Die neue Playlist in Katastrophenmusik umbenannt, damit ich mich leichter davon wegklicken kann wenn der Atem wieder zu schwer wird, damit ich mich daran erinnere, die Leichtigkeit nicht mit der Schwere auszutauschen, wo doch die großen Dinge nicht notwendigerweise schwer sein müssen, sondern oftmals leicht wie rote Ballons da oben schweben, denen man so gerne nachschaut wenn man unten liegt und sich von den Tagen erzählt, von den Tagen die man auseinandernehmen will, auseinandernehmen und alle einzelnen Stücke umdrehen, und daran riechen meinetwegen, am liebsten gar fressen oder mit aufgerolltem Falschgeld in die Nase ziehen, suchtgefährdet wie ich bin.

Und weil ich dann wieder weiß was ich damals auch schon wußte, die Dinge vergehen, vergehen immer, und dann denke ich ein bisschen darüber nach, denke wieder an die Leichtigkeit, die Leichtigkeit der großen Dinge, die Dinge man nicht versuchen soll aufzuschreiben, oder schlimmer noch, sie auszusprechen. Nur die richtigen Dinge sagen, und dabei gar nicht merken wie sehr man beschenkt wird.

Und danach denke ich, dass ich gar nicht weiß wovon ich rede.

Katastrophenmucke 1 | 2 | 3

(achja, und dann ist ja noch die Sache mit dem neuen Jahr)

Da leert sich dann die Stadt. Und es leeren sich die Straßen. Die Lichter gehen aus hier im Hinterhof, jeden Abend ein Lichtlein weniger, mein ganz persönlicher Adventskalender. Gegenüber brennt noch das letzte Licht, daher weiß ich es: morgen ist Weihnacht.
Keine Sorge, ich bleibe immer gerne zurück. Ich passe auf, auf die abkühlenden Häuser, auf die leergekauften Läden. Ich mag Weihnachten wirklich gerne, es rieselt leise, das Fest der Liebe, und Liebe ist immer gut.

Und gerade die Liebe ist es. Als würde es sich zu zweit zu schwerlich lieben. Gomisch das.

Machts gut, ich paß schon auf alles auf.

[brautführung]

Ich habe schlecht geschlafen. Ich nehme meine Pflicht als Brautführer selbstredend ernst.
Meine drei Aufgaben sind: den Brautstrauß bewachen, die Braut beschützen und die Braut dem Bräutigam übergeben. Traditionelle Störfaktoren wie Böller um funf Uhr morgens, Straßensperren bei denen der Brautführer tief in die Geldbörse greifen muss um der Braut den Weg zum Bräutigam zu ebnen, fallen weg. Die Braut ist schließlich meine Schwester und sie sagt: Weg mit dem traditionellen Scheiß, ich will heiraten.
Ich mag meine kleine Schwester.

Mein Vater hatte sich im Vorfeld aufgeregt. Was für eine Hochzeit das denn bitte werden solle, wenn das Brautpaar keine Entführung wünsche. Keine Böller, und keine Straßensperren, er schüttelt den Kopf fragt sich wofür sie dann überhaupt heiraten würden. Aber, so sagt er dann grinsend zu mir, und senkt dabei ein wenig die Stimme, auf den Rest der Familie sei Verlaß. Für eine Brautentführung sei wenigstens gesorgt.
Ich lasse mir widerwillig die umständlichen Regeln einer Brautentführung erklären. Ich habe verschiedene Aufgaben, das heißt, ich spiele eine zentrale Rolle darin.
Was ich mir merke: ich muß auf der Verfolgungsjagd in den Gasthäusern stets die Rechnung des Entführungskomitees begleichen.

