[…]

I.

  Eigentlich wollte ich vorschlagen, zur Pause die Vorstellung zu verlassen. Ich saß mit K und B im Babylon Mitte, wir besuchten eine Vorführung von Miron Zownirs “Parasiten der Ohnmacht”. Birol Ünel las den Text und FM Einheit hämmerte dazu auf Metallfedern. Das liest sich super, ich mag FM Einheit, und K mag Birol Ünel und wenn die beiden etwas zusammen machen, dann kann es sich nur um Gutes handeln.
Ich war an jenem Abend vielleicht schlecht gelaunt, ich konnte mit den Klangperformances von FM Einheit nichts anfangen, fand es ganz schlimm zu empfinden, dass sich jemand seit zwanzig Jahren künstlerisch nicht weiterentwickelt hat, ich saß im Sessel und fand das ganz schlimm, konnte kaum zusehen, wie er Klänge machte. Und Birol Ünel las, mit zwar angenehmer Stimme, aber diesen fürchterlich aufgesetzten Text von Miron Zownir. Das fand ich noch viel schlimmer. Ein eitler Text, über eitle Kaputtheit, der Text ergötzte sich an Wörtern wie FICKEN, und nochmal FICKEN und alles so KAPUTT, und roadmoviemäßig plakativ, ICH FICKTE SIE NOCHMAL usw. Und noch schlimmer als den Text, fand ich dieses demonstrative Trinken auf der Bühne, dieses eitle Besaufen, ich fand das früher bei Shane MacGowan gut, aber da war ich achtzehn, aber Männer ab dem mittleren Alter sich heldenhaft einen Runtersaufen zu sehen, finde ich wahlweise peinlich oder traurig, oder beides gleichzeitig, Alkoholismus ist keine Heldentat, ich finde das dann nicht mal kaputt traurig, sondern so dumm eitel, so dumm traurig. Aber an anderen Tagen hätte es mich vielleicht nicht so sehr gestört, vielleicht war ich einfach schlecht gelaunt, vielleicht tue ich ihnen unrecht, ich hätte vielleicht ein Bier trinken sollen.
Ich wollte zu K und B zur Pause sagen, ich fände es grottenschlecht, ich möchte die Vorstellung verlassen, keinen Bock auf den Scheiß usw.

II.

  Kurz vor der Pause kam der Autor ins Spiel. In der ersten Reihe saß ein Mann mit blanker Glatze und einem schwarzem Nadelstreifen-Anzug. Er war mitte vierzig, vielleicht mitte fünfzig. Er scheuchte dauernd die Fotografen herum und gab ihnen Anweisungen. Regelmäßig schlug er sich die Hände über den Kopf zusammen. Manchmal hob er den rechten Finger und schien den Text mitzurezitieren. Zehn Minuten vor der Pause platzte ihm der Kragen und er bestieg seitlich die Bühne. FM Einheit spielte gerade ein Solo auf seinem Laptop und Birol Ünel trank von seinem Wein, während er gelangweilt im Manuskript blätterte. Der Mann aus dem Publikum (nennen wir ihn: Autor Miron Zownir) ging gebückt zu Birol und wollte ihm etwas ins Ohr flüstern. Er hielt das Manuskript in der Hand und schien ihn auf eine Stelle hinweisen zu wollen. Birol hatte sich schon in Stellung gebracht, offensichtlich wusste er, um was es gehen würde und schnauzte (für das Publikum hörbar): das ist meine Bühne, ich bin der Interpret. Er stand auf, und der Autor machte kehrtum, zurück in den Saal. Vor mir, hinter mir, neben mir, überall Tuscheln. Nur FM Einheit musizierte unbeirrt.
Zehn Minuten später, Birol las längst wieder, wurde der Autor vorne wieder unruhig, zappelte, dann stand er wieder auf und lief zur Bühne, schlich sich seitlich heran und wollte Birol ins Ohr flüstern. Während Birol las, wohlgemerkt. Diesmal platzte Birol der Kragen und es wurde bei laufendem Mikro eine ziemlich laut geführte Grundsatzdiskussion ausgetragen. FM Einheit ließ die Musik sein, brachte ja nichts, es wurde geschubst und Schlichter gingen zur Bühne, die beiden Protagonisten stiegen herunter und verhandelten weiter über Grundsätze, die Schlichter gingen ans Mikrophon und kündigten eine Pause an, während Birol laut maulend, sich seitlich ins Publikum saß. Das Publikum beklatschte Birol.
Jetzt war Pause. Ich sagte den Satz ganz oben, ich sagte: Eigentlich wollte ich vorschlagen, zur Pause die Vorstellung zu verlassen.
Man stimmte mir zu, grottenschlechte Vorstellung, grottenschlechter Text. Aber — wir waren uns auch ganz schnell einig: man konnte, gerade jetzt, doch nicht so einfach gehen (Ausrufezeichen). Würde es ein Happy End geben, würde es eskalieren? Wir waren vermutlich sensationsgeil, wir holten uns Drinks und gingen gespannt in die zweite Halbzeit.

III.

  In der zweiten Halbzeit gab es natürlich weder Versöhnung noch eine Eskalation, dafür war die Vorstellung aber noch viel schlechter als davor, nicht nur schlecht, sondern Langweilig außerdem. Solche Sensationsgeilheit gehört aber bestraft, das war also schon okay.

4 Comments

  1. Tja, warum werde ich den Verdacht nicht los, das Intermezzo des Autors könnte ein regulärer Bestandteil der Performance gewesen sein?

    Hatte als Kind mal eine Plenzdorf-Aufführung gesehen, bei der sich der junge W. plötzlich vom Zuschauerraum aus in das Stück einschaltete. Theaterbesucher, die das Buch nicht kannten, machten “psssst” und motzten “Ruhe!” oder “Unverschämtheit!”. Muss gestehen, dass mein Bruder und ich auch drauf reingefallen sind. Das prägt halt. 😉

  2. mek

    Diesen Gedanken hatte ich auch schon. Die Sympathie galt aber ausschließlich Birol Ünel. Ich mag mir nur schlecht vorstellen, dass der Autor sich freiwillig in diese Rolle des Unsympathen begibt. Passte irgendwie nicht, das Ego war zu groß und zu eitel dafür. Zudem fiel er (mir) die ganze erste Hälfte schon durch ständiges Herumkommandieren der Fotografen auf, sieht also eher nach Authentizität aus 🙂

    Aber wissen weiß man nicht.

  3. Habe festgestellt, dass wer dauernd unanständige Wörter gebraucht, auch sonst unangenehm ist. Er weiß es ja besser, ist kein Kind mehr . Und macht das dann trotzdem dauernd, so dass die anderen sich ekeln. Und nicht zum Spass.

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