[Do, 26.2.2025 – in der Gegenwart sitzen]

Nun ist meine Mutter wieder weg. Es waren ein paar schöne Tage. Aufgrund ihrer zunehmend starken Vergesslichkeit hätten wir diesen Besuch auch nicht mehr lange aufschieben können. In ihr Kurzzeitgedächtnis passt wirklich nicht mehr viel hinein. Manche Dinge fragt sie dreissig oder fünfzig Mal am Tag. Wie lange die Fahrt nach zum Flughafen dauert, wie lange ich schon in Berlin lebe. Dummerweise war sie immer die Checkerin in der Familie. Sie kümmerte sich um alles, hatte immer den Plan. Sie will immer noch alles wissen, wann wir das und das machen, was wie und wo. Sie stellt die Fragen immer noch unentwegt, weil das ihr Wesen ist, sie kann sich aber nichts mehr davon merken.

Ich ahnte, dass mich die Fragerei schnell reizen kann, deshalb griff ich dem vor und beschloss, geduldig zu bleiben. Manchmal gab ich aus Spass variierende Antworten. Der Flughafen war mal 30 Minuten entfernt, manchmal 3 Stunden. Drei Stunden fand sie allerdings schon viel.

Sie erinnerte sich nie daran, was wir am Vorabend gegessen hatten. Es war fast immer indisch. Dafür freute sie sich jedes Mal aufs Neue, wenn ich wieder indisch bestellte. Das könne sie immer essen, sagte sie, und es sei schade, dass es das in Südtirol nicht gäbe.
Sie erinnerte sich am Abend schon nicht mehr daran, was wir tagsüber machten. Ich spornte sie an, sich daran zu erinnern. Ich sage: Komm, lass uns üben. Ein bisschen wie ein Spiel. Ich sagte: Das kann man trainieren. Aber sie konnte nicht wirklich nicht sagen, ob wir tagsüber im Wald waren oder in einem Einkaufszentrum. Erst nach dem dritten Tag merkte ich, dass meine Fragerei sie betrübt.

Vermutlich wird sie in ein paar Wochen auch ihren Besuch vergessen haben. Vielleicht aber auch nicht.

Aber wir können eine schöne Gegenwart haben. Sie geniesst die schönen Momente, wenn die Sonne scheint, wenn wir ein bisschen plaudern, wenn wir einkaufen gehen oder im Café der Mall sitzen und uns eine Torte teilen. Heute hat sie den ersten Döner ihres Lebens gegessen. Dabei fotografierte ich sie und es gibt jetzt ein lustiges Foto, auf dem sie beim genussvollen Kauen die Augen schliesst. Ich postete die Bilder im Familienchat. Die Neffen lurken dort nur, sie schreiben nie etwas, aber beim Foto, auf dem die Oma ihren Döner geniesst, hoben sie Daumen und freuten sich.

Wenn sie die Wahlplakate sieht, fragt sie immer nach der Wahl. Von wem ich denke, wer die Wahl gewinnen wird. Sie fragt das ein paar Dutzende Male am Tag. Jedes Mal, wenn wir an Wahlplakaten vorbeigehen. Anfangs sagte ich ständig: Mama, wir hatten doch am Sonntag die Wahl. Wir hatten sogar die Wahlsendung zusammen geschaut. Sie weiss, wie vergesslich sie ist. Sie schämt sich dafür, schüttelt den Kopf, achja, verbirgt es ein bisschen. Im November sagte sie mir, dass sie in Gesellschaft schon nicht mehr gerne rede. Weil sie da immer diese Blicke der Leute bekomme. Da weiss sie, dass sie wieder etwas vergessen hat. Manchmal schauen die Leute einander an. Das sei schon nicht angenehm.
Mittlerweile sage ich immer: Ich glaube, der Merz wird es. Sie sagt: Ja, das könne schon sei. Und ich weiss genau, dass sie danach ihren kurzen Monolog über Scholz halten wird. Sie lacht dann jedes Mal und sagt, dass der immer ein bisschen wie ein kleines Robotermännchen herumlaufe.
Wir lachen dann beide über das kleine Robotermännchen Scholz.

Wir können es nicht mehr ändern. Ich kann ihr nur eine schöne Gegenwart geben. Für sie schöne Momente, für mich eine schöne Erinnerung. Es wird immer weniger davon bleiben.

