Ich sortiere gerade alte Romanfragmente und Texte. Dabei stieß ich auf dieses Fragment, das ursprünglich einer ganz frühen Fassung aus „Springweg brennt“ entstammt. Da die Passage inhaltlich und stylistisch nicht ganz passte, nahm ich sie raus und verarbeitete sie in ein späteres Romanprojekt. Aus dem Projekt wurden aber nur 40 Seiten und ich werde nicht mehr daran arbeiten. Aber für diejenigen, die die Novelle mochten, hier ein Bonustrack, oder ein Deleted Scenes. Die Episode spielt zwischen der ersten und zweiten Besetzung des Springweg-Hauses, als wir kurz nach der freiwilligen Räumung wenige Wochen später die Lange Nieuwstraat besetzten und wohnen blieben.
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Saskia lernte ich im März kennen, als eine späte Winterperiode über das kleine Königreich hereinbrach. Ich saß mit Maarten und einem anderen Bekannten in der Kneipe „Dorstig Hart“ am Fenster, als ich draußen eine junge, etwas dicke Frau auf allen Vieren über den Bürgersteig kriechen sah. Es war wirklich eisig geworden. Zuvor hatte es einige Tage geregnet und danach war so etwas wie ein dritter Winter über das Land hereingebrochen. Fahrradfahren war nicht mehr möglich und auch die Bürgersteige waren von einer Eisschicht überzogen, und vor allem auf den holprigen und schiefen Bürgersteigen der südlichen Altstadt, in der wir uns befanden, war es fast schon lebensgefährlich, wenn man nicht sonderlich sicher auf den Beinen stand. Das Dorstig Hart lag etwa fünfzig Meter von meinem Haus entfernt, daher saß ich dort vor allem, um warme Abende zu verbringen. Unser Haus war bei zweistelligen Minusgraden kaum warmzukriegen, da ging ich lieber in die Kneipe.
Saskia kroch bis zur Tür heran, wo einige junge Männer ihr laut lachend die Hand reichten und ihr in die Kneipe hinein halfen. Ich saß am Fenster und beobachtete die Szenerie. Sie fluchte. Die Männer lachten. Sie fluchte weiter, machte aber Witze über sich selbst. Saskia war laut. Sie setzte sich an unseren langen Tisch, an dem ein gutes Dutzend Männer saßen. Männer, die eigentlich nichts miteinander zu tun hatten. Man kannte sich halt im Dorstig Hart, das „Hart“ war eine kleine Kneipe mit einem stets wiederkehrenden Publikum. Neunzig Prozent der Besucher bestanden aus Männern. Die Frauen, die da einkehrten, waren tätowierte Frauen. Waren sie hübsch, dann kamen sie nur in Begleitung von großen, bärtigen Männern. Waren sie nicht hübsch, wirkten sie meist verbraucht, oder sie waren offensiv unangenehm. Letztere wurden von den Männern meist in Ruhe gelassen. Saskia konnte ich keiner der beiden Frauengruppen zuordnen. Sie war hübsch, wobei hübsch nicht ein Adjektiv ist, mit dem man sie sofort versehen würde, sie war aber attraktiv, begehrenswert, jedoch nicht der Typus Frau, der Schutz bedarf, im Gegenteil, sie war so unmittelbar, so direkt und mit einem kräftigen Stimmorgan gesegnet, dass die Männer wie von selbst eine gesunde Distanz zu wahren schienen. Mir imponierte das. Mir imponierte auch, wie viel Bier sie trinken konnte und immer noch die Fäden der