…

Die neue Playlist in Katastrophenmusik umbenannt, damit ich mich leichter davon wegklicken kann wenn der Atem wieder zu schwer wird, damit ich mich daran erinnere, die Leichtigkeit nicht mit der Schwere auszutauschen, wo doch die großen Dinge nicht notwendigerweise schwer sein müssen, sondern oftmals leicht wie rote Ballons da oben schweben, denen man so gerne nachschaut wenn man unten liegt und sich von den Tagen erzählt, von den Tagen die man auseinandernehmen will, auseinandernehmen und alle einzelnen Stücke umdrehen, und daran riechen meinetwegen, am liebsten gar fressen oder mit aufgerolltem Falschgeld in die Nase ziehen, suchtgefährdet wie ich bin.

Und weil ich dann wieder weiß was ich damals auch schon wußte, die Dinge vergehen, vergehen immer, und dann denke ich ein bisschen darüber nach, denke wieder an die Leichtigkeit, die Leichtigkeit der großen Dinge, die Dinge man nicht versuchen soll aufzuschreiben, oder schlimmer noch, sie auszusprechen. Nur die richtigen Dinge sagen, und dabei gar nicht merken wie sehr man beschenkt wird.

Und danach denke ich, dass ich gar nicht weiß wovon ich rede.

Katastrophenmucke 1 | 2 | 3

(achja, und dann ist ja noch die Sache mit dem neuen Jahr)

…

Da leert sich dann die Stadt. Und es leeren sich die Straßen. Die Lichter gehen aus hier im Hinterhof, jeden Abend ein Lichtlein weniger, mein ganz persönlicher Adventskalender. Gegenüber brennt noch das letzte Licht, daher weiß ich es: morgen ist Weihnacht.
Keine Sorge, ich bleibe immer gerne zurück. Ich passe auf, auf die abkühlenden Häuser, auf die leergekauften Läden. Ich mag Weihnachten wirklich gerne, es rieselt leise, das Fest der Liebe, und Liebe ist immer gut.

Und gerade die Liebe ist es. Als würde es sich zu zweit zu schwerlich lieben. Gomisch das.

Machts gut, ich paß schon auf alles auf.

[brautführung]

Meine Schwester wollte, dass ich ihr Brautführer sei. Es ist mir eine große Ehre, meine Schwester bis zum Altar zu begleiten.

Weil ich bereits seit vielen Jahren nicht mehr in Südtirol lebe und ich in meiner Jugend auch nie sonderlich ein Freund der Traditionen gewesen bin, weiss ich allerdings nicht genau, was ein Brautführer ist. Ich weiss, was ein Trauzeuge ist, ich weiss, was ein Bräutigam ist und ich weiss, was ein Pfarrer ist. Beim Brautführer bin ich mir nicht ganz so sicher. Aber alle sagten: oh du bist der Brautführer, schön. Zwinkerzwinker.

Das Zwinkerzwinker beunruhigte mich ein wenig, ich wollte aber nicht als Unwissend dastehen und beschloss, ruhig zu bleiben, ich würde die Bedeutung schon im Laufe der Zeit erfahren.

Ich nehme meine Pflicht als Brautführer selbstredend ernst und fragte daher Monate im Voraus, was ich als Brautführer eigentlich tun müsse. Dabei erfuhr ich, dass ich drei Aufgaben hätte:

  • den Brautstrauß bewachen
  • die Braut beschützen
  • die Braut dem Bräutigam übergeben

Das sind drei einfache Aufgaben.

Am Vorabend ist zu Hause viel los. Mein Vater ist da, die Cousinen, auch die Brautzeugin Sabine. Dann kommt auch die Nachbarin auf ein Glas Weißwein vorbei. Sie bewundert das Brautkleid und beschwert sich über Hochzeiten. Über Hochzeiten generell. Sie fügt aber auch hinzu, dass Hochzeiten immerhin moderner geworden sind. Nicht mehr so wie früher, wo immer Böller gezündet und Straßensperren errichtet wurden. Sie nannte es den “traditionellen Scheiß”. Oder noch hinrissiger sei ja: Die Entführung der Braut. Da werde einfach die Braut entführt und alle drehen durch und ständig gibt es Unfälle.