Im Salon der Frisörin erzähle ich meinen Verbündeten, die Braut, ihre die Zeugin Sabine und Julietta, vom vermutlich bevorstehenden terroristischen Akt. Die Braut greift sich an die Stirn. Wie furchtbar es doch sei. Sabine schlägt vor, die Entführung selbst in die Hand zu nehmen und mit der Braut ein paar Schnäpschen zu trinken. Die Braut säße schließlich bei uns im Auto. Der Braut gefällt die Idee und mir sowieso. Ich bin sozusagen hellauf begeistert.

Während der ganzen Prozedur, dem Tauschen der Ringe, dem Singen, dem Weinen und der Vorfreude auf das Essen, macht aufgeregtes Tuscheln die Runde. Der Trauzeuge des Bräutigams flüstert mir zu, dass es wohl eine Verschwörung gebe, die Frauen wollen die Braut entführen. Er wolle mich nur warnen, ich sei ja der Brautführer. Ich lächle siegesgewiß zurück und verrate ihm, es sei schon vorgesorgt, die Braut werde von ihrer Trauzeugin und mir persönlich entführt. Er lacht, und sagt, das sei auch nicht schlecht.
Später kommt die Trauzeugin Sabine und ich schlage vor, mit der Entführung bis nach dem Essen zu warten, Essen ginge schließlich vor. Sie sagt das ginge nicht, und ich frage, warum das denn nicht ginge und sie sagt, weil sie jetzt mit den anderen Frauen zusammen die Braut entführe.
Ich bin erst verwirrt, danach unter schwerem Schock. Meine Verbündete hat sich gegen mich gewandt. Ich sehe ein, dass ich erstmal wenig dagegen tun kann, so ist die Anzahl der Frauen beträchtlich und da ich auf fremde Fahrkünste angewiesen bin, überlege ich erstmal zu essen, vielleicht fällt mir mit vollem Magen ja etwas ein.

Zwischen dem dritten und dem vierten Gang hole ich mir Hilfe vom Bräutigam und seinem Trauzeugen. Ich weihe sie ein. Ich würde natürlich alles dafür tun, dass die Braut erst gar nicht verschwände, aber es erschleicht mich das Gefühl, dass wir zu dritt gegen eine Horde von Frauen ziemlich machtlos sind. Falls es eben nicht geht, soll mich der Trauzeuge fahren und der Bräutigam soll im Wagen sitzenbleiben bis ich ihm seine Holde bringe.
Sie nicken beide. Ein bisschen nachdenklich, aber sie nicken immerhin.

Nach dem Essen werde ich von der Oberbrautentführerin Eva eingeweiht. Sie senkt ihre Stimme und sagt, in einer halben Stunde ginge es los. Ich müsse dann ein bisschen wegschauen.
Wiewas? wegschauen? frage ich empört.
Sie lacht und antwortet, das müsse so sein.
Alles muss immer so sein wie ich es mir nicht vorgestellt habe. Ich bin der Brautbeschützer und nun fragt man mich, in jenen kurzen Augenblicken in denen ich meine Pflicht erfüllen muss, in jenem kurzen Moment der meinen Titel, ja gar meine Existenz rechtfertigt, einfach wegzuschauen.
Ich bin stinkig. Nachher lasse ich mir von den Männern die Regeln erklären.
Was ich mir diesmal merke: Es geht eigentlich nur um den Brautstrauß.
Eine Braut ohne ihren Strauß ist praktisch wertlos. Ich bin erleichtert.
Weil sich alle an der Schnapsbar und in der Raucherecke tummeln, betrete ich den leeren Speisesaal und im leeren Speisesaal sehe ich den Brautstrauß auf dem Tisch liegen. Kurz überfliegt mich ein Schuldgefühl, Mekmek, der Brautstrauß, Du hast ihn aus den Augen verloren. Doch der Überflug ist von kurzer Dauer, ich grinse ein inneres “Gni Gni” und lasse den Brautstrauß hinter der Gardine verschwinden.
Danach pfeife ich ein Lied und bestelle an der Bar einen Verdauungsschnaps.

