Im Hintergrund läuft das Training meiner digitalen Stimme weiter. Der erste Wurf war nicht gut, deshalb begann ich von Neuem. Meine Frau fragt mich ständig, was ich da eigentlich mache. Sie sieht, wie so oft, nur weiße Buchstaben über einen schwarzen Bildschirm fließen. Ich sage: Ich digitalisiere meine Stimme. Dann kannst du mit mir reden, wenn ich tot bin.
Das findet sie nicht cool und haut mir mit voller Wucht in die Seite. Sie fragt es aber immer wieder. Und ich gebe immer die gleiche Antwort. Aber langsam tut es mir weh.
Bin ich eigentlich der Einzige, der diesen September ungewöhnlich kalt findet? Er fühlt sich eher nach Spätherbst an und nicht nach September.
Sonst passiert gerade nicht besonders viel in meinem Leben. Ich könnte wieder schreiben „Ich liebe meinen Job“, denn ich liebe meinen Job gerade wirklich. Es fällt mir schwer, abends den Stift fallen zu lassen, und am Freitag störe ich mich an den beiden arbeitsfreien Tagen. Weswegen ich das ganze Wochenende weiternerde. Zu allem Überfluss ist dieses Wochenende auch noch Länderspielpause und es gibt keinen langweiligeren Fußball als das Nationalschießen, während Hertha sich gerade in diesem unfassbaren Flow befindet, die zweite Liga könnte meinetwegen einfach weitergehen. Wir sind in der Saison immer noch ungeschlagen und unter der Woche höre ich alle verfügbaren Herthapodcasts durch, bis ich auch noch den letzten Euphorietropfen aus der Herthaflasche ausgewrungen habe, als dürste mir nach Endorphinen.
Die Herthaflasche ist übrigens weich, nur falls sich jemand an dem komischen Sprachbild mit dem Auswringen einer Flasche stört.
Außerdem warte ich gerade auf Hardware. Wie früher, als man Monate auf das Weihnachtsgeschenk warten musste. Letztes Jahr im Oktober bestellte ich das finnische Jollaphone, ein Google-freies Telefon, das sich per Crowdfunding finanzieren ließ und jetzt ein Jahr später langsam ausgeliefert wird. Ich checke schon seit Wochen den Status auf der Webseite. Es tut sich leider nicht viel. Zudem habe ich auf der Arbeit einen Laptop bestellt, mit dem ich lokale KI-Modelle betreiben kann. Der Laptop muss vom Hersteller noch zusammengebaut werden. Ich warte schon seit 4 Wochen. Solche langen Wartezeiten bin ich wirklich nicht mehr gewohnt. Es weckt aber eine kindliche Vorfreude in mir, die sehr haptisch ist, die fast schon einen Geruch entwickelt, wie früher, als ich mich wochen- oder monatelang auf die Metallica-Platte freute, die ich erst zu Weihnachten auspacken durfte. Diese Vorfreude hatte einen Geruch, man wusste schon vorher, wie es riechen wird, sobald man es auspackt.




