Ich traf Frau Modeste im Trio an der Linienstraße. Es gibt am Ende der Linienstraße nicht mehr viel. Der Trubel des Rosa-Luxemburg-Platzes ist längst abgeebbt, die Straße mündet hier als Sackgasse in die große Karl-Liebknecht-Straße und geht in Wind und Verkehr auf, dahinter beginnt die osteuropäische Steppe. Aber dort in dem letzten Haus, dort gibt es gleich drei Lokale, eng beieinander, Tür an Tür, als würden sie sich Widrigkeiten widersetzen.
Ich war um 5 Minuten verspätet. Als ich ankam, war Frau Modeste aber auch noch nicht da, also setzte ich mich an die Bar und bestellte ein Bier. Es verging ein bisschen Zeit. Da sie sich nicht meldete, zweifelte ich plötzlich, ob ich überhaupt im richtigen Lokal saß. Vor vielen Jahren war ich nämlich einmal mit Frau Casino im Kuchi in der Gipsstraße verabredet. Ich kannte das Lokal nicht, bog jedoch in die Gipsstraße, sah ein Lokal, das irgendwas mit „Kuchi“ hieß, und setzte mich hinein. Was ich zu jenem Zeitpunkt nicht wusste, war die Tatsache, dass ich in einem Lokal namens „Next to Kuchi“ saß und das „Kuchi“ sich direkt nebenan befand. Frau Casino saß längst im richtigen Lokal, und so verbrachten wir mindestens eine Viertelstunde damit, dass wir, nur durch eine Hausmauer getrennt, auf Stühlen saßen und aufeinander warteten. Irgendwann schrieb sie mir eine Nachricht mit der besorgten Frage, wo ich mich befände. Nunja. Das war die Frage, die ich eigentlich ihr stellen wollte.
Um nicht diesem Missverständnis aufzusitzen, fragte ich die Bedienung, ob das hier schon das „Trio“ sei. Die Frage wurde bejaht.
Kurz darauf kam Frau Modeste auch zur Tür herein. Sie trug ein Kleid in einem schönen, satten Grün. Darüber einen Trenchcoat.
Ich bestellte Szegediner Gulasch. Es schien mir das angemessene Gericht, um die Abwahl von Viktor Orbán zu zelebrieren. Frau Modeste aß hingegen die Königsberger Klopse. Eigentlich hätte ich mich auch dafür entschieden, aber die Freude über den Ausgang der Wahl, wog etwas mehr. Ich weihte sie jedoch in mein Vorhaben ein, meine Deutschwerdung feierlich zelebrieren und eine Königsberger-Klops-Party veranstalten zu wollen. Es ist eine seltsame Wahl, mit einem Gericht aus der ostpreußischen Hauptstadt die deutsche Staatsbürgerschaft zu feiern, aber sie stimmte mir zu, dass Königsberger Klopse etwas ausgesprochen Deutsches sind.
Nach dem Essen zogen wir eine Tür weiter in die Bar „3“. Ein großer, schmuckloser, abgedunkelter Raum mit einem großen, wirklich großen Tresen in der Mitte. Sie schenken dort Bier nach traditioneller kölscher Art ein, also in 2‑cl-Gläser, die sie direkt aus einem prominent auf der Bar platzierten Holzfass zapften und sofort nachschenkten, wenn das Glas leer war. Wenn man kein Nachfüllen mehr wünscht, muss man den Bierdeckel auf das Glas legen. Ich vergaß das mit dem Bierdeckel ein paar Mal zu oft.
In der Bar gab es keine Tische und keine Stühle. Man kann am einladenden Tresen auf Hockern sitzen, oder in den Fenstern auf großzügigen Fensterbänken. Wenn man zu zweit sitzt, ist das wirklich sehr angenehm, ich sitze liebend gerne am Tresen, sobald eine dritte Person hinzukommt, muss diese Person halt stehen. Das ist aber auch nicht schlimm. So verbringt man ja das Leben. Manchmal sitzend und manchmal stehend.