Beim zweiten Verdauungsschnaps betritt meine Mutter das Wirtshaus und verkündet stolz, die Braut sei entführt.
Ich bin schockiert, der kurze Moment der meine Existenz rechtfertigt, ist lautlos an mir vorübergeschlichen.
Panisch rufe ich den Bräutigam und seinen Zeugen. Doch dann weist man mich an mich zu setzen. Man müsse ihnen eine Viertelstunde Vorsprung geben.
Eine Viertelstunde Vorlaufzeit? wiederhole ich fragend, und ich meine, eine bisschen Mutlosigkeit in meiner Frage gehört zu haben.
Ich lasse mir wieder von den Männern die Regeln erklären.
Was ich mir merke: Das müsse so sein.
Das müsse so sein, wiederhole ich.
Ich schaue aus dem Fenster und sehe einen Konvoi mit weißen Blumen und Schleifen auf den Autos vorbeirasen.
Mein Vater springt aufgeregt herbei: Sie sind Richtung Andrian gefahren!
Er ist aufgeregt wie ein Zwanzigjähriger. Er will wissen wer mich fahren würde, und erwähnt, wie lächerlich das sei, ein Brautführer ohne Fürerschein, was für eine lächerliche Brautentführung. Er schüttelt den Kopf. Ich antworte ihm, der Trauzeuge des Bräutigams würde fahren und der Bräutigam käme mit.
Das ginge ja gar nicht, sagt Vater. Der Bräutigam habe bei der Entführung nichts zu suchen. Der solle warten bis ihm die Braut gebracht werde, basta.
Dem Bräutigam scheint diese Idee zu gefallen. Ich beobachte wie mein Vater geschickt meinen mühsam aufgebauten Verfolgungstrupp zerstückelt. Ich ahne schlimmes, seine jugendliche Aufgeregtheit läßt mich vermuten, dass er selbst gerne die Verfolgung aufnehmen würde.
Und das macht er sehr geschickt. Er fragt den Zeugen nach seinem Auto. Dieser nennt den Hersteller.
Langsame Blechbüchse, sagt mein Vater, damit kommt man doch nirgendwo hin.
Er fuchtelt mit den Händen und sagt: Komm Sohn, ich fahr Dich.
Mir graut es. Ich hebe meinen Arm um dem Trauzeugen feierlich auf die Schulter klopfend zu sagen: Neinnein, wir beide machen das schon.
Doch als ich meine Stimme erheben will, strahlt dieser äußerst erfreut und sagt, das sei schön, dann könne er ja noch einen Schnaps bestellen.
Dann formt mein Vater das Team. Ich soll die Rechnungen bezahlen und Marco, der Feund meiner anderen Schwester soll mitfahren. Aufs Auto aufpassen oderso. Marco, Sizilianer, spricht kein einziges Wort deutsch, sagt sicherheitshalber: Ja.
Der kleine Jakob ruft aufgeregt: darfichauchmitdarfichauchmit?

Dann ist die Vorsprungsviertelstunde auch schon vorbei und wir steigen in Vaters Auto. Er tritt aufs Gaspedal und wir quietschen in Richtung Andrian. In Andrian gibt es das Wirtshaus “Zum Schwarzen Adler”, dort wo wir uns nachher zum Kuchenschneiden und Schnapstrinken treffen sollen. Der Bräutigam und die anderen Männer, würden uns dort erwarten. Die entführte Braut scheint die Männer nicht sonderlich zu kümmern.
Mein Vater trägt einen großen, schwarzen Hut. Das sieht Scheiße aus. Er flucht über die Entführerinnen: Keine Anhaltspunkte haben sie gegeben… was für eine dämliche Entführung sei das denn bitte… die können jetzt ja überall sein… ja gar bis nach Bozen gefahren… Na-Na… die sollen es sein lassen wenn sie nicht wissen wie das geht…
Ich sage, er sähe Scheiße aus mit seinem Hut. Er hört es nicht. Und dann tritt er auf die Bremse.
Am Ortsausgang steht ein Gasthaus, ich muss hineingehen und fragen ob die Braut dagewesen sei. Der kleine Jakob ist schon aus dem Auto gesprungen und wartet auf mich bei der Gasthaustüre. Ich steige aus, fühle mich ein wenig seltsam mit meiner Blume am Revers und betrete das Gasthaus. Jakob folgt mir. Am Tresen stehen ein gutes Dutzend halbleerer Sekt- und Schnapsgläser. Die Wirtsfrau kommt, lächelt müde und sagt zu mir: das macht einundzwanzig Euro. Und fügt hinzu: ich müsse das alles austrinken bevor ich weiterdürfe. Austrinken ist leicht. Der kleine Jakob fragt ob er die Sektgläser austrinken darf. Seine Mutter gehört zu den Entführerinnen. Deshalb sage ich: ja.
Und trinke selbst die Schnapsgläser leer.

