Im Laufe des Jahres haben sich viele Gegenstände angesammelt, die wir dauerhaft in Schweden verwenden wollen. Das sind Gegenstände, die uns in Berlin lange gefallen haben, die wir jetzt aber durch etwas Neues ersetzen. Unter anderen Bedingungen würden wir diese Gegenstände verschenken oder irgendwie einer Zweitverwertung zuführen. Aber in unserem schwedischen Waldhäuschen gibt es dafür noch Platz. Es handelt sich um Sachen wie Lampen, Vasen, Kleidung, kleine Möbelstücke. Wir entscheiden üblicherweise gemeinsam darüber. Bei allem, was wir für das Haus wegsortieren, begleitet uns die Vorsicht, dass unser schwedisches Domizilchen keine Halde wird, für jene Gegenstände, die wir in Wirklichkeit nicht mehr wollen, von denen wir uns aber nicht trennen können.
Heute trugen wir alles zusammen und stellten es in die Mitte des Wohnzimmers.
Die Kleidung, die sich ansammelt, sind hauptsächlich Jacken, Jäckchen und Pullover. Oft sind es Fehlkäufe. Fehlkäufe eignen sich vortrefflich für ein zweites Leben im Wald. Fehlkäufe sind in der Regel ja nur fehlerhaft, weil sich die Kleidung ästhetisch nicht so verhält, wie man es dachte, und man in Berlin ja nicht mit ästhetischem Fehlverhalten herumlaufen kann. In Berlin kann man allerdings ästhetisch abgewirtschaftet aussehen. Das ist aber eine andere Kategorie. Im schwedischen Wald sieht einen aber niemand. Da kann man einer ganz eigenen ästhetischen Illusion hinterherlaufen.
Das birgt allerdings auch die Gefahr, dass wir uns in Schweden nachlässig kleiden. Das ist ja ohnehin mein Problem. Ich bin nämlich gerne angezogen. Ich bin nicht immer gut angezogen, aber ich weiß immer sehr genau, was ich trage. Im skandinavischen Wald verwildere ich jedoch zusehends ziemlich schnell. Innerlich und äußerlich. Einmal fiel uns auf, dass nur wir verwildern. Die schwedischen Waldbewohner nicht. Die Frau des Cousins, die 2km flussaufwärts im Wald wohnt, ist eine schöne, sehr dünne Frau um die 60. Sie hat lange, weiße Haare und sieht aus, wie ich mir eine Waldhexe vorstelle. Dazu muss ich sagen, dass ich eine sehr positive Vorstellung von Hexen habe. Letzten Sommer fiel uns auf, wie gut sie immer angezogen ist. Wir nicht. Wir verwildern. Mir wächst das Haar aus dem Gesicht und ich fange an, zu riechen wie ein Wildschwein.
Jetzt müssen die Berliner Fehlkäufe die Situation retten.
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Am Nachmittag ging ich mit Freundinnen und den Hunden spazieren. Wir haben eine WhatsApp-Gruppe, die wir „10.000 Schritte Gang“ genannt haben. Wir liefen bis hinüber zum Stadtpark Lichtenberg. An der Brücke am Ende der Eldenaer hörte für mich lange Zeit die Welt auf. Dahinter auf der linken Seite gab es eine Nazikneipe. Dort begann das dunkle Lichtenberg. Aber das ist schon lange nicht mehr so. Neuberlinerinnen ziehen heute ja hauptsächlich nach Lichtenberg. Weiter drinnen gibt es schließlich keinen Platz mehr. Das tat Lichtenberg eher gut. Rechts hinter der Brücke gibt es den Stadtpark. Es ist ein erstaunlich schöner, kleiner Park. Ganz versteckt. Sehr alte Bäume. Verwinkelt. Und man merkt ihm den Gestaltungswillen an, den man an ihn ausgeübt hat.
Danach Aperitif. Wir kehrten bei Backaro in der Proskauer ein. Wir erhielten die Drinks um 15:58. Zwei Minuten vor Drink-o’-Clock. Um 15:59 stießen wir trotzdem an. Wir stellten fest, dass wir 9000 Schritte gelaufen waren. An 10.000 hatten wir auch nicht ernsthaft geglaubt.
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