Mit dem jungen Verkäufer des lokalen Alkoholladens bin ich jetzt per Du. Ich bin fast jeden zweiten Tag da. Weil wir immer ein bisschen planlos einkaufen und immer etwas dazwischenkommt. In Schweden kann man Alkohol ja nur in diesen staatlich kontrollierten Spezialläden namens Systembolaget kaufen, oder wie meine Frau sie nennt: Sysbolla. Die Sysbollas geben sich als Fachgeschäfte aus. Betritt man einen der Läden, wird man nicht selten von Verkäuferinnen angesprochen, die ihre Hilfe bei der Wahl der Getränke anbieten, und überall stehen Schilder, die einen auffordern, das Personal anzusprechen. Es wundert mich, dass es noch keine Umkleidekabinen gibt, in denen man hinter zugezogenen Gardinen kleine Probefläschchen zu sich nehmen kann.
Neulich sprach mich auch dieser junge Mann an, ein großer Schwede mit zusammengebundenen Haaren. Er kam gerade mit einem Karton aus dem Magazin und fragte mich, ob ich Beratung bräuchte. Dabei sagte ich, wie immer „Nej tack!“, weil ich beim Kauf von Alkohol wirklich keine Beratung brauchte. Kurz darauf sah ich allerdings, dass der französische Bio-Cidre immer noch ausverkauft ist, das ist er seit nunmehr fast zwei Wochen, und daher bat ich ihn kurz um Auskunft. Er wunderte sich ein wenig. Er meinte, er hätte erst heute noch die entsprechenden Flaschen gesehen, und so verschwand er für einige Augenblicke in seinem Magazin. Zurück kam er schließlich mit einem ganzen Karton dieses französischen Bio-Cidres. Er sagte, sie seien falsch gelabelt gewesen und deswegen seit Wochen nicht ins Fach nachgefüllt worden. Er bedankte sich für meine Aufmerksamkeit. Weil wir ohnehin gerade einen Gesprächskanal zueinander geöffnet hatten, wollte ich von ihm wissen, warum sie von der GHöteborger Stigberget Brauerei lediglich die immer gleichen 4 Sorten im Angebot haben. Schon seit Jahren. Auf der Stigberget Webseite findet man nämlich 30 oder mehr weitere Bierstile. Er entschuldigte sich dafür, und sagte, dass das schlicht am Publikum hier in der Provinz läge. Die Filialen in Göteborg oder Stockholm seien da natürlich wesentlich besser ausgestattet. Er könnte für mich aber alles von Stigberget bestellen, dann würde es kostenlos hierher in die Filiale geliefert werden. Er öffnete die Sysbolla-Webseite auf seinem Diensttelefon und wir scrollten durch das immense Getränkeangebot. Ich interessierte mich vor allem für die Pilsner-Varianten und die Session-Pale-Ales. Außerdem wollte ich deren alkoholfreies probieren. Wir waren dabei nur mittelmäßig erfolgreich. Zwar fanden wir zwei Pilsner von Stigberget und ein Helles, das Session-Bier gab es aber nicht und das alkoholfreie auch nicht. Das war ihm merklich unangenehm. Er versuchte mir umständlich zu erklären, dass das Session-Bier eventuell aufgrund einer lokalen Bevorzugung nicht verfügbar sei. Stigberget käme ja aus Göteborg und die lokalen Sysbollas versuchen manchmal, lokale Brauereien zu promoten. In diesem Fall eine Brauerei, deren Namen mir wieder entfallen ist. Ich sagte: Ja, die kenne ich, aber die sind mir zu unelegant gehopft. Viel zu hart. Er drehte sich zu mir um, öffnete seine Augen und sagte: Yessss! The hops is not elegant! Die Bezeichnung schien ihm sehr gefallen zu haben. Er mochte die Biere dieser lokalen Brauerei auch nicht. Stattdessen schlug er mir vor, das Session Pale Ale von Oppigards zu nehmen, das käme an Stigberget heran, das kannte ich aber schon, und auch wenn ich Oppigards in der Regel wirklich mag, sind mir viele von denen doch nicht gut ausbalanciert. Das New Sweden IPA sei allerdings fantastisch und das Golden Ale auch. Das Session Pale Ale fand ich aber zu malzig. Er nickte. Er könne das nachvollziehen, er fände die Malzigkeit aber durchaus gelungen. Ich sagte, das sei auch nur meine ganz persönliche Präferenz, es sage wenig über die Qualität des Bieres aus, die bei Oppigards ja durchaus gegeben sei.
