[Fr, 3.4.2026 – Besuch, Essensvielfalt, Dadjokes]

Bin gerade etwas eingespannt, weil mein Neffe und seine Freundin zu Besuch in Berlin sind. Zuvor suchte ich lange nach „was kann mit Teenagern in Berlin tun?“. Am Ende spazierten wir einfach vom Alex bis zum Brandenburger Tor und Potsdamer Platz. Dabei hatten wir uns viel zu erzählen. Offenbar ist Essen bei jungen Leuten aus Südtirol ein riesen Thema. In Italien hat man lustigerweise weniger Essensvielfalt, vermutlich, weil es viele und gute Pizzerie sowie Trattorie gibt. Wobei natürlich überall auch Burger- und Sushiläden aus dem Boden sprießen. Aber danach hört es schon bald wieder auf. Wenn sie hier von Korean Grill, Paläo, Vegan, Tacquerias, Peruvianisch, Levantinisch, Nepalesisch, Somalisch, Katalanisch, Polnisch usw. hören, dann wird schnell der Urlaub zu kurz. Ehrlicherweise weiß ich nicht, ob das limitierte Essensangebot vornehmlich in Südtirol ein Problem (Problemchen) ist, oder ein allgemeines italienisches Phänomen. Meine Erklärung ist die, dass die deutsche Küche nicht ganz so einnehmend ist, wie die italienische Küche, sodass man hier immer sehr offen für internationale Einflüsse war. Ähnliches gilt ja auch für England, die Niederlande und Skandinavien.

Zu meinem Leidwesen muss ich feststellen, dass ich ein richtig guter Dad-Joke-Typ bin. Das merke ich, wenn ich mit Teenagern zusammen bin. Ich muss mich nämlich ständig zurückhalten, um ja keine Dadjokes zu machen. Das nagt schon ein wenig an meinem Selbstbild. Daher bin ich froh darüber, wenig mit Teenagern zusammen zu sein, es ist sehr anstrengend, Dadjokes in mir drin zu behalten. Sie schlummern offenbar irgendwo in mir drin. Bin ich unter Gleichaltrigen, schlummern sie weiter. Bin ich unter Teenagern, erwachen sie. Ich halte sie an dicken Ketten, wie wildgewordene Tiere.

[Mi, 1.4.2026 – Duett aus Opernsängerinnen]

„You know what is more scary than being alone in the woods? To know that you’re not alone in the woods.“

Das ist vielleicht der einzig gute Satz, der mir aus der Horrorserie mit dem Namen blabla something very bad is going to happen übrig geblieben ist. Der Satz ist etwas plakativ, aber er kam doch überraschend bösartig und gleichermaßen belustigt aus dem Mund eines Mädchens, wodurch er uns dann doch kurz amüsierte. Am Sonntag wollten wir nämlich die Serie weiterschauen, nach dreißig Minuten schalteten wir aber wieder ab, weil sie so unfassbar platt und klischeehaft durchdekliniert ist, als hätte die KI ein dreizeiliges Rezept für Horrorserien eingelesen.

Auch Lu, mit der ich mich momentan asynchron über lange Sprachnachrichten per Signal unterhalte, teilte diese Meinung, sie konnte das aber noch präziser formulieren. Ich mag ja ihre langen Sprachnachrichten. Manchmal ist es schlichtweg nötig, sich in Sprachnachrichten auszudrücken. Wenn ein Gedanke beispielsweise viele Herleitungen hat oder man komplexere Zusammenhänge erklären will. Packt man das nämlich in eine Chatnachricht, dann mauert man ja eine bedrohliche Wall-of-Text im Telefon auf. Ich fühle mich da eher angeschrien. Es gibt diesen Begriff Keyboard-Warrior. Das sind die Leute, die in Gruppenchats (vor allem in Firmen oder Foren) emotional und beleidigend in die Gruppe hineinbrüllen. Die machen das immer mit einer Wall-of-Text.

