issja wieder Monopol, eine Firma, die an allem mitverdient. OK, fress ich. Der Schlüssel für ein Bezahlsystem im Internet ist aber: Einfachheit. Mit einem Klick und einem Account, einen Betrag überweisen. Und es braucht eine Art von, wie soll ich sagen: Einheit. Ein Zahlungssystem auf das man sich einigt, ein Standard, an dem sich jeder beteiligen kann, anstatt dutzender unterschiedlicher Dienste mit unterschiedlicher Accounts und Buttons und—
Also, das gefiel mir. Dass es auf einmal einen common sense gab. Wie wir Flattr vom kommerziellen Standard zu einem offenen Standard kriegen, ist eine andere Frage, aber erstmal nicht so wichtig. Zudem machen die Schweden ihre Arbeit gut.

Und vielleicht bin ich naiv. Ich habe einen okayen Job, ich habe ein regelmäßiges Einkommen. Aber eigentlich hätte ich wirklich Lust, nur von diesem Scheiß hier zu leben. Texte verfassen, Romane schreiben, Gedanken formulieren, die Welt verbessern, ha. Und meine Schreiberei war immer schon mehr als ein Hobby. Vielleicht bin ich wirklich naiv, aber vielleicht ist das einer der Wege, mir Zeit freizuschaufeln, die ich sonst anders verbringe, weil das Geld ja irgendwoher kommen muss. Ich meine, man wird kaum von den paar Klicks leben können, aber vielleicht reicht es ja, mich ein bisschen freizuschaufeln. Freischaufeln klingt immer so befreiend. Und vermutlich bin ich einfach bereit, mal etwas Neues zu auszuprobieren.
Und wenn es nichts wird, dann wird es eben nichts. Das sehe ich nicht so schlimm.

Was für die Gefahr bei Werbung gilt, dass die Inhalte sich ändern könnten, dass die Inhalte sich auch einem weiteren Publikum öffnen wollen, dadurch vielleicht lauter werden, gleichgeschalteter, oder angepasster, das kann natürlich auch bei Flattr passieren. Je mehr Leser, desto mehr potentielle Knete. Mal sehen. Ich glaube nicht, dass mich sowas beeinflusst, allerdings weiss ich auch nicht, wie sich das Schreiben anfühlt, wenn man mit dem Nebengedanken tippt, wie flatterbar der Text wohl werden wird.
Andererseits habe ich beim Schreiben immer Leser im Hinterkopf. _Immer_. Sonst würde ich in ein Tagebuch schreiben.

So, viel gerechtfertigt jetzt. Irgendwie hatte ich doch das Gefühl, es ansprechen zu müssen. Also, Flattr jetzt.

(den grünen Knopf gibt es erst wenn man auf den Eintrag klickt, nicht auf der Hauptseite direkt, wenigstens die Hauptseite wollte ich schönfabrig halten)

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Dienstag

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Wir laufen ja immer an den Polizisten, die De Maizières Haus bewachen, vorbei. Der Innenminister ist unser Nachbar. K hat sich schon überlegt, die Polizisten zu grüßen, man kennt sich, wir ignorieren sie nach Kräften, es tut mir leid für sie, vielleicht sollte man sie wirklich normal behandeln, es sind ja ganz gewöhnliche Menschen, dickbäuchig und gelangweilt zwar, und so beamtenmäßig überheblich, zudem möchte ich nicht von denen beschützt werden, ich hätte Angst um ihr Herz, ha, nein, das mit dem Herz sage ich ja nur so mitleidschindend. Aber seit einigen Tagen halten sie Maschinengewehre. Der Terror ist ja in der Stadt.

Bei Streetview habe ich am ersten Streetviewtag natürlich gleich nachgeschaut: der Innenminister hat sein Haus verpixelt.
Heute spazierten wir also die Straße runter, wir sehen die Maschinengewehre, vor seinem gänzlich unverpixelten Haus. Das war so bloßgestellt. Der Arme.