Ich hebe meine Augenbrauen und schaue etwas besorgt meine Schwester an. Sie holt weit mit dem Arm aus und sagte: Weg mit dem traditionellen Scheiß, ich will nur heiraten!

Meine Schwester und ihr zukünftiger Ehemann wohnen seit Jahren in Wien, sie kennen die Traditionen ohnehin nicht mehr.

Ich liebe meine Schwester und bin beruhigt.

Auch mein Vater kommt vorbei. Als er davon erfährt, dass das Ehepaar nichts mit diesen Traditionen zu tun haben will, regt er sich auf. Was für eine Hochzeit das denn bitte sei. Keine Böller, keine Straßensperren, er schüttelt den Kopf: Nicht mal eine Entführung gibt es. Er fragte, wofür sie dann überhaupt heiraten wollten.

Am Tag der Hochzeit bin ich ständiger Begleiter meiner Schwester. Früh am Morgen gehen wir zur Stylistin Renate. Meine Mutter ist dabei, meine kleinere Schwester, auch die Trauzeugin wieder. Es ist unterhaltsam. Wir trinken Kaffee und wir plaudern. Als Renate davon erfährt, dass ich der Brautführer bin, sagt sie: Ooh. Dann lacht sie und zwinkert mir zu.

Danach kommt mein Vater, da ich mit ihm zur Kirche fahren werde. Während wir auf meine Schwester warten, begleite ich ihn auf eine Zigarette vor dem Salon. Dort steckt er mir die Info, dass auf den anderen Teil der Familie Verlass sei, es werde nämlich für eine Brautentführung gesorgt. Er hält sich den Finger vor dem Mund, ich solle darüber aber schweigen.

Ich sagte: aber eine Entführung sei ja schlecht für mich.

Er sagte, das sei nicht schlecht. Ich müsse nur die Braut finden und alle Rechnungen zahlen. Ich frage, wie meinst du, ich muss die Rechnungen zahlen?

Er erklärt mir die Regeln: dass die Braut und die Entführungsgesellschaft in die Bars gingen, sich betrinken und dann die Zeche prellen. Die Rechnung müsse dann ich begleichen.

Was? Ich?

Ja genau. Der Brautführer. 

Warum der Brautführer?

Weil das so ist.

Im Salon der Frisörin erzähle ich meinen Verbündeten, vom vermutlich bevorstehenden Akt. Die Braut greift sich an die Stirn. Wie furchtbar das doch sei. Sabine schlägt vor, die Entführung selbst in die Hand zu nehmen und mit der Braut ein paar Schnäpschen zu trinken. Die Braut säße schließlich bei uns im Auto und könne daher nicht von Dritten entführt werden. Den Frauen gefällt die Idee und mir sowieso. Ich bin sogar richtig begeistert.

Es wird Nachmittag. Die Ringe werden getauscht, es wird gesungen, geweint und es gibt Vorfreude auf das Essen. Auf dem Weg von der Kirche ins Gasthaus spricht mich der Trauzeuge des Bräutigams an, offenbar hätten sich die Frauen zusammengetan um die Braut zu entführen. Er wolle mich nur warnen, ich sei ja der Brautführer. Zwinkerzwinker. Ich zwinkerzwinkere siegesgewiss zurück und verrate ihm, es sei schon vorgesorgt, die Braut werde von ihrer Trauzeugin und mir persönlich entführt. Er lacht und gibt mir einen anerkennenden Blick, und sagt, das sei ein gewiefter Plan.