In einer Mail präferiere ich hingegen lange Nachrichten. Es liegt wohl am Medium.
In Messengern schreibe ich lange Texte immer in Absätzen.
Jeden Satz ein neuer Absatz.
Als müsste ich jeden Satz einzeln wegparken.
Ich schreibe einen Satz und schicke ihn ab.
Dann noch ein Satz und ich schicke ihn ab.
Egal, ob die andere Person antwortet oder nicht.
Es gibt zwei Arten von Menschen, so heißt es. Diejenigen, die mehrere Gedanken in einer Nachricht formulieren und dann erst abschicken. Und dann gibt es die anderen.

Viele Menschen haben eine starke Meinung zu Sprachnachrichten. Die Meinung ist fast immer ablehnend. Ich hatte aber nie etwas dagegen. Ich empfinde Sprachnachrichten als weniger invasiv als einen Anruf. Meistens antworte ich aber mit einer Textnachricht. Schreiben liegt mir eher. Auch weil ich oft ein wenig redefaul bin. Aber Sprachnachrichten zu empfangen, finde ich durchaus gut. Zumindest, wenn man sie nicht sofort anhören muss. Weil anhören kann man sie nicht immer. Lu antworte ich mittlerweile auch per Sprachnachricht. Das ist dann wie asynchrones Telefonieren. Man redet miteinander locker über den Abend hinweg, ohne stundenlang telefoniert zu haben. Unser Chatverlauf sieht optisch dann aus wie ein Duett aus Opernsängerinnen.

[Di, 31.3.2026 – mit dem Geld, Derma]

Gab Stress mit der Bank, weil 0,01 € fehlten.

Dann gab es auch Stress mit dem ehemaligen Arbeitgeber, weil sie mit 9,16 € zu viel überwiesen, was sie jetzt zurückhaben wollen. Außerdem gab es Stress mit der Hamburger Behörde für Inneres und Sport, weil ich in einer 30er-Zone um 6 km/h zu schnell fuhr. Ich kann mich an das Blitzlicht erinnern. Auf Blitzerfotos sehe ich immer unvorteilhaft aus. Das Foto will ich mir gar nicht ansehen. Heute beglich ich alle meine Schulden.

Es ist lange her, dass mir eine Arbeit so viel Freude bereitete, wie mein neuer Job. Möchte ich an dieser Stelle mit einem zwischen zwei Absätzen eingeschobenen Satz erwähnen.

Ich laufe wieder mit ein paar Tattooideen herum. Meine Tätowiererin trauert aber immer noch um ihren vor zwei Jahren verstorbenen Partner und kehrt nicht nach Berlin zurück, deswegen verbringe ich wieder viel Zeit auf Instagram, um nach vertrauensvollen Händen Ausschau zu halten. Ich habe nicht mehr so viel Zeit. Bald beginnt wieder die T-Shirtsaison. Da mag ich es nicht, mit frischen und heilenden Tätowierungen herumzulaufen. Es ärgert mich, dass ich mir mein Arktis-Tattoo nicht in Grönland stechen lassen konnte. Es mag blöd klingen, ich bin ja nicht besonders esoterisch, aber eine Arktis-Tätowierung aus Grönland fände ich nach wie vor ziemlich magic. Dummerweise kam mir die Idee damals an einem Sonntag und das einzige Studio in Nuuk hatte geschlossen. Falls sie sich überhaupt auf einen Walk-in eingelassen hätten. Vielleicht lasse ich die Idee in Longyearbyen umsetzen. Es gibt da neuerdings eine Tätowiererin, sie heißt Alex und schreibt mit gewissem Stolz über sich, sie sei die nördlichste Tätowiererin der Welt. Ich wäre auch gerne der nördlichste Irgendwas der Welt.