Undsoweiter.
Mit diesem Gespräch war die Grundlage für unsere ewige Freundschaft gelegt. Wir sind jetzt per Du. Zwar sind alle Schweden miteinander per Du, aber wenn ich den Laden betrete, winkt er mir schon von Weitem zu. Gelegentlich fachsimpeln wir. Meistens blinzeln wir uns aber nur in Geheimsprache zu. So von Kenner zu Kenner.
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Die letzten beiden Tage war es sehr warm bei 31 Grad. In der Sonne ließ es sich bereits nicht aushalten. Dafür war das Flusswasser angenehm temperiert. Wir gingen jeden Tag darin schwimmen. Eigentlich hasse ich es, ins Wasser zu gehen. Wenn ich aber im Wasser bin, will ich es nicht mehr verlassen. Das geht jeden Tag so. Jeden Tag, wenn ich an der Holztreppe zum FLuss stehe und nicht hinein will (während FRau und Hündin bereits im Wasser planschen), denke ich, dass ich heute wirklich nicht ins Wasser muss, dass ich mich wirklich gerade wohlfühle, keine Abkühlung brauchen und überhaupt brrrr ist ja ohnehin zu kalt, Mittlerweile habe ich natürlich gelernt, dass ich nachher nicht mehr aus dem Wasser heraus will, weil es so schön ist, ich kenne dieses Gefühl, und ich weiß auch, dass ich mich nach dem Reinspringen ärgere, dass ich mich immer so lange dagegen wehre, weil es danach im Wasser immer so schön ist, aber nicht heute, heute brauche ich es nicht, wie jeden Tag, ich brauche es nie, wirklich nie, ich kann auch draussen sitzen bleiben und den beiden zusehen. Dann stecke ich eine Zehenspitze ins Wasser, fünf Minuten später bin ich schon mit dem Knie drin. Die schwierige Phase beginnt dann mit dem Penis (sehr viel Peniskontent in letzter Zeit), und irgendwann bin ich dann mit Bauch und Brust im Wasser, bei denen mir immer das Gehirn einzufrieren scheint. Nachdem eine halbe Stunde vergangen ist, schwimme ich plötzlich und denke mir, warum ich mich immer so anstelle und so viel Zeit verliere, im Wasser schwimmen ist schließlich die beste Sache der Welt und ich möchte das jeden Tag machen und überhaupt, ich will gar nicht mehr aus dem Wasser heraus.
So ist das.
Morgen stürzt die Temperatur auf angenehme 20 Grad und übermorgen auf 13. Ich weiß nicht, wie man bei 13 Grad ins Wasser geht.
Am Abend kamen der Cousin meiner Frau und seine Frau zu Besuch. Wir hatten sie zum Abendessen eingeladen. Sie wohnen etwa einen Kilometer flussaufwärts und wir treffen sie mittlerweile regelmäßig, dabei sind wir sehr froh, dass sich ein so guter Kontakt zueinander entwickelt hat. Der Cousin war in jungen Jahren Punkmusiker und gleichzeitig kennt er sich mit Waldarbeit aus und mit all den Dingen, die mich hier beschäftigen. Er schlug vor, dass ich nächste Woche bei ihm vorbeikomme, und er zeigt mir ein paar seiner Maschinen, allen voran ein Werkzeug, mit dem man großflächig Jungbäume niedersensen kann. Er weiß, dass das eine meiner Hauptbeschäftigungen ist, vor allem im Frühjahr, wenn überall kleine Espenstämme spießen, aber auch, um Teile des Waldes begehbar zu machen, zB dort, wo ich meine Bank hingestellt habe. Er half mir auch mit meinem Kettensägenproblem. Ich schaffte es ja nicht, das Schwert samt Kette auf den Motor aufzusatteln. Jetzt wissen wir: Man braucht nur mehr Kraft. Am besten vier Hände. Jetzt kann ich sägen.
Eigentlich wollten wir draußen sitzen, noch bevor wir das Essen aufstischten, begann es aber zu donnern und schließlich zu nieseln. Wir setzten uns rein und ich weiß jetzt schon, dass der Samstag ein ziemlich verkaterter Tag sein wird.



