Etwas später kommt die Trauzeugin Sabine und ich schlage vor, mit der Entführung bis fünf zu warten, damit wir noch in Ruhe ein paar Grappas nehmen könnten. Sie sagt das ginge nicht, und ich frage, warum das denn nicht ginge und sie sagt, weil sie gleich nach dem Essen mit den anderen Frauen die Braut entführe. Nur mit den Frauen.

Ich bin zuerst verwirrt, was würde nun aus unseren eigenen Entführungplänen, frage ich. Die sagt, die sind dann wohl gecancelt. Ich so: wie gecancelt. Neue Regeln, sagt sie. Zwinkerzwinker.

Wie sieht dann meine Rolle darin aus? Will ich wissen. Das wüsste sie auch nicht, sagt sie, aber ich bin dann wohl nicht Teil des Entführungskomittees. Neue Regeln.

Ich glaube der Sache noch nicht so recht, belächle die Situation und erzähle es meiner Schwester, der Braut. Sie ist sehr beschäftigt, umringt von Menschen, die mit ihr reden wollen, ich bin aber etwas beunruhigt und drängle mich dazwischen. Ja, davon habe sie auch gehört, ja, schon verrückter Plan, sie lächelt Tanten an und nimmt Geschenke entgegen. Ich setze mich erstmal an den Tisch, trinke ein Bier.

Zwischen dem dritten und dem vierten Gang hole ich mir Hilfe vom Bräutigam und seinem Trauzeugen. Ich weihe sie ein. Ich würde natürlich alles dafür tun, dass die Braut erst gar nicht verschwände, aber es erschleicht mich das Gefühl, dass wir zu dritt gegen zwei Dutzend Frauen ziemlich machtlos sind. Und die Braut nähme die Situation nicht sonderlich ernst. Falls wir es nicht verhindern können, soll mich der Trauzeuge fahren und der Bräutigam soll im Wagen sitzenbleiben bis ich ihm seine Holde bringe.

Sie nicken beide. Sie nicken mit wenig Begeisterung, aber sie nicken immerhin.

Nach dem Essen werde ich von meiner zukünftigen Schwippschwägerin Eva eingeweiht. Eva ist der Kopf der Entführung. Sie senkt ihre Stimme und sagt, in einer Viertelstunde ginge es los. Ich müsse dann ein bisschen wegschauen.

Wiewas wegschauen? 

Sie lacht mich aus, und sagt: das ist so.

Alles ist immer so. Ich bin der Brautbeschützer und nun sagt man mir, in jenem kurzen Augenblick, in dem ich meiner Pflicht als Brautführer nachkommen muss, einfach wegzuschauen.

Ich bin stinkig. Ich gehe zu den Männern. Sie wissen auch nicht so genau, wie mit der Situation umzugehen sei. Sie kennen aber die Regeln. Wir gehen sie noch einmal durch. Der Brautführer muss:

  • den Brautstrauß bewachen
  • die Braut beschützen
  • die Braut dem Bräutigam übergeben

Einer der Männer weist mich darauf hin, dass es wohl hauptsächlich um den Brautstrauß geht. Eine Braut ohne ihren Strauß ist praktisch wertlos. Ich bin erleichtert.

Weil sich alle an der Schnapsbar und in der Raucherecke tummeln, betrete ich den leeren Speisesaal und im leeren Speisesaal sehe ich den Brautstrauß auf dem Tisch liegen. Kurz überfliegt mich ein Schuldgefühl: Oh Gott, Du hattest die ganze Zeit den Brautstrauß aus den Augen verloren. Doch der Überflug ist von kurzer Dauer, und ich lasse den Brautstrauß hinter der Gardine verschwinden.

Danach bestelle ich an der Bar einen Verdauungsschnaps. Ohne Strauß kann die Braut auch nicht entführt werden.