[So, 29.3.2026 – Kabaret, Baustelle]

Am Samstagabend mit der Exkollegin zu Kabaret Kalashnikov gegangen. Das ist eine Berliner Artistinnentruppe, die so etwas wie Zirkus macht. Wobei ich gar nicht weiß, wie man eine solche Veranstaltung nennt. Ist das Varieté-Theater? Oder doch Zirkus? Es sind Leute, die wie Zirkusartisten aussehen, und auch ähnliche Sachen machen, aber ohne den Ernst und ohne die Tiere. Wir waren schon vor etwa zehn Jahren einmal auf einer Veranstaltung dieser Gruppe. Beeindruckt hatte mich damals vor allem eine Szene, die auf dem Mond spielte, wo sich alles ohne Schwerkraft abzuspielen schien. Einer der Artisten, ein drahtiger und unfassbar starker Mann, hob seinen eigenen Körper, als Astronaut verkleidet, mit den Armen durch das Bühnenbild. Er bewegte sich umher, mal auf den Beinen, mal mit den Armen, spielte auch eine menschliche Flagge auf der Antenne seines Mondlanders, alles gaanz langsam, scheinbar schwerelos. Das beeindruckte mich ungemein. Ich wäre selbst gerne so stark. Ich wäre gerne einer dieser starken Männer mit großem Bauch, langem Schnurrbart und den Hanteln.

Bei der gestrigen Show wurde die Geschichte der Tochter des Wirtes erzählt. Eine sehr dünne, mädchenhafte Frau mit muskulösen Armen. Sie konnte im Handstand Pogo tanzen. Auch eine Schwertschluckerin war dabei. Bei ihren Kunststücken konnte ich allerdings meistens nicht hinsehen. Einmal schluckte sie ein Schwert, das mit hellen LEDs bespickt war. Wie diese Lämpchen danach den Hals und ihre Brust von innen zum Leuchten brachten – ich will diesen Satz gar nicht zu Ende bringen. Das Ensemble besteht aus vier Männern und zwei Frauen. Gegen Ende eskalierte die Show zu einer Massenschlägerei in Zeitlupe. Das sah wirklich witzig aus. Am Ende, nach dem Applaus, wünschte sich der Zirkustrupp noch eine letzte Sache vom Publikum. Wir sollten alle eine Massenschlägerei in Zeitlupe veranstalten. Unten im Saal. Ein paarhundert Leute.

Das taten wir dann auch.

Was ist am Wochenende sonst noch passiert? Am Samstag konnten wir die Bauarbeiten mehr oder weniger beenden. Auf die Konstruktion im Schlafzimmer meiner Frau bin ich wirklich stolz. Aber sie mag es nicht, wenn ich Fotos ihres Schlafzimmers ins Netz stelle. Sie mag es auch nicht, wenn ich über sie schreibe. Da hat sie sich echt den richtigen Typen geangelt.

Weil am Donnerstag mein Neffe mit seiner Freundin nach Berlin kommen, räumten wir die Baustelle namens Wohnung und brachten sie teilweise wieder auf Hochglanz. Ich putzte sogar das große Küchenfenster. Zum zweiten Mal in zehn Jahren. Es ist erstaunlich, wie grau ein Fenster werden kann. Mit sauberen Fenstern hat man immer das Gefühl, es stünde offen. Das ist irritierend.

Gegen 16 Uhr hatten wir aber keine Lust mehr auf Putztätigkeiten. Wir öffneten uns einen Drink und setzten uns in den Erker, wo wir ein bisschen über den Schwedenurlaub im Mai fantasierten.

So war das.

[Fr, 27.3.2026 – Dreissig Pflanzen]

Seit Wochen habe ich den Vermerk „30 Pflanzen“ auf meinem Notizzettel stehen, ich fand aber nie eine passende Form, mit der sich die Notiz in einen Text umwandeln ließ. Eigentlich ist das ja der Zweck dieses Weblogs, es ist eine Schreibübung, jeden Tag etwas aus dem Leben in eine Textform zu gießen. Die Sprache finden, die Form finden, den Sound finden.

