[so war 2013]

Januar
Im Januar hatte ich Geburtstag.

Februar
Einen neuen Dielenboden in meiner Wohnung verlegen lassen. Eiche. Wollte ich in meinem Leben immer schonmal tun: einen Dielenboden verlegen lassen.

März
Im März ist dieses Blögchen zehn Jahre alt geworden. Den Rest des Monates habe ich vor allem damit zugebracht, eine Entscheidung zu erwägen, die ich dann im April gefällt habe.

April
Die Entscheidung gefällt, meinen Job nach zwei Jahren zu kündigen.

Ende April stieg Hertha wieder in die Bundesliga auf. Das war ein guter Tag.

Mai
Im Mai haben K und ich geheiratet. Das war super. Zwei Tage vorher war das Wetter schlecht und kalt. Am Hochzeitstag: Sonne. Das haben wir natürlich sofort symbolisch interpretiert.

Juni
Mit dem Joggen begonnen. Tennis gespielt. Fussbal gespielt. Mir das Sprunggelenk verletzt. Das muss man sich mal vorstellen. Das Sprunggelenk verletzt. Wie Ben-Hatira, Arjen Robben und Schweinsteiger. Wir sind ein illustrer Kreis.

Juli
Urlaub im Wald in Schweden.

August
Bundesligaauftakt. Hertha gegen Europapokal-Teilnehmer Eintracht Frankfurt. Wie groß die Freude über die Rückkehr in die Bundesliga auch war, die starken Gegner würden es im Laufe der Monate sicherlich wieder vermiesen. Beim ersten Spiel der Saison ggen Frankfurt war es eher die Frage, wie hoch wir verlieren. Dann das. Wir gewinnen 6:1. Das Stadion stand Kopf. Nach dem Spiel erhob sich das gesamte Olympiastadion und applaudierte der Mannschaft lange.

September
Neuer Job.

Urlaub in Island. Hochzeitsreise Teil 1.

Oktober
Ich reise von berufswegen viel.
Mit dem Joggen wieder aufgehört.

November
Ich reise von berufswegen viel.
Zudem habe ich mir mein erstes eigenes Auto angeschafft. Nicht von berufswegen.

Dezember
Viel Auto gefahren.

Hertha gewinnt mit 2:1 gegen Borussia Dortmund und überwintert auf einem Europe-League Platz. 28 Punkte, yeah.

ENDZEITFRAGEN:

Haare länger oder kürzer?
Kürzer. Ich bin mir noch nicht sicher, ob es mir steht.

Mehr Kohle oder weniger?
Weniger. Bewusst entschieden.

Mehr ausgegeben oder weniger?
Mehr 🙂

Mehr bewegt oder weniger?
Mehr bewegt. Ich habe den ganzen Sommer über gejoggt.

Der hirnrissigste Plan?
Zu glauben, mit mehr Freizeit würde ich mehr Zeit haben, an dem langen Text zu schreiben. Mit mehr Freizeit habe ich aber schlichtweg mehr Zeit vedödelt. War aber auch gut.

Die gefährlichste Unternehmung?
Fliegen.

Der beste Sex?
Mit K.

Die teuerste Anschaffung?
Ein Dielenboden.

Das leckerste Essen?
Ob es das beste Essen war, weiß ich nicht, es war allerdings das Beeindruckendste (und Teuerste). Im Reinstoff in der Schlegelstraße. Wir saßen etwa 4 Stunden an einem neun Gänge Menü, das von Gang zu Gang aufwändig inszeniert und uns von mehreren Bediensteten gleichzeitig erklärt und vorgeführt wurde. Als wir zuhause angekommen waren, blieb ein vages Gefühl übrig, im Theater gewesen zu sein.

Das beeindruckendste Buch?
»Monster« von Benjamin Maack. Insbesondere die Erzählung »Viel schlimmer als die dunklen Räume sind die spiegelnden Fenster«. Diese Geschichte (etwa 70 Seiten) hätte gerne doppelt so lang sein dürfen.

