[Mi, 12.6.2024 – Kabel, Kleidung, Klimazonen]

Weiterhin Militärpodcasts gehört. Und ich war wieder shoppen. Diesmal vor allem Elektronik. Am Ende des Shopping-Tages ging ich mit einem Kabel nach Hause. So ist das.

Ich kaufte auch eine Übergangsjacke. Übergangswetter kenne ich so gut wie gar nicht. Wenn der Winter vorbei ist, dann beginnt für mich sofort T-Shirt- und Kurzehosenzeit. Aber für Wetter wie gestern oder heute bin ich nicht wirklich gerüstet. Ich fror etwas, aber es war nicht kühl genug, lange Hosen und Winterjacken hervorzuholen.

In diesem Zusammenhang wurde mir in Bezug auf die bevorstehende Reise etwas bange. Wir werden am Montag in einem 27 Grad warmen Berlin starten und ziemlich alle Klimazonen bis zum Spätwinter durchleben. Am Nordkap misst es aktuell 4 Grad. Nächste Woche sollen es 9 Grad sein. Auch wird Regen prognostiziert. Meine Familie ist sehr wetterleidig. Wenn es regnet, ist der Urlaub praktisch versaut. Manchmal denke ich, dass sie gar nicht mit mir verwandt sind. Meinen Vater habe ich dahingehend vorbereitet. Er braucht eine Mütze, zwei unterschiedliche Jacken und auch lange Hosen, falls er die nicht schon trägt. Und eine Badehose, falls wir in die kühle Ostsee springen wollen. Wir werden schliesslich zwei Tage lang immer die Küste hinaufbrummen, bevor es landeinwärts geht. Auch empfahl ich ihm, einen Schlafsack mitzunehmen. Zwar habe ich uns fast immer kleine Hotelzimmer gebucht, aber in zwei Fällen sind es hüttenartige Appartements für Selbstversorger, es ist besser, auf solche Situationen vorbereitet zu sein.

Deswegen die Übergangsjacke. Ohne Futter, aber zwei Lagen Textiltechnologie. Sie sieht sogar modisch aus und sie hält mir Wind und Regen vom Leib. Das ist sicherlich kein schlecht ausgegebenes Geld.

Neuerdings fällt mir auf, dass sich mein Kleidungsstil etwas verschoben hat. Vor zehn Jahren trug ich noch fast ausschliesslich schwarze Hemden, schwarze Jacketts, schwarze Lederschuhe und schwarze Krawatten. In den letzten Jahren trage ich nur noch enge T-Shirts, enge, sportliche Strickjacken, enge Jogpants und Sneakers. Immerhin auch diese in schwarz. Bis auf die meist weissen Turnschuhe. Oder wenn ich eine dunkelblaue Herthajacke trage. Komische Entwicklung ist das. Ich weiss gar nicht, wie das geschah. Es ist aber okay. Je dicker ich werde, desto besser finde ich mich in engen Sporttextilien wieder. Ich laufe bald wie ein bulliger Clanchef durch den Kiez.

[Di, 11.6.2024 – Sicherheitspolitk, Streunen in Konsumtempeln, Nike]

Wie bereits gestern erwähnt, werden nirgendwo Matratzenspenden angenommen. Kann ich verstehen, kann ich aber auch nicht verstehen. Also fuhr ich zur BSR nach Lichtenberg. Was ich mit der dritten, kleineren Matratze anstelle, weiss ich noch nicht. Vermutlich werde ich auch diese entsorgen und für Gäste eine dünnere, rollbare Matratze kaufen, die sich besser verstauen lässt.

Thinking.

Tagsüber war ich shoppen. Bei Galeria Kaufhof und bei Decathlon. Mit einem Podcast auf den Ohren streunte ich ziemlich planlos durch alle Etagen und liess mich von den schönen Konsumwaren betören. Der Podcast handelte vom Militär, er heisst “Sicherheitshalber”. Ich wusste bisher gar nicht, dass ich mich für Sicherheitspolitik interessiere. Auf den Podcast kam ich wegen einer WRINT-Sendung in der Holgi mit Ulrike Franke vom European Council on Foreign Relations sprach, die unfassbar interessante Einblicke in die gegenwärtige Sicherheitslage gab. Sie ist auch Mitglied des Sicherheitshalber-Podcasts, wo es nur um dieses einschlägige Thema geht. Ich kann kaum noch aufhören, denen zu lauschen.

Nebenher suchte ich ganz lose nach einer dunklen Nike Jacke und nach den weissen Nike Air Force 1 Sneakern. In einem kleinen Sneakerladen fand ich die Schuhe und kaufte sie mir. Die weissen Nike Airs, die ich letzten Sommer in Amsterdam spontan kaufte, als ich in ein Schuhproblem geriet, sind mittlerweile ziemlich abgerockt. Zwar behandle ich sie gut, ich gehe niemals damit auf die Hundewiese, aber ich trage sie sonst wirklich immer und es gab auch mehrere unglückliche Momente, in denen sie überstrapaziert wurden. Ich glaube, solche Turnschuhe sind nur für Innenräume konzipiert. Deswegen kaufte ich mir heute ein neues, schneeweisses Paar für die anstehenden Bewerbungsgespräche. Die bisherigen werde ich verwenden, bis sie schwarz sind.