Die „30 Pflanzen“ erwähnte ich bereits letzten Oktober auf unserer Grönlandreise. Weil wir auch da versuchten, mindestens 30 Pflanzen pro Woche zu essen. Was dort aber außerordentlich schwierig war, wenn es zum Frühstück beispielsweise nur Fisch, Käse, Fleisch, Dorschlebertran und Weißbrot gab. Immerhin konnten wir fürs Frühstück „Weizen“ in unsere Liste eintragen.

Was hat es damit auf sich? In einer Studie namens „American Gut Project“ beobachtete man, dass Vielfalt an Pflanzen bei der Nahrungsaufnahme ein wichtiges Kriterium für ein gesundes Darm-Mikrobiom ist. Dabei fand man heraus, dass mindestens 30 Pflanzen pro Woche ein guter Schwellwert sind. Wenn man im Netz nach „30 Pflanzen pro Woche“ oder „American Gut Project“ sucht, gibt es ausführlichere Details und Erkenntnisse zu dem Thema, was bei mir aber hängenblieb: Es ist fucking wichtig. Das Darm-Mikrobiom ist so etwas wie das Gesundheitsökosystem unseres Körpers. Nebenbei hat das einen positiven Effekt auf die mentale Gesundheit und natürlich verringert er das Darmkrebsrisiko beträchtlich.

Jede Woche dreißig unterschiedliche Pflanzen zu essen, ist gar nicht so einfach. Man erreicht ziemlich schnell die Zwanzig. Danach stockt es aber immer ein wenig. Dafür fingen wir an, gezielt einzukaufen, damit man die Zahl erreicht. Auch eine nette Beschäftigung.

Ich hoffe, man versteht, warum die Notiz so lange auf dem Zettel stand. Es ist ein interessantes Thema. Aber es gibt künstlerisch wenig her.

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Übrigens will ich schon seit Wochen das untenstehende Foto posten.

[Do, 26.3.2026 – Horrormatinee, gute Lebensführung, gute Vorsorge]

Die neue Serie mit dem Titel „Something very bad is going to happen“. Das ist, als hieße ein Restaurant „We’re cooking something really nice for you.“
Würden wir ja auch sofort hineingehen. Nach vierzig Minuten fing uns die Geschichte aber nicht richtig ein. Ich war auch noch etwas unkonzentriert wegen der letzten beiden Arbeitstage, die etwas anstrengend gewesen sind. Also vertagten wir es aufs Wochenende. Sonntagvormittags. Horrormatinee.

Inzwischen kam ein Brief vom Bundesamt für Justiz. Ein Umschlag mit diesem Absender sieht ungeöffnet ja sehr furchteinflößend aus. Es war aber nur das Führungszeugnis, das ich beantragt hatte. Eine Anforderung meines neuen Arbeitgebers. Ich frage mich, ob man da nicht einen neutraleren Absender verwenden könnte. Ministerium für Schandtaten oder so was. Mit einem Pudel als Logo.

Die wichtigste Botschaft des Führungszeugnisses steht auf der Brust des deutschen Adlers: „Keine Eintragung“

Was ist sonst noch passiert?

Ich fahre viel mit der S-Bahn und müsste endlich Termine für die Krebsvorsorge organisieren. Haut, Darm und Prostata. Mir war nicht klar, dass man bei Prostatauntersuchungen mit dem Finger von innen ertastet wird. Kann man das denn völlig losgelöst von sexuellem Kontext mit sich machen lassen? Es gibt ja Dienstleisterinnen und Clubs, die das für einen mittleren dreistelligen Betrag in den Abendstunden anbieten, aber ich denke nicht, dass die Krankenkasse das bezahlt. Und ob die Prostatakrebs erkennen können, würde ich auch bezweifeln. Meine Frau sagt, ich solle mich nicht so anstellen, Frauen ließen ähnliche Untersuchungen schon seit Teenagerjahren über sich ergehen. Damit hat sie selbstredend recht, aber ich finde es ja schon gewöhnungsbedürftig, von Profis massiert zu werden, meine Fallhöhe ist halt sehr, öhm, hoch. Das wird noch lustig. Meine Frau sagt: Immerhin hast du dann guten Blogcontent. So sicher bin ich mir da aber nicht.