Beim zweiten Verdauungsschnaps betritt meine Mutter das Wirtshaus und verkündet stolz, die Braut sei entführt. Eigentlich hatte ich erwartet, dass die Frauen aufgeregt den Strauss suchen. Die siegessichere Verkündung meiner Mutter überrascht mich allerdings. Daher checke ich im Speisesaal die Gardinen. Der Brautstrauss ist nicht mehr da. Ich rufe den Bräutigam und seinen Zeugen. Wir müssen los. Doch die anderen Männer weisen mich an, mich zu setzen. Man müsse ihnen eine Viertelstunde Vorsprung geben.

Eine Viertelstunde Vorsprung?

Ja, eine Viertelstunde Vorsprung.

Ich lasse mir wieder von den Männern die Regeln erklären.

Es ist eine vierte Regel hinzugekommen, die heißt: Das muss so sein.

Ich schaue aus dem Fenster und sehe einen Konvoi mit weißen Blumen und Schleifen auf den Autos vorbeirasen.

Mein Vater springt aufgeregt von der Terrasse in den Schankraum: sie sind Richtung Andrian gefahren!

Er ist aufgeregt wie ein Zwanzigjähriger. Er will wissen, wer mich fährt, und erwähnt, wie lächerlich das sei, ein Brautführer ohne Führerschein, was für eine lächerliche Brautentführung. Er schüttelt den Kopf. Ich antworte ihm, der Trauzeuge des Bräutigams würde fahren und der Bräutigam käme mit.

Das ginge ja gar nicht, sagt Vater. Der Bräutigam hat bei der Entführung nichts zu suchen. Der muss warten, bis ihm die Braut gebracht werde, basta. Ich ahne, dass mein Vater eine fünfte Regel aufgetischt hat, von der er sich nicht abbringen lassen wird.

Dem Bräutigam scheint diese Idee zu gefallen. Ich beobachte, wie mein Vater geschickt meinen mühsam aufgebauten Rettungstrupp demontiert. Seine jugendliche Aufgeregtheit läßt mich schlimmes ahnen. Er fragt den Trauzeugen nach seinem Auto. Dieser nennt den Hersteller.

Langsame Blechdose, sagt mein Vater, damit kommt man doch nirgendwo hin.

Er fuchtelt mit den Händen und sagt: Komm Sohn, ich fahr dich!

Mir graut es. Ich hebe meinen Arm, um dem Trauzeugen feierlich auf die Schulter klopfend zu sagen: Neinnein, wir beide machen das schon.

Doch als ich dazu ansetzen will, strahlt dieser erfreut und sagt, das sei schön, dann könne er ja noch einen Schnaps trinken.

Also formt mein Vater das Team. Ich soll die Rechnungen bezahlen und Marco, der Freund meiner anderen Schwester soll mitfahren. Aufs Auto aufpassen oderso. Marco, Sizilianer, spricht kein einziges Wort deutsch, sagt sicherheitshalber: Ja.

Der kleine Jakob ruft aufgeregt: darfichauchmitdarfichauchmit?

Dann ist die Vorsprungsviertelstunde auch schon vorbei und wir steigen in Vaters Auto. Er tritt aufs Gaspedal und wir quietschen in Richtung Andrian. In Andrian gibt es das Wirtshaus “Zum Schwarzen Adler”, dort wo wir uns nachher zum Kuchenschneiden und Schnapstrinken treffen sollen. Der Bräutigam und die anderen Männer, würden uns später dort erwarten. Die Männer scheinen sich nicht sonderlich für die entführte Braut zu interessieren. Sie nippen am Bier.

Mein Vater trägt einen großen, schwarzen Hut. Er hat sein ganzes Leben lang nie einen Hut getragen, aber gerade heute trägt er diesen bescheuerten, riesigen Hut. Er flucht über die Entführerinnen: keine Anhaltspunkte haben sie gegeben… was für eine dämliche Entführung… die können jetzt ja überall sein… ja gar bis nach Bozen gefahren… Na-Na… die sollen es sein lassen, wenn sie nicht wissen wie das geht…

Ich sage, der Hut sähe bescheuert aus. Er hört es nicht. Und dann tritt er auf die Bremse.

