Heute ein etwas technischerer Eintrag, weil mich das Thema der US‑Abhängigkeit im Tech-Bereich schon seit längerer Zeit beschäftigt, es aber in den letzten Monaten deutlich an Dringlichkeit gewonnen hat. Ich beobachte mit großem Interesse, wie sich verschiedene europäische Regierungen nun ernsthaft damit auseinandersetzen, weil es zu einem sicherheits- und wirtschaftspolitischen Thema geworden ist. Schleswig-Holstein stellt gerade alles um, Dänemark hat damit begonnen, Österreich, Teile Frankreichs und auch das UK sind dabei, einen Masterplan für sich zu entwerfen. Und auch die EU hat erstaunlich schnell mehrere Initiativen für digitale Souveränität ins Leben gerufen.
Ich begann schon letztes Jahr damit, mich Stück für Stück davon loszumachen. Es ist gar nicht so schwierig, man muss nur wissen, was es gibt. Man kann sich als Privatanwenderin von fast allem ziemlich gut lösen. Bis auf wenige Ausnahmen, die allerdings durchaus gewichtig sind. Aber lass uns mit EMail beginnen.
—EMail. Ja, man schreibt noch Emails. Obwohl mir aufgefallen ist, dass man EMail hauptsächlich nur noch nutzt, um sich in Apps und auf Webseiten einzuloggen. Kaum noch zum Kommunizieren.
Gmail habe ich durch mailbox.org ersetzt. Mailbox ist eine Firma aus Berlin, sie und ihre Mutterfirma „Heinlein“ sitzen im Prenzlauer Berg und machen seit vielen Jahren gute Arbeit mit OpenSource und Security. Bei Mailbox.org habe ich mir für 1€ pro Monat einen Emailaccount (3 Adressen) mit Kalender gekauft. Lass uns ehrlich zu uns sein: Dass Google die halbe Welt mit kostenlosen Emailskonnten versorgt, da musste ja ein Haken dran sein. Das wussten wir ja alle, oder? Dass Google faktisch alles über uns weiß, wo wir uns befinden, welche Webseiten wir besuchen, wonach wir suchen, mit wem wir verbandelt sind, was wir denen schreiben, und sie diese Infos auch an ihre Geschäftspartner und Anzeigenbetreiber weiterleiten, sowie ihre KI damit trainieren, wussten wir ja auch. Aber irgendwie waren wir ja Freunde, oder?
Bei Mailbox.org habe ich mein Paket bald schon auf 2,5 € pro Monat upgegradet, weil da auch 5GB Cloudspeicher mit dabei sind, sowie Online Office und ein Account für Videokonferenzen. Außerdem einen Account für meine Frau. Das erschlägt einen Großteil der Tools, die ich von Google verwende: Cloud, Kalender, Gdocs.
Zugegeben: Ich werde Gmail noch ein paar Jahre weiter verwenden müssen, vor allem lesend. Da immer wieder mal eine Mail hereinpurzeln wird, deren Absender meine neue Adresse noch nicht kennen. Aber immerhin kann ich die Synchronisation deaktivieren und nur abrufen, wann es mir passt.
—Google Maps. Um gleich mit Google weiterzumachen: Google Maps habe ich durch Here ersetzt. Das war früher Nokia, wurde dann von verschiedenen deutschen Autofirmen, sowie Bosch und Mitsubishi gekauft, die es für ihre Autos weiterentwickeln. Die App fürs Telefon war immer kostenlos und Karten können für den Offlinegebrauch heruntergeladen werden. Es ist nicht so umfangreich wie Googlemaps, vor allem Geschäfte und Friseure, sowie Bars werden dort nicht angezeigt, aber da muss ich durch, ich nehme an, dass sich, gerade im Hinblick auf den neuen Fokus in Richtung europäischer Technologien, hier in der kommenden Zeit vieles ins Positive ändern wird. Die Qualität der Navigation ist aber bereits spitze. Here wird übrigens am Berliner Nordbahnhof entwickelt.
Als OpenSource Lösung verwende ich auch das gestern erwähnte OsmAnd, das auf herunterladbarem OpenStreetMaps-Kartenmaterial basiert. Man kann es auch als klassisches Navi verwenden, ich nutze es aber hauptsächlich fürs Wandern im Wald oder unwegsamem Gelände, weil dort wirklich jeder Ameisenpfad eingezeichnet ist und man sich nie verläuft. Die Bedienung ist allerdings etwas umständlich und nicht ganz so intuitiv. Diese Kritik gibt es an OsmAnd schon seit vielen Jahren (ich verwende es seit über 15 Jahren). Das wird sich also nicht mehr ändern.