[Di, 24.3.2026 – Höhö-Gelaber, Weisskrautpesto, Nationalbibliothek]

Das Bedürfnis, mich von Männern distanzieren zu wollen. In der Bahn, im Supermarkt, auf der Straße. Ich meine: Ulmen saß zehn Jahre lang neben seiner Frau auf dem Sofa, während er mitbekam, wie sie sich von vermeintlich fremden Männern da draußen im Netz terrorisiert fühlte, und er davon sprach, ein Feminist zu sein. Er entschuldigte sich offenbar mit der Begründung, dass er da so einen Fetisch habe. Aber das ist halt kein „Fetisch“.

Ich kenne dieses empathielose Höhö-Gelaber über Sex, wenn Männer unter sich sind. Es passiert nicht oft, und es ist ein gewisser Typus Mann, von dem das immer ausgeht. Da schreitet aber nur selten jemand dazwischen. Viele wenden sich ab. Manche bleiben aber. Es ist eine stille Zustimmung. Als Chef fiel es mir natürlich immer leicht, das zu unterbinden, aber dann heißt es: Ist doch nur Spaß. Die Botschaft, die ankommt, ist: Chef ist prüde. Und ich weiß auch, dass es ohne mich weiterhin passieren wird.

Wir reden zu wenig über Sex. Aber das ist eine andere Geschichte.

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Und sonst habe ich Weißkrautsalat mit Knoblauch und Basilikum gegessen. Es war eine Idee meiner Frau. Es schmeckt wie kalte Pestonudeln. Aber ohne die Kalorien.

Ich sagte mehrmals so Sachen wie „Woah!“.

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Beim Suchen nach dem Springwegbuch im Internet habe ich gesehen, dass die Novelle jetzt auch im Katalog der Nationalbibliothek geführt wird. So ein Archiv ist atomkriegssicher, oder? Woah!.

Und jemand führte in ihrem Jahresrückblick die Novelle als das überraschendste Buch in 2025. Das zu lesen, freute mich wirklich sehr. Eine Überraschung zu sein, ist eine gute Sache.

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[So, 22.3.2026 – Montana, Haus, Bekwäm]

Wir schauten heute die ersten beiden Folgen von „The Madison“, der neuen Serie von Taylor Sheridan, der mit seiner Darstellung Amerikas häufig den Eindruck erweckt, etwas berauscht von der konservativen Idee des Landes zu sein, wobei er bekräftigt, von keinem politischen Lager eingenommen werden zu wollen. Ich glaube, er verabscheut nur Menschen aus der Stadt. Er weiß es, wirklich große Geschichten zu erzählen, die zudem mit fantastischen Frauenfiguren in Hauptrollen besetzt sind.

Montana. Wieder einmal Montana. Michelle Pfeiffer. Diese Frau wird in zwei Jahren siebzig. Und sie wird mit jedem Jahr schöner.
(Ja, klar, gestrafft und so. Aber trotzdem)

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Gestern mit meinem Vater telefoniert. Er will jetzt sein Haus verkaufen und in eine kleine Wohnung ziehen. Das Haus deprimiert ihn nur noch. Es ist sein ganzer Traum gewesen, aber es ist zu groß für ihn alleine, er kann es nicht mehr putzen, und in ein paar Jahren kann er vielleicht keine Treppen mehr laufen. Hätte er noch eine Frau, wäre es vielleicht etwas anderes, aber weil schon seit einigen Jahren keine Frau mehr in sein Leben kommt, empfindet er das Haus nur noch als Belastung, er will es nicht mehr, er sieht keinen Sinn darin, er will sich jetzt verkleinern, bescheidener leben, sich auf die wahren Dinge konzentrieren.