Interessant fand ich auch, dass es weder bei Galeria Kaufhof noch bei Decathlon am Alex Produkte von Nike gab. Lediglich Adidas, Puma und andere Marken. Fussballbekleidung führten sie daher nur von den Bayern, Dortmund und auch dem Schwurblerverein aus Köpenick. Von Hertha, die von Nike ausgestattet wird, gab es lediglich Schals und Anstecker. Also nur Produkte, die nicht von Nike kamen. Auch in der EM2024 Abteilung im Erdgeschoss wurden ausschliesslich Nationalmannschaften ausgestellt, die von Adidas und Puma ausgestattet werden. Ich witterte patriotische Gründe. Ich dachte an einen enttäuschten Einkaufschef der Warenhauskette, der den zukünftigen Wechsel der Nationalmannschaft vom deutsch-chinesischen Adidas zum amerikanisch-chinesischen Nike als patriotischen Verrat abtat und damit Nike komplett aus dem Sortiment entfernte.

Ich fragte in meinem Fanclubchat nach, ob sich das jemand erklären könne. Jemand vermutete, dass das lediglich Verhandlungsstrategie ist. Es würden vielleicht neue Verträge ausgehandelt. Das sei beispielsweise im Lebensmittel Einzelhandel durchaus üblich. Er verwies mich an den Streit zwischen Edeka und Nestlé, der überall in den Medien auftauchte. Dort nahm man auch Nestlé Produkte aus dem Sortiment, nachdem man sich nicht einig wurde.

Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.

[Mo, 10.6.2024 – Wahlen, Volt, Matratzen]

Das Ergebnis der Europawahl war dann wenigstens nicht überraschend. Aber Macrons Auflösung des französischen Parlaments zog mich einigermassen runter. Damit ist nun der Weg für Marine Le Pen freigeräumt. Andererseits sind die Rechten in Skandinavien erfreulicherweise wieder auf dem Rückmarsch.

Abends hatte ich den Kennenlern-Call mit der Volt-Partei. Der Aufnahmeprozess für Neumitglieder verläuft in mehreren Stufen. Heute waren wir in einer Runde mit zehn Leuten. Alle erzählen sie ihre kurze politische Geschichte. Meine geht so: linksradikaler Background, später eher mit grün sympathisiert, aber nie restlos überzeugt gewesen. Da ich nicht wählte, musste ich mich nie wirklich irgendwo im Parteienspektrum zuordnen. Und dann lobende Worte über Volt über die progressiven und pragmatischen Visionen.

Die anderen im Call kommen aus dem Rest der Republik. Es sind es alles ehemalige Grün- oder SPD-Wählerinnen. Das hatte ich nicht erwartet. Ich hatte gehofft, dass sich auch Abtrünnige aus anderen Parteien bei Volt wiederfinden, gerade wenn es um Wirtschafts- Finanz- oder Verteidigungsthemen geht, ist die rot-grüne Blase ja eher immer ein Kindergartenfeld. Man wird sehen, wohin sich die Partei entwickelt, vielleicht wird man sie in 30 Jahren lediglich mit den Anfängen des Bündnis90/Grüne vergleichen. Die historische Einordnung kennt man immer erst später.
Für die ehemaligen SPD-Mitglieder war Olaf Scholz’ Ernennung als Kanzler der Grund des Austritts. Die Cum-Ex Geschäfte haben viele nicht akzeptiert. Ehemalige Grünwählerinnen hingegen empfinden ihre vormalige Partei als ideologisch, festgefahren und die Ampel tut ihr übriges. Überhaupt Ampel. Bei allen ein Thema.

Der Call dauerte anderthalb Stunden. In den nächsten Tagen wird sich jemand mit mir für ein Einzelgespräch in Verbindung setzen und dann schauen wir weiter. Dieser Einsatz der Leute. Das mag ich. Es ist sicherlich einfach, wenn eine Partei gerade im Wachstum ist und alle noch sehr euphorisch sind. Es gibt dieses Licht.

Ich werde mich künftig also parteipolitisch beschäftigen. Politische Themen kommen in meinen Tagebucheinträgen kaum vor. Ich wurde schon mehrmals gefragt, warum das so ist. Die Tagespolitik spielt schliesslich eine nicht unwesentliche Rolle in meinem Leben. Die Frage kann ich aber nie gut beantworten. Zum einen geht es hier vornehmlich um die Bewältigung des Alltags. Und über politische Themen zu schreiben liegt mir nicht. Das tat ich früher oft, aber ich komme mir beim Lesen meiner politischen Schriften immer etwas fremd vor. Vor allem sind Entscheidungen im politischen Tagesbetrieb immer sehr volatil, einen Tag später darüber zu schreiben ist oft zu spät, die Dinge sind schon verflossen. In meinem täglichen Leben versuche ich vor allem ein besserer Mensch zu sein. Ja wirklich. Richtige Dinge tun, vorangehen und richtige Dinge tun. Auch eine Gelassenheit zutage bringen. Menschen mögen.

Das gelingt mir zum Glück nicht immer.

Was ist sonst noch passiert. Ich fuhr mit der Matratze zum Recyclinghof. Spannend. Bleiben noch zwei Matratzen zum Entsorgen übrig. Die eine ist morgen dran, die andere übermorgen. Wobei ich die Letzte als Gästematratze einsetzen möchte. Sie ist zwar nur 70cm breit, aber einwandfrei, ich nutzte sie auch bisher als Gästematratze und hatte mit dem alten Bett einen geeigneten Ort, sie aufzubewahren. Mit dem neuen Bett habe ich keinen Platz mehr dafür. Ich brauche kurzfristig eine geniale Stauidee dafür. Sonst kommt sie weg.

Und während ich das schreibe, merke ich, dass ich zusehen sollte, die Matratzen zu spenden. Auch die andere ist noch halbwegs intakt. Sie hat nur leichte Flecken, aber sie ist nicht durchgelegen. Wenn ich oben schon schreibe, dass ich ein guter Mensch sein will, dann kann ich mich schon etwas mehr anstrengen. Auch dafür ist das Tagebuch gut. Mich zu ertappen.

