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Vorgestern im Dussmann ein bisschen lachen müssen, weil Lila Downs bei ihrer Unplugged-Session im Keller des Kultukaufhauses dann sagte, Berlin sei so beautiful, wegen der vielen glücklichen Gesicher, all die big smiles denen sie auf ihrem Spaziergang durch die Kastanienallee (Castanian-Road) begegnet sei.
Das ist natürlich an sich schon witzig.
Auch aus dem Mund einer Mexicana.
Ich lachte aber wegen der verschobenen Wahrnehmungen aus den unterschiedlichen Vierteln, wegen der vielen bösen Worte, weil man sagt, allet sei irgendwie schnuckelig und Bionademeier und bäh.

[BHO]

Natürlich freut es mich die Bushbillies aus dem Weissen Haus ziehen zu wissen, natürlich freut mich dieser Sieg über das reaktionäre USA, vor allem wird man endlich das mulmige Gefühl los, dort säßen totalmente die falschen Leute am roten Drücker, die Leute die ohne mit Augenliderhaaren zu zucken irgendwas hochgehen ließen das uns allen nachträglich den Magen verdreht. Doch die Euphorie bleibt aus. Der Jubel, diese euphorische Freude über dem Change. Und das keineswegs aus politisch fundierten Gründen, sondern schlicht aus nicht so starkem Interesse für die Sache.
Natürlich freut es mich die Republikaner aus dem Pentagon verschwinden zu sehen, doch ist mir gestern aufgefallen, dass man für Euphorie einen emotionalen Bezug zu den USA braucht, und es scheint mir, als sei man vor allem froh darüber, all die negativen Bilder der USA die unter der Administration der Hillbillies nach Westeuropa gebracht wurden, endlich changen zu können, da ist nämlich eben ein Präsident gewählt worden der den Irakkrieg ablehnt, der Guantanamo ablehnt, der gegen die Todesstrafe ist [edit: stimmt nicht]. Das ist der Typ der mit Syrien reden will, und man wird nachher niemanden mehr sagen hören: in Amerika, weisst, da gibt es keine Krankenversicherung für die kleinen Leute.
Die Bilder.
Ich glaube, es verstanden zu haben, es gibt Hoffnung, das Land des Rocknroll.
Die Stätten meiner Kultur waren aber immer eher London, Paris, Berlin.

Und ich weiß, die Wahl des amerikanischen Präsidenten muss man notgedrungen in einem globaleren Kontext sehen als die Wahl des Sarko oder der Merkel, weil in Washington ja die Hebel der Weltpolitik geschaltet werden, wegen der vielen Waffen, was ich jetzt keineswegs negativ meine, und der kulturellen Botschaft die mit dem Rosinenbomber über Westeuropa abgeworfen wurde. Und insofern ist es wichtig. Wichtig wichtig: relevant.
Und werde mich trotz der politischen Skepsis einfach mal freuen.

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Und auch.

[non buffa]

Ha. Deutsche Oper. Wenn ich an Deutsche Oper denke, denke ich natürlich an Deutschland, an Berlin, an das Brandenburger Tor, an Preussens Gloria, an lange vorbeiziehende Blechlawinen und französischen Soldaten. Ich denke dabei an die Deutsche Oper unter den Linden.
Und das betone ich jetzt nur, weil wir wieder zu spät waren und man uns den Eintritt verwehrte, und wir auf das Ticket zeigten: neinnein, hier: Deutsche Oper, die Verwehrer aber auf den Boden zeigten: neinnein, hier: Staatsoper.
Weil es in Großbuchstaben auf den Tickets stand: DEUTSCHE OPER, BISMARCKSTRASSE
Und Bismarckstrasse liegt Unter den Linden nun wahrlich nicht.
Deutsch und Staat und hin und her, die Oper mit der Oper verwechseln, das ist obriges Kulturbanausentum. Meine Haltung verlor an Rückgrat und ich versuche hier die ganze Zeit schon verkrampft die Metapher mit der Bügelstärke einzubauen, weil ich seit vorletzter Woche richtig erwachsen geworden bin, weil ich vorletzte Woche in einer besonderen Laune Bügelstärke gekauft habe, und um zur Metapher zu gelangen: weil steifer Kragen und schlechte Haltung, haha, irgendwie witzig ist.