[Mo, 24.2.2025 – weit weg]

Meine Mutter ist gerade zu Besuch und da fehlt es mir an ruhigen Momenten, in denen ich die Dinge aufschreiben kann.
Die Tage sind immer lang und intensiv. Abends lege ich mich wie ein Felsen ins Bett und versinke darin bis zum Morgen, an dem ich dann mit schmerzenden Gelenken erwache.
Es ist erstaunlich, wie körperlich fit meine Mutter noch ist. Sie ist eine geübte Bergwanderin. Die Ebenen Berlins unterfordern sie eher. Das Tempelhofer Feld fand sie dennoch super. Die langen Rollfelder, diese seltsam irreale Weite mitten in der Stadt. Gestern liefen wir durch Mitte, Museumsinsel, Hackescher Markt, Rosenthaler Platz bis zurück nach Friedrichshain. Sogar der Hündin wurde es zu viel. Am Abend bestellten wir Thai und schauten den Wahlergebnissen im ZDF zu. Heute schauten wir hingegen Inga Lindström. Das schaut sie zuhause auch immer. Aber hier haben wir die ZDF Mediathek. 104 (!) Inga Lindström Filme. Ich bemühte mich, die Filme unterhaltsam zu finden. Wenn man aber die simplen Geschichten und das hölzerne Schauspiel beiseitelässt, ist es aber okay, es sind einfach nette Leute, die nette Sachen machen. Fand ich nach der Wahlsendung von gestern jetzt gar nicht schlecht.

Meine Mutter bleibt bis Donnerstag. Vorhin trat meine Frau in Neuseeland die Rückreise an. Sie wird aber erst übermorgen, also am Mittwoch in Berlin landen. Es ist weit weg.

[Fr, 21.2.2025 – Pfützen, Heimspiel]

Am Vormittag traf ich mich mit dem Lektor zwecks Übergabe der Probedrucke. Wir tranken einen Kaffee und besprachen die kommenden Schritte. Wenn alles gut läuft, kann man die Novelle in 3 Wochen kaufen. Langsam werde ich hibbelig.
Später brachte ich die Hündin zur Hundesitterin. Ich würde nach dem Spiel heute erst spät nach Hause kommen, ich will sie nicht acht Stunden alleine lassen.

Gegen halb fünf fuhr ich ins Olympiastadion. Es stand das Spiel gegen Nürnberg an. Ich trug heute meine alten Nike Sneakers. Der linke Schuh hat unten ein grosses Loch und an der Seite einen Riss. Als ich das Olympiagelände betrat, stieg ich sofort in eine Pfütze. Danach sapschte mein linker Schuh. Kurz darauf unterhielt ich mich mit zwei Freunden vorm Stadion. Der Boden hatte den ganzen Tag lang getaut. Das Gelände vor dem Stadion war eine Matschfläche. Ich spürte neue Flüssigkeit in meinem linken Schuh. Beim Gehen flatschte es mittlerweile. Im Stadion war es immerhin trocken, aber mein linker Fuss fühlte sich kühler an als der rechte.

Wir sind sehr heimschwach und in den vergangenen Spielen haben wir die letzte Hoffnung auf den Aufstieg verloren. Einige Freunde haben angekündigt, für den Rest der Saison nicht mehr ins Stadion zu gehen. Andererseits haben wir seit dieser Woche einen neuen Trainer, der macht vielleicht alles anders und plötzlich könnte es auch mit den Toren wieder klappen. Wenn wir jedes einzelne der verbleibenden elf Spiele gewinnen, haben wir noch eine Chance. Elf Spiele am Stück gewinnen. Das wäre doch mal was. Leider schossen wir heute kein Tor. Immerhin schoss auch Nürnberg kein Tor, so blieb es wenigstens bei einem Unentschieden. Es könnte aber ein Anfang sein.

Nach dem Spiel wollte ich mit den anderen die Banner abnehmen, ausserdem musste ich dringend aufs Klo. Auf den Treppen hielt mich Natalie an und sagte unfassbar schöne Sachen über mich und mein Blog. Das war so schön, dass ich tatsächlich kurzzeitig meinen Auftrag vergass und noch ewig bei Natalie stehen wollte. Aber meine Blase drückte sehr. Als ich dann in Block 2.1 ankam, wurden die Banner bereits gefaltet.

