Während der ersten Halbzeit quatschten wir fast nur. Benny wird im Juli mit einem E-Auto nach Italien fahren. Auch Hendrik. Auch mit dem E-Auto und auch nach Italien. Als hätten sie sich abgesprochen. Tanja hatte Muskelkater und war müde von letzter Nacht. Sie war bei Kalkbrenner in Potsdam gewesen.
Beim Spiel ging um nichts mehr. Dafür war es ein schöner, warmer Nachmittag im Olympiastadion. Wir werden nicht mehr aufsteigen, wir können nur noch Platz 6 verteidigen. Und so spielte auch unsere Mannschaft: ein wenig lustlos, und sie ließ sich vom Gegner aus Franken in die eigene Hälfte hereindrücken. Aber es war das letzte Heimspiel der Saison. Wir würden die Mannschaft in den Sommer verabschieden, ich werde viele Freunde erst nach dem Sommer wiedersehen, es ist wie [man füge hier einen poetischen Vergleich ein]. Die Ultras mühten sich nach Kräften, die Kurve anzuheizen, das Engagement wollte aber nicht so recht zu uns herüberschwappen.
Zur Pause ging ich raus auf die Wiese und traf mich mit Sabine. Wir setzten uns ins Gras. Ich hatte mir einen Döner bei Hakiki geholt. Das wollte ich die ganze Saison schon tun. Auch schon die vorige Saison. Ich war bereits ein paar Mal an deren Stand, aber immer erst nach dem Spiel, da bauen sie ihren Stand meist schon ab. Heute also Premiere. Der Kult-Döner war in Ordnung, aber ich bekleckerte mich mit der Sauce, also einen Stern Abzug.
Sabine wird nächsten Monat sechzig und wird das wohl feiern. Außerdem überlegt sie, nächste Saison zu uns in die Kurve runterzukommen. Oben in Block 2.1 ist fast niemand mehr. Sie sucht also jemanden, die eine Dauerkarte für eine Saison teilen oder angeben will. Letzte Saison hätte sie meine haben können, ich war ja in Hamburg und habe sicherlich weniger als zehn Spiele besucht. Während wir noch draußen saßen, ging drinnen das lähmende Spiel weiter, aber dann fiel plötzlich ein Tor und das Stadion schien zu explodieren. Danach änderte sich drinnen etwas an der Stimmung, also gingen wir wieder rein und verabredeten uns lose für nach dem Spiel. Nach dem Spiel der Männer würde es nämlich gleich weitergehen. Die Frauenmannschaft von Hertha absolvierte ihr letztes Saisonspiel, und zwar zum ersten Mal im Olympiastadion. Da Sabine eine der aktiven Supporterinnen der Frauenmannschaft ist, hat sie bei dem Spiel Verpflichtungen. Ich wollte mich zu dem Zeitpunkt noch nicht festlegen, ob ich bleibe.
Auf dem Weg zurück ins Stadion schrieb Tanja, wo ich denn bliebe. Sie war nämlich nicht nur müde, sondern auch hungrig. Ich hatte versprochen, Pommes mitzubringen. Also kaufte ich noch schnell eine Portion, die ich in Ketchup ertränkte und dabei vergaß, ein Holzgäbelchen einzustecken. Deswegen hatten wir nachher klebrige Finger.
Drinnen war die Stimmung mittlerweile merklich besser geworden. Dann fiel noch ein zweites Tor und ein drittes. Das dritte Tor war allerdings vom Gegner. Es endete mit einem 2:1. Danach kam die Mannschaft ein letztes Mal in die Kurve. Die Mannschaft wurde verabschiedet. Der Vorsänger fand versöhnliche Worte. Auch Toni Leistner wurde verabschiedet. Er ist mittlerweile fast hundert und wird vielleicht seine Fußballerkarriere beenden. Er hielt eine emotionale Rede. Toni spielte früher nämlich einmal für Union und sagte in einem Interview vor fast hundert Jahren, dass Berlin rot-weiß sei. Als er dann vor drei Jahren bei uns anheuerte, schlug ihm deswegen viel Unmut entgegen. Nach wenigen Spielen merkten wir aber alle, wie unerschrocken er sich in jeden Zweikampf warf. Dann wurde er Mannschaftskapitän und schließlich auch Fanliebling. Der letzte Satz, den er gestern schließlich sagte, war: „Berlin ist blau-weiß.“
Tanja zeigte mir daraufhin die Gänsehaut auf ihrem Unterarm.