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ich frage mich gerade, wann der neue zyklus der salonfähig gewordenen kinder-dooffinderei begonnen hat. egal wann, aber ich ärgere mich jedes mal darüber – weil es so eine verdammt billige art ist, sich im konsens zu suhlen. [...]
ich habe auch nie so richtig verstanden, welche art von statement hinter diesen leidenschaftlich vorgetragenen horror-anekdoten über quengelige wohlstandskinder mit altdeutschen namen und übereifrigen müttern steckt. aber es ekelt mich doch irgendwie an, wie leicht es offenbar ist, den eigenen lifestyle als bildliches negativ zu anderen lebensentwürfen zu konzipieren. etwas nicht zu wollen, etwas abzulehnen was anderen menschen erstrebenswert erschien, etwas leidenschaftlich zu hassen und borniert zu kommentieren ist auf befremdliche art und weise reaktiv – ausserdem [...]

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Beinahe hätte ich diesen Eintrag auf morgen verschoben, bis mir einfiel, ein Dienstagsblogger geworden zu sein.

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Deutschboden Lesung, gestern in Charlottenburg. Das Buch las sich noch viel besser, als ich mitbekam, dass von Uslar nach seinem Buchprojekt in der Brandenburgischen Provinz, in regem Kontakt mit den Jungs von der Band geblieben ist. Auch mit anderen Jungs natürlich, aber gestern auf der Lesung, spielte die Band aus dem Buch: Five Teeth Less, ich hatte sie ja so liebgewonnen während der Lektüre, wie überhaupt ganz Brandenburg, Hardrockhausen, deshalb wollte ich ja auch hin zur Lesung.
Nur habe ich dann das Datum vergessen.
Erwähne ich jetzt so, als wäre es mir egal.

Aber wie es scheint, ist wohl die halbe Abteilung aus dem Seitenflügel dort gewesen, höre ich heute so nebenher, irre das, liest man ein Buch, findet das irgendwie privat, danach reden die anderen drüber als wäre es ihres.

(Klasse Buch, vor allem für diejenigen, die Brandenburg zu verstehen glauben.)

[muc hbf]

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Die schönsten Frauen, die durch den münchner Hauptbahnhof laufen, biegen alle zum Gleis nach Berlin ab. Das ist super so. Ein paar biegen auch zum Gleis nach Hamburg ab. Finde ich auch OK.

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An einem Kiosk im Bahnhof ein Brötchen mit Hackepeter gegessen. Weil ich gerade Moritz von Uslars DEUTSCHBODEN lese und dort in den Oberhaveler (Zehdenicker) Gastwirtschaften und Bäckereien dauernd Hackepeter-Brötchen ausliegen und ich dabei jedes mal einen eigenartig verklemmten Hunger bekomme. “Verklemmt” klingt als Term zugegebenermaßen ziemlich blöd, aber verblüffenderweise sehr zutreffend, wenn ich beschreiben will, wie sich mein Verdauungssystem gegen solche herrlichen Schweinereien wie Hackepeter zu wehren sucht. Wobei “Schweinerei” wiederum weggelassen werden müsste, aber nur “herrlich” steht da ja auch so doof im Satz herum.
Jedenfalls weiß ich noch, wie ich das erste mal Hackepeter gegessen habe. Das war ’91 in Erfurt, ich war in ein thüringisches Mädchen verliebt und dafür ziemlich planlos und heillos nach Erfurt aufgebrochen, daraufhin hungrig in einem ranzigen Autonomen Zentrum gelandet, wo sie neben Bier und O-Saft, zwar nichts zu essen anboten, aber auf meine Frage nach Essen hin, wusste jemand Brötchen, die mit rohem Hackfleisch und Zwiebeln beschmiert waren, aus einer Schublade hinter dem Tresen zu zaubern. Niemand wusste etwas über das Alter der Brötchen, noch über deren Herkunft. Ebensowenig wusste jemand, warum sie nicht im Kühlschrank aufbewahrt waren. Ich war damals jung, wild verwildert, und hatte wenig gesunden Verstand. Wunderbar fand ich, dass man für die Brötchen kein Geld haben wollte. Man wisse ja nichts, zudem sähen sie nicht mehr frisch aus, man sei sich ja nicht sicher, man wisse ja nicht, jaja, hm.
Fünfzehn Jahre später habe ich diese rohe-Hackfleisch-Speise als Hackepeter in einer berliner Bäckerei wiedergesehen.
No bad feelings. Mir ist damals nichts passiert. Die Gefühle sind eher positiv.