Am Ortsausgang steht ein Gasthaus, ich muss hineingehen und fragen ob die Braut dagewesen sei. Der kleine Jakob ist schon aus dem Auto gesprungen und wartet auf mich bei der Gasthaustür. Ich steige aus, fühle mich ein wenig seltsam mit meiner Blume am Revers und betrete das Gasthaus. Jakob folgt mir. Am Tresen stehen ein gutes Dutzend halbleerer Sekt- und Schnapsgläser. Die Wirtsfrau kommt, lächelt müde und sagt zu mir: das macht einundvierzig Euro. Und fügt hinzu: ich müsse alle halbleeren Gläser austrinken bevor ich weiter dürfe. Das habe sie als Auftrag bekommen. Ich nehme an, das ist eine neue Regel, die ich zu befolgen habe, aber Austrinken ist leicht. Der kleine Jakob ist sieben und fragt mich ob er die Sektgläser mit austrinken darf. Seine Mutter gehört zu den Entführerinnen. Deshalb sage ich: ja.

Zurück im Auto fragt mein Vater als erstes ob sie einen Tipp hinterlassen haben. Ich sage: Nein. Ich sage das, weil ich keine Lust habe noch einmal hineinzugehen.

Er schimpft wieder über die miserable Qualität der Entführung und gibt Gas. Wir lassen Nals hinter uns und jagen mit dem Wagen die Kurven ins Tal hinunter Richtung Andrian.

Mitten im Wald kommt eine Kreuzung. Er fragt mich, links oder rechts? Ich sage links. Er fährt rechts. Ich frage ihn, wo er den Hut eigentlich her habe.

In einer Kurve stehen drei vier Häuser. Eines davon ist ein Gasthaus. Der kleine Jakob aufgeregt von hinten: Hierhier, Evas Astra!

Ich weiß nicht, wie ein Opel Astra aussieht, aber auf dem Parkplatz vor dem Gasthaus stehen mehrere Autos mit weißen Blumen und Schleifen an der Scheibe. Mein Vater ruft: Volltreffer!

Ich steige aus, Vater steigt aus und der kleine Jakob rennt zur Gasthaustür. Marco bleibt im Wagen. Er schaut auf die schönen Lichter im Tal.

Das Gasthaus ist voll. Ganz hinten sehe ich die bekannten Gesichter der Damen aus der Brautgesellschaft. Ich drängle mich durch die Menschenmassen an der Bar und plötzlich gibt es einen lauten Aufschrei. Ein Sektglas geht zu Bruch. Das Entführungskommando rennt auf mich zu und hält mich fest. Ich weiß nicht so recht, was ich sagen soll, als ich aber meine Schwester sehe, die Braut also, bin ich ziemlich glücklich und rufe: Schwester! Hier bin ich! Ich komme! Halte durch!

Doch meine Schwester schaut mich entsetzt an und ruft dem Entführungskommando zu: Kommt Mädls! Folgt mir! Durch die Küche!

Wie eine Seppelwurzel bleibe ich stehen. Ich schaue dem Frauenhaufen zu, wie er sich hinter die Bar drängt und mit lautem Getöse in der Küche verschwindet. Die Gäste an der Bar sind amüsiert und Jakob zieht an meiner Krawatte. Was los sei, will er wissen. Ich bin der Böse, sage ich. Jakob grinst breit und sagt begeistert: Ja. Und ich bin auch böse.

Draußen herrscht große Aufregung. Mein Vater liegt bäuchlings auf der Motorhaube eines gasgebenden Autos und schreit: Wo ist die Braut?

Weiter hinten auf dem Parkplatz jagen vier Autos mit Blumen und Schleifen an der Scheibe in Richtung Parkplatzausgang. Marco kurbelt die Scheibe herunter und zeigt auf die jagenden Autos. Er ruft: La! Dietro! Le macchine!