—Android. Noch mehr Google. Das ist einer der schwierigsten Punkte. Aber ich habe mich jetzt für einen radikalen Schritt entschieden. Ich werde Android (und iOS sowieso) komplett entsagen, und habe das finnische Jolla-Phone vorbestellt. Das wird sicherlich ein größerer Einschnitt, weil ich großer Fan der Pixel-Telefone und Android war. Jolla-Phone basiert auf Sailfish-OS, einem Linux für das Telefon. Man kann darüber auch Android-Apps installieren, aber Android Auto wird fehlen. Wie ich das löse, weiß ich bisher nicht, vielleicht verwende ich mein altes Pixel mit dem kaputten Display als Android-Auto-Station mit Here-Navi und schalte sonst alle Google-Dienste aus. Mal sehen. Außerdem fehlt Google-Pay. Ich liebe es, mit dem Telefon zu bezahlen. Aber da muss ich durch. Muss ich halt meine Kreditkarte hinten ans Telefon kleben. Mir egal. Das Jolla-Phone kommt erst im Frühjahr auf den Markt, ich habe noch Zeit, mir eine Lösung zu suchen.
—Microsoft Office. War ich nie ein großer Fan von. Ich verwendete seit jeher LibreOffice.
—Windows. Fairerweise muss ich sagen, dass ich nie Windows oder Mac benutzt habe. Das war also ein No-Brainer für mich und wird für viele Normalo-User vermutlich eine große Hürde sein. Ich könnte es verstehen. Ich verwende Linux seit Mitte der Neunzigerjahre und bin nie auf etwas anderes umgestiegen. Schlichtweg, weil ich Linux so stabil und einfach fand, dass ich nie etwas anderes brauchte und wollte. Dabei verwende ich die Distribution Linuxmint. Ist easy, leicht und sicher.
Lustigerweise glaube ich, dass Linux für die meisten Menschen total einfach ist. Aber es hat diesen Nimbus, ein Tüftlersystem zu sein. Einer Freundin schenkte ich neulich meinen alten Linux-Laptop und sie kam hervorragend damit zurecht. Sie verwendet den Laptop hauptsächlich für Internet und Schreibarbeit, und wenn sie mal die eine oder andere Applikation brauchte, wurde sie eigentlich immer fündig. Mittlerweile funktionieren sogar die meisten Games. Das einzige, das mir unter Linux fehlt, ist ein guter PDF-Editor. Sonst finde ich wirklich für alles einen mehr oder weniger adäquaten Ersatz.
Wenn du eine heavy Photoshop-Userin bist, oder nicht auf Excel-Makros verzichten kannst, dann wirst du dich mit Gimp oder LibreOffice aber wahrscheinlich nie anfreunden können.
Aber ja. Das Betriebssystem zu wechseln ist aufwendig und die Installation erfordert ein kleines bisschen technische Versiertheit. Nicht viel, aber schon ein kleines bisschen. Sollte hier jemand mit ernsthaftem Interesse an einem Wechsel interessiert sein, kann ich auch gerne persönlich unterstützen. Sage ich jetzt mal vorsichtig. Zumindest, wenn es nicht zu viele sind, die Interesse zeigen. Und ihr solltet aus Berlin sein, das erleichtert es.
—GoDaddy und all diese Anbieter. Hetzner, Strato oder Ionos bieten das auch alles an.
—WhatsApp. Hierfür verwende ich eine freie Alternative, die allerdings amerikanisch ist. Signal. Immerhin ist Signal keine kommerzielle Firma und die Nachrichten sind Ende-zu-Ende verschlüsselt, mit dem Patriot Act kann die amerikanische Regierung daher keine Chats mitlesen. Immerhin das. Die Server laufen allerdings zum Großteil auf amerikanischem Boden bei Amazon AWS. Dafür stehen die Leute hinter Signal in der Kritik. Auch könnte sich die Signal Stiftung durchaus mal Gedanken machen, den Sitz der Stiftung in die EU oder nach Kanada zu verlegen. Ich kann mir vorstellen, dass ihnen in der derzeitigen politischen Lage durchaus die Herzen zufliegen würden.
Zugegebenermaßen, habe ich mich von WhatsApp aber nicht verabschiedet. Weil da alle sind. Vor allem meine Familie, aber auch die zahlreichen Gruppenchats, denen ich mich verpflichtet fühle. Jetzt habe ich zwei Messenger. Besser gesagt drei: weil ich Telegram so mag. Aber ich versuche, so viel wie möglich von meiner privaten Kommunikation auf Signal zu verlagern. Vielleicht ist es ja irgendwann so weit, dass alle von WhatsApp weggehen. – irgendwann. Vielleicht bei der nächsten Drohung aus dem Weißen Haus.
Jetzt bin ich müde. Ich mache morgen weiter. Unter anderem geht es morgen an die schwierigen Batzen. Social Media. Aber auch andere Dinge.