Edit: Matratzen werden nirgendwo angenommen. Ich kanns ein bisschen verstehen. Andererseits: In Hotelbetten schlafen wir ja auch.

[So, 9.6.2024 – in nördlicher Breite]

Am Samstagabend feierte ich mit einer Freundin aus dem Fanclub ihren Geburtstag. Heute schlief ich deswegen lange und ich fand mich nicht in der Stimmung, darüber zu schreiben. Es war ein kurzweiliger Abend im “Biergarten am kleinen Tiergarten” in Moabit. Der Name dieses Biergartens schreit förmlich nach einem Wortspiel, das Wortspielregister bringt allerdings keine brauchbare Wortschöpfung hervor.

Heute früh um 5 wurde ich von der Morgensonne geweckt. Ich zog das Verdunkelungsrollo herunter, das ich sonst wirklich nie verwende. Ich konnte dadurch wesentlich länger schlafen. Vielleicht sollte ich das öfter mal probieren.
Ich bin gespannt, wie das nächste Woche mit der Mitternachtssonne sein wird. Bisher war ich nur im Winter in den arktischen Gegenden oder eben letzten Spätherbst in Longyearbyen. Die nördlichste Junisonne kenne ich sonst nur von unserem schwedischen Sommerhäuschen, aber das ist aus Sicht der Arktis ja fast Südeuropa. Es wird dort zwar nicht mehr richtig dunkel, am Horizont sieht man die ganze Nacht noch einen hellen Streifen, aber es fühlt sich trotzdem noch nach einer Art Nacht an. Nächste Woche ab Mittwoch, werde ich verschiedenen Stufen der Breitengrade und der Junisonne erleben. Das mit den Breitengraden geht so: 0 Grad ist der Äquator, 90 Grad Nord ist der Nordpol, 90 Grad Süd ist der Südpol. Meine Welt sieht so aus:

00 = Äquator
46 = Südtirol
52 = Berlin
57 = Göteborg
66 = Polarkreis
70 = Nordkap
78 = Longyearbyen/Spitzbergen
90 = Nordpol

Ab Breitengrad 56 fangen die weissen Nächte an. Dort beginnt etwa die nautische Abenddämmerung. So kenne ich das auch von unserem Haus in Schweden (Breitengrad 57), ab 60 beginnt die bürgerliche Dämmerung, das bedeutet, dass man im Freien kein künstliches Licht mehr braucht. Der Name kommt wahrscheinlich daher, dass bei diesen Lichtverhältnissen noch die Bürger unterwegs sind und man mit dem Kiffen also besser aufpasst.

Neu wird für mich der Bereich zwischen 57 und 66 sein, also der Bereich zwischen der nicht ganz dunklen Nacht in Västra Götland (57), und dem Polarkreis (66), wo die Sonne gerade überm Horizont bleibt. Ab Stockholm, also Breitengrad 59, kann man nachts auch draussen lesen. In Göteborg habe ich das einmal versucht, ich konnte die Buchstaben in der Zeitung erkennen, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich hätte lesen können, zum einen hatte ich meine Lesebrille nicht dabei und andererseits war möglicherweise auch das Schriftbild zu klein und wenn man nachts schlaftrunken auf einen Text schaut, sind die Augen auch schlichtweg noch zu schwach, vor allem in meinem Alter, ich kann es also nicht mit Sicherheit sagen.

Am Mittwoch werden wir in Gävle sein. Breitengrad 60. Ich werde nachts aufstehen, mir die Lesebrille aufsetzen und ein Buch in die Hand nehmen. Die Nacht darauf schlafen wir in Umea, das ist auf 63 Grad. Ich bin auf den Unterschied gespannt. Eine Nacht später sind wir bereits in Jokkmokk am Polarkreis, dort schauen wir dann der Sonne zu, wie sie den Horizont streift. Und die darauffolgenden Tage werden wir im Tageslicht verbringen.

Hier auch eine schöne Grafik, die die Dämmerungen zur Sommersonnenwende zeigt. Aus Wikipedia.

Und so sieht die Reise nächste Woche ungefähr aus:

[Fr, 7.6.2024 – Volt, Europawahl, Leder 6]

Es fiel mir nicht ganz leicht, einzuschlafen, da ich mehrere Stunden über Bilder, Texte und Landkarten von kleinen Orten und Strassen in Lappland sowie der Finnmark verbracht hatte. Mein Kopf hatte sich mit Googlemaps und Wikipedia vollgesogen und projizierte nun Fragmente von Hotels und Hütten in der Tundra, leicht bewaldeten und bergigen Landschaften und ewigen Strassen auf mein Hirn. Das war durchaus schön. Aber auch etwas aufwühlend. Meine Schlaf-App empfiehlt mir oft, vor dem Schlafengehen keine aufwühlenden Dinge zu tun. Ich dachte dabei immer an Streit oder Diskussionen mit Freunden oder Familienmitgliedern. Urlaubsplanung gehört also auch dazu. Das schreibe ich aber nur auf, weils witzig ist. Ich glaube, ich beschäftige mich vor dem Schlafengehen immer mit aufwühlenden Dingen.

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Weil ich italienischer Staatsbürger bin, werde ich bereits heute für die Europawahl wählen. In Italien wird heute und morgen gewählt, nicht Sonntag.