Bevor ich mich mit den anderen am Rondell treffen würde, ging ich noch zu Hakiki. Der Döner soll ja kultig sein. Dort stand ich wieder mit dem linken Fuss in einer Pfütze. Der Döner war OK, aber wegen meiner neuen Angewohnheit Einliterbecher Bier zu trinken, anstatt der Halbliterbecher, waren meine Fähigkeiten zur Einschätzung von Nahrungsmittel etwas dumpf. Ich muss wieder auf die kleinen Becher umschwenken.

Am Rondell trank ich dann auch nichts mehr. Glaube ich zumindest. Dort traf ich auch A, die ich seit sehr langer Zeit nicht mehr gesehen hatte. A war früher ein Mann. Sie begann mit ihrer Transition vor noch nicht einmal zwei Jahren. Ich kann mich noch erinnern, als sie zum ersten Mal geschminkt ins Stadion kam. Das sah komisch aus, sage ich jetzt mal so. Vor einigen Wochen unterzog sie sich einer geschlechtsangleichenden Operation. Sie strahlte den ganzen Abend lang. Auf dem Nachhauseweg in der S-Bahn sass sie mir gegenüber. Sie wirkte ausgeglichener als früher, freundlicher, positiver. Früher hätte sie sich ständig über etwas aufgeregt.

Zuhause zog ich endlich die Schuhe aus. Meine linke Socke hatte eine Kruste aus Schlamm. Ich weiss jetzt nicht, was ich mit den Schuhen machen soll. Für trockene Tage auf der Hundewiese sind sie eigentlich noch gut zu gebrauchen, im Stadion auch. Obwohl neuerdings auch ständig kleine Steinchen durch das Loch eindringen. Vielleicht muss ich doch irgendwann Abschied nehmen.

Das Schöne an Freitagsspielen in der zweiten Liga sind ja die frühen Anstosszeiten. Die Freitagsspiele enden so früh, dass man fast noch die Tagesschau sehen könnte. Danach hat man noch den ganzen Abend vor sich. Ich war aber trotzdem schon um 23 Uhr zu Hause.

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[Do, 20.2.2025 – Buchdeckel]

Der Probedruck der Novelle kam heute an. Das Buch sieht fantastisch aus.

Mittags kehrte ich bei Dussmann in der Friedrichsstrasse ein. Bücher waren für mich eigentlich immer eher Textträger, so wie Platten und CDs Tonträger sind. Als die Welt auf E-Books umschaltete, verstand ich sofort deren Vorteil und seitdem versuche ich mich meiner Bücher zu entledigen. Darüber habe ich hier im Blog ja schon mehrfach berichtet.

Auch die Novelle wollte ich ursprünglich nur als E-Book veröffentlichen. Seit der Lektor mich aber davon überzeugt hat, die Geschichte als papiernes Buch in seinem kleinen Verlagslabel zu publizieren, hat mein Interesse an Buchdeckeln wieder zugenommen. Das liegt daran, dass ich es jetzt mit Buchliebhabern zu tun habe, die ständig von schönen Büchern reden. Wenn sie über Umschläge reden oder über Papierstärke, über das Textlayout, Gestaltung, Haptik usw. Ich kann das schon nachvollziehen und es zieht mich ein bisschen mit. Nun wird mein Buch nur als schlichtes Taschenbuch veröffentlicht, mir reicht das vollkommen, aber wenn ich durch die Regale bei Dussmann streiche, nachdem ich mich nun in den letzten Monaten mit dem Buch als haptisches Objekt beschäftigt habe, sehe ich Details, die mir vorher nicht so bewusst waren. Covers, Typo, alles folgt einer bestimmten Ästhetik. Der Lektor schimpft über E-Books, dass die einfach ein Schwall von Text sind, der sich dem Bildschirm anpasst.
Gerne mag ich auch diese für mich neue Art, den Buchbauch einzufärben. Ich weiss nicht, ob Buchbauch der richtige Begriff ist, aber ich meine damit die Vorderseite eines Buchrückens. Bei mir ist da ein Bauch.

Auch bei Taschenbüchern gibt es viel Variation. Im Bestsellerregal liegt Von Schirachs Monolog mit dem Namen „Regen“. Ich las ein paar Seiten darin. Das Buch sieht aus der Ferne wie ein gewöhnliches, schlichtes Taschenbuch aus, wenn man es in der Hand hält, fühlt es sich wie ein kurzer, intimer Text zwischen Deckeln aus Löschpapier an. Ich verstehe die Liebe darin.