Der ergreifendste Film?
Ich habe in diesem Jahr so viele Filme gesehen, dass mir ein objektiver Rückblick total vernebelt vorkommt. Die stärksten Bilder vielleicht und der Sog, in dem mich der Film vom ersten Momentan an hinengezogen hat, war vielleicht »Gravity« mit Sandra Bullock. Dieser Weltall Film. Denke ich an den Film, sehe ich mich noch immer mit offenen Augen und Mund im Kinosaal sitzen.

Die beste Musik?
Lana Del Rey. Ihre Texte sind und ihre Attitüde sind, nunja, nicht so mein Ding, vor allem glaube ich nicht, dass das ironisch ist. Aber ihre Musik finde ich fast ausnahmslos super. Ich hege seit einem oder zwei Jahren eine Faszination für einfache und groß orchestrierte Popmusik.

Das schönste Konzert?
Neko Case im Heimathafen Neukölln.

Die meiste Zeit verbracht mit …?
K

Die schönste Zeit verbracht mit …?
K

Vorherrschendes Gefühl 2013?
Viel Zeit auf dem Balkon verbracht.

2013 zum ersten Mal getan?
Alleine geflogen.

2013 nach langer Zeit wieder getan?
Mich um mich selbst gekümmert.

Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten können?
1) Hertha (schon wieder) in der zweiten Liga
2) jetzt fällt mir nichts mehr ein. Offenbar sind die Dinge, für die ich selbst verantwortlich bin, unverzichtbar.

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Dazu fällt mir nichts ein. Das bedeutet dann wohl, dass das nicht nötig war. Zumindest nichts Wichtiges.

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Ich habe soeben gefragt. Das Tablet zu Weihnachten. Neben Ehering und dem Maßbecher von Pyrex.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Grüne Stoffschuhe. Nachdem ich seit mehr als fünfzehn Jahren ausschließlich schwarze Lederschuhe getragen habe, kaufte mir K unangekündigt und unaufgefordert hellgrüne Stoffschuhe. Selten war ein Erlebnis, öhm, erlebnisreicher. Ich wollte ständig aus dem Haus um mit meinen grünen Schuhen herumzulaufen.

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?
Ja, ich will 🙂

Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?
Ja, ich will 🙂

2013 war mit einem Wort …?
Super.

Foto: Angela Leinen

[…]

Am Vierundzwanzigsten sind wir mit dem Auto durch die Stadt gefahren. Einfach im Kreis und über die großen Radialen. Wir lieben es, wenn die Stadt sich leert, wir lieben aber auch Filme über Schnee oder Filme, die in Alaska spielen, wenn es kalt und dunkel wird und die Menschen weniger werden. Große Städte sind zu Weihnachten immer ein bisschen Alaska-mäßig. Diese Introvertiertheit der Weihnacht. Ich wollte die Gunst des leeren Berlins nutzen um die Stadt mit dem Auto zu erkunden. Neue Wege kennenzulernen, etc. ich bin ja so ein Autoabwürger. Abwürgen geht besser wenn wenig Verkehr auf den Straßen ist.
Wir hatten eine CD mit Weihnachtsliedern von Bing Crosby. Als wir über die Frankfurter Allee fuhren, immer weiter und weiter stadtauswärts wurden wir von den Feierabendmassen auf den Weg nach Brandenburg mitgesogen, wie sie hinausfuhren, weg aus Alaska.

[mad]

An der Metro Tribunal fällt mir die Geschichte mit der Frau meines damaligen Chefs wieder ein.
Die Frau meines damaligen Chefs zog erst ein halbes Jahr später nach Madrid. Sie war etwa dreißig Jahre jünger als er und musste noch ihr Studium in London beenden bevor sie ihm auf die Halbinsel folgen konnte. Als die junge Frau nach Madrid kam, hieß es, dass sie Ausgang und Unterhaltung in der Stadt bräuche, etwas, das ihr alter Mann ihr nicht bieten konnte und wohl auch nicht wollte. Da ich als einziger der Abteilung in der Innenstadt lebte und mir der nicht immer makelbefreite Ruf vorauseilte, mich in der Madrilenischen Nacht auszukennen, wurde mir prompt die Aufgabe übergeholfen, seine Frau durch die Clubs der Stadt zu führen.
Ich bin nicht immer dienstbeflissen, zudem ging ich nie gerne in laute Clubs, jedoch bin ich der Gesellschaft einer Frau immer zugeneigt, weshalb ich ziemlich einwandslos den Dienst antrat.