Es ist das zweite Mal in meinem Leben, dass ich wähle. Das erste Mal war ich achtzehn Jahre alt und ich wählte Rifondazione Communista. Das fand ich damals richtig und wichtig. Heute würde ich die niemals mehr wählen. Danach zog ich in die Niederlande und ich hatte mit der italienischen Politik nichts mehr zu tun. Der Grund, warum ich in Deutschland die Staatsbürgerschaft erlangen will, hat fast ausschliesslich mit dem Wahlrecht zu tun. Ich konnte bisher nie jene Politikerinnen wählen, die über meine lokalen Belange entscheiden. Ausserdem empfinde ich das politische Geschehen schon seit einigen Jahren ziemlich festgefahren und visionslos. Ich bilde mir ein, dass ich das mit einer deutschen Staatsbürgerschaft eher beeinflussen kann. Und natürlich will ich die Rechten verhindern.
Ehrlicherweise gibt es aber keine Partei, der ich mit grosser Freude meine Stimme geben würde. Am nähesten stehen mir vielleicht die Grünen. Aber die Grünen, die eigentlich einem liberalen Geist entsprangen, sind mir zu Konservativ, zu wenig liberal, wie mir eigentlich alle Parteien zu konservativ sind, die SPD sowieso und erst recht alle anderen Parteien. Wenn man die FDP in gewisser Hinsicht aussen vor lässt. Aber die FDP ist auch nur bei Wirtschaftsthemen liberal und bevor ich diese Besservedienerpartei wähle, wähle ich lieber die SPD.

Vor einigen Wochen fing die Partei namens VOLT meine Aufmerksamkeit ein. Sie sind nach eigener Aussage sozialliberal, progressiv und europäisch. Sozialliberal und progressiv sind Schlagworte, die mir im üblichen Parteienspektrum völlig fehlten. Nach dem Lesen ihrer Mission finde mich zu 95% in all dem wieder, wofür sie stehen. Und mir gefällt die Tonalität sowie das Auftreten. Und es ist die einzige, wirklich europäische Partei. Weil ich auch noch nie Mitglied in einer Partei war, registrierte ich mich heute kurzerhand.

So. Ich bin jetzt Mitglied in einer Partei. Ich bin Volt Parteimitglied.

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Um 17Uhr öffnete das Wahllokal der italienischen Botschaft in der Hiroshimastrasse 1 am Tiergarten. Ich war zehn Minuten früher da. Es gab bereits eine sehr lange Schlange. Nach meiner Ankunft wuchs diese Schlange um ein Vielfaches an. Es dauerte etwa 40 Minuten, bis ich an der Reihe war. Drin gab es vor der Urne noch eine kurze Wartezeit. In den Fluren hingen Kopien des Wahlzettels in Postergrösse, damit sich die Wartenden ein letztes Bild machen konnten. Auf dem Poster konnte ich allerdings kein VOLT-Logo erkennen. Ich erkannte lediglich die Meloni Partei, die Berlusconi Partei, die Lega und die Grünen. Auch die Südtiroler Volkspartei stand zur Auswahl. Fand ich lustig. Die hatte ich ganz vergessen. Aber meine Sorge war nun die VOLT Partei. Wie konnte ich die wählen? Natürlich war ich schlecht vorbereitet, ich hätte es mir denken können, dass eine Wahl kompliziert ist. Also schmiss ich Google an und fand heraus, dass Volt Italia nicht unter eigener Flagge zur Wahl antritt, sondern in einem demokratischen Verbund namens “Partito Democratico”. Das fand ich als stolzes, neues Parteimitglied etwas schwach, aber was weiss ich, warum diese Entscheidung so getroffen wurde, es wird schon valide Gründe haben.

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Auf dem Rückweg kehrte ich bei Flaconi in der Leipziger Strasse ein. Das ist der Flagship Store des gleichnamigen Online Parfumhändlers. Ich las, dass man dort die Parfums von Schwarzlose führt. Vor etwa zehn Jahren bestellte ich einmal ein Probierset von einer Berliner Parfümerie namens Schwarzlose. Mir gefiel der Name des Dufthauses und das Design der Flaschen, ausserdem spielt die Marke mit einer nebligen, dunklen Sinnlichkeit, die Berlin als Stadt angedichtet wird. Die einzelnen Düfte tragen Namen wie “Zeitgeist”, “Trance”, “Rausch” oder “Leder 6”. Damals suchte ich jedoch nach einer anderen Art Duft als die angebotenen, deshalb beliess ich es beim Probierset.

Nun ist es so, dass der Duft, mit dem ich mich in den letzten Jahren meist parfümiere, den Namen “Russian Leather” trägt. Es ist eine Weiterentwicklung des “Cuir de Russie” von Chanel durch das Parfümhaus Molton Brown aus London. Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine stört mich aber die russische Referenz. Das mag kleinlich oder kindisch klingen, aber wenn ein Staat bzw. ein illiberaler Staatsmann ein Imperium der russischen Kultur mit Gewalt über andere Staaten bringen will, dann sträubt sich alles in mir, dann will ich jegliche Sympathie, die ich sonst für Russland durchaus in Ansätzen hatte, nicht mehr zum Ausdruck bringen. Dann soll das russische Imperium auch keine positive Konnotation mit diesem rauschig-rauchigen Duft, den ich gerne um mich habe, bekommen.
Ich zeige dir, was ich von deiner russischen Überlegenheit halte.
Deswegen wollte ich mir das “Leder 6” von Schwarzlose anriechen. Ich konnte mich nicht mehr erinnern, wie das roch.

Eine grosse, stilvolle, dunkelhäutige Frau bediente mich. Sie war vielleicht Anfang dreissig, hatte aber den Habitus einer Grande Dame. Ihre Barthaare waren erstaunlich schlecht rasiert. Nicht, dass mich das störte, ich fand es nur erstaunlich, weil sie sonst so stilsicher war und eine elegante Grösse ausstrahlte. Vielleicht ist das aber auch so gewollt, oft ist das Spiel mit der Geschlechtszugehörigkeit ja auch die Provokation. Ich fand es lustig, dass es mich irritierte.