Am Ende kaufe ich zwei schlichte Taschenbücher vom Fischerverlag. Coetzees letzter Roman mit dem Namen „Der Pole“ und ein Buch mit drei Erzählungen aus Bolaños Nachlass. Bei Coetzee und Bolaño weiss ich genau, was ich bekomme und was ich daran mag. Ich komme mit Joseph Conrad nämlich nicht voran, ich brauche etwas anderes. Bei Conrad denke ich mir auf jeder zweiten Seite, dass ich ihm als Lektor ganze Passagen zusammengestrichen hätte. Vielleicht sollte ich „Herz der Finsternis“ als papiernes Buch probieren, vielleicht lese ich da anders, vielleicht verstehe ich da die Liebe darin. Mit Sally Rooney habe ich hingegen das andere Problem, dass mich dieser dialoggetriebene Text sehr anstrengt. Aber Anstrengung lasse ich nicht gelten, die Zeit für dieses Buch kommt bestimmt.

[Mi, 19.2.2025 – Putzen, Archäologinnen, Eis]

Die Hündin ist heute seit drei Jahren bei uns. Bei mir löst das viele Gefühle aus. Da meine Frau aber in Neuseeland ist, blieb ich mit diesen Gefühlen ziemlich alleine. Der Hündin ist das alles egal.

Tagsüber putzte ich die Wohnung, weil am Sonntag meine Mutter kommt. Und den Rest des Tages sammelte ich Steuerunterlagen zusammen. Es fehlen wieder viele Kleinigkeiten, zB einzelne Gehaltszettel, einzelne Rechnungen usw. das ist jedes Jahr so.

Am Abend war ich mit meinem Fussballfreund B verabredet. Wir trafen uns im Zosch in der Tucholskystrasse. Es ist schön zu wissen, dass einige Kneipen einfach überlebt haben, so wie ich sie in den Neunzigern oder Nullerjahren kennengelernt habe. Dummerweise gab es kein gescheites Bier, nur die üblichen Industriemarken von Radeberger.

Wir kennen uns seit etwas mehr als 5 Jahren, gestern poppte aber auf Facebook eine Benachrichtigung auf, dass wir seit 2 Jahren auf Facebook befreundet sind. Das nahm ich als Anlass, mir eines der neuen Hemden anzuziehen. Fand ich witzig. Er auch ein bisschen. Allerdings sah es nicht festlich aus. Wir hatten aber einen Grund, feierlich anzustossen.
Da wir zu zweit an einem grossen Tisch sassen, setzten sich drei Archäologinnen zu uns. Wir kamen sofort ins Gespräch und redeten über Archäologie und Fussball, je länger der Abend wurde, desto politischer wurde es. Zwei der Archäologinnen waren Männer, aber die Frau am Tisch war von den dreien am öftesten im Olympiastadion. Wir hatten alle einen ordentlichen Zug, ich verlor schnell die Übersicht über die Menge an Bier.

Am Ende des Abends fuhr ich geistig angeregt und betrunken auf dem Fahrrad nach Hause. Meistens sind die Radwege gut geräumt, aber es gibt immer noch weite Bereiche an denen die Fahrbahn schlichtweg vereist ist. Ich verstehe nicht, dass das in Berlin immer noch nicht funktioniert. Der letzte Schnee ist immerhin schon ein paar Tage her. Dabei rede ich noch gar nicht davon, dass Radwege sofort geräumt werden wie in den Niederlanden oder Dänemark, und ich rede auch nicht von einer kleinen Anrainerstrasse in einem Randbezirk. Das Foto von unten ist die Landsberger Allee, eine der grossen Ausfallsstrassen in Friedrichshain.

[Mo, 17.2.2025 – Heizen, Wüste 1, High Score]

Diese Wintersonne morgens im Park bei minus neun Grad. Ich war nicht der einzige, der mit geschlossenen Augen dastand und tankte.

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Am Nachmittag war ich mit einer Freundin für einen Hundespaziergang in Brandenburg verabredet. Ich hatte mich für eine Landschaft namens „Wüste 1“ entschieden, weil es mir jemand empfohlen hatte. Wüste 1 ist eine Dünenlandschaft südlich von Berlin.