Okay, doch nicht, aber nun galt es in fünf Minuten ins fünfzehn Minuten entfernte Charlottenburg zu kommen. Wir flöteten ein Taxi heran. Ich schämte mich zu sagen: Bitte in die andere Oper. Ich sagte deshalb: Bismarckstrasse bitte.
Die Taxifahrerin wiederholte: Bismarckstrassebismarckstrasse. Und runzelte dabei die Stirn.
Ich sagte: Charlottenburg. Und dachte: wehe Du sagst es.
Ah, sagte sie, die ANDERE Oper. Und lachte.
Ja. Genau.
Sie hatte ein Headset auf und telefonierte ununterbrochen mit jemandem am anderen Ende der Leitung auf persisch. Ich verstehe nicht viel Persisch, aber ich verstehe es wenn jemand auf persisch sagt: Staatsoper, Deutsche Oper, haha.
Ich wollte ihr von der Feuerwehr erzählen. Dass es im deutschen Dom am Gendarmenmarkt einmal gebrannt habe und die Feuerwehr eiligst zum Dom am Lustgarten gefahren sei und dort vergeblich nach Brandherden gesucht habe, währenddessen es am Gendarmenmarkt später und später und zu spät wurde. Für jede Hilfe.
Aber der Haltung half das auch nicht mehr.

Dutschke-Oper

Kalaf hat es wirklich nicht leicht. Nicht nur ist er unglücklich verliebt, und ist er ein ziemlich farbloser Charakter in einer sehr berühmten Oper, nein, in seiner ganzen Farblosigkeit muss er ausgerechnet die Hauptrolle spielen, zudem läßt er Liu sterben, die eigentliche Sympathieträgerin in der Geschichte, die Frau die sich aus Liebe zu ihm erhängt, der Teil der Geschichte der so gnadenlos zum Nebenschauplatz degradiert wird, weil er sie gar nicht weiter beachtet, wir stattdessen gezwungen werden seinem elendigem, naiven Geplärre für seine grundlose, idealisierende Liebe zur kaltherzigen Prinzessin Turandot zuzuhören während Liu den gesamten letzten Akt am Strang von der Decke baumelt.
Doch wird es ihm noch schwerer gemacht. Seine ganze Daseinsberechtigung erhält er durch die berühmte Tenorarie, weil irgendwann im zweiten Akt kommt es: das Nessun Dorma. Er könnte alles wieder gut machen.
Er hat diese eine letzte Chance.
Wenn er die auch noch vergeigt, ist es hin.
Er tat mir schon leid.

[bio]

Ob es irgendwas zu helfen gäbe, fragte ich die junge Mutter. Weil junge Mütter alleine und mit Kinderwagen vor einer Treppe immer so Gefühle hervorrufen.
Gibt es irgendwas zu helfen.
Nicht schleppen, nicht tragen, nicht Hand reichen, nein, ich sagte: irgendwas. Gibt es irgendwas zu helfen.
Als wäre ich in einem Latexkostüm von den Dächern her geflogen gekommen, sanft gelandet und würde mit strahlendem Lächeln und weißen Zähnen um einen Auftrag bitten.

[…]

Vorgestern Amanda Palmer im Knaack-Club beim Vortragen ihrer neuen Lieder zugehört. Es war schon alles sehr DresdenDrollig: die Musik, die Ästhetik, das Publikum, und ich. Nur Brian und sein Schlagzeug fehlten. Zudem trug sie Netzstrümpfe statt Strümpfe mit Ringeln. Und statt des weißen Unterkleides ein schickes Korsett.
Sie sang von der Liebe. Überhaupt war alles irgendwie Liebe. Die Moderation, die Statisten, die beiden Mädchen vor mir. Es ging um das Nichtloslassenwollen der Gefühle. Und das ist etwas anderes als Festhalten.
Später erst realisierte ich, dass sie in Unterwäsche an ihrem Klavier saß, Bühnenoutfit hin, Publikum her.

[…]

Hey Jungs, ihr habt es womöglich noch gar nicht gemerkt, weil der Wind uns wieder die Blätter vom Kopf geweht hat, und wir schauen schon wieder zu lange auf den Boden, aber seht euch mal genauer um, es zahlt sich wirklich aus: die Jahreszeit der Röcke und Stiefel hat wieder angefangen.

[Herbstmelancholie, hehe]

[3/4]

Das ganze Wochenende eingesperrt gewesen und Wong Kar-Wai Filme gesehen. Ich würde gerne in einer Welt leben in der sich die Männer, Frauen, Hunde, Kinder, Katzen, Spatzen und der ganze Rest der Welt in dunklen Gassen und nächtens an großen Strassen, in Zeitlupe zu einem etwas traurigen von Streichern gespielten Dreivierteltakt (ich wage es nicht das Wort Walzer zu verwenden) bewegen.