Das “Leder 6” riecht anders als “Russian Leather”. Es enthält keinen Rauch, es ist feiner, weniger schwer, er riecht in den oberen Noten sehr leicht, ich kann diese Note noch nicht ganz erfassen, ich werde ihn erneut riechen müssen, und im Körper hat er dennoch diese ledrige und harzige Tiefe, es ist ein sehr intimer Geruch. Ich hatte ihn gar nicht als solchen in Erinnerung.

Wir unterhielten uns noch eine ganze Weile. Sie zeigte mir ähnliche Gerüche, die meisten waren mir aber zu nadelbäumig. Was ich an anderen Menschen durchaus mag, aber an mir selbst nicht besonders.

Ich werde zurückkommen und wieder daran riechen. Neue Düften brauchen immer ihre Zeit.

[Do, 6.6.2024 – Kreditkarten]

Es erstaunt mich, wie viel Zeit eine solche Reiseplanung kostet. Ich sitze nun den dritten Abend daran und bin gerade einmal bei der Hälfte angelangt. Möglicherweise nehme ich die Reise zu ernst, ich google immer alles und will ein gutes Gefühl haben, dass ich mich für die richtigen Dinge entscheide. Das entspricht eigentlich gar nicht meiner Persönlichkeit, bei der Reiseplanung verhalte ich mich aber offenbar entsprechend. Das ist mir neu.

Zu allem Überfluss finde ich meine Kreditkarte nicht mehr. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich die Karte das letzte Mal in der Hand hielt. Es muss Monate her sein. Schliesslich zahle ich mittlerweile immer mit dem Telefon, die Karte benutze ich nur für die Abhebung von Bargeld und das brauche ich wirklich sehr selten. Oder ich benötige die Karte eben um den CVC Code bei Booking.com einzugeben. So wie gestern.
Seit gestern suche ich meine Kreditkarte. Sie ist aber unauffindbar. Bisher konnte ich es keinen Missbrauch bei den Geldbewegungen erkennen, daher denke ich, dass sie sich irgendwo in der Wohnung oder im Auto befinden muss. Aber ich habe sowohl die Wohnung wie auch das Auto auf den Kopf gestellt.
Mittlerweile habe ich herausgefunden, dass man viele Hotels bei Booking auch mit Paypal bezahlen kann. Das habe ich hiermit getan. Aber es gibt noch drei Unterkünfte, bei denen das nicht möglich ist.
Ich will das Risiko nicht eingehen, die Karte zu sperren und eine neue zu bestellen, weil die neue Karte möglicherweise nicht rechtzeitig ankommt. Wir treten die Reise bereits in 9 Tagen an. Ausserdem würde ich dann eine ganze Woche lang auch in Berlin nicht mehr bezahlen können. Und buchen kann ich in der Zwischenzeit ja auch nichts.

Also rief ich meinen Vater an, mit der Frage, ob er eine Kreditkarte besässe, worauf er mir mit einem irritierend stolzen Unterton mitteilte, dass er die Karte schon vor Jahren wieder zurückgegeben habe, weil er sie nie nutze. Er sprach mir aber Mut zu und sagte: das schaffst du schon, Sohn.
Ein bisschen ärgert es mich, aber nur ein bisschen, ich bin hauptsächlich belustigt darüber, wie er sich überhaupt nicht mit der Planung der Reise auseinandersetzen will und mich alles machen lässt, als wäre ich ein Reisebüro. Das ist jetzt wahrscheinlich meine Rolle. Er ist der Rentner, der nach einem anstrengenden Leben nur noch Spass haben will, und ich bin jetzt der berufstätige Mann im mittleren Alter, der das Land am Laufen hält.

Ich versuchte mein Glück und gab eine erfundene CVC ein. Drei willkürliche Ziffern. Die Zahlung ging zuerst durch und ich erlebte einige freudige Minuten, aber nach kurzer Zeit erhielt ich die Meldung, dass die Zahlung abgelehnt wurde. Die 874 war es also nicht. Theoretisch habe ich noch 998 Versuche.

Allerdings stellte ich fest, dass ich mit einer erfundenen CVC Nummer immerhin reservieren kann. Jedoch ahne ich, dass mir das irgendwann, spätestens beim Betreten der entsprechenden Unterkunft, auf die Füsse fallen wird.

Ich habe noch keine Lösung.

Das Problem mit der Karte ist, dass man vor Ort mit derselben Karte bezahlen muss wie mit der Kreditkarte, mit der man die Buchung getätigt hat. So habe ich das zumindest in Erinnerung. Aber vielleicht war das auch nur bei Mietautos der Fall und nicht bei Booking? Statt zu reservieren, könnte ich ja auch direkt vorab, mit der Karte meiner Frau bezahlen, dann brauchen wir die Karte nicht mehr auf der Reise. Die Lösung kommt mir erst jetzt, während ich diese Zeilen schreibe.
Aber meine Frau schläft schon, ich werde sie morgen fragen.

[Mi, 5.6.2024 – Graefe Peberg]

Weiter die Reise geplant und an dem Hausbesetzertext gearbeitet. Nachmittags ins Urbankrankenhaus gefahren (nichts Schlimmes) und dann mit der Hündin im angrenzenden Graefekiez und am Landwehrkanal spaziert. Dort sonnten sich etwa zwei Dutzend Schwäne. Als ich das sah, nahm ich die Hündin sicherheitshalber an die Leine. Als sie dann auch die vielen Schwäne sah, wäre sie gerne mitten hineingerannt, aber das ging natürlich nicht mehr. Zwei Dutzend Augenpaare scannten mich und die Hündin. Die Augenpaare folgten uns, als würde uns ein 24-Äugiger Organismus beobachten. Das dauerte mehrere Minuten, bis wir uns vermeintlich in sicherer Entfernung befanden.