Zuerst musste ich aber das Problem mit der Autoheizung lösen. Meine Freundin sagte, das sei nicht wichtig, kalte Autos sei sie gewöhnt, ich bin mir aber nicht sicher, ob sie die heutige Kälte richtig einschätzte. Wir würden mehr als zwei Stunden lang in einem kalten Auto sitzen und dazwischen mehrere Stunden durch eine kalte Landschaft stapfen. Deswegen suchte ich im Internet nach Heizungen, die man in den Zigarettenanzünder stecken kann. Es war eine wilde Annahme, dass es so etwas gibt. Gibt es aber tatsächlich. Die Google-Ergebnisse zeigten aber nur Onlineshops an, die so einen Heizlüfter verkaufen, ich würde ihn aber in zwei Stunden brauchen. Auf Kleinanzeigen fand ich eine Privatperson aus Tempelhof, die einen für zehn Euro anbot. Ich schrieb ihn an, aber er konnte frühestens um 14Uhr zu Hause sein, um sich mit mir zu treffen. Das war zu spät.

In den Suchergebnissen tauchte auch ATU auf, dieser grosse Händler und Autospezialist. Wenn ich dem Link folgte, landete ich aber auf deren Hauptseite. Das heisst in der Regel, dass es den Link und damit auch das Produkt nicht mehr gibt. Deswegen rief ich einfach an und fragte nach diesem Heizlüfter für den Zigarettenanzünder.
Nein, sagte der Mann am Telefon, das hätten sie nicht mehr. Ich sagte, meine Heizung ist kaputt, wenn ich heute vorbeikäme, sei es sicherlich unwahrscheinlich, dass sie meine Heizung sofort reparieren könnten, oder?
Er sagte: Das wird in der Tat nicht klappen. Er fügte aber die Frage hinzu, ob ich denn genug Kühlflüssigkeit hätte.
Ich so: Kühlflüssigkeit?
Er so: Ja Kühlflüssigkeit. Ohne Kühlflüssigkeit geht keine Heizung.
Also lief ich hinunter auf die Strasse, öffnete die Motorhaube und sah, dass die Kühlflüssigkeit sich tatsächlich unter dem „MIN“ Strich befand. Der Behälter enthielt noch viel Flüssigkeit, aber sie hatte den Minimalstrich unterschritten. Ich hatte die Hündin mit auf die Strasse genommen. Damit sie ein bisschen rumschnüffeln kann. Also machte ich sie einsteigen und wir fuhren zur nächstbesten Tankstelle. Dort gab es genau eine Kühlflüssigkeit. Bzw. eine Flasche auf der „Flüssigkeit für Kühler“ draufstand. Syntaktisch ist das nicht das Gleiche. Also fragte ich die Dame an der Kasse, ob es das sei, was ich brauchte. Das wusste sie aber auch nicht. Sie kannte sich nur mit dem Kassensystem aus. Nach einiger Zeit an den Regalen entschied ich mich, eine andere Tankstelle aufzusuchen. Dort gabe es eine kompetente Frau, die mir alles über Kühlflüssigkeiten zu erzählen wusste. Sie stellte mich vor die Wahl, eine Blaue zu kaufen oder eine Rosane. Ich müsste nur zuerst schauen, welche Farbe meine Kühlflüssigkeit derzeit habe. Also ging ich zum Auto, prüfte die Farbe und die war: braun.
Mit dieser Info ging ich zurück in den Shop. Die Frau fand braun eine komische Farbe. Auch die Kollegin hob eine ihrer Augenbrauen an. Da sollte ich mir vielleicht überlegen, die ganze Flüssigkeit zu tauschen. Letztendlich empfahlen sie mir eine generische Kühlflüssigkeit. Diese kaufte ich und goss sie in das Auto bis zum Strich MAX. Danach funktionierte die Heizung wieder.

Ich, glücklich.

Dann wollte ich nach Hause fahren, sah aber, dass es schon Zeit war, meine Freundin abzuholen und so fuhr ich direkt zu ihr. Glücklicherweise hatte ich die Hündin dabei. Eine Dusche wäre längst überfällig gewesen und ich wollte auch eine andere Hose anziehen, weil diese bereits nicht mehr gut riecht. Aber ich hatte keine Zeit mehr und wir würden ohnehin durch den Brandenburgischen Wald laufen, Gerüche fallen da nicht so ins Gewicht.

