[Donnerstag, 18.8.2022 – Firenze, Kuhfuss]

Die Nacht war furchtbar. Nicht wegen des frischen Tattoos, sondern wegen der stehenden Wärme in der Wohnung. Es kühlte nur langsam ab. Gegen zwei Uhr holte ich den Standventilator und stellte ihn so hin, dass er über meinen Körper pustet. Danach konnte ich eine Weile schlafen.

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Die Gespräche mit meiner Tätowiererin hallten noch lange nach. Wir redeten über Florenz, auch über Italien. Sie schilderte mir die fehlende Perspektive für junge Menschen und von einer zunehmend fehlenden Mittelschicht. Schon seit 20 oder 30 Jahren. Es gibt kaum interessante Jobs, die Gesellschaft altert, wird zunehmend konservativer. Die Stadt profitiert von einem ziemlich elitären ausländischen Tourismus, der die Renaissance um Michelangelo, Leonardo da Vinci, Raffaello usw liebt und hat sich darauf ausgerichtet. Der schöne Teil der Stadt ist aus diesem Grund so gut wie unbewohnbar geworden, weil zum Einen zu teuer, aber auch, weil es keine entsprechenden Lokale und Geschäfte für den täglichen Bedarf gibt. Restaurants sind Edeltrattorie, Geschäfte sind Juweliere, Weinhandlungen oder Boutiquen. Es ist die Stadt von Gucci.
Auch der Mercato Centrale, der ja eigentlich das Zentrum der italienischen Nahrungskultur darstellt, wird von den Florentinerinnen nur noch wegen des frischen Fisches aufgesucht, der Rest sind Feinschmeckerstände, oder es sind Stände mit ausgewähltem, überteuerten Gemüse, exklusive Weine, Waren für Italienliebhaber aus Nordeuropa oder USA.
Sie als Künstlerin beklagt sich, dass es faktisch keine lebendige Kunstszene gibt. Künstlerinnen ziehen nach Milano, London oder Berlin. Junge Menschen, die Jobs suchen auch. Alte Leute sind meist arm. Industrie gibt es keine mehr, bis auf die 500 Arbeitsplätze, die nach dem Weggang von Fiat durch eine neu gegründete Gewerkschaft gerettet wurden. Es klingt deprimierend, wie sie es schildert.

Anfang der neunziger, als ich oft in Florenz und Pisa war, hielt ich mich in der Tat meist am Stadtrand auf. Konzerte und Lesungen fanden in den Centri Sociali statt. Das sind umgewidmete Fabriksgebäude, manchmal sind die besetzt, oftmals aber auch einfach von der Stadt zur Verfügung gestellt. Centri Sociali gibt es in jeder italienischen Stadt und es sind die Orte der Subkultur, des zeitgenössischen Geschehens. Skateboarder, Bandräume, Meetingräume, Werkstätten, Bühnen usw. Irgendwie gab es damals schon wenig dazwischen. Also zwischen Hochkultur und den Centri Sociali. Vielleicht lag es aber auch daran, dass ich damals kein Geld hatte und mit 20000Lire (Zehn Euro) auf Reisen ging. Ich muss wieder einmal nach Italien. Ich muss das verstehen.

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Während sie mir ein Brecheisenmotiv auf der Haut anbrachte, fielen uns die Bezeichnungen in den verschiedenen Sprachen auf. Auf deutsch nennt man das Brecheisen auch Kuhfuss. Auf niederländisch ist es auch eine Kuh, es ist de Koevoet. Auf schwedisch auch: kovot. Auf englisch hingegen die Crowbar. Eine Krähe. Wegen der gekrümmten Füsse vielleicht, man sagt ja auch Krähenfüsse auch deutsch, aber damit mein man etwas anderes. Auf italienisch ist es hingegen ein Piede di Porco. Ein Schweinefuss. Ja, klingt auch vernünftig. Dann googlen wir spanisch und portugiesisch, da sind es Ziegenfüsse. Kühe, Schweine, Ziegen, Krähen. Schafe konnten wir allerdings nicht finden.

Update: auf französisch ist es Pied de Biche = Dammhirschkuh. Hm. Dammhirschkuh.

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