verirrte Gedanken zur Lage der Nation

Dass ich je einer linken Partei, wie dieses neue Linksbündnis, skeptisch gegenüberstehen würde, hätte ich wohl nie zu träumen gewagt. Ich war zwar niemals Mitglied einer Partei oder auch sonst niemals in irgendeiner Weise einer Partei besonders nahe, jedoch habe ich in meiner Heimat immer “Rifondazione Communista” gewählt, ganz einfach, weil die am ehesten für die Werte aufkamen, die mir immer wichtig waren und auch heute noch wichtig sind. Der ganze soziale Krams eben, der Einsatz gegen den gierigen Kapitalismus und letztendlich setzten sich die Kommunisten immer gegen den Räumungen der Häuser ein in denen ich lebte. Und natürlich noch vieles andere.
Jedoch muss ich nun erschreckend feststellen, dass ich nicht verstehe, wie man in der momentanen Zeit, von sich anhäufenden Staatsschulden und kurz bevorstehender Wirtschaftskrise, in die wir uns nämlich geradewegs hineinmanövrieren, nur traut man sich das nicht dem Volk zu sagen, sich für die Erhöhung des Arbeitslosengeldes einsetzen kann.
Machen die das bloss um Seelchen für deren Ding zu gewinnen oder meinen die das wirklich Ernst?
Leider sind die Parteien, die die Wirtschaft noch am ehesten erretten können, die falschen Parteien, aber vielleicht ist es auch gut, wenn die CDU und die Liberalen wiedermal die grosse Politik machen, dann können wir endlich wieder alle auf die Strasse gehen und uns aufregen. Gegen die Politik der SPD und der Grünen zu demonstrieren war schliesslich immer etwas merkwürdig. Alsob man sichselbst verrät. Auch wenn es nicht meine Parteien sind, so sind sie doch irgendwo die Guten, oder eben die nichtganzsoschlechten.
Nein, ich weiss nicht, wie man die Welt, oder dieses Land, zu einem besseren Ort machen kann, Wahrscheinlich brauchen wir eine Revolution, alles umkrempeln und anzünden, dann fressen wir mal ein paar Jahre lang Steckrüben und fangen ganz von vorne an. Vielleicht erst noch ein bisschen Wirtschaftskrise, in der wir uns alle in Pianobars elendig betrinken, statt fernzusehen das Kabaret besuchen, wo wir dann billigen Wein aus hohen und schlanken Gläsern trinken und fremde Frauen in den Armen halten, am nächsten Tag arbeitslos und mit gebrochenem Herzen, in der unbeheizten, kahlen Wohnung Gedichte schreiben.
Aber die Löhne da drüben, im fernen Osten, werden wohl nicht ewig so niedrig bleiben, dann kommen die Firmen ja wieder zurück, weil die Lohnkosten im Entwicklungsland Deutschland so niedrig sind. Und in der Zwischenzeit haben wir wieder ein bisschen Zwanzigerjahre gespielt und Steine geschmissen, während sie drüben ein wenig gucken konnten, wie das mit dem Wohlstand so ist. Win-Win sozusagen. Ist eigentlich ja gar nicht so schlecht.

Kommentare (5) zu “verirrte Gedanken zur Lage der Nation”

  1. Du sprichst genau das aus, was ich in ähnlicher form auch schon gedacht habe und was ganz sicher viele andere auch denken.

  2. Einerseits denke ich mir das in manch zynischem Moment auch. Andererseits, verdammt nochmal, wieso können wir hier in Deutschland kein gemeinsames Verständnis dafür entwickeln, was wir besonders gut können und mit welchen Leistungen wir in einem globalen Dorf unseren Beitrag bringen können. Und dann daran arbeiten (ich rede jetzt bewusst mal nicht vom globalen Wettbewerb). Es kann doch nicht sein, dass wir erst alles plattmachen müssen um dann endlich wieder ein Billiglohnland zu sein.

  3. Oh! Zynismus! Du hast recht. Ich wehre mich gegen Zynismus und habe mich doch tatsächlich selbst in Zynismus gewickelt.
    Aber trotzdem, was kann man in Deutschland so besonders gut, das man irgendwo anders nicht könnte. Nun gut, es gibt hier viele gebildete Leute, Erfindern, Ingenieure, aber die brauchen bloss ausgebildet werden, dann gibt es sie irgendwo anders auch. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass es eine besondere Qualität eines Volkes geben kann, es sind schliesslich alles bloss Menschen.

  4. Ja klar, eben, wir sind eben Menschen. Ich versuch halt, tja ich bin manchmal etwas naiv in meinen Ansichten, die Welt zu verstehen, indem ich solche Situationen mit Dörfern oder kleinen Gemeinschaften vergleiche. In so kleinen Gemeinschaften da gibts halt Leute, die können gut mit Metall umgehen, also wurden sie Schmiede. Andere können kochen, also machen sie ein Wirtshaus auf. Manche können gut erzählen, gut malen, also machen sie Kunst. Viele sind verlässlich, die arbeiten irgendwo mit. Manche können halt nichts, die muss man dann mitnehmen. Wie transoprtiere ich so etwas jetzt in eine große anonymisierte Gesellschaft? Das ist irgendwie für mich die Frage. Wenn man jetzt die Welt so betrachtet gibts durchaus “Wirtschaftscluster”. Also Feinmechanik und Maschinenbau ist immer noch sehr deutsch geprägt. Informatik, da sind Indien und USA stark. Naja, für mich wäre wirklich die Herausforderung - und diese Sicht fehlt mir im Moment in der deutschen Politik - zu identifizieren und dann auch zu kommunizieren, wo wir jetzt gut sind und hinwollen. Aber irgendwie ist bei uns alles sehr gelähmt. Und nach der New Economy Flaute ohnehin. Oh ja, New Economy, das ist auch etwas, was mich nervt. Vorher überdimensioniert hochhypen und jetzt alles so supernegativ sehen. Da waren aber gute Ansätze da.
    Nein, uns fehlt der Mut und….. (oh wie ich dieses Wort hasse, aber ich muss es jetzt sagen, schreiben, und danach fallen mir sofort die Finger ab)… die Vision. (so, der Zeigefinger ist jetzt abgefallen).

  5. Noch ein Nachtrag: natürlich glaube ich aber nicht, dass die Dinge, die einer gut kann, völkisch geprägt sind. ABER es gibt Rahmenbedingungen, die dazu führen - häufig ist es auch Zufall - dass es eben so regional geprägte Dinge gibt. Gute Schiffbaufirmen werden zum Beispiel schwerlich in den Alpen zu finden sein.

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