Ich arbeitete 4 Jahre lang in dem Kiez, ausserdem verbrachte ich dort eine sehr intensive Zeit mit meiner kleinen Schwester, da sie im Urbankrankenhaus ihre erste manische Episode austrug und wir jeden Tag stundenlang durch den Kiez spazierten. In all den Jahren kam ich immer mit dem Fahrrad, heute fuhr ich zum ersten Mal mit dem Auto durch diese Strassen, ich brauchte etwa 15 Minuten, um einen Parkplatz zu finden. Es gibt diese Kieze, die völlig zugeparkt sind. Erkenntnis ziehe ich daraus aber keine. Der Graefekiez wirkt oft wie ein Prenzlauer Berg des Westens. Auch der nicht allzu weit entfernte Bergmannkiez. Das klingt immer negativ. Immer wenn man etwas mit Prenzlauer Berg vergleicht, lässt das negative Untertöne anklingen. Warum eigentlich. Ich finds blöd, ich bin gerne da. Ja klar, es ist nicht mehr so wild und experimentell wie früher, und in Teilen hat sich dort richtiger Reichtum und oft auch eine kulturelle Einseitigkeit breitgemacht, aber Peeberg-Bashen ist halt auch einfach eine Mode, man kann sich damit abgrenzen, man kann sich cool geben. Wie gesagt, ich finds blöd. Aber ich finde auch Abgrenzung blöd.

[Di, 4.6.2024 – Reiseplanung, alter Kollege]

Nun stellte ich die Reise zum Polarkreis zusammen. Mein Vater überliess mir die Planung. Er stellte keinerlei Bedingungen. Er weiss so gut wie nichts über Skandinavien und will sich einfach überraschen lassen. In meiner Familie spielte Nordeuropa nie eine Rolle. Im Sommer fuhren wir zu den Stränden in Lignano, Iesolo oder Caorle, das nördlichste, wohin meine Familie reiste, war München. Und immer noch reist meine Familie eher zu den sommerlich heissen Destinationen. Also Kroatien, Griechenland, Sardinien. Mich zog es hingegen schon in jungen Jahren immer eher nach London, Amsterdam und Berlin. Nun mussten sie mich aufgrund meiner präferierten Wohnorte hin und wieder in den Niederlanden, Hamburg und Berlin besuchen, aber am nördlichen Stadtrand von Hamburg hörte deren Welt eher auf.

Dass mein Vater sich einfach überraschen lassen will, freut mich. Er war eigentlich immer schon neugierig und aufgeschlossen, das wurde mir erst in den letzten Jahren bewusst. So fragte ich mich damals, wie sie auf meinen Job in der Firma mit der schwulen Dating-App reagieren würden. Mein Vater fand das lustig und interessant, während meine Mutter, zu der ich eine engere Beziehung habe, eher verhalten reagierte. Nicht wegen der Homosexualität, sondern eher wegen der ganzen Sex- und Dating-Sache. Mein Vater findet erst mal immer alles spannend. Ich sehe da eine Parallele zu seinem Sohn. Meine Mutter besteht hingehen aus Vorbehalten. Nun war sie einmal in unserem Häuschen in Schweden und sie schwärmt seitdem davon, aber von einem weiteren Urlaub in Skandinavien sah sie bisher ab. Wobei mir auch auffällt, dass sie seitdem schlichtweg nie mehr im Urlaub gewesen ist.

Aber egal, ich schweife ab. Mein Vater findet es spannend und will alles geschehen lassen, wie ich es plane. Er freut sich sehr darauf. Vor allem scheint ihn das Neue da oben, alles nördlich von Hamburg bis zum Nordpol, zu faszinieren. Es stand schlichtweg nie richtig auf seiner inneren Weltkarte.
Während ich die Reise plante, merkte ich, dass ich selbst nicht so viel weiss. Ich habe einige lose Punkte, die ich ansteuern will, wie beispielsweise Umea und Lulea, sowie Jokkmokk am Polarkreis und dann Alta sowie Hammerfest. Auch würde ich gerne nach Tromsö rüberfahren, das liegt aber ausserhalb unserer Route und man kommt in Nordnorwegen wirklich nicht sehr schnell voran, wir würden zusätzliche drei Tage brauchen, obwohl es Luftlinie nur wenige hundert Kilometer sind.
Aber ich muss mich auch um die Zwischenstopps kümmern. Wo man etwas sehen kann, und um kurze Wanderungen mit der Hündin zu unternehmen. Ich fand spektakuläre Wasserfälle und Steinformationen. Auch Höhlenmalereien. Bauwerke gibt es da oben weniger. Nur einige beeindruckende Brücken und besondere Kathedralen, wie die Nordlichtkathedrale in Alta. Auch sollte ich darauf achten, dass die Orte, in denen wir übernachten, mit einen Aufenthaltswert daherkommen. In Lulea gibt es diese alte Holzstadt und Pitea soll auch schön sein, ich weiss aber gerade nicht mehr warum.
Generell sind skandinavische Städte abseits von Göteborg, Stockholm und Südschweden nicht besonders schön. Sie wurden meist in den 70 Jahren generalüberholt und sehen aus wie Fussgängerzonen im Ruhrgebiet. Die kleinen Dörfer haben hingegen oft einen ästhetischen Charme, sie sind allerdings auch immer ein bisschen tot. Und in Nord-Norwegen wurde in den letzten Kriegswochen alles von den Nazis evakuiert und zerstört, die dortigen Siedlungen wurden alle im Nachkriegsstil wiedererrichtet.

