Geschenke fuer einen Dreissigjaehrigen
Habe ich schon einmal erwaehnt, dass ich 9 Jahre lang strikter Vegetarier war? Bestimmt schon mehrmals. Ich habe in all den Jahren das Fleisch niemals vermisst. Ich ass es einfach nicht, weil mich die Praktiken der Bioindustrie ankotzten und ich mich daher zu Fleischboykot entschlossen hatte. Leidergottes erlitt die Wirtschaft dadurch keinen Schaden, aber trotzdem habe ich in all den Jahren weiterhin als Schmecker und Feinschmecker gelebt und es hat mir vor Augen gefuehrt, dass man sehr wohl ohne Fleisch leben kann. Von einem Tag auf den anderen habe ich jedoch ploetzlich, ohne besonderen Grund, wieder zum Fleisch gegriffen. Nicht, dass mir nach Fleisch geluestete und ich es nicht mehr aushielt ohne es zu leben. Nein es war wie wenn man ein Buch ausgelesen hat und es beiseite legt. An einem etwas regnerischen Mittwochnachmittag kaufte mir eine Dose Tunfisch, weil ich das als Kind auch immer mochte. Und dann kam alles vonselbst.
Kein wichtiger Meilenstein, aber trotzdem schockiert es mich wenn dann zu meinem Geburtstag Pakete aus Suedtirol mit folgendem Inhalt ankommen:

Eine Oase der Lust. Vergleiche zum Geschlechtsverkehr unterlasse ich heute mal.
Meine Mutter meinte es bestimmt gut, ihrem Sohn ein heimatliches Ueberlebenspaket zu schicken. Es hat mich auch sehr gefreut. Ich bin ja nicht besonders waehlerisch wenn etwas gut schmeckt. Ob es nun um leichte Kost geht, oder schwere Kost, ist mir so ziemlich egal. Ich kann fuenf solcher Kaminwurzen zum Fruestueck essen oder eine kleine Schuessel Obstsalat. Hauptsache meine Geschmacksnerven werden verwoehnt.
Wozu aber die letzte Ladung Kaminwurzen und Speck gefuehrt hat, damals beim Besuch meiner Schwester Astrid zu Ostern, duerfte einigen Lesern noch in Erinnerung sein. Fuenf Kilo Bauchspeck innerhalb nur weniger Tage. Und von denen habe ich mich noch immer nicht erholt. Daraufhin habe ich meine Lieben in den Bergen gebeten mir nie wieder ein solches Paket zu schicken. Nicht einmal wenn ich darum flehe und heulend vor Sucht und Heimweh am Telefon plaerre.
Aber Mamma weiss was gut fuer ihren Sohn ist. Wenn er einsam und traurig, naechtens am Fenster sitzt und mit feuchten Augen gen Sueden gerichtet, an die Heimat denkt, da hilft es bestimmt nur, wenn man am Duft einer Kaminwurze riechen kann, die man mit zwei Haenden umschlungen festhaelt und kleine Stuecke abnagt, waehrend die Erinnerungen an die Kindheit aus der Wurst emporzudampfen scheinen.
Sie kann ja natuerlich nicht wissen, dass ich die Dinger gierig mit einem grossen Messer aus der Packung hole, waehrend mir die Zunge aus dem Mund haengt, und mir die Sabberfluessigkeit wie Reschener Etschquellwasser auf das Hemd stroemt, alsob ich voellig ausgehungert ein ganzes Schwein abschlachten wuerde. Sie kann mich nicht sehen wie ich dann drei Wuerste innerhalb weniger Minuten verschlinge und mich nachher vor Bauchschmerzen kruemme. Nein, dazu bin ich schon viel zu lange aus den Bergen weg, als dass sie sowas wissen koennte.
Und wenn man fern der Heimat ein bisschen Bauchspeck antrainiert, dann ist das ja auch ein gutes Zeichen. Das heisst, dass es mir gut geht. Und an der Menge meines Bauchspeckes gemessen, muss ich ein ueberdurchschnittlich gluecklicher Mensch sein. Auch das beruhigt sie. Solange das Fleisch mir nicht von den Knochen faellt ist alles gut.
Ich bewahre sie jetzt erstmal auf. In einem vergrabenen Tresor, in einem zugeschuetteten Bunker zehn Meter unterhalb des Kellers, und ich werde den Schluessel erstmal schlucken. Fuenf zusaetzliche Kilos gehen momentan einfach nicht. Einfach nicht.
Das ist aber ja alles nicht schlimm, auch nicht, dass ich von der Dame des Hauses folgendes Buch bekommen habe:

Das Buch stand gluecklicherweise auf meiner Wunschliste, sonst muesste ich wohl wirklich ein bisschen an meinem Persoenlichkeitsbild herumschaben. Rede ich dauernd ueber Essen? Esse ich viel? Ich esse vielleicht gerne. Vielleicht sehr gerne. Ich koche zum Glueck genauso gerne wie ich esse. Vielleicht hat sie es mir nur geschenkt, weil sie es erotisch findet, wenn ich mit meinem blauen “I bin a Suedtiroler”-Schurz und riesigem Messer in der Kueche stehe, waehrend es ueberall dampft und bruzzelt und die Pfannen scheppern, wobei ich Luciano Pavarotti und die Sex Pistols gleichzeitig interpretiere. Ja, da geht der Punk ab, bei mir in der Kueche.
Man kann es aber auch durchaus als Aufruf zu praeziserem Kochen verstehen. Wieviele Speisen habe ich schon vermasselt? Nur weil ich nicht wusste, wieviel Senf und Wein ich in die Pfanne kippen musste? Ich ass es letztendlich doch, weil neben dem Geschmack, gab es ja auch immer Vitamine in dem einfarbigen und einfoermigen Frass. Aber die verzerrten Gesichter der Mitesser sind mir nie entgangen.
Aber nein, es ist bestimmt gut gemeint. Das Buch hat mich ja sehr viel Freude bereitet. Vielleicht, damit ich in einsamen Naechten mit feuchten Augen am Fenster sitzen kann, mit Blick gen Sueden, in richtung Heimat gerichtet.
Ueberdies schwaerme ich dauernd von der Kueche aus den Bergen.
Sie wird mir erstmal eine Wunschspeise aus dem Buche kochen. Waehrend ich faul auf dem Sofa sitzen kann und ich euch von den Dueften der Kuechenpunketta aus der Kueche berichten werde.

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