Das erstaunte mich sehr. Das Haus in seinem Heimatdorf bedeutete ihm viel. Ich empfand es als eine Art Lebensziel. Er baute es sich mit fünfzig. Oder vielleicht war er sogar schon älter. Strenggenommen ist es gar kein Haus, sondern eine Doppelhaushälfte, nichts Besonderes eigentlich, zwei Etagen und ein Dachgeschoss mit einem Keller. Aber es war der Anker in seinem Heimatdorf.

Den Schritt, dieses Haus zu verkaufen, finde ich ungemein mutig. Das sagte ich ihm auch so. Ich empfand die Entscheidung auch wie einen nüchternen Schritt hinein in den Lebensabend. Das sagte ich ihm aber nicht. Vielleicht hätte er diesem Gedanken auch zugestimmt. Weil mutig, das war er immer.

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Kreissäge. Meine neue Akku-Kreissäge. Ich sage es mehrmals pro Tag, wenn ich am Wochenende damit baue: „Woah, ich liebe diese Kreissäge.“ Meine Frau nimmt es zur Kenntnis und es freut sie, dass ich schöne Konstruktionen in ihr Zimmer baue.

Heute sägte ich damit meinen „bekwäm“-Hocker an.

Gestern bohrte ich aber auch ein Loch in meinen geliebten Dielenboden. Das lag jedoch nicht an meiner geliebten Kreissäge. Das lag an meinem geliebten Bohrer.

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[Fr, 20.3.2026 – Moabit, Nachtgleiche, Männer]

Moabit ist ein wirklich sehr schöner Stadtteil. Und wesentlich sauberer als Friedrichshain. Dabei sieht man, dass Moabit arm ist. Aber anders arm als Neukölln. Jemand sagte einmal, Neukölln sei aufregend arm, Moabit hingegen spießig arm. Das Bild ist etwas pietätlos, aber ich verstand schon den Gedanken dahinter.

Ein ehemaliger Mitarbeiter von mir ist in Moabit geboren und aufgewachsen. Die ersten vierzig Jahre seines Lebens wohnte er in der gleichen Straße. Zuerst mit der Mutter in der Nummer sieben. Mit achtzehn Jahren zog er mit seiner schwangeren Frau in die 26. Dort lebten sie mehr als 20 Jahre lang. Jetzt sind sie zwei Straßen weiter gezogen. Eine ganz andere Welt, wie er scherzhaft sagt. Er liebt Moabit und schwärmt immer davon. Wir haben noch viel Kontakt. Jetzt wohnt er praktisch um die Ecke meines neuen Büros. Nächste Woche gehen wir Mittagessen. Wir wollten uns noch über ein paar Projektthemen austauschen.

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Heute ist übrigens Nachtgleiche. Überall auf der Welt dauert der Tag etwa 12 Stunden. Sogar in Longyearbyen. Vor wenigen Wochen ging dort das erste Mal die Sonne auf, jetzt dauert der Tag schon 12 Stunden. Am Nordpol ging heute das erste Mal die Sonne auf und bleibt jetzt sechs Monate lang am Himmel.

Just saying.

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Christian schreibt ein paar sehr gute Gedanken über Männer auf. Wegen Christian Ulmen. Frau Fragmente schrieb vor einiger Zeit irgendwo, dass sie es mit schlecht regulierten Männern zu tun habe. Unregulierte Männer. Die meisten Männer kommen immer irgendwie durch.

