[mad]

Wie unglücklich ich in Madrid eigentlich gewesen bin. Das wusste ich schon, aber es kommt alles noch einmal wieder, wenn ich an meiner alten Wohnung vorbeilaufe, wenn ich die Wege von damals nachgehe, den Weg zur Metro, oder über die Corredera Alta, das ungute Gefühl, dieses Unrund sein, es ist sofort wieder da, zum Anfassen, nicht in mir drin, aber greifbar. Ich kann es fast riechen. Wie wir uns halbe Nächte am Telefon gestritten haben, wie ich in diesen heißen Sommernächten noch oft mitten in der Nacht aus dem Haus gegangen bin um in der nächsten Kneipe Frustbier zu trinken. Zehn Jahre war ich nicht mehr da, es hat sich auch kaum etwas geändert, außer die neuen Hochhäuser an der Plaza Castilla und die spacigen neuen Bushaltestellen, es ist beinahe heimelig. Ich habe wenig Zeit, ich will nur ein paar alte Wege nachlaufen, schauen ob die versiffte Sidreria noch da ist (ist sie) und ob man noch blaue L&M kaufen kann (kann man). Unfassbar auch, dass ich mal geraucht habe. Wie lange das alles her ist.

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An der Metro Tribunal fällt mir die Geschichte mit der Frau meines damaligen Chefs wieder ein. Jetzt sind elf Jahre vergangen, es liest hier niemand mit, die Geschichte kann man erzählen.
Die Frau meines damaligen Chefs zog erst ein halbes Jahr später nach Madrid, sie war fast dreißig Jahre jünger als er und musste noch ihr Studium in London beenden bevor sie ihm auf die Halbinsel folgen konnte. Als die junge Frau nach Madrid kam, brauchte sie “natürlich” Ausgang und Unterhaltung, für die sich ihr alter Mann nicht sehr interessierte. Da ich als einziger des Teams in der Innenstadt lebte und mir der nicht immer zweifelsfreie Ruf vorauseilte, mich in der Madrilenischen Nacht auszukennen, wurde mir prompt die Aufgabe übergeholfen, seine Frau durch die Clubs der Stadt zu führen.
Ich bin nicht immer dienstbeflissen, zudem ging ich nie besonders gerne in laute Clubs, jedoch bin ich der Gesellschaft einer Frau immer zugeneigt, weshalb ich zeimlich einwandslos den Dienst antrat.

Die Frau meines damaligen Chefs war sehr hübsch, sehr blond, sehr jung und sehr offen. Sie hätte aus einem Hochglanzmagazin entstammen können. Das wusste ich vorher nicht. Mein damaliger Chef war alt, hatte graue Haut, gelbe Zähne und ausgelaufene Tätowierungen. Ich hatte keine Vorstellung davon, wie seine Frau aussehen würde, aber so gesehen muss ich natürlich so etwas wie eine Vorstellung gehabt haben. Ich ging schlichtweg nicht davon aus, dass sie so modelmäßig aussah. Ich kannte vorher nur ihren Namen und wusste, dass sie Mitte zwanzig war, und ich kannte böse Geschichten, dass sie zB. nun einen kleinen Hund bekäme, weil der Chef schon drei oder vier Kinder mit den vorigen Ehefrauen hatte (Gelächter), etc. ich hatte unbewusst wohl auch eine Art Mitleidsgefühl mit in die Verabredung gebracht. Das Gefühl verschwand allerdings schnell.
Wir waren im Cafe Commercial an der Glorieta de Bilbao verabredet. Ich dachte, ein klassisches, spanisches, altehrwürdiges Gesellschaftscafé um ein bisschen zu plaudern und ein Bierchen zu trinken, sei vielleicht ein guter Start in den Abend. Aber mit ihrem Lack-Mini, ihren zwölf Zentimeter Absätzen und dem glitzernden Oberteilchen, sah sie aus wie ein Ufo. Ältere Männer blickten prüfend über ihre Zeitungen hinweg zu uns herüber. Wir tranken ein Bier. Wir tranken es etwas hastig. Also wechselten wir in eine Cocktailbar (Dimmlicht), das entspannte uns ungemein. Sie war sehr lustig und sie redete gern, ich mochte sie, sie hatte so eine positive Art über Leute zu reden, außerdem wirkte sie sehr interessiert und interessierte Leute kriegen mich immer. Ich vermied das sich mir so aufdrängende Thema ihrer Ehe mit meinem Chef, vermintes Gebiet. Wir tranken Cocktails als wären es Biere und entsprechend schnell wurden wir betrunken. Als wir ins Pacha liefen (stolperten) waren wir schon ziemlich hinüber. Deswegen war das Eintrittsgeld auch ziemlich schlecht investiert, wir fanden eine Sofaecke und daraus krochen wir erst am Ende des Abends wieder hervor. Die Frau meines damaligen Chefs parkte ihre Beine vor meiner Nase, bzw. überschlug sie ständig und lag einmal quer, einmal auf dem Rücken, saß dann wieder aufrecht, ihr Rock verrutschte ständig. Ich tat, als sähe ich nichts, ich hielt nur die Konversation aufrecht. Es verging etwa eine Stunde und zwei Cocktails, als sie körperlich wurde (Handlesen, Oberschenkel festhalten, dann Kopf in meinen Schoß, etc.) und schließlich knutschen wollte. Ich sträubte mich und äußerte ein ziemlich verkrampftes “Oh, no, please, this is difficult, difficult..”, dann sagte, sie wolle mir einen Blowjob geben.