Mein Vater lässt das Auto los und sprintet zu seinem eigenen Auto. Jakob springt dazu. Bei mir dauert es ein bisschen länger. Mein Vater schreit.

Wieder im Auto sage ich zu meinem Vater, dass mir sein Hut scheißegal ist. Er beschwert sich, dass wir jetzt wieder nicht wissen, wo sie hingefahren sind. Wir fahren erst in Richtung Andrian weiter, nach einigen Weggabelungen beschließen wir links nach Lana zu fahren, doch dann merken wir, dass Lana zu weit ist und wir kurven dann wieder mit mörderischem Tempo durch die Apfelwiesen Richtung Andrian. Ich sage zu meinem Vater, dass wir aber schon ein bisschen schnell unterwegs seien. Und er sagt, ich solle die Frauen (Scheißweiber, die sollen das Entführen sein lassen wenn sie nicht wissen wie das geht) anrufen, weil sie uns schon wieder keinen Tipp hinterlassen haben. Bevor ich ihn nach seinem Mobiltelefon fragen kann, nimmt er es selbst in die Hand und wählt die Nummer meiner Schwester.

“(Ma porcohittneini) Wo seid ihr denn? (…) Blauer Kirchturm (…) aha (…)”

Er legt wieder auf und sagt: Ein blauer Kirchturm, sie sind in Vilpian.

Ich sage, Vilpian hat eher einen gräulichen Kirchturm, der in Terlan sei blau.

Weil mein Vater am Steuer sitzt, fahren wir natürlich nach Vilpian, ans andere Ende der Talsohle. Das Etschtal ist kein typisches V-förmiges Alpental. Das Etschtal ist sozusagen eine weite Ebene mit steilen Wänden an den Seiten. Und dazwischendrin eine Art Autobahn, eine Zugstrecke und unzählige zwei Meter breite Asphaltstraßen die die Apfelwiesen durchschneiden. Wir durchschneiden die Apfelwiesen bei Tempo achtzig während mein Vater telefoniert. Ich fange wieder an, seinen Hut zu hassen.

In Vilpian gibt es weit und breit keinen Hochzeitskonvoi, also fahren wir in Richtung Süden nach Terlan. In Terlan, auf dem Dorfplatz vor dem – blauen Kirchturm stehen mehrere blumenverzierte Autos. Alle steigen aus, sogar Marco. Ich bleibe kurz sitzen, erinnere mich aber daran, dass jemand die Rechnung bezahlen muss, nein, nicht jemand, sondern ich, und steige auch aus. Ich latsche über den Platz am Glühweinstand vorbei zum Gasthaus. Am Glühweinstand verrät mich meine Blume am Revers. Die Leute lachen und prosten mir zu. Das ganze Dorf weiß Bescheid.

Ich betrete das Gasthaus, die Gäste machen mir Platz. Das Entführungskommando wurde natürlich längst von meinen männlichen Begleitern verscheucht. Ich gehe zum Tresen und frage nach der Rechnung. Ich setze mich hin, schaue ein wenig betrübt und bestelle einen Schnaps dazu. Die Wirtin lächelt, sagt, dreiundvierzig Euro und fragt, ob ich der Bräutigam sei. Ich nicke, stelle dann aber fest, dass ich nicht der Bräutigam bin sondern der Brautführer, korrigiere mein Nicken und frage ob sie mir den Schnaps doppelt machen könne. Sie macht ihn doppelt und sagt: der geht aufs Haus.

Dann verlasse ich das Gasthaus und auf dem Platz rennt mir der kleine Jakob in die Arme: Wo! bleibst! du! denn!

Dann sehe ich meinen Vater mit mörderischem Tempo quer über den Platz fahren. Der Platz der eigentlich Fußgängern vorenthalten ist. Vor uns hält er und schreit: Wo! bleibst! du! denn!

Ich steige ein. Die Frauen seien vorne links abgebogen, sie seien also unterwegs nach Andrian. Andrian ist gut, denke ich, das Endziel sozusagen. Ich drehe mich zu Marco um und frage ihn auf italienisch, ob er den Hut meines Vaters auch albern fände. Er sagt: Si. Das freut mich.

