[woran ich mich erinnern will. Zweite Augusthälfte 2020]

Menschen die auf Twitter ganz offensichtlich angefeindet werden, schreibe ich manchmal eine DM. Ich habe mir das vor einigen Wochen angewöhnt. Als Gegengewicht, weil sonst nur die Hater zu Wort kommen und alles durchseuchen und alle einschüchtern. Ich erkläre in der Regel warum ich deren Account mag und warum ich sie followe und schreibe ein paar mutmachende Worte, die sich explizit an die Hater richten.

Nachdem ich das ein paarmal gemacht habe, fiel mir auf: alles Frauen.

In meinem Fanclub hat ein Mitglied einen Fernsehbeitrag gesehen, wie jemand in Mainz obdachlose Menschen mit Wasser versorgte. Er fragte in den Gruppenchat, ob wir nicht auch so etwas machen könnten. Einige Stunden später hatten wir 400€ gesammelt und vier Tage später fuhren wir in Dreierteams durch die städtische Hitzewelle und verteilten Wasserflaschen an Obdachlose und andere Bedürftige. Weil wir ein Hertha Fanclub sind und Hertha im Jahr 1892 gegründet wurde, setzten wir den Rahmen, dass wir mindestens 1892 Liter Wasser verteilen wollten und nannten uns 1892Liter Wasser Gruppe. Dann flossen die Spenden, von Privatpersonen, Organisation und auch Firmen und Hertha BSC stellte uns ihren Fanbus zur Verfügung. Das Ding kam ins Rollen. Die Medien meldeten sich bei uns, berichteten darüber, weitere Helferinnen meldeten sich.

Ich bin sehr begeistert darüber wie das alles ablief. Ich selbst konnte nur an einer einzigen Tour teilnehmen, ich kümmerte mich sonst im Hintergrund um Medienarbeit, teils von Schweden aus. Die Tour war für mich sehr eindrücklich und hallte lange in mir nach. Ich werde das demnächst mal in einem längeren Eintrag aufschreiben.

Mit dem Tagesspiegel telefoniert während ich in Unterhose und Doppelripp Unterhemd auf einer Wiese im schwedischen Wald stand. Daran will ich mich erinnern.

Zum “Exilherthaner Podcast” eingeladen worden um über den Fanclub “Axel Kruse Jugend” und die “1892 Liter Wasser” zu reden. Wir saßen zu dritt im Garten von Andy Brehmchens Eltern unter einem Zeltdach und wurden von seiner Mutter mit Marmorkuchen und Bienenstich verwöhnt. Manchmal regnete es, einmal brach ein Windsturm über uns herein. Das gesamte Zelt wackelte bedrohlich und ich musste an Dorothy Gale denken, wie sie in ihrem Häuschen durch den Wirbelsturm nach OZ verfrachtet wurde.
Wir haben uns aber nichts anmerken lassen.

Sobald sich das Mikrophon einschaltet und dort draußen ein Millionenpublikum erreicht, setzen sich sämtliche grammatikalischen Gesetzte außer Kraft und mein Wortschatz schrumpft auf gemessene 16,3% zusammen.

Letzte Woche ist in Longyearbyen das erste Mal seit 4 Monaten wieder die Sonne untergegangen. Für wenige Minuten. In zweieinhalb Monaten beginnt schon die Polarnacht. Für das Protokoll.
Die Sonne ging übrigens zwei Mal an einem Tag unter. Verstanden habe ich das allerdings nicht. Muss ich mal googeln.

Weil wir uns hier ja ganz offiziell in einem Blog der Arktissehnsucht befinden, muss ich auch zu Protokoll geben, dass vor drei Tagen ein Einwohner Longyearbyens von einem Eisbären getötet wurde. Der Mann, ein holländischer Staatsbürger, war mit der Aufsicht der örtlichen Campings beauftragt. Ja, Camping in Eisbärenland, sowas gibt es. Dennoch, Eisbären lassen sich in jener Gegend, 1km abseits des Ortes offenbar nicht so oft blicken bzw auf dem Weg dorthin muss er theoretisch so viele bewohnte und belebte Stellen passieren, dass er üblicherweise aufgefallen wäre. Diesmal halt nicht: um vier Uhr früh, bei Tageslicht, hat er ein Zelt überfallen.

Das doofe ist halt, dass Eisbären nur jagen können wenn es Meereis gibt. Weil darunter die Robben schwimmen, die sie sich schnappen. Wenn kein Eis da ist fasten sie eben mehrere Monate lang, das war schon immer so. Aber das Eis verschwindet seit Jahren immer früher und kehrt immer später zurück. So hat man schon im Spätsommer hungrige Bären, die nach alternativen Nahrungsquellen suchen.

Nota Bene für den nächsten Trip in den Grunewald:
Siehst du einen schwarzen Bären, dann mach dich groß
Siehst du einen braunen Bären, dann laufe
Siehst du einen weißen Bären, dann gib einfach auf

Habe ich von Naturspezialisten gelernt.

Ich höre derzeit Springsteen. Also The Boss. Als ich Bruce Springsteen hörte, muss ich 12 oder 13 gewesen sein. Da ich mir noch meinen Musikgeschmack und männliche Rollenmodelle zusammensuchte stieß ich im Fernsehen auf diesen Typen, der so wild und erdig daherkam. Das imponierte mir. Und Born in the U.S.A. klang schon sehr toll. Da ich zeitgleich wiedermal Geld für Musik ausgeben durfte, kaufte ich mir die Kassette von seiner “Tunnel of Love”. Ja genau Kassette. Die einzige Möglichkeit, in meinem Bergdorf Musik zu kaufen. Im örtlichen Lebensmittelladen gab es auch immer vier oder fünf Kassetten der aktuellen Topmusikerinnen oder irgendeinem Sanremo Sommermix.

Auf “The Tunnel Of Love” gab es dieses romantische Lied mit dem Namen “Tougher Than the Rest“. Und ich, 13 Jahre alt, zum zweiten Mal verliebt und zum zweiten Mal unglücklich, fand mich natürlich auch Tougher Than The Rest. Ich spielte dieses Lied rauf und runter, eine elende und endlose Verliebtheitsleier. Das ging vermutlich den ganzen Sommer lang.

Seit dem Wochenende höre ich diesen Song, den ich mehr als dreißig Jahre nicht mehr gehört habe. Das Lustige ist: das ganze Verliebtheitsgefühl ist wieder da. Aber nicht mehr das dazugehörige Mädchen. Ich kann mich nicht mal mehr vage an ein Gesicht erinnern.

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