Ich bin im Grunde monogam. Ich bin nicht notwendigerweise treu, aber ich bin im Grunde monogam. Wenn ich hier von Treue spreche, dann meine ich die klassische Treue, wie wir sie aus unseren Gesellschaft kennen, dass man eben nicht mit anderen Menschen Sex haben soll, etc. Wenn ich dann sage, ich sei nicht notwendigerweise treu, dann meine ich damit, dass ich es nicht als Verrat an meine Person oder an meine Beziehung sehe, wenn die Person, mit der ich verheiratet oder ver-bezogen bin, mit jemand anderem schläft. Es stimmt mich zwar nicht euphorisch, aber es zerstört nicht die Liebe, die ich für eine Person hege. Ich nehme es zwar als Gefahr wahr, jedoch nicht als Verrat. Ich knutsche und vögle natürlich nicht wahllos herum, im Gegenteil, das mache ich in Wirklichkeit gar nicht, aber Treue bedeutete für mich immer eher sowas wie Loyalität, nicht die körperliche Loyalität, sonder das Helfen, dass man zueinander steht (übrigens auch nach einer Trennung), dass man starke Gefühle füreinander empfindet, dass man einen Weg zusammen beschreitet. Ich halte es für falsch, sich nicht zuzugestehen, dass man auch einmal sexuelle Gefühle für eine andere Person empfindet, oder sich verknallen kann. Wie man damit umgeht, ist natürlich eine andere Frage — und damit wird es kompliziert.

Das muss ich sagen, um zu erklären, warum ich sagte, dass auch ein Blowjob difficult sei. Was dagegen sprach war, dass ich seit anderthalb Jahren eine Freundin hatte. Die Freundin wohnte zwar weit weg und ich war zu der Zeit nicht immer glücklich, aber ich liebte sie doch sehr, und so eine Geschichte fühlte sich für mein Gefühlsleben falsch an. Der zweite Grund war, dass ich sehr betrunken war, und ich mich den ganzen Abend durch ihre offensive Aufmachung irgendwie billig verführt fühlte. Zudem war sie mir auf einer sehr fremden Art unglaublich fremd. Diese ganze Geschichte mit ihrer Ehesituation, ihr Leben (zumindest so, wie ich es mir ausmalte), das machte sie mir unerreichbar fremd. Emotional weit, weit weg. Zumindest aus meiner subjektiven Sicht. Wäre ich single gewesen, hätte ich mich vielleicht nur in drei oder vier Gedankengängen dagegen gesträubt, aber sie war außerdem die Frau meines damaligen Chefs. Sex mit der Frau meines Chefs würde einfach keine gute Sache sein.

Das sagte ich so ähnlich. Also den letzten Satz. Und das mit meiner Freundin.

Damit kippte natürlich die Stimmung. Wir hörten den Beats zu. Sie war leise geworden. Es dauerte nur wenige Minuten, dann wollte sie gehen, ich sollte sie zum Taxistand bringen. Also gingen wir die hundert Meter bis zur Metrostation Tribunal. Weshalb mir diese Geschichte wieder eingefallen ist.

Im Laufe des nächsten Jahres habe ich sie noch vier mal gesehen. Auf einer Firmenfeier und dreimal in einem Café, wo sich das Team nach der Arbeit oft traf. Sie hat vier mal “hi” zu mir gesagt, sonst aber kein Wort mit mir gewechselt. Meine Kollegen waren am nächsten Tag natürlich heiß auf Geschichten gewesen, ich sagte lediglich, dass es nett war und wir im Pacha waren, ein little expensive, aber ok, etc. Das Interesse schwand schnell.
Ich weiß nicht, was sie dem Chef erzählt hat. Er hatte sich am Montag darauf bei mir bedankt, sagte aber sonst nichts, weder einen Kommentar dazu, ob es seiner Frau gefallen habe oder mit einer Nachfrage, ob ich mich denn amüsiert habe. Er sagte nur, thanks for taking out my wife. Das war es. Seitdem kam er mir auch viel reservierter vor, er hielt sich mit der Kumpelhaftigkeit, die er in meiner Wahrnehmung vorher viel deutlicher gezeigt hatte, zurück und suchte auch sonst nicht mehr das Gespräch. Allerdings kann ich das nicht sonderlich gut einschätzen. Wenn ich ihn um die Ecke kommen sah, dachte ich immer nur: Blowjob. Ein ganzes Jahr lang.
Ein Jahr später wollte man immerhin meinen Vertrag mit einem ordentlichen Gehaltsaufschlag verlängern. Aber vielleicht ist das auch nicht seine Entscheidung gewesen.

Kommentare (8) zu “[mad]”

  1. Da bin ich jetzt aber auf die Kommentare der Anderen gespannt. Tolle Einstellung von Ihnen.

  2. Sie werden sagen, dass ich es tun hätte sollen :)

  3. die männer sagen wahrscheinlich, sie hätten, die frauen werden ihnen komplimente machen :)

  4. Ah, so siehst Du das.

    Aber: wo kommen wir denn hin, wenn die Männer jetzt nein sagen :)

    (Sie wusste übrigens sehr gut, was sie tat)

  5. Ich habe mal ein ähnliches Angebot ausgeschlagen, dabei war sie attraktiv, ich damals Single und es gab auch sonst keine Verwicklungen. Ich fühlte mich aber ähnlich billig verführt, und auch sonst hätte überhaupt nichts an der Sache gestimmt. Weder bin ich stolz drauf, noch habe ich es im Nachhinein bereut – wenn das Drumherum nicht passt, dann passt es nicht.

  6. Genau. So ging es mir auch.
    Unrunder Sex ist vordergründig eben unrund.

  7. “Handlesen”. Oldest trick in the world. (Ich sage natürlich immer: “Da steht, daß ich verheiratet bin und jetzt nach Hause muß.”)

  8. Deshalb auch Eheringe. Das stammt aus Zeiten, als es noch viele Analphabeten unter den Handlesern gab :)