Wir waren im Cafe Commercial an der Glorieta de Bilbao verabredet. Ich hatte mir keine Gedanken über das Aussehen der Frau gemacht, ich wusste, dass sie blonde lange Haare haben würde und ich sagte meinem Chef, dass ich das Gleiche wie immer trüge, also schwarzen Anzug, schwarzes Hemd und schwarze Krawatte. Das trug ich damals immer. Damit dürfte ich zu erkennen sein.
Ich dachte, ein klassisches, spanisches, altehrwürdiges Gesellschaftscafé um ein bisschen zu plaudern und ein Bierchen zu trinken, sei vielleicht ein guter Start in den Abend.
Ich hatte allerdings nicht mit dem Outfit meiner Begleitung gerechnet. Die Frau des Chefs betrat den Salon in einem schwarzen Lack-Mini, darüber ein glitzerndes Oberteilchen und das alles auf zwölf Zentimeter Absätzen. Sie sah aus wie ein Ufo. Ältere Männer blickten prüfend über ihre Zeitungen hinweg zu uns herüber.
Sie war sehr hübsch, viel jünger als ich sie mir vorgestellt hatte. Sie hätte aus einem Hochglanzmagazin entstammen können. Das wusste ich vorher nicht. Mein damaliger Chef war alt, hatte graue Haut, gelbe Zähne und ausgelaufene Tätowierungen. Ich hatte keine Vorstellung davon, wie seine Frau aussehen würde, aber so gesehen muss ich natürlich so etwas wie eine Vorstellung gehabt haben. Ich ging schlichtweg nicht davon aus, dass sie so modelmäßig aussah. Ich kannte vorher nur ihren Namen und wusste, dass sie Mitte zwanzig war, und ich kannte böse Geschichten z.B., dass sie sich Kinder wünschte, der Chef ihr aber nur einen kleinen Hund in Aussicht stellte, weil der Chef schon drei oder vier Kinder mit den vorigen Ehefrauen hatte (Gelächter), etc. ich hatte unbewusst wohl auch eine Art Mitleidsgefühl mit in die Verabredung gebracht.