Es wurde dann ein sehr schöner Spaziergang. Die Hündinnen rannten durch den Schnee und den Dünen. Wir redeten über Beziehungen. Beziehungen zur Familie, zu den Eltern. Über wie viele Menschen mentalen Schaden aus der Beziehung zu ihren Eltern übrigbehalten haben. Ich habe vielleicht das Glück, dass es mir nie wichtig war, Anerkennung von meinen Eltern zu erfahren. Offenbar machte ich als Kind schon immer mein eigenes Ding. Wäre ich auf Anerkennung meiner Eltern aus gewesen, dann wäre ich vermutlich ein Wrack.

Am Ende unseres fast fünfstündigen Ausflugs fiel uns auf, dass wir viele Themen angeschnitten hatten, die wir allerdings nicht mehr vertiefen konnten. Als ich zu Hause ankam, schickte sie mir eine Themenliste für das nächste Mal. So mag ich das. Listen.

Am Abend schaute ich dann Severance weiter. Ich wollte aber auch „Plants vs.Zombies“ auf dem Handy spielen, ich merkte aber, dass man Severance nur mit Konzentration schauen kann, ich kam überhaupt nicht mehr mit, also schaltete ich auf „Where’s Wanda“ mit Heike Makatsch um. Eine ästhetische, aber furchtbar schlecht erzählte Serie. Vor ein paar Wochen schaute ich sie, weil sie eine Konzentration dessen ist, was ich an deutschen Serien so schlecht finde und ich erhoffte mir davon einen Erkenntnisgewinn. Aber ich nutze sie vor allem, um nebenher zu daddeln. Mittlerweile will ich aber wissen, was mit Wanda passiert ist, also schaue ich weiter. Die Serie ist perfekt, um nebenher meinen High Score zu schlagen.

Nach einer Stunde hatte ich ausgespielt und ich schaltete wieder auf Severance um. Severance überzeugt mich immer noch nur mittelmässig. Ich finde sie zu statisch, die Handlungen der Figuren zu uninteressant, zu unterkomplex. Was ich allerdings mag, ist diese klinische Ästhetik, das Tempo und dieses gestern erwähnte Unbehagen. Wobei ich mittlerweile nicht mehr glaube, dass irgendwo etwas Monströses lauert.

Aber aww, Patricia Arquette. Einmal musste ich zurückspulen um dieses Bild (siehe unten) abzufotografieren. Wie sie hier in einer Langaufnahme vor diesem Bild sitzt. Umwerfendes Gesamtbild. So einen Dreiteiler möchte ich übrigens auch malen. Ich habe unweit von Longyearbyen Fotos genommen, die eine ähnliche Stimmung herstellen. Weniger Wolken allerdings, mehr arktische Landschaft. Leider kann ich nur mittelmässig gut malen.

[So, 16.2.2025 – Nieuw Zeeland, Autoheizung, Severance]

Am Samstag geschah nicht viel. Ich schrieb ein bisschen an der Superheldenstory weiter und doomscrollte mich durch die Nachrichtenseiten, während meine Frau ihre Reise nach Neuseeland vorbereitete. Ich kann es nicht lassen, für den Inselstaat die niederländische Schreibweise Nieuw Zeeland zu verwenden. Ich hatte in Utrecht mal einen furchtbaren Mitbewohner aus Zeeland, das ist diese Provinz im Südwesten der Niederlande. Dort, wo die grossen Seebewehrungen stehen. Der Typ war ein Grobian und ein linker Faschist. Er sagte immer, er käme aus Zeeland, „dort, wo wir viele kleine Inseln zu wenigen Grossen gemacht haben.“
Er sagte das mit einem gewissen patriotischen Stolz, als käme er aus einer nordkoreanischen Kaderschmiede.

New Zealand ist tatsächlich nach dieser niederländischen Provinz benannt und hiess deswegen anfangs auch Nieuw Zeeland. Gleichwie Australien damals „Nieuw Holland“ genannt wurde. Holland ist eine andere Provinz. Danach kamen aber die Briten, die das meiste nach ihrer eigenen Namenskonvention umbenannten. Aber Nieuw Zeeland liessen sie fast unangetastet.

Heute Nachmittag brachte ich sie zum Flughafen. Die Heizung in meinem Auto funktioniert nicht mehr. Bei Minusgraden bekommt man davon schnell eine kalte Nase. Zudem wusste ich bisher nicht, wie kalt so ein Lenkrad werden kann. Jedoch konnte ich die Ärmel meines Pullovers verlängern und so meine Hände wärmen. Immerhin geht die Sitzheizung noch, was das Wohlbefinden einigermassen kompensierte.