Die Äpfelbäume verschwimmen bei hoher Geschwindigkeit zu einer grauen Wand. Ich mag das. Es erinnert mich an früher, als es immer so viel geschneit hat, als an der Straße immer die hohen schmutzigweißen Schneewände standen.

Kurz vor Andrian tritt mein Vater voll in die Bremse. Es quietscht. Und als wir stillstehen, stehen wir quer vor einem Parkplatzausgang. Der Parkplatz gehört zu einem Lagerhaus oder einer Sporthalle. Mein Vater hat sehr geschickt gebremst, da der Ausgang der einzige Ausgang ist, kann niemand mehr raus. Das Entführungskomitee samt Braut ist sozusagen gefangen. Sozusagen nur. Weil eines der Entführerautos die Situation sofort erkannt hat und dabei ist das eingemauerte Blumenbeet, das den Parkplatz auf der hinteren Seite von der Straße abschneidet, umzufahren. Der kleine Jakob wirft sich auf ein willkürliches Entführerauto, mein Vater versucht das flüchtende Auto aufzuhalten und Marco läuft den Parkplatz ab.

Ich reiße die erste Wagentür auf. Es sind Sabine und ein paar andere Frauen. Wertlos. 

Doch beim nächsten Wagen habe ich Erfolg. Es ist Evas Auto und die Braut sitzt drin. Der gesamte Wageninhalt schreit auf. Da die Braut hinten sitzt und es sich um ein Zweitürer handelt, tauche ich vorne über die Eva in den Wagen ein und greife nach der Braut.

Sie schreit Vokale. Später fügt sie den Vokalen Konsonanten hinzu und plötzlich verstehe ich, was sie zu sagen versucht: sie habe den Strauß gar nicht.

Ich überprüfe sie und stelle fest, dass sie die Wahrheit spricht.

Der Strauß. Regel Nummer eins.

Die Braut ohne ihren Strauß, auf diese Situation bin ich nicht vorbereitet. Ich liege wie ein Torpedo in einem Auto, quer über verschiedene Menschen hinweg, halte die Braut fest und realisiere, dass ich eigentlich gar nicht die Braut brauche, sondern den Strauß. Ich frage, ob das die Regeln sind, woraufhin mir die anwesenden Frauen die Regeln erklären.

Was ich mir merke: die Braut ist gar nicht so wichtig.

Dämlicherweise wusste ich das eigentlich schon, somit überlege ich, was nun am besten zu tun sei. Dann fällt mir auf, dass ich ziemlich unbequem liege, also kämpfe ich mich wieder nach draußen. Eva ist erleichtert.

Dann weiß ich nicht genau was geschieht. Was ich registriere, ist Sabine, die versucht Vaters Auto aus der Auffahrt wegzufahren, weil mein Vater die Schlüssel stecken lassen hat und gerade auf der Motorhaube eines anderen Autos liegt. Marco hindert Sabine daran, das Auto von der Einfahrt wegzuparken.

Die Mutter des Bräutigams rennt von einem Auto über den Parkplatz zu einem anderen Auto und hat eine dicke Beule unter ihrem Kleid was verdächtig nach einem versteckten Brautstrauß aussieht. Und Vater liegt später auf der Motorhaube eines anderen Autos.

Als ich wieder koordinierter wahrnehmen kann, steht der kleine Jakob vor mir. Er hält mir grinsend den Brautstrauß entgegen und sagt: jetzt noch die Braut.

Die Braut ist einfach. Der Beifahrersitz im Auto der Braut ist aus irgendeinem Grund frei, ich setze mich hinein und sage der Fahrerin sie solle nun zum Schwarzen Adler fahren. Der Bräutigam warte. Ich hebe den Strauß und alles verstummt. Der kleine Jakob ruft mein Team zusammen und alles scheint sich zum Ende zu neigen. Ich habe es geschafft und die Öffentlichkeit nimmt daran teil. Schön ist das. Ich muß allerdings dreimal wiederholen, dass die Fahrerin jetzt losfahren solle, bis sie mich endlich ernst nimmt.

