[woran ich mich erinnern will. November/Dezember]

In den letzten beiden Monaten sind sehr viele Sachen geschehen an die ich mich erinnern werde, vielleicht werde ich mich nicht immer daran erinnern wollen, aber andernseits lässt sich viel daraus lernen, insofern ist die Erinnerung daran sicherlich gut. Es sind berufliche Themen und über meinen Beruf schreibe ich hier nicht im Blog. Aber damit möchte ich auch meine Abwesenheit hier erklären. Ich sehe mich ja zu einer Erklärung gerufen, das meine ich wirklich.

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Und dann war ich wieder in Tschechien. Meine Firma hat dort einen Standort und die dort ansässige IT Abteilung gehörte zu meinem Verantwortungsbereich. Da sich die Zusammenarbeit grundlegend ändern wird, habe ich die Kollegen dort zum letzten Mal besucht. Es war ein seltsamer Besuch, viele mussten die Firma bereits verlassen, dieses halbleere Büro, die ungewisse Perspektive, die halbe Motivation, die etwas wehmütigen Gespräche die man mit den Leuten in der Kantine führt, dieses kollektive Herunterfahren. Immerhin gibt es keine dramatischen Schicksale, in jener Gegend gibt es offenbar Arbeit genug.

Andernseits: die guten Dinge. Plzen! Üblicherweise schlief ich immer in einem Hotel in Marienbad, einem etwas aus der Zeit gefallenen Kurort in böhmisch-österreichischem Jahrhundertwende-Stil. Dieses mal entschieden wir uns dafür, in Pilsen zu nächtigen. Abends waren wir mit der tschechischen Personalchefin essen und trinken. In Pilsen ein Pils trinken. Das ist so druckreif, man müsste es auf die Liste der Things done in my life setzen. Hätte ich so eine Liste, wäre dieser Punkt jetzt abgehakt. Dafür habe ich es auf Instagram gepostet, das streut etwas mehr Glitzer über mein Leben. Noch druckreifer wäre gewesen: >Pils mit einer Pilsnerin in Pilsen< Und da ich ja Brauer werden will wenn ich groß bin, mein erstes Pils würde ich >Pilsnerin< nennen.

Sonst habe ich von der Stadt leider nicht viel sehen können. Einmal sind wir über den Marktplatz mit der imposanten Kathedrale gelaufen. Wir sollten auf dem Weihnachtsmarkt Glühwein trinken, als wir ankamen, schlossen aber gerade die Stände. Was mir an Pilsen positiv auffiel: die Leute wohnen da noch wirklich in der Innenstadt. Unsere Kollegen zum Beispiel. Das habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Innenstädte sind sonst überall museal geworden, das Leben hat sich in die umliegenden Viertel verlagert. Seit wann ist das so? Seit zehn Jahren? Fünfzehn? Schon länger eigentlich.

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Außerdem will ich neue Tätowierungen. Das ist mein ernst. Ich bin wieder alt genug dafür. Meine Tätowierungen habe ich mir alle zwischen 16 und 18 Jahren gemacht. Alle selbst. Sie sind noch gut in Schuss, wie ich finde, ich habe die Nadeln damals etwas tief in die Haut gestochen, das erhöhe die Haltbarkeit, dachte ich damals, da kann was dran sein, ich müsste mal googlen ob das auch stimmt. Damals gab es ja kein Google und heute will ich nicht immer alles googlen, obwohl, bevor ich mir schwarze Tusche mit Sicherheitsnadeln in die Haut steche, sollte ich vielleicht doch vorher googlen. Aber diesmal werde ich zu den Profis gehen, mit 43 Jahren bin ich nicht nur alt genug, mich wieder tätowieren zu lassen, sondern alt genug, andere Leute für mich googlen zu lassen.

Ich habe drei Motive die ich mir stechen lassen will, eines der Motive ist eine grobe Idee, daher brauche ich jemanden, der es für mich entwirft und so machte ich mich auf die Suche nach Stilen, nach Stilen von Tattoo Artists, die im Netz ihre Entwürfe und Stiche herzeigen. Das Witzige dabei ist, wenn mir ein Stil gefällt, schaue ich mir den Tätowierer an und es sind fast immer Frauen. Fast ausnahmslos lande ich bei Frauen. Und wenn ich die Profile der entsprechenden Frauen durchstöbere, sind es in Mehrheit lesbische Frauen. Das ist wirklich lustig. Wäre ich Psychologe würde ich es psychologisieren wollen, aber ich kann nur googlen. Und das lass ich lieber sein.

Im Dezember habe ich mich dann mit einer Tattookünstlerin getroffen. Wir haben lange über das Motiv gesprochen, wie es aussehen könnte, welche Formensprache man anwenden könnte. Das war mir sehr wichtig, das wusste ich vorher nicht.

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Und Isa war in Berlin auf einer Wohnzimmerlesung im Prenzlauer Berg. Eine Wohnzimmerlesung bedeutet, dass jemand sein Wohnzimmer für geladene Gäste öffnet und etwas vorgelesen wird. Die Gastgeberin war meine Freundin A und die Vorleserin war Isa, die uns aus ihrem lustigen Pfauenroman vorlas. Isa und ich haben uns schon seit drei Jahren nicht mehr gesehen. Irre. Damals war ihr Roman gerade erschienen und jetzt rockt sie die Bestsellerlisten. Das war ein wunderbarer Abend. Isa saß auf dem Sofa und las uns aus ihrem Buch vor. Wir anderen betranken uns. Danach betrank auch Isa. Erst weit nach Mitternacht fanden wir den Weg aus der Wohnung heraus.

Überhaupt: Wohnzimmerlesungen. Könnte ich immer machen. So müssen das früher auch alle Picassos und Hemingways und de Beauvoirs gemacht haben. In den Wohnungen zusammensitzen und sich betrinken. Herrlich.

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