Wir umarmten uns (Kuss links rechts) und tranken ein Bier. Sie war sehr aufgeregt und hatte eine offene Art die ich sehr mochte, sie fühlte sich aber unwohl in diesem altehrwürdigen Ambiente, also schlug ich vor, das Bier auszutrinken und in eine Cocktailbar (Dimmlicht) zu wechseln. Das entspannte uns ungemein. Sie war sehr lustig und sie redete gern, sie hatte so eine positive Art über Leute zu reden, außerdem wirkte sie sehr interessiert und interessierte Leute kriegen mich immer. Ich vermied das sich mir so aufdrängende Thema ihrer Ehe mit meinem Chef . Vermintes Gebiet. Wir tranken Cocktails als wären es Biere und entsprechend schnell wurden wir betrunken. Als wir ins Pacha liefen (stolperten) waren wir schon ziemlich hinüber. Wir fanden eine Sofaecke und daraus krochen wir erst am Ende des Abends wieder hervor. Die Frau meines damaligen Chefs parkte ihre Beine vor meiner Nase, bzw. überschlug sie ständig und lag einmal quer, einmal auf dem Rücken, saß dann wieder aufrecht, ihr Rock verrutschte ständig. Ich tat, als sähe ich nichts, ich hielt nur die Konversation aufrecht. Es verging etwa eine Stunde und zwei Cocktails, als sie körperlich wurde (Handlesen, Oberschenkel festhalten, dann Kopf in meinen Schoß, etc.). Wir plauderten aber angeregt weiter, der Lautstärke wegen waren wir uns im Pacha grundsätzlich näher und wir mussten uns die Dinge immer wieder in die Ohren sagen. Dann wollte sie knutschen. Das heisst, sie knutschte mich, aber ich sträubte mich und äußerte ein ziemlich verkrampftes “Oh, no, please, this is difficult, difficult…”, dann sagte, sie wolle mir einen Blowjob geben.
Ich bin im Grunde monogam. Ich bin nicht notwendigerweise treu, aber ich bin im Grunde monogam. Wenn ich hier von Treue spreche, dann meine ich die klassische Treue, wie wir sie aus dem Wertekanon, mit dem die meisten von uns in Westeuropa groß werden, kennen, dass man eben nicht mit anderen Menschen Sex haben soll wenn man exklusiv einer Person vergeben ist etc. Wenn ich dann sage, ich sei nicht notwendigerweise treu, dann meine ich damit, dass ich es nicht als Verrat an meine Person oder an meine Beziehung sehe, wenn die Person, mit der ich verheiratet oder ver-bezogen bin, mit jemand anderem schläft. Es stimmt mich zwar nicht euphorisch, aber es zerstört nicht die Liebe, die ich für eine Person hege. Ich nehme es zwar als Gefahr wahr, jedoch nicht als Verrat. Ich knutsche und vögle natürlich nicht wahllos herum, im Gegenteil, das mache ich in Wirklichkeit gar nicht, aber Treue bedeutete für mich immer eher sowas wie Loyalität, nicht die körperliche Loyalität, sonder zueinander zu stehen (übrigens auch nach einer Trennung), dass man starke Gefühle füreinander empfindet, dass man einen Weg zusammen beschreitet, auch wenn es nicht der ganze Weg ist, zumindest einen Teil dieses Weges. Ich halte es für falsch, sich nicht zuzugestehen, dass man auch einmal sexuelle Gefühle für eine andere Person empfindet, oder sich verknallen kann. Wie man damit umgeht, ist natürlich eine andere Frage — und damit wird es kompliziert.
Das muss ich sagen, um zu erklären, warum ich sagte, dass auch ein Blowjob difficult sei. Was dagegen sprach war, dass ich seit anderthalb Jahren eine Freundin hatte. Die Freundin wohnte zwar weit weg und ich war zu der Zeit nicht immer glücklich, aber ich liebte sie doch sehr, und so eine Geschichte fühlte sich für mein Gefühlsleben falsch an. Der zweite Grund war, dass ich sehr betrunken war, und ich mich den ganzen Abend durch ihre offensive Aufmachung irgendwie billig verführt fühlte. Zudem hatte ich zu viel über ihre Ehesituation nachgedacht und ihr Leben und so wie ich mir das ausmalte, war sie mir unglaublich fremd. Auf eine unerreichbare Art fremd. Emotional weit, weit weg.
Wäre ich single gewesen, nun ja, wäre ich single gewesen, dann hätte ich mich vielleicht nur einmal dagegen gesträubt. Oder um meine Ehre zu retten sage ich: zwei oder drei mal. Aber sie war außerdem die Frau meines damaligen Chefs. Sex mit der Frau meines Chefs würde einfach keine gute Sache sein.
Das sagte ich so ähnlich. Also den letzten Satz. Und davon, dass ich ja eine Freundin hatte.
Das war so in Stein gemeißelt.
Damit kippte natürlich die Stimmung. Wir hörten den Beats zu. Sie war leise geworden. Ich fand keine aufmunternde Worte. Es dauerte nur wenige Minuten, dann wollte sie gehen, ich solle sie zum Taxistand bringen. Also gingen wir die hundert Meter bis zur Metrostation Tribunal. An der Metrostation Tribunal stehen immer Taxis. Immer. Nur in jener Nacht stand kein einziges Taxi da. Also warteten wir gemeinsam an der Metrostation Tribunal und wechselten kein Wort.
Weshalb mir diese Geschichte wieder eingefallen ist.

Meine Kollegen waren am nächsten Tag natürlich heiß auf Geschichten gewesen, ich sagte lediglich, dass es nett war und wir im Pacha waren, ein little expensive, aber ok, etc. Das Interesse schwand schnell.