Irgendwie scheint jetzt alles ruhig geworden zu sein. Die Braut ist unter Dach und Fach, wir sind auf dem Weg zum Bräutigam und es hat keine Toten gegeben. Die Entführung hat ein gutes Ende genommen. Doch dann geschieht die Katastrophe. Die Katastrophe für meine Ehre jedenfalls.

Wir kommen endlich beim Schwarzen Adler an. Auf dem Parkplatz halten wir. Neben uns parkt Sabine. Eva steigt aus und öffnet die Tür für die Braut, diese steigt aus — und steigt in Sabines Wagen wieder ein. Sabines Auto brummt laut auf und fährt los, talabwärts.

Bevor ich die neue Situation richtig verstanden habe, startet sie den Motor und fährt auch los. Jedoch talaufwärts.

So sitze ich in Evas Wagen, hinten lachen die Frauen, und ich versuche vorsichtig ein Bild dieser neuen Situation zu formen. Die erste Sache ist klar, die Braut ist wieder weg. Die zweite Sache ist schwieriger zu verstehen, deshalb frage ich bei Eva nach. Ob sie jetzt umkehren würde und der Braut nachfahre, wenn ich es ihr befehle. Sie prustet und schüttelt den Kopf. Sie fährt achtzig. Den Berg hoch.

Ich bin also ein Gefangener. Ich wäre lieber eine Geisel.

Wir sind schon ein ganzes Stück gefahren, mir fällt keine neue Taktik ein. Es ist nicht einfach, die Aussicht hier oben ist schön, man kann fast das ganze obere Etschtal überblicken, zudem läuft im Radio Schrammelmusik. Ich habe keinen Plan, lass doch Eva machen, denke ich. Sie wird mich jetzt nicht ewig hier in den Bergen herumfahren. Doch dann bittet mich Eva, kurz das Lenkrad festzuhalten, sie müsse ihre Jacke ausziehen. Nichts lieber als das, und hier wittere ich meine Chance, ein bisschen Macht über mein eigenes Schicksal wiederzuerlangen. Doch ich traue mich nicht, gefährliche Manöver mit dem Lenkrad zu vollbringen, ich bin ein miserabler Autofahrer.

Doch das bessere Erpressungsmittel bietet sich gleich, als Eva mir verächtlich ihre Jacke auf meinen Schoß wirft.

Sie kehrt abrupt um. Und sie schreit, da sei ihr Handy drin, da sei ihr Geld drin, während ich die Jacke aus dem Fenster halte. Und ziemlich grinse.

Wieder zurück beim Schwarzen Adler befehle ich der Fahrerin anzuhalten. Sie gehorcht. Ich halte den Strauß hoch und sage, dass ich den Strauß habe und ich jetzt reinginge, zum Bräutigam, um ihm den Strauß zu überreichen, es ging immer nur um den Strauß. Mir egal, ob er in Wirklichkeit die Braut haben will.

Ich lasse mir wieder die Regeln erklären.

Was ich mir diesmal merke: Braut und Strauß sind mir wurscht.

Mit dem zerfledderten Brautstrauß betrete ich das Lokal. Die Männer stehen an der Bar und prosten mir lachend zu (Ein Prosit auf den entführten Brautführer!), ich beschließe sie zu ignorieren, gehe in die Wirtsstube und sehe das glückliche Brautpaar. Meine Schwester sitzt mit einem strahlenden Lächeln bei ihrem Bräutigam.

Ich setze mich neben sie und verschränke die Arme. Ich bekomme ein großes Bier.

Nachher kommt mein Vater rein. Die Braut sagt zu mir: Sieht unmöglich aus, der Hut, oder?