[Mi, 4.3.2026 – Guinnes-Soda-Bread, eBook, Brudi]

Schon seit einigen Jahren muss ich immer an diese Flasche Guinness denken, die im Schrank zwischen den Bohnendosen vor sich hinreift. Ich mag Guinness sehr gerne. Aber nur aus dem Zapfhahn. Weil sie nur dort diese leicht perlige Kohlensäure hinbekommen. Diese Kohlensäure, die eher an Kefir erinnert als die Kohlensäure eines Pils. Neuerdings gibt es, zumindest in Schweden, auch Guinness aus der Dose, wo sich beim Öffnen des Behälters eine Kapsel im Inneren öffnet, die eine feine Kohlensäureperlage erzeugt. Ich habe den Mechanismus dahinter nicht ganz verstanden, das Guinness schmeckt dadurch aber wirklich authentisch.

Bei Flaschen gibt es diese Technik noch nicht. Ich weiß nicht, was ich mir durch die lange Lagerung der Flasche erhoffte. Vielleicht wartete ich auf einen richtigen Notmoment. Neulich schaute ich auf das Verfallsdatum. März 2020. Da ging es gerade mit Corona los. Die Welt war noch eine andere.

Meine Frau liebt es, Reste zu verarbeiten, also schmiss sie die Internetsuchmaschine an. Irgendwas mit Guinness. Sie fand verschiedene Sodabread-Rezepte, in denen man Guinness und Buttermilch hinzugibt. Wir hatten in Schottland einmal Sodabread gegessen. Das war nach einer langen Wanderung bei Wetter durch die northwestern Highlands. Wir kehrten in eine Gaststätte ein und aßen etwas Gulaschartiges. Ich meine, es war Shepherd’s Pie oder vielleicht ein Stew. Dazu gab es Soda Bread. Ohne Guinness zwar. Aber dieses Brot. Das war ein Moment, in dem ich eine kosmische Verbindung mit dem Universum einging.

Das Guinness-Soda-Bread wurde natürlich auch super. Aber es fehlte das Stew und die Wanderung durch das Wetter.

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Übrigens habe ich die Novelle „Springweg brennt“ wieder auf den deutschen eBook-Plattformen publiziert. Der Text ist also auch wieder auf Tolino‑Geräten verfügbar.

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Am Vormittag hatte ich einen semiberuflichen Termin in Moabit. Direkt im Anschluss bekam ich es plötzlich eilig, weil ich noch zum Zahnarzt in Mitte musste, für den ich mich zu verspäten drohte. Ich rief mir ein Taxi. Der Fahrer war bereits aus der Ferne geschwätzig. Um mich abzuholen, musste er umdrehen. Dabei redete er schon vom Auto aus mit mir. Er fuhr bei geöffnetem Fenster und warf mir ein „Bruder“ zu, ich solle ein wenig nach vorn gehen, dort könne er besser anhalten.

Als ich im Auto saß, redete er ununterbrochen weiter. Gestern habe er einen Strafzettel vom Ordnungsamt bekommen, weil er kurz hielt, um sich eine Cola im Späti zu kaufen, aber er habe höflich gebeten, dass sie von der Strafe absehen würden. Der Mitarbeiter vom Ordnungsamt hatte ihm wohl gesagt, er schaue, was er tun könne. Kurz darauf erblickte er zwei Beamte, die an der Lehrter Straße Strafzettel verteilen. Er hielt an und fragte den „Brudi“, ob er etwas von seinem Kollegen erfahren habe, man wollte ihm den Strafzettel annullieren. Der Mann in Uniform war etwas irritiert und sagte, das wisse er nicht so genau. Der Fahrer erzählte ihm die Geschichte mit der Cola und dass das ja nur eine Ausnahme gewesen sei, das mache er normalerweise nicht, und wir seien ja hier im Kiez, da kennen wir uns doch alle. Der Beamte sagte, er würde mal nachfragen, er wisse aber nicht, was los ist. Der Fahrer war happy und fuhr weiter. Er erzählte mir wieder die Geschichte mit der Cola und sagte, er sei in Moabit geboren und aufgewachsen, hier würden sie ihn alle kennen, das mit der Cola dürfe man doch nicht so eng sehen, er habe niemanden behindert, vor allem keine Rollstühle und Kinderwagen, weil: darauf achte er immer. Rollstühle und Kinderwagen seien wichtig. Er fragte mich, ob ich Schauspieler bin. Zugegebenermaßen sah ich heute gut aus. Ich trug einen Wollmantel und mein Gesichtshaar war sehr gepflegt. Ich lachte und sagte: Nein. Er sagte, du siehst genauso aus wie mein Kuseng, schau mal, ich zeige ihn dir. Dann rief er auf seinem Telefon per Videocall seinen Kuseng an. Der nahm ab. Ein freundlich wirkender Mann mit schwarzen Haaren und Bart erschien auf dem Display. Er schien sich in der Küche aufzuhalten. „Hey Brudi, schau mal, ich habe einen Kunden, der sieht aus wie du. Auch so ein Georgeclooney.“ Er hielt das Telefon so, dass mich der Mann in der Küche sehen konnte. Ich winkte. Er winkte. Wir lächelten beide. Glücklicherweise lächelte er auch etwas gequält, so fühlte ich mich nicht ganz alleine. Bald danach legte er auf und erzählte mir von ihm. Der könne alles mit den Händen. Kochen, Autos reparieren und sogar Computer. Einfach alles. Seine Frau liebe ihn deswegen. Das sei ein guter Mann. Er hat einen Schuster- und Schlüsselbetrieb. Wenn ich mal nicht in meine Wohnung käme, brauche ich ihn nur anzurufen. Er nannte mir seinen Firmennamen. Ob ich in Moabit wohne, wollte er wissen. Achso, nein Friedrichshain, das ist dann zu weit weg, aber der Mann sei super tüchtig, arbeite rund um die Uhr und sei der beste von allen. […]

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