[Montag, 27.9.2021 – Kusine und Besuch]

Der erste Tag zurück im Büro. Ich meiner Abwesenheit wurden die Lücken in meinem Kalender gefüllt. Sieht sonst so ungepflegt aus.

Dennoch: bin gerne wieder zurück. Ich erzähle allen von meinem Bergaufstieg vor Tagesanbruch. Alle verstehen meine Euphorie.

Am Abend bin ich mit meiner Kusine verabredet. Sie ist zum Marathon nach Berlin gekommen und hat den Lauf in unter vier Stunden geschafft. Unsere Verabredung steht schon seit Monaten, es stand auch bereits fest, dass ich ihr ein wenig die Stadt zeige.
Sie ist mit drei Männern in Berlin. Sie sagte im Voraus, dass sie mit mir angegeben habe, ich stünde aber natürlich nicht unter Leistungsdruck. Natürlich nicht.

Sie wollte die Insiderdinger kennenlernen. Das sogenannte echte Berlin. Dass ich mit ihr nicht nach Marzahn gehen würde, war klar, dass es Berlinklischees zu erfüllen hatte, auch. Wir treffen uns am Holzmarkt25. Neben der Klischeehaftigkeit des H25 muss ich aber gestehen, dass ich die Lage an der Spree zwischen den angemalten Buden und Sand und Hipstern wirklich sehr schön finde. Auch weiss ich, dass unbedarfte Berlintouristinnen das mögen. Wer Berlin ernst nimmt, geht da natürlich nicht hin. Ich verabscheue Leute, die die Dinge zu ernst nehmen. Ausser es geht um die richtige Aussprache von holländischen Fussballspielernamen, da hört der Spass auf.

Danach spazieren wir die Eastside Gallery hinunter. Bis zur Oberbaumbrücke. Ich erkläre die Mauer, ich erkläre die Grenze, ich erkläre die Veränderungen, Mediaspree, Zalando-city, F’Hain, ich beantworte Fragen.
Das Ding ist: ich weiss alles über Berlin. Wirklich alles. Jeden historischen Furz seit der Märzrevolution und jeden zweiten historischen Furz über die Zeit davor. Ich weiss, wo früher die Strassen verliefen, wie sich die Gegenden entwickelten, warum die Strassen so heissen, wie sie heissen, welche Architektin welches Gebäude gebaut hat, wer die Mitkonkurrentinnen bei der Ausschreibung waren. Undsoweiter.
Sollte ich einmal keine Freunde mehr haben, dann verwandle ich mich einfach in einen Dokumentarfilm.

Die Instagrammibilität der Oberbaumbrücke, wenn die gelben Bahnen darüber knattern. Danach Warschauer Strasse hinauf zum RAW Gelände. Meine Besucherinnen fragen sich, ob eine Fetischparty stattfände. Sie hätten davon im Fernsehen gehört. Alles sähe hier nach Fetischparty aus. Ganz Berlin sieht irgendwie nach Fetischparty aus.

Nach einem Rundgang durch den Friedrichshainer Südkiez, setzen wir uns in ein levantinisches Restaurant am Boxhagenerplatz. Dort essen wir und trinken.
Sie kommen alle aus dem Dorf meines Vaters, aber ich kenne nur einen von ihnen flüchtig. Er ist vom Jahrgang meiner Schwester. Ich habe nur drei Jahre in jenem Dorf gewohnt und fand nie wirklich Anschluss. Ich war in einem anderen Dorf aufgewachsen und da mit langen, fettigen Haaren und Heavy Metal Tshirts hingezogen. Zugegebenermaßen war ich damals stolz darauf, keinen Anschluss zu finden.

Dennoch haben wir einen unterhaltsamen Abend. Uns ist allen bewusst, wie anders jenes Dorf vor 30 Jahren war, wie krass die Carabinieri drauf waren und wie viel Einfluss die Kirchengemeinde und die Bauern hatten. Das ist schon sehr anders.

2 Kommentare

  1. Sollte ich einmal keine Freunde mehr haben, dann verwandle ich mich einfach in einen Dokumentarfilm.

    Ich schaue mir Sie dann an, vorzugsweise auf einer großen Leinwand. Wird bestimmt interessant, mit besonderer Bildsprache.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.