Ich plane also noch. Manchmal ist es vielleicht besser in einer kleinen Ortschaft zu nächtigen bzw unterwegs ausserhalb der Städte. Es gibt auf der Route manchmal kleine Herbergencluster mitten im Nirgendwo. zB ein Camping, ein Motel und zweidrei Ferienhäuser die beisammenstehen. Das müsste bedeuten, dass es dort irgendwas Aufenthaltswertes gibt. Aber das muss ich mir alles noch im Detail ansehen. Es ist wesentlich aufwendiger als erwartet.

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Am Abend traf ich Manfred, meinen alten Partner der Firma, in der ich von 2018 bis 2019 arbeitete. Wir hatten uns seit 5 Jahren nicht mehr gesehen. Das erste das er zu mir sagte: du siehst so jung aus.
Danach konnte er nicht mehr viel falsch machen.

Unsere gemeinsame berufliche Zeit war sehr aufregend, aber auch dramatisch. Als ich dort in 2018 eingestellt wurde, waren wir noch eine Tochterfirma der DHL. Nach einigen Monaten verkaufte DHL den Laden an einen Reifendiscounter aus Niedersachsen. Zwar waren Manfred und ich die beiden Geschäftsleiter in der Firma und verantwortlich für den Standort in Berlin, Geschäftsführer waren wir aber nicht. Letztendlich bestimmte der neue Eigentümer alles und fuhr die Firma faktisch gegen die Wand. Nach drei Monaten brach mehr als die Hälfte des Umsatzes weg. Manfred und ich sammelten fast ein Jahr lang Scherben ein, weil wir das nach ein paar Monaten nicht mehr mit ansehen wollten, und auch der neue Eigentümer nicht mehr wirklich glücklich schien, schlugen wir ihm vor, dass wir uns nach einem neuen Käufer umsähen, und so reisten wir durch halb Deutschland auf der Suche nach neuen Käufern oder immerhin Firmen, die Teile unserer Firma übernehmen würden. Wir hatten noch ein intaktes und teils motiviertes Team mit viel Kompetenz, das hätten wir gerne gerettet.

So gruben wir wieder viele alten Geschichten aus. Es wirkt so lange her. Er kramte auch die Geschichte mit den Russen in Düsseldorf hervor. Die hatte ich ganz vergessen, aber ich hatte darüber gebloggt, das wusste ich noch.

[So, 2.6.2024 – Hugleikur]

Am späten Nachmittag fuhren wir zu Hugleikur Dagsson ins Oblomov in Neukölln. In der Einladung wurde mehrmals erwähnt, dass die Veranstaltung um Punkt 18:30 Uhr beginnen wird. Das kommt mir sehr entgegen. Nichts ist schlimmer als dieses ewige Gewarte bei Bands oder Stars. Zuerst kommt meist ohnehin die Vorband oder ein Vor-Act und dann wird wieder gewartet, und dann kommt der Soundcheck und dann wird wieder gewartet. Auch 18:30 finde ich eine super Zeit. Dann kann man nachher noch etwas trinken. Denn wenn man vorher trinkt, wird man ohnehin nur müde und unaufmerksam.

Erstaunlich fand ich die Grösse des Raumes bzw, wie klein diese Grösse war. Die Show fand in einem kleinen Nebenraum der Kneipe statt, es standen etwa 30 Stühle, es gab keine Bühne, sondern nur einen Freiraum vor der ersten Reihe, mit einem Mikro und im Eck hing ein kleines Mischpult. Unter solchen Umständen trat ich vor zehn Jahren auf, als ich noch öfter auf Lesebühnen meine Texte vortrug. Zwar mag ich solche Kulissen gerne, aber für einen Mann, der in Island ein Star ist und 100.000 Follower auf Insta hat, fand ich es doch ein bisschen unglamourös. Gut, seine Stärke sind die Zeichnungen, Comedy ist eher seine Nebenkompetenz und in Deutschland ist er nicht sehr bekannt. Andererseits erwähnte er gestern, dass er zu 40% in Berlin wohnt, ich hätte angenommen, dass der Wohnort auf die lokale Popularität abfärbt. Andererseits wohnte ich in Mitte fünf Jahre lang neben einem kroatischen Popstar von dem niemand in Berlin wusste, dass sie ein Popstar ist. Wir hatten uns mit dem jungen Paar in der Nachbarwohnung angefreundet und gingen manchmal gemeinsam aus. Irgendwann erzählte uns die Frau, dass sie in Koratien sehr berühmt sei, sie deswegen auch lieber in Berlin wohne, wo niemand sie kenne und sie ein normales Leben führen könne. Als ich sie googelte gab es hunderte Videos von ihr, wie sie sich mit einer Windmaschine vor einem Sonnenunteruntergang räkelte und Liebesbeweise ins Mikro hauchte. Zu jenem Zeitpunkt hatte sie aber bereits mit ihrer Popkarriere gebrochen. Sie macht jetzt Jazz und findet ihr früheres Werk peinlich. Das konnte ich gut verstehen. Von ihrem Jazz-Werk kann sie allerdings nicht leben. Weil ihre Zeit als Popkünstlerin aber noch so viel Geld reinbringt, muss sie sich nicht um das Einkommen sorgen.

Was das genau mit Hugleikur Dagsson zu tun hat, weiss ich aber auch nicht. Er ist schliesslich auch ausserhalb Islands bekannt. Island hat 400.000 Einwohner, zu den 100.000 Followern gehören sicherlich nicht ein Viertel der Einwohner.