Im Laufe des nächsten Jahres habe ich sie noch vier mal gesehen. Auf einer Firmenfeier und dreimal in einem Café, wo sich das Team nach der Arbeit oft traf. Sie hat vier mal “hi” zu mir gesagt, sonst aber kein Wort mit mir gewechselt.
Ich weiß nicht, was sie dem Chef erzählt hat. Er hatte sich am Montag darauf bei mir bedankt, sonst aber nichts gesagt, weder einen Kommentar dazu gegeben, ob es seiner Frau gefallen habe oder nachgefragt, ob ich mich denn amüsiert habe. Er sagte nur, thanks for taking out my wife. Das war es. Seitdem kam er mir reservierter vor. Er schien seine Kumpelhaftigkeit mir gegenüber abgelegt zu haben und er suchte auch sonst nicht mehr das Gespräch. Allerdings fiel es mir auch schwer einzuschätzen inwiefern er dieses Verhalten nicht vorher schon zeigte und ich nur nicht als solches wahrgenommen hatte. Es konnte natürlich an mir liegen und und an dieser eigenartigen Ungewissheit in der ich mich befand. Ich konnte ihm kaum noch in die Augen sehen. Wenn ich ihn um die Ecke kommen sah, dachte ich immer nur: Blowjob. Blowjob. Blowjob. Ein ganzes Jahr lang.

[…]

Frau Montez hat mir netterweise ein Stöckchen gereicht. Ich war sehr beschäftigt (sorry dafür), aber jetzt hat es geklappt:

1. Warum bloggst du? Könntest du deine Zeit nicht sinnvoller nutzen?

Die zweite Frage ist vermutlich provokativ gemeint. Die Antwort auf die erste Frage ist: ich würde sonst die Zeit vergeuden.
Würde ich nicht bloggen, würde ich die Dinge irgendwo anders hinschreiben. Dinge in ein Blog zu schreiben, führt dazu, dass andere es lesen. Finde ich super, das.

1b. Wieviel Zeit geht täglich drauf fürs Bloggen? Und wann schreibst Du?

Ich blogge nicht täglich, zudem blogge ich ganz unterschiedlich (in Länge und in Form). Zur Frage wann ich schreibe: ich glaube, ich schreibe zu jeder Tageszeit. Allerdings führe ich keine Statistik dazu.

2. Welcher Artikel aus anderen Blogs ist dir spontan im Kopf geblieben? (nicht zu lange nachdenken)

Immer wieder unterschiedliche. Der letzte Satz aus einem Blg, der mir unglaublich wuchtig daherkam ist Frau Casinos Eintrag, in dem sie auch genau diesen Fragebogen beantwortet. Da schrieb sie: “[…] so richtig welthaltig ist mein leben eh nicht, ich selber habe zum beispiel nur wenige meinungen und komme im alltag ganz gut ohne sie aus, meinungen sind immer abschlüsse und damit auch tot […] und irgendwie nicht mehr so interessant.”
So etwas finde ich stark.

3. Deine absoluten Lieblings-Artikel in deinem Blog? (bitte mit Linkangabe)

Auf meiner About-Seite habe ich weiter unten einige Einträge verlinkt, die ich gut finde. Die Liste ist mittlerweile ein bisschen eingestaubt. Ich geh da bei Gelegenheit mal mit dem Feudel drüber.

4. Welchem Blog wird aus deiner Sicht zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt?

Das kann ich nicht sagen. Ich glaube, alle Blogs, die ich gut finde, haben so ihren Lesezirkel.

5. Stelle dir vor, du müsstest über ein tiefgründiges Thema schreiben. Worüber schreibst du?

In meiner Selbstwahrnehmung schreibe ich ja immer nur tiefgründig.

6. Freundschaft. Hast du mehr Freunde im Internet, oder in deinem Zimmer neben dir?

Es überschneidet sich meist. Macht mittlerweile nicht jeder irgendwie Internet?

7. Ganz ehrlich und unter uns: wie oft checkst du die Statistik deines Blogs? (falls du eine hast)

Immer wenn ich etwas schreibe. Momentan ja eher weniger. Je weniger ich schreibe, desto seltener schaue ich auch in die Statistiken. Wenn ich viel verlinkt werde, klicke ich alle fünf Sekunden drauf.

8. Kennt Deine Familie (falls Du sowas hast) Dein Blog? Und wie finden die deine Bloggerei?

Ja. Eigentlich kennen alle in meinem sozialen und beruflichen Umfeld das Blog. Ist kein Geheimnis. Manche Menschen finden es anfangs merkwürdig, wenn ich mich sehr persönlich gebe. Manche mögen das mit der Zeit. Diejenigen, die das nicht mögen, lesen es nicht.