Zurück im Auto fragt mein Vater als erstes ob sie einen Tipp hinterlassen haben. Ich sage: Nein. Ich sage das, weil ich keine Lust habe noch einmal hineinzugehen.
Er schimpft wieder über die miserable Qualität der Entführung und gibt Gas. Wir lassen Nals hinter uns und jagen mit dem Wagen die Kurven ins Tal hinunter Richtung Andrian.
Mitten im Wald kommt eine Kreuzung. Er fragt mich, links oder rechts? ich sage links und er fährt rechts. Ich sage zu ihm, der Hut sähe Scheiße aus.
In einer Kurve stehen dreivier Häuser. Eines davon ist ein Gasthaus. Der kleine Jakob aufgeregt von hinten: Hierhier, Evas Astra!
Ich weiß nicht wie ein Astra aussieht, aber auf dem Parkplatz vor dem Gasthaus stehen mehrere Autos mit weißen Blumen und Schleifen an der Scheibe. Mein Vater ruft: Volltreffer!
Ich steige aus, Vater steigt aus und der kleine Jakob rennt zur Gasthaustür. Marco bleibt im Wagen. Er scheint die Lichter im Tal zu zählen.

Das Gasthaus ist voll. Ganz hinten sehe ich die bekannten Gesichter der Damen aus der Brautgesellschaft. Das Entführungskommando sozusagen. Ich drängle mich durch die Menschenmassen an der Bar und plötzlich gibt es einen lauten Aufschrei. Ein Sektglas geht zu Bruch. Das Entführungskommando geht auf mich los und hält mich fest. Ich weiß nicht so recht was ich sagen soll, als ich aber meine Schwester sehe, die Braut also, bin ich ziemlich glücklich und rufe: Schwester! Hier bin ich! Ich komme! Halte durch!
Doch meine Schwester, die Braut also, schaut mich entsetzt an und ruft dem Entführungskommando zu: Kommt Mädls! Folgt mir! Durch die Küche!

Ich bleibe erstarrt zurück. Und fühle mich plötzlich ziemlich einsam. Ich schaue dem Frauenhaufen zu wie er sich hinter die Bar drängt und mit lautem Getöse in der Küche verschwindet. Die Gäste an der Bar sind amüsiert und Jakob zieht an meiner Krawatte. Was los sei, will er wissen. Ich bin der Böse, sage ich. Jakob grinst breit und sagt begeistert: Ja. Und ich bin auch böse.
Draußen herrscht große Aufregung. Mein Vater liegt bäuchlings auf der Motorhaube eines gasgebenden Autos und schreit: Wo ist die Braut?
Weiter hinten auf dem Parkplatz jagen vier Autos mit Blumen und Schleifen an der Scheibe in Richtung Parkplatzausgang. Marco kurbelt die Scheibe herunter und bringt meinen Vater zur Vernunft indem er ruft: La! La! Le macchine!
Mein Vater lässt das Auto los und sprintet zu seinem eigenen Auto. Jakob springt dazu. Bei mir dauert es ein bisschen länger. Mein Vater schreit.

