[Mo, 26.1.2026 – Kyrill, Kosovo, Kerosin]

Ich flog mit dem Privatjet. Mit einem Privatjet zu fliegen, ist jetzt nicht eine Erfahrung, die ich unbedingt machen musste. Das ist eine dieser typischen Erfahrungen, aus der man keine Erkenntnis zieht, die höchstens anekdotische Qualitäten hat. Aber Anekdoten über Reichtum oder Luxus sind nicht meine Personality. Zum einen, weil ich mir wenig aus Luxus mache, und zweitens, und das ist vielleicht entscheidender: weil ich nicht reich bin.

Ich hatte mir einen Flug in einem Privatjet jedenfalls mit mehr Bling-Bling vorgestellt. Also mit Champagner und schick gekleidetem Personal. Aber es waren nur der Pilot und ich. Man hat da oben nicht einmal Handyempfang. Cool ist allerdings, dass man links und rechts runterschauen kann. Was vor allem bei Start und Landung sensationell ist, weil man ein total dreidimensionales Google-Maps-Feeling bekommt. Ohne den Zoom allerdings.
Ein anderer Vorteil ist die schnelle Abfertigung. Um 08:40 Uhr starteten wir im Büro und um 09:05 Uhr hoben wir bereits von der Startbahn ab. Privatflieger haben einen eigenen Bereich mit Security-Check und Polizei, und das findet alles in einem kleinen Raum statt, der die Größe und den Charme eines Vereinsheims hat.

Aber das war dann schon das Spektakuläre.

Auf dem Weg in die Firma dann der Schreck auf meinem Telefon. Serbien ist nicht EU und ich hatte vergessen, das Datenroaming auszuschalten. Das Telefon synchronisierte einmal alle Dienste: E-Mail, WhatsApp, Signal und Social Media. Bei 12 Cent pro 10 Kilobyte verbrannte ich in zehn Minuten 50 Euro. Dabei hatte ich nur auf das Wetter geschaut.

Nun.

Von Belgrad sah ich nicht viel. Einer der Dienstleister brachte mich nach unserem ganztägigen Meeting zu Fuß zum Hotel. Wir liefen einen kleinen Umweg, weil er mir die größte orthodoxe Kirche des Balkans zeigen wollte. Es ist ein auffälliger Kuppelbau. Mehr erzählte er aber nicht darüber. Er fügte lediglich hinzu, dass es zudem die zweitgrößte orthodoxe Kirche der Welt ist. Die meisten Menschen, mit denen ich in Belgrad zu tun hatte, erwähnten diese Kirche. Und alle fassten es auf dieselbe Art zusammen: die größte orthodoxe Kirche auf dem Balkan und die zweitgrößte orthodoxe Kirche der Welt.

Ich rechnete mir aus, dass die größte in Moskau steht.

Den Rest des Abends blieb ich aber im Hotel. Ich war müde vom vielen Wein des Vortages und der Tag war ja nicht unanstrengend gewesen.
Dafür nahm ich mir am nächsten Morgen noch ein bisschen Zeit. Eigentlich wollte mich die Office-Chefin mit dem Auto vom Hotel abholen, aber die 20 Minuten lief ich lieber zu Fuß. Der Erkenntnisgewinn war gering, aber die kyrillischen Buchstaben überall sind schon sehr ästhetisch. Was mir zudem auffiel, ist, dass doch ziemlich viel in lateinischer Schrift geschrieben ist. Als ich in 2019 in der Ukraine war, überraschte es mich, dass alles auf kyrillisch beschriftet war. Das traf mich völlig unvorbereitet, weil ich schlichtweg nichts lesen konnte. Und zwar nicht so, dass ich nur die Wörter nicht verstand, sondern sie schlichtweg nicht erkennen konnte. Wenn ich in einer polnischen Speisekarte „tradycyjne polskie dania“ lese, dann kann ich mir zusammenreimen, dass es sich um etwas Traditionelles Polnisches handelt, wenn ich aber lese: Традиційна українська страва, dann sehe ich da nur ein „T“ am Anfang.

In Belgard ist hingegen vieles zweisprachig beschriftet, aber vieles auch einfach nur in lateinischen Buchstaben. Es würde mich mal interessieren, wo man die Grenze zieht, also nach welchen Kriterien man welche Schrift verwendet. In einem Nebensatz meine ich schon einmal herausgehört zu haben, dass die Jungen alle lateinische Schrift lesen können und die Älteren nicht so gut, daher nehme ich vorläufig an, dass es eine Frage der Generationen ist und vielleicht auch eine Frage der geopolitischen Orientierung. Serbien ist ja das Land, das zwischen Russland und Europa aufgerieben wird. So nehme ich das zumindest von außen wahr. Ich hatte aber keine Zeit, mit den Leuten darüber zu reden.

Allerdings scheint es bei Kosovo keine zwei Meinungen zu geben. Schon auf der Autobahn in die Stadt prangte es alle paar hundert Meter als Graffiti vom Straßenrand. Mal auf Kyrillisch, mal in lateinischer Schrift: Kosovo is Serbia. Es wundert mich im Nachhinein, dass ich es in den wenigen Gesprächen mit den Locals tatsächlich geschafft hatte, dreimal den Kosovo zu erwähnen, und jedes Mal, war die Reaktion der Leute gleich. „Kosovo is our Land“. Ich blieb dann sehr höflich, weil ich mich nicht auf eine Diskussion einlassen wollte, von der ich keine Ahnung habe. Aber grundsätzlich sind mir als Südtiroler alle Unabhängigkeitsbestrebungen erst mal sympathisch. Dass diese drei Menschen, allesamt normale Leute, ganz unabhängig voneinander mit ziemlicher Vehemenz „Kosovo is our Land“ sagten, beschäftigte mich dann doch. Mit dem Fahrer am Flughafen hatte ich noch Zeit, das Thema ein kleines bisschen auszuweiten. Er erklärte mir, dass in Kosovo die 14 wichtigsten Klöster der orthodoxen Kirche und der serbischen Geschichte lägen. Später googelte ich mich ein bisschen durch Wikipedia, und was ich jetzt weiß: es ist sehr kompliziert. Klingt alles sehr nach Pulverfass für mich.

Nun.

Übrigens, kleiner Lifehack fürs Fliegen. Ich verwende schon seit vielen Jahren Osmand mit OpenStreetMaps. Damit kann man in Offline-Situationen, wie zum Beispiel beim Fliegen, immer prüfen, wo man gerade ist. Man braucht nur GPS. Das ist wirklich toll.

Auf dem Rückflug flogen wir über das Wettersystem, das gerade Süd- und Nordostdeutschland einschneite. Sah von oben gut aus. Und die Sonne schien.

Durch die Reise verfeuerten wir jedenfalls fast 2000 Liter Kerosin. Mein CO2-Karma ist für den Rest des Lebens aufgeraucht. Im nächsten Leben komme ich als Raucherlunge zur Welt.

Übrigens fragte ich mich die ganze Zeit: Woher kenne ich dieses Gesicht… gibt es doch auch als Meme. Ja klar, Tesla war Serbe.

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