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Ah, Chuck Norris ist gestorben. Chuck Norris hatte nie eine Bedeutung für mich. Er hat sich erst durch die zahlreichen Memes der letzten Jahre in mein Bewusstsein gedrängt. Vielleicht war ich zu jung dafür. Als mir die ersten Härchen an der Oberlippe wuchsen, waren meine Actionhelden Schwarzenegger und Stallone. Alle diese männlichen Ikonen sind übrigens Republikaner geworden. Zwei davon Trumpisten. Schwarzenegger blieb immerhin Trump-Gegner. Da wird es sicherlich eine Verbindung geben zwischen adoleszenten Heldenfiguren und dem rechten Spektrum.

[Do, 19.3.2026 – Fahrscheine, Moabit, Sehschärfe]

Als ich jung war, fuhr ich gerne schwarz. Als ich älter wurde, kaufte ich mir gelegentlich ein Ticket. Je älter ich wurde, desto öfter kaufte ich mir ein Ticket. Irgendwann hörte ich jemanden sagen, dass es vernünftiger sei, entweder immer schwarz zu fahren, oder immer ein Ticket zu kaufen. Wenn man beides ein bisschen tut, dann gibt man viel Geld für Tickets aus und wird trotzdem ab und zu erwischt. Das leuchtete mir ein. Weil ich mittlerweile etwas älter geworden war, fuhr ich also nicht mehr schwarz.

In Berlin kostet ein Fahrschein jetzt 4€. Vor noch wenigen Jahren lag der Preis bei 2,10€. Im Mai erhalte ich ein Jobticket, für den April bestellte ich mir ein Abo, und in der Zwischenzeit kaufe ich brav jeden Tag zwei Karten. Gestern Abend hatte ich aber einen beruflichen Termin in Mariendorf. Ich war ein wenig abgelenkt, ich hörte den Podcast „Berliner Zimmer“ mit Judith Gridl und Klaus Rathje in einer sehr aufschlussreichen Folge mit Roswitha Quadflieg, die ein paar beeindruckende Bücher über ihre Familienmitglieder geschrieben hat. Darüber redet sie in der Folge. Davon war ich so gebannt, dass ich vergaß, mir ein Ticket zu kaufen.

Mit dieser Einleitung erübrigt es sich, zu erwähnen, dass dann Kontrolleurinnen in den Abteil stiegen.

Heute früh war ich dann ein wenig schusselig unterwegs. Nicht wegen der Strafe, sondern wegen der Hundelogistik. Normalerweise trödle ich morgens unendlich lange vor der Kaffeemaschine und dem Computer. Wegen des neuen Jobs muss ich mit der Hündin aber schon um 7 Uhr eine Runde drehen. Weil ich zu Hause dann trotzdem immer noch trödelte, geriet ich heute in plötzliche Eile. In der S-Bahn fiel mir schließlich auf, dass ich meine Lesebrille vergessen hatte. Ohne Brille kann ich mittlerweile keine Buchstaben mehr auf dem Telefon erkennen. Daher hörte ich in der Bahn ziemlich viel Schrott, bevor ich den richtigen Podcast erwischte. Mit dieser miesen Sehschärfe konnte ich aber unmöglich in die Firma fahren, deswegen nahm ich einen Umweg zum Drogeriemarkt, um mir eine billige Lesebrille zu beschaffen. Problem dabei: Finde mal ein D‑M auf deinem Telefon, wenn du keine Lesebrille hast. Ich arbeite jetzt in Moabit und kenne das Angebot der Geschäfte dort noch nicht, aber auf der Karte erkenne ich Moabit immerhin grob an der Stadtstruktur. Im Norden Ring und Wasser und unten der Tiergarten. Irgendwo in der Mitte die beiden parallel laufenden und dann abknickenden Straßen mit dem kleinen Park dazwischen.

Genau da, unweit des Knicks, gab mir Maps eine rote Markierung, ein D‑M. Fuhr ich also hin. Nächste Hürde: Finde eine Lesebrille in Sehstärke 2,5, wenn du nicht lesen kannst. Lifehack: Nimm eine beliebige Brille aus dem Regal und setze sie auf. Hat dann geklappt.