Wir hatten nie einen besonders ausgeprägten Kinderwunsch. Zwar fand ich den Gedanken daran, Vater zu sein, durchaus charmant. Diese Vorstellung, kleine, quirlige Wesen großzuziehen, ihnen Werte und Dinge beizubringen und mehr oder weniger bedingungslos geliebt zu werden, war ein Bild meines zukünftigen Lebens, das ich immer irgendwie mit mir trug. Es war nie ein konkreter Plan, sondern eher eine abstrakte Vorstellung davon, wie ich mich selbst mit vierzig oder fünfzig Jahren sah. Vater mit Kindern. Alle Männer wurden ja irgendwann Väter, dann grau, dann Großväter. Ich würde natürlich weiterhin cool bleiben und kein dämlicher alter Mann werden. Aber dieses abstrakte Selbstbild als Vater war immer weit weg von meiner Realität, in einer Zukunft, auf die ich nie wirklich Lust hatte.
Dann wurden wir vierzig Jahre alt und nach einigen halbherzigen Versuchen, schwanger zu werden, weil – huch, entweder jetztodernie –, beschlossen wir ziemlich schnell, das Thema Kinder wieder beiseitezulegen. Es war uns nicht wichtig genug. Es lag uns nicht, verzweifelt einem Kinderwunsch hinterherzuhängen. Das hatten wir bei Freunden gesehen. Wir würden auch ohne Kinder ein erfülltes Leben haben können. Dieser Entschluss fiel mir leicht.
Was mir hingegen nicht so leicht fiel, war, dieses angelernte Selbstbild als Vater oder Großvater abzulegen.
Wenn man als Mann aufwächst, wird man in der Regel nie mit tickenden biologischen Uhren konfrontiert. Auch wird man selten darauf angesprochen, immer noch nicht unter der Haube zu sein, oder warum man denn noch kinderlos sei. Das erleben hauptsächlich Frauen. Als Mann pfeift man sich ein bisschen fröhlich durch die Welt. Das Einzige, woran man sich messen muss, ist so etwas wie ein Lebensplan, der im weiteren Sinne finanzielle Stabilität im Blick behält. Hat man studiert? Hat man einen Job? Wie ist das Einkommen? Hat man große Zukunftspläne? Hat man eine Leidenschaft? Das wird von Frauen selten erwartet. Mein hypothetischer Kinderwunsch stand daher nie weit oben auf einer Liste. Er war immer sehr abstrakt. Es gab nur dieses Bild: im Alter nicht alleine zu sein. Von einer Frau umgeben zu sein und von liebenden Kindern, die irgendwann selbst Kinder haben, und wenn meine Frau und ich Großeltern sind, leben wir in einem großen Haus, in dem uns unsere uns liebenden Kinder und Enkelkinder ständig besuchen kommen.
Der konkrete Alltag spielte darin nie eine Rolle. Das Wechseln der Windeln, die Logistik um Kita und Schulen, der Schmutz, Geburtstagsfeiern, etc. Auf den Gedanken möglicher Entfremdungen oder des möglichen Drogenkonsums eines Kindes kam ich nie. Es war lediglich dieses Bild da, Vater zu sein, im Alter nicht zu vereinsamen.
Ich glaube, Kinder hätten mir durchaus Spaß gemacht. Das merke ich daran, wie mir die Hündin Spaß macht. Und ich bin auch ein guter Onkel, so sagt man mir. Andererseits liebe ich es, so viel Zeit für mich selbst zu haben. Eltern von Kindern gegenüber traue ich mich gar nicht zu erwähnen, wie entspannt und ruhig es bei mir morgens abläuft. Außerdem wäre ich vermutlich ohnehin einer dieser tausenden Ehemänner geworden, die sich im Erziehungsalltag zurückhalten. Einer von den Männern, die Frau Nuf immer in ihren Mental-Load-Büchern erwähnt. Einer, der sich nicht für die Wäsche zuständig sieht, einer, der die Geburtstage der Mamis und Kinder nicht auf dem Schirm hat, und einer, der tausend andere Dinge wichtiger findet, als den Alltag mit Kindern zu meistern. Vielleicht aber auch nicht. Immerhin bin ich derjenige, der all diese Dinge bei unserer Hündin übernimmt. Ach, was weiß ich.
Was ich eigentlich sagen will.
Und da geht es wieder um Einsamkeit im Alter. Jetzt bin ich 51. Meine latente Kinderwunschfantasie war wahrscheinlich immer nur ein egoistischer Traum, um im Alter nicht in Vergessenheit zu geraten. Immer geliebt zu werden, nicht zu vereinsamen. Kinder zu haben, ist andererseits keine Garantie dafür, im Alter nicht zu vereinsamen. Wenn du als Vater nicht eine richtige Beziehung zu deinen Kindern pflegst, dann wirst du im Alter trotzdem einsam sein. Letztendlich geht es immer um Beziehungen zu Menschen. Ich hätte mich beispielsweise nicht gerne als meinen eigenen Sohn. Einer, zu dem ich keine innige Bindung habe und der außerdem fast 1000km entfernt in Berlin lebt. Mein Vater und ich haben zwar durchaus Kontakt, aber wir haben keine innige Bindung. Ich finde das nicht schlimm. Aber in meinem angeträumten Vatersein hätte ich das schon sehr enttäuschend gefunden.
Seit ich beschlossen habe, keine Kinder zu haben, denke ich viel über Beziehungen nach. Beziehungen zu Familienmitgliedern, zu Freunden, in Liebesbeziehungen, in Arbeitsbeziehungen, und kam vor allem zu dem Schluss, dass Beziehungen nur so viel Gewicht bekommen, wie man auch in sie einlegt. Deswegen legte ich auf einmal mehr Wert auf Freundschaften. Auf Verbindungen zu Menschen, die mir etwas bedeuten. Dummerweise heißt das nicht, dass ich jetzt besser darin bin, Freundschaften zu pflegen, ich händle es oft noch wie früher. Früher waren Freundschaften einfach gegeben, man lernte Menschen kennen, mochte sich, hatte eine gute Zeit zusammen und irgendwann verlor man sich wieder aus den Augen. So leben wir Städter nämlich. Die meisten von uns. Die Dinge sind vergänglich und austauschbar. Irgendwann sind die Dinge aber nur noch vergänglich und nicht mehr zu ersetzen. Ich habe in den letzten Jahren angefangen, Freundschaften aktiv einzufordern. Zwar bin ich immer noch nicht gut darin, oft bin ich müde, meistens will ich aber schlichtweg nicht einfordern, nicht verzweifelt wirken, oder bedürftig, aber wenn wir das nicht tun, dann leben wir wieder in unseren vergänglichen Leben, entweder in einer Zweierbeziehung, in der irgendwann einer stirbt, oder in einer Kleinfamilie, die sich vielleicht bald auflöst, oder eben gleich ganz als Single. Natürlich pauschalisiere ich.
Wie man Freundschaften gut pflegt, weiß ich immer noch nicht, ich weiß allerdings, dass Beziehungen nicht einfach kommen, wenn man nur lange genug darauf wartet. Beziehungen bestehen aus gemeinsamen Erlebnissen, gemeinsamer Geschichte, gemeinsamen Erinnerungen. Teilt man die nicht, wird man irgendwann egal.