9. Verhältst du dich manchmal noch wie ein Kind? Wenn ja, in welcher Situation?

Ja, oft. Ich bin durch und durch unseriös. Das einzige, was an mir seriös ist, ist mein Verlangen, seriös zu sein. Das geht natürlich nicht gut.

10. Was würdest du anders machen, wenn du mit den Erfahrungen von heute noch einmal neu im Alter von 14 Jahren beginnen dürftest?

Ich habe zu dieser Frage ganz lange nachgedacht und stelle nun fest, dass ich sie nicht deutlich beantworten kann. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass alle meine Fehlentscheidungen (und das waren wirklich viele) irgendwie so sein mussten und letztendlich auch das in mir bewirkt haben, was mich heute ausmacht. Gähn. Vielleicht wäre es von Vorteil gewesen, wenn die Fehler in Zeitraffer abgelaufen wären, so maschinengewehrmäßig hintereinander, als ich Anfang zwanzig war, oder so, aber ich mache ja immer noch so viele Fehler, ich glaube, wenn alle meine möglichen Fehler maschinengewehrmäßig abgerattert werden würden, dann würde ich immer noch rattern, vermutlich bis ans Ende. Daher ist es vielleicht ganz gut, so wie es läuft.
Doch dann fällt mir etwas ein: ich habe einmal jemanden sehr verletzt. Sehr. Aus Eitelkeit. Das würde ich rückgängig machen wollen.

[portanuova]