Als ich wieder zu Hause ankam, war ich allerdings ziemlich durchgefroren. Vor allem die Füsse und die Nase. Ich brauchte mehrere Stunden, bis sich mein ganzer Körper wieder auf Temperatur gebracht hatte.
Währenddessen schaute ich Severance. Die Serie ging ziemlich an mir vorbei. Aber meine Social Media Blase schwärmt so laut über diese Serie, dass ich sie mir geben wollte. Aus Angst etwas Relevantes zu verpassen.
Man hätte mir früher sagen können, dass Patricia Arquette darin mitspielt, dann hätte ich die Serie längst geschaut, auch wenn sie nur eine Nebenrolle spielt.

Die Serie hat mich noch nicht ganz. Was ich aber durchaus mag, ist dieses ständig präsente Unbehagen, dass in dieser seltsam klinischen, zurechtgelegten Welt irgendwo etwas Monströses lauert. Die Trennung der Erinnerungen ist interessant, es erscheint mir aber etwas unterkomplex. Nunja. Ich werde sehen.

Und nein. Über die Niederlage vom Samstag will ich nicht reden.

[Fr, 14.2.2025 – Anzug, Bad Seed]

Nochmal Schnee. Fürs Protokoll. Die Hündin freut es. Mich auch.

Am Wochenende soll es minus zehn Grad werden. Ich bin froh, dass wir kein Heimspiel haben. Bei minus zehn im Olympiastadion kommt wenig Wärme auf. Und nein, auch Hüpfen und Singen bringt langfristig nichts.

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Gestern erhielt ich einen Anruf der HR Abteilung der Firma, bei der ich mich heute bewarb. Es wurde mir empfohlen, einen Anzug zu tragen. Das dämpfte meine Begeisterung. Dabei trage ich durchaus gerne Anzüge, vor allem trage ich gerne Krawatten. Leider kann ich Krawatten aufgrund meines Bauchumfangs nicht mehr tragen, ohne auszusehen wie ein Onkel. Dennoch störte mich die Erwartung, einen Anzug zu tragen. Das kommt in meinem beruflichen Umfeld eigentlich nicht mehr vor. Auch nicht, wenn es um viel Geld geht. Andererseits, wann trägt man schon Anzug, wenn es nicht vorgeschrieben wird? Vermutlich stört es mich einfach im beruflichen Kontext.
Dabei versicherte er mir, dass das im Arbeitsalltag überhaupt nicht gewollt sei, es gäbe keinerlei Dresscode und erst recht nicht eine Anzugspflicht.

Ich besitze natürlich Anzüge. In mehreren Varianten. So dachte ich zumindest.

Seit Corona trage ich kaum noch Hemden oder Sakkos. In die meisten passe ich zwar noch hinein, aber am Kragen erkennt man die Verfassung eines Hemdes. Meine Hemden sind da schon etwas abgewetzt. Ganz leicht nur, aber geübte Augen werden das erkennen.
Meine Lieblingssakkos sind mir hingegen zu klein geworden. Ich kriege sie am Bauch nicht mehr zu. Auf einer Hochzeit oder einer Party geht das noch als sportlich durch, aber ich ahnte, dass ich für diesen Anlass seriöseres Geschütz auffahren muss.
Ausserdem habe ich keinen gescheiten Mantel für diese Temperaturen. Ich habe nur meine Lappland-Jacke, die ich auf dem Berg oder auf der Hundewiese trage. Damit kann ich natürlich nicht in einem Business aufkreuzen.

Es war 18 Uhr, als ich die Situation mit meiner Frau besprach. Wir schüttelten beide den Kopf und so beschloss ich, zum Alex ins Galeria Kaufhof zu fahren. Es war an der Zeit, mich neu einzudecken. In der Herrenabteilung geriet ich an eine kleine, alte Frau, die sich mit grosser Begeisterung meinem Problem widmete.
Ich liebe alte Frauen. Einfach so und generell. Es wurden unterhaltsame zwei Stunden zwischen Kleiderstangen und Anprobekabinen. Am Ende verliess ich das Kaufhaus mit einem Wollmantel, einem Jackett, zwei Hemden und einen Merinowolle-Pullover. Ich will gar nicht sagen, wie viel Geld ich ausgab.

Jetzt aber. Wieder gemachter Mann.

