Ich wollte über die Russin mit dem Australian Shepherd schreiben, weil sie jetzt auch die deutsche Staatsbürgerschaft hat, sie aber immer nur mit den Schultern zuckte, wenn ich irgendwas Aufbauendes zu sagen versuchte. Leider liegt der Text jetzt seit zwei Tagen herum und ich bekomme ihn nicht fertiggeschrieben. Irgendwas gefällt mir daran nicht. Ich kriege sie nicht richtig porträtiert.
Wir kennen uns schon lange. Unsere Hunde mochten einander, als sie noch Welpen waren, aber seit sie erwachsen sind, interessieren sie sich kaum noch füreinander. Wir quatschen trotzdem immer, wenn wir uns sehen, und drehen gemeinsame Runden im Park. Sie war schon immer ein wenig down. Fühlt sich vom Leben nicht richtig behandelt. Der Sohn kommt in der neuen Schule nicht zurecht, der Hund hört nicht richtig, bei den Bewerbungsgesprächen fühlt sie sich nicht gewertschätzt, sie würde eigentlich gerne nur weniger arbeiten, ihr Mann ist aber Freelancer als Musikproduzent und die Auftragslage ist nie richtig gut.
Üblicherweise meide ich negative Menschen. Einerseits, weil ich dann ständig versuche, wie ein kleines Schweinchen, Positivismus zu verbreiten und ich mir in dieser Rolle etwas albern vorkomme, aber auch, weil mich negative Menschen schlichtweg runterziehen. Dennoch drehe ich gelegentlich eine spontane Runde mit ihr. Wenn sie über das Leben klagt, das immer schlecht zu ihr ist, klagt sie auf eine poetische und reflektierte Art. In kleinen Dosen ist das durchaus schön.
Jetzt ist sie deutsche Staatsbürgerin geworden. Im Januar. Wie ich auch. Ich beglückwünschte sie. Sie zuckte aber nur mit den Schultern. Ich wollte die Tage der Einbürgerung vergleichen und wir stellten fest, dass ich nur zwei Tage vor ihr bei der Behörde war. Ich fand das lustig, obwohl bei näherer Betrachtung überhaupt nichts lustig daran ist. Deswegen fragte ich, ob sie auch Fotos zwischen den Fahnen gemacht hatte. Sie zuckte mit den Schultern. Come on, sagte ich und wollte wissen, ob was los ist. Sie zuckte nur wieder mit den Schultern und sagte nach einer Weile: Ach, es ist ja nicht so, dass sie sich jetzt deutsch fühle. Ich sagte, das mit den Nationalitäten ist ja ohnehin Käse, ich fühle mich nun ja auch nicht deutsch. Aber auch nicht italienisch und erst recht nicht österreichisch. Sie fragte, als was ich mich dann fühle. Ich sagte: am ehesten Berliner und Südtiroler. Irgendwie gleichzeitig.
Das sei eine gute Sicht auf die Dinge, sagte sie. Vielleicht sollte sie sich auch als Berlinerin fühlen. Im Pass ist sie ja Russin. Aber eigentlich ist sie Tatarin, sie kommt aus Kazan, sie hat dunkle Haare und auch mandelförmige Augen. Erst seit dem Ukrainekrieg verstand sie, dass sie sich auch in Russland nie zugehörig gefühlt hatte, immer einer Minderheit zugehörte. Ihre Großmutter und auch ihre Mutter hatten Wert darauf gelegt, dass sie Englisch lerne, englische Bücher lese und auch einen internationalen Vornamen bekäme. Jetzt hat sie einen Engländer geheiratet, der in Berlin lebt. Immerhin sei es jetzt einfacher, zu seinen Eltern nach England zu reisen. Das war mit einem Aufenthaltsvisum immer umständlich. Ihr Sohn werde wahrscheinlich ein richtiger Deutscher. Der spricht mit Berliner Akzent. Sie selbst hatte ja gerade so die Sprachprüfung bestanden. Ihr Mann kann hingegen keinen vollständigen deutschen Satz formen. Sie lese dem Sohn russische Kinderbücher vor. Warum sie das tue, wisse sie seit dem Krieg auch nicht mehr. Wahrscheinlich, weil sie ihm eine Welt vermitteln will, mit der sie als Kind groß geworden sei.
Es ist schwierig, sie zu porträtieren. Aber jetzt, wo ich den Absatz damit einleitete, dass es schwierig ist, sie zu porträtieren, ist es plötzlich geschehen.
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Dann war ich gestern seit 10 Jahren das erste Mal wieder in der Fleischerei an der Schönhauser. Das ist ein Restaurant in einer ehemaligen Fleischerei und keine wirkliche Fleischerei. Leider haben sie nach dem Umbau auf der rechten Seite viele Originalfliesen entfernt, was zum Teil den Charme des Lokales ausmacht.
Als wir vorn an der Bar auf die Bedienung warteten, saß auch die Chefin vom BRLO am Tresen. Weil ich manchmal die unangenehme Eigenschaft habe, fremde Menschen anzusprechen, gerieten wir ins Gespräch. Ich gab aber gleich zu, dass wir uns nicht wirklich kennen, ich sei nur ein Bierliebhaber und wisse daher, wer sie sei. Ich sagte ein paar nette Worte, dass mir beispielsweise das neue Pale Ale ungemein gut schmecke und ich neuerdings immer das alkoholfreie „Naked“ zu Hause vorrätig hätte. Dann bekamen wir auch schon unseren Tisch und setzten uns hin. Natürlich bestellten wir Biere von BRLO. Als wir es serviert bekamen, sagte die Kellnerin, dass das Bier auf die Rechnung der blonden Frau am Tresen ginge. Ich schaute in die Richtung und hob mein Glas. Sie grüßte zurück. Ich kam mir vor, wie im Vorspann eines Filmes, in dem gleich ein Attentat verübt wird.
Die Fleischerei kenne ich nur aus der Zeit vor dem Umbau. Sie haben den Sitzbereich vergrößert und dafür die Bar verkleinert und anders angeordnet. Der Essbereich erinnert jetzt eher an einen Saal, was der Akustik nicht zuträglich ist, vor allem auch, weil die Wände und Decken entweder kahl oder verfliest sind. Ich glaube, ich schrie den ganzen Abend lang. Als ich nach Hause kam, fragte meine Frau, ob ich im Stadion gewesen sei.

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