Nach getaner Arbeit fährt mich einer der italienischen Kollegen zum Bahnhof. Ich kann mich noch erinnern, dass der Bahnhof einmal ziemlich modern vorkam. Da war ich siebzehn und musste ins Militärkrankenhaus nach Verona, zur Musterung. In Trento galt ich als schwieriger Fall (“Meine Stimmen sagen mir, dass ihr alle Faschisten seid”), also schickte man mich zu den Spezialisten nach Verona. Aber das ist eine andere Geschichte. Den Bahnhof nahm ich damals als groß und hell wahr. Ich bringe das mit dem heutigen Bahnhof nicht mehr in Einklang, er ist nämlich eng und dunkel. Ich weiß nicht, was ich damals gesehen habe. Verona ist jedenfalls eiskalt und ich muss eine Stunde auf meinen Zug nach Mailand warten. Ich stelle mich in eine Ecke der Halle und warte einfach. Ich kann ziemlich gut warten. Ich stelle mich einfach in eine Ecke und schalte mein Innenleben an. Dann vergeht die Zeit. Eigentlich warte ich sogar ziemlich gerne. Das Reisen hat mir zugesetzt, ich sehe mitgenommen aus, rasiert habe ich mich seit sechs Wochen nicht mehr, mein Haar ist keine Frisur, meine Lederjacke habe ich mir bis zum Kinn hochgezogen, ich gucke müde, ich gucke wie jemand der wartet. Vor allem sehe ich aber aus, wie jemand der nicht angesprochen werden möchte. Das sehe aber offenbar nur ich so. Zuerst vertraut sich mir ein junger Inder an, der den Fahrplan nicht versteht. Er möchte nach Venedig, er hat auch eine Karte gelöst (Regionalbahn mit tausenden Stopps), er weiß jetzt aber nicht mehr weiter, er kann kein italienisch und ich nehme an, das Bahnpersonal konnte kein englisch. Ich nehme ihn mit zur Anzeigetafel, finde seinen Zug und Gleis und weise ihm den Weg. Als er geht, stelle ich mich einfach an die nächstbeste Wand und mache wieder das, was ich eine ganze Stunde lang machen wollte: warten.
Dann kommt eine sehr junge Frau. Sie ist vielleicht zwanzig, sehr dünn, Rehaugen, Brünett, Rehblick, grazil, ich würde sagen, sie ist sehr schön. Sie stellt sich mit ihrem roten Koffer vor mir und fragt mich, ob ich wisse, welcher Zug nach Bozen fahre. Ich zeige auf die Tafel und sage, das ist der Zug um 19:12 nach Brenner. Sie fragt: Brenner? Ich sage, ja, Brenner. Sie schaut ungläubig. Ich gebe mich freundlich, sage, ich weiß das, ich bin in Bozen geboren, keine Sorge also. Sie lächelt erleichtert. Dann bleibt sie vor mir stehen. Es ist eiskalt im Bahnhof, der Wind zieht durch die Halle. Auch die junge Frau hat den Kragen bis zum Kinn hochgezogen. Sie bleibt da einfach stehen. Ich gebe mich betont uninteressiert. Mir ist es unangenehm, mit einer grazilen, jungen Frau das Gespräch zu suchen. Es könnte als Flirt missverstanden werden, könnte es das nicht? Junge, schöne Frauen werden ja ständig angequatscht, sie gelten als Maß des Begehrens, jeder will was von ihnen, jeder sucht so etwas wie Bestätigung von ihnen. Wäre ich eine junge, schöne Frau, würden mir Männer vermutlich wie Haare aus den Ohren wachsen.
Sie stellt ihren roten Koffer schräg vor mir und sie steht daneben. Sie schlottert. Es ist kalt. Eiskalt. Habe ich das schon gesagt? Sie hat auch einen Schal an und Handschuhe. In Verona hat es -4 Grad. Ich schaue auf mein Handy, in Berlin misst es sieben Plusgrade. Verrückte Welt. Je mehr sie schlottert, desto kälter wird auch mir, ihr Schlottern geht sozusagen direkt in mich über. Dabei habe ich mich so erfolgreich coconmäßig in diese Ecke des Bahnhofes gestellt. Wie sie so offensiv vor mir steht, kommt mir das Gefühl auf, als läge die Schuld für ihre blöde Situation bei mir. Sie gibt mir keine vorwurfsvollen Blicke, aber das Gezittere macht etwas mit mir. Ich überlege, sie auf ein Café an der anderen Seite des Durchgangs hinzuweisen. Dort ist es wärmer. Andererseits ist das Café dermaßen versifft, dass sie es möglicherweise als Zumutung empfindet. Ich weiß es auch nicht, deshalb lächle ich sie an und sage: freddo. Das bedeutet kalt. Sie antwortet: freddissimo. Das ist eine Steigerung davon. Ich sage: freddissimissimo. Das Wort gibt es nicht, aber dem Klang nach ist es eine Steigerung der Steigerung. Ein Witz aus meiner Kindheit, ich weiß nicht, ob der Witz noch ankommt, erst recht nicht bei jungen Frauen, wenn ältere Männer sie aussprechen. Sie lächelt. Ich schaue auf mein Telefon, lese Nachrichten, meine rechte Hand wird kalt. Mir ist es egal.

Zwanzig Minuten vergehen, sie hat sich nicht von ihrer Stelle bewegt, dann fragt sie, ob ich auf ihren Koffer auspassen könne, sie müsse die Fahrkarte entwerten. Ich sichere ihr zu, dass ihrem Koffer nichts passiert. Als sie zurückkomt, fragt sie nach meinem Namen, dann frage ich sie nach ihrem. Sie fragt, ob ich nach Bozen fahre, ich verneine, ich fahre nach Mailand. Dann reden wir über Herkunft und Wohnorte. Sie kommt aus Elba, sie will wissen, wo ich meinen Meerurlaub verbringe. Ich sage, wenn du aus Elba kommst, dann willst du das nicht wirklich wissen. Sie sagt, sie wolle das unbedingt wissen, ich sage, da liegt im Winter Schnee auf dem Strand. Erst sagt sie: oh. Dann sagt sie, das sei bestimmt lustig. Wir geraten in ein nettes Gespräch, sie erzählt mir aus ihrem Studentenleben und warum sie nach Bozen fährt, ich erzähle ihr etwas über Bozen und aus meinem Leben in Berlin. Uns wird warm. Dann ist es plötzlich, patzbumm, 19:03. In einer Minute fährt mein Zug. Ich schrecke auf, sage, ich muss zu den Gleisen, wir versichern uns, dass es uns gefreut hat, einander kennenzulernen und ich laufe zu den Gleisen. So. Das war’s.