Als ich mich heute einkleidete, merkte meine Frau allerdings an, dass ich nicht mehr aussähe wie früher. Früher hatte ich immer diesen Bad-Seed-Look. Jetzt sehe ich aus wie ein Geschäftsmann. Trotz meiner neuen Pomade aus Rotterdam. Woran das liegt, konnte sie allerdings nicht sagen. Immerhin trug ich diese schönen Lederschuhe mit dem unternähten Schnürleder. Die trage ich wirklich nur zu spezialen Anlässen. Das letzte Mal vor 6 oder 7 Jahren. In meinen Dreissigern trug ich fast immer Lederschuhe. Ich fand, die Welt brauchte das. Man kann nicht immer in Sneakern und Tshirts herumlaufen. Und wenn man an sich herunterschaut, sorgen schwarze, lederne Schuhe für ein ganz anderes Gefühl.

Das Gespräch lief dann gut, glaube ich. Mal sehen.

Dass ich aber nicht mehr aussehe wie ein Bad Seed, trifft mich sehr.

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[Mi, 12.2.2025 – im Frühstückscafé]

Der Lektor und ich sassen vier Stunden lang in einem Frühstückscafé und redeten über die Novelle. Aber auch über Verlagsarbeit, Vermarktung, Social Media und über Texte im Allgemeinen. Zudem starteten wir eine kleine Brainstorm-Session für den Titel.
Die bisherigen Titel gefielen mir ja nur zu 85%. Aus der Session kamen ein paar Ideen raus, die mir schon zu 86% gefielen.

Der Probedruck ist immerhin ausgelöst. Den Titel kann man danach ja noch ändern.

Das Gespräch stob Tausende Gedanken in meinem Kopf auf, sie hielten mich noch stundenlang beschäftigt. Erzähle ich vielleicht ein andermal mehr darüber.

[Di, 11.2.2025 – Dämmerung, Lektüre]

In Longyearbyen geht die Polarnacht langsam zu Ende. Am Horizont dämmert es bereits. Die Dämmerung kommt jedes Jahr an meinem Geburtstag zurück. Darauf bilde ich mir ungemein was ein. Kosmische Connection und so. Ist natürlich Quatsch. Ich bilds mir trotzdem ein. Bis die Sonne zum ersten Mal aufgeht, dauert es allerdings noch vier Wochen. Das passiert am 8. März um genau zu sein. Am internationalen Tag der Frau. Sicherlich auch eine kosmische Connection.

Ich möchte da wieder hinfahren. Meine Frau will aber zuerst nach Grönland, und danach haben wir Shetland und Färöer auf der Liste und sie will unbedingt nach Japan. Bis Longyearbyen wieder in der Liste hochgerutscht ist, werden sicherlich Jahre vergehen. Oder ich reise mit jemand anderem.

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Am Nachmittag war ich mit einer Freundin verabredet. Wir spazierten mit meiner Hündin durch Mitte zum Arkonaplatz, dann weiter über die Kastanienallee zur Buchbox. Dort setzten wir uns hinein, tranken Kaffee mit Hafermilch und redeten über Bücher. Meine Hündin leckte ein Buch von Sally Rooney an. Ich habe das ja noch immer nicht weitergelesen, seit dem damaligen Versuch habe ich es aber auch nie wieder aufgegriffen. Dabei würde ich es gerne mögen wollen, deswegen werde ich es sicherlich wieder versuchen. Mit Joseph Conrad geht es mir allerdings ähnlich. Ich komme nicht rein. Ich arbeite mich Seite für Seite voran, allerdings gelingt es mir nicht, mich nicht in den Vibe des Textes einzuschwingen. Und ständig störe ich mich daran, dass er Sätze und Absätze mit einer irreführenden Herleitung aufbaut. Dabei würde ich „Herz der Finsternis“ mögen wollen. Oder zumindest möchte ich die Finsternis darin verstehen oder besser noch: sie empfinden.

Vielleicht fehlt es mir aber gerade an Konzentrationskapazität. Am Abend lektorierte ich den Text einer Freundin für unser Fanclubblog. Es geht um Politik in den Stadien. Auch hier finde ich nicht gut in den Text hinein. Er schafft auf zu engem Raum zu viele Bilder, zu viele Referenzen, leitet mich als Leser auf verschiedene Fährten. Finde ich für einen politischen Text schwierig.

Vielleicht liegt es aber auch gerade an mir.