Nach der Show tranken meine Frau und ich ein Bier am Tresen. Auch Hugleikur sass im Barraum mit ein paar Freunden. Als wir gingen, sagte ich im Vorbeigehen Thankyou zu ihm und erzählte, dass wir seit 11 Jahren Fans seiner Comics sind. Elf Jahre. Ich hatte die Jahre erst vor kurzem nachgezählt. Er gab sich sichtlich erfreut.

[Sa, 1.6.2024 – Lamour, Kuhweide, Bozner Sauce]

Mein Schwager war zu Besuch und so war ich etwas eingespannt. Und ich musste im Ehebett schlafen, wo ich allgemein nicht mehr sehr gut schlafen kann. Zu allem Überfluss plagte mich der Partyschlager “L’Amour toujours” in seiner rassistischen Variante. Seit hellhäutige Strickpulloverübermenschen das Lied auf Sylt sangen, wurde mir das Lied ein paar Mal zu oft in die Timeline gespült. Es ist ein grauenhafter Ohrwurm. So lag ich zwei Nächte im Bett und spulte fünf Akkorde mit rassistischen Parolen vor dem inneren Ohr ab. Ich war hilflos. Das muss man ja irgendwie umdichten können. Aber dazu war ich nicht in der Lage.

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Am Freitag war ich mit meinem Braufreund in Brandenburg. Genauer gesagt in der Märkischen Schweiz, beim Vorder- sowie Hintersee nahe Trebnitz. Die Gegend ist nicht ganz so stark bewaldet, was ich durchaus mag. Wir liefen zuerst an Getreidefeldern entlang. Nach einiger Zeit wollten wir wissen, um welche Getreidesorte es sich dabei handelt. Ich schmiss Google Lens an, das mir verriet, dass wir uns am Rande eines Gerstenfeldes befanden. Ein Gerstenfeld. Das fanden wir beide Hobbybrauer natürlich lustig, auf eine fast religiöse Art lustig. Sofort fühlte ich mich wohl.

Dann liefen wir an einer Kuhweide entlang. Meine Hündin kennt keine Kühe. Was für mich, als ehemaligen Kuhhirten etwas ungewöhnlich ist. Ich war gespannt, ob wir Kühe sehen würden und wie sie darauf reagieren würde. Aber wir erblickten keine. Allerdings spazierte sie hinterm Zaun auf der Weide neben uns her.

Und dann passierte es.

Sie sah einen frischen Kuhfladen, roch daran, und – wälzte sich darin. Da sie sich auf der anderen Seite des elektrischen Zauns befand, konnte ich ihr nur entsetzt zubrüllen, aber in dieser Situation war sie nicht abrufbar. Sie wälzte sich genüsslich in der frischen Kuhscheisse. Als sie nach einer Weile genug Scheisse in ihr Fell aufgesogen hatte, beschloss sie, meinem Ruf zu folgen, und kam befriedigt zu mir, wo sie sich einmal kräftig schüttelte. Mein Freund und ich sprangen zur Seite.

Glücklicherweise befanden wir uns am Anfang unserer Wanderung, vielleicht ergäbe sich eine Gelegenheit, die wasserscheue Hündin in einem der Seen zu waschen, oder vielleicht würde sie sich im Gras trockenwälzen, oder wohlwissend, dass es so etwas wie Trockenwälzung nicht wirklich gibt, fiele mir auf der Wanderung vielleicht eine andere gescheite Lösung ein. Dermassen schmutzig und stinkend konnten wir sie kaum im Auto zurück nach Berlin transportieren.

Es ergab sich dann tatsächlich, dass es am grösseren, sogenannten Haussee ein paar flache Einstiegsmöglichkeiten gab. Ich zog meine Schuhe aus und ging bis zu den Knien ins Wasser. Von dort aus lockte ich die Hündin mit billigen Triggern (Wasser spritzen, Stöcke werfen). Sie japste mindestens zehn Minuten lang am Ufer, weil sie unbedingt die Stöcke holen wollte, sich aber nicht ins Wasser traute, aber irgendwann stand sie vor lauter Aufregung mit den Vorderpfoten im Wasser. Und dann mochte sie es. So geht das immer. Im Wasser konnte ich sie dann einigermassen waschen. Zwar roch sie nachher immer noch nach Kuhweide, aber die braune Masse war immerhin weg.

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Heute machten wir uns anderthalb Kilo Spargel. Das ist gar nicht so viel, wie man vermuten würde. Um das ganze etwas aufzupeppen, beschloss ich Bozner Sauce zuzubereiten. Ich dachte, das sei vielleicht nett, weil ich ja in Bozen geboren wurde und ich kenne Bozner Sauce eigentlich nur aus meiner Jugend, danach ass ich das nie mehr. Da ich wusste, dass ich Eier brauchte, fischte ich alle verfügbaren Eier (6 Stück) aus dem Kühlschrank und kochte sie. Nachdem ich sie abgekühlt hatte, las ich das Rezept. Es hätten zwei Eier gereicht. Und zu zwei Eiern nimmt man 150 ML Öl. Bei 6 Eiern hätte ich also fast einen halben Liter Öl verwenden müssen. Das fand ich übertrieben. Also machte ich die Sauce wiesiewiesie mir gefällt. Als Bozner kann ich Bozner Sauce schliesslich zubereiten, wie es mir passt. Ich zerdrückte die sechs Eier und rührte etwas Olivenöl und Essig mit ein, streute etwas Brühepulver und Schnittlauch drüber. Das schmeckte auch prima.