Wieder im Auto sage ich zu meinem Vater, dass mir sein Hut scheißegal ist. Er beschwert sich, dass wir jetzt wieder nicht wissen wo sie hingefahren sind. Wir fahren erst in Richtung Andrian weiter, nach einigen Weggabelungen beschließen wir links nach Lana zu fahren, doch dann merken wir, dass Lana zu weit sei und wir kurven dann wieder mit mörderischem Tempo durch die Apfelwiesen Richtung Andrian. Ich sage zu meinem Vater, dass wir aber schon ein bisschen schnell unterwegs seien. Und er sagt ich solle die Frauen (Scheißweiber, die sollen das Entführen sein lassen wenn sie nicht wissen wie das geht) anrufen, weil sie uns schon wieder keinen Tip hinterlassen haben. Bevor ich ihn nach seinem Mobiltelefon fragen kann, nimmt er es selbst in die Hand und wählt die Nummer meiner Schwester.
“(Ma porcohittneini) Wo seid ihr denn? (…) Blauer Kirchturm (…) aha (…)”
Er legt wieder auf und sagt: Ein blauer Kirchturm, sie sind in Vilpian.
Ich sage, Terlan habe aber auch einen blauen Kirchturm, und übrigens, der in Vilpian sei doch eher gräulich.
Wir fahren natürlich nach Vilpian, ans andere Ende der Talsohle. Das Etschtal ist kein typisches Alpental. Das Etschtal ist sozusagen eine weite Ebene mit steilen Wänden an den Seiten. Und dazwischendrin eine Art Autobahn, eine Zugstrecke und unzählige zwei Meter breite Asphaltstraßen die die Apfelwiesen durchschneiden. Wir durchschneiden die Apfelwiesen bei Tempo achtzig während mein Vater telefoniert. Ich fange wieder an, seinen Hut scheiße zu finden.

In Vilpian gibt es weit und breit keinen Hochzeitskonvoi, also fahren wir gen Süden nach Terlan. In Terlan, auf dem Dorfplatz vor dem bläulichen Kirchturm stehen mehrere blumenverzierte Autos. Alle steigen aus, sogar Marco. Ich bleibe kurz sitzen, erinnere mich aber daran, dass jemand die Rechnung bezahlen muss, nein, nicht jemand, sondern ich, und steige auch aus. Ich latsche über den Platz am Glühweinstand vorbei zum Gasthaus. Am Glühweinstand verrät mich meine Blume am Revers. Die Leute lachen und prosten mir zu. Das ganze Dorf weiß bescheid.
Ich betrete das Gasthaus, die Gäste machen mir Platz. Das Entführungskommando wurde natürlich längst von meinen männlichen Begleitern verscheucht. Ich gehe zum Tresen und frage nach der Rechnung. Ich setze mich hin, schaue ein wenig betrübt und bestelle einen Schnaps dazu. Die Wirtin lächelt, sagt, dreiunddreißig Euro und fragt ob ich der Bräutigam sei. Ich nicke, stelle dann aber fest, dass ich nicht der Bräutigam bin sondern der Brautführer, korrigiere mein Nicken und frage ob sie mir den Schnaps doppelt machen könne. Sie macht ihn doppelt und sagt: Geht aufs Haus.

Dann verlasse ich das Gasthaus und auf dem Platz rennt mir der kleine Jakob in die Arme: Wo! bleibst! du! denn!
Dann sehe ich meinen Vater mit mörderischem Tempo quer über den Platz fahren. Der Platz der eigentlich Fußgängern vorenthalten ist. Vor uns hält er und schreit: Wo! bleibst! du! denn!
Ich steige ein. Die Frauen seien vorne links abgebogen, sie seien also unterwegs nach Andrian. Andrian ist gut, denke ich, das Endziel sozusagen. Ich drehe mich zu Marco um und sage auf italienisch, dass der Hut meines Vaters Scheiße aussehe. Er sagt: Si. Das freut mich.
Die Äpfelbäume verschwimmen bei hoher Geschwindigkeit zu einer grauen Wand. Ich mag das. Es erinnert mich an früher, als es immer so viel geschnien hat, als an der Straße immer die hohen schmutzigweißen Schneewände standen.

Kurz vor Andrian tritt mein Vater voll in die Bremse. Es quietscht. Und als wir stillstehen, stehen wir quer vor einem Parkplatzausgang. Der Parkplatz gehört zu einem Wirtshaus. Mein Vater hat sehr geschickt gebremst, da der Ausgang der einzige Ausgang ist, kann niemand mehr raus. Das Entführungskomitee samt Braut ist sozusagen gefangen. Sozusagen, weil eines der Entführerautos die Situation augenblicklich erkannt hat und dabei ist das eingemauerte Blumenbeet, das den Parkplatz auf der hinteren Seite von der Straße abschneidet, umzufahren. Der kleine Jakob wirft sich auf ein willkürliches Entführerauto, mein Vater versucht das flüchtende Auto aufzuhalten und Marco läuft den Parkplatz ab.
Ich reiße die erste Wagentür auf. Es sind Sabine und Julietta. Wertlos. Trotz Juliettas schwarzen, kurzen Kleidchens.
Doch beim nächsten Wagen habe ich Erfolg. Es ist Evas Auto und die Braut sitzt drin. Der gesamte Wageninhalt schreit auf. Da die Braut hinten sitzt und die hinteren Türen verschlossen sind, tauche ich vorne über die Eva in den Wagen ein und greife nach der Braut.
Sie schreit Vokale. Später fügt sie den Vokalen Konsonanten hinzu und plötzlich verstehe ich was sie zu sagen versucht: sie habe den Strauß gar nicht.
Ich überprüfe sie und stelle fest, dass sie die Wahrheit spricht.
Die Braut ohne ihren Strauß, auf diese Situation bin ich nicht vorbereitet. Ich liege wie ein Torpedo in einem Auto, quer über verschiedene Menschen hinweg, halte die Braut fest und realisiere, dass ich eigentlich gar nicht die Braut brauche, sondern den Strauß. Ich frage, ob das die Regeln sind, woraufhin mir von den anwesenden Frauen die Regeln erklärt werden.
Was ich mir merke: die Braut ist gar nicht so wichtig.
Dämlicherweise wusste ich das eigentlich schon, somit überlege ich, was nun am besten zu tun sei. Dann fällt mir auf, dass ich ziemlich unbequem liege, also kämpfe ich mich wieder nach draußen. Die Fahrerin Eva ist erleichtert.

Dann weiß ich nicht genau was geschieht. Was ich registriere ist Sabine, die versucht Vaters Auto aus der Auffahrt wegzufahren, weil mein Vater die Schlüssel steckenlassen hat und gerade auf der Motorhaube eines anderen Autos liegt. Marco hindert Sabine daran das Auto von der Einfahrt wegzuparken.
Die Mutter des Bräutigams rennt von einem Auto über den Parkplatz zu einem anderen Auto und hat eine dicke Beule unter ihrem Kleid was verdächtig nach einem versteckten Brautstrauß aussieht. Und Vater liegt später auf der Motorhaube eines anderen Autos.
Als ich wieder koordinierter wahrnehmen kann, steht der kleine Jakob vor mir. Er hält mir den Brautstrauß entgegen und sagt: jetzt noch die Braut.

Die Braut ist einfach. Der Beifahrersitz im Auto der Braut ist aus irgendeinem Grund frei, ich setze mich rein und sage der Fahrerin sie solle nun zum Schwarzen Adler fahren. Der Bräutigam warte. Ich hebe den Strauß und alles verstummt. Der kleine Jakob ruft mein Team zusammen und alles scheint sich zum Ende zu neigen. Ich habe es geschafft und die Öffentlichkeit nimmt daran teil. Schön ist das. Ich muß allerdings dreimal wiederholen, dass die Fahrerin jetzt losfahren solle, bis sie mich endlich ernst nimmt.

Irgendwie scheint jetzt alles ruhig geworden zu sein. Die Braut ist unter Dach und Fach, wir sind auf dem Weg zum Bräutigam und es hat keine Toten gegeben. Die Entführung hat ein gutes Ende genommen. Doch dann geschieht die Katastrophe. Die Katastrophe für meine Ehre jedenfalls.
Beim Schwarzen Adler auf dem Parkplatz halten wir. Neben uns parkt Sabine. Die Braut steigt aus — Und steigt in Sabines Wagen wieder ein. Sabines Auto brummt laut auf und fährt los, talabwärts.
Bevor ich das alles richtig verstanden habe, startet auch Eva den Wagen und fährt los. Jedoch talaufwärts.

So sitze ich in Evas Wagen, hinten lachen die Frauen, und ich versuche vorsichtig ein Bild dieser neuen Situation zusammenzuschustern. Die erste Sache ist klar, die Braut ist wieder weg. Die zweite Sache ist ein wenig schwieriger zu verstehen, deshalb frage ich bei Eva nach. Ob sie jetzt umkehren würde und der Braut nachführe wenn ich es ihr befehle. Sie schüttelt prustend den Kopf und drückt aufs Gaspedal. Sie fährt achtzig. Den Berg hoch.
Ich bin also ein Gefangener. Ich wäre lieber eine Geisel.
Wir sind schon ein ganzes Stück gefahren, mir fällt keine neue Taktik ein. Es ist nicht einfach, die Aussicht hier oben ist schön, man kann fast das ganze obere Etschtal überblicken, zudem läuft im Radio Schrammelmusik. Doch dann bittet mich Eva, kurz das Lenkrad festzuhalten, sie müsse ihre Jacke ausziehen. Nichts lieber als das, und hier wittere ich meine Chance, ein bisschen Macht über mein eigenes Schicksal wiederzuerlangen. Doch ich muss michselbst enttäuschen. Ich bin ein miserabler Autofahrer und ich traue mich nicht, durch gefährliche Manöver mit dem Lenkrad, den Seelenfrieden meiner Entführerinnen zu stören.
Doch das bessere Erpressungsmittel bietet sich gleich im Anschluß daran an, als Eva mir verächtlich ihre Jacke auf meinen Schoß wirft.

Sie kehrt abrupt um. Und sie schreit, da sei ihr Handy drin, da sei ihr Geld drin, während ich die Jacke aus dem Fenster halte. Und ein bisschen grinse.

Wieder zurück beim Schwarzen Adler befehle ich der Fahrerin anzuhalten. Sie gehorcht. Ich halte den Strauß hoch und sage, dass ich den Strauß habe und ich jetzt reingehen würde, zum Bräutigam, und ihm den Strauß überreichen. Ein bisschen merkwürdig scheint mir das schon, so will er doch die Braut haben und nicht ihren Strauß, aber ging es nicht letztendlich um den Strauß?
Ich lasse mir wieder die Regeln erklären.
Was ich mir diesmal merke: Braut und Strauß sind mir wurscht.

Mit dem zerfledderten Brautstrauß betrete ich stampfend das Lokal. Die Männer stehen an der Schnapsbar und prosten mir lachend zu (Ein Prosit auf den Entführten Brautführer!), ich beschließe sie zu ignorieren, gehe in die Wirststube und sehe das glückliche Brautspaar. Die Braut sitzt mit einem strahlenden Lächeln bei ihrem Bräutigam.

Ich setze mich neben sie und verschränke die Arme.

Nachher kommt mein Vater rein. Die Braut sagt zu mir: Sieht unmöglich aus, der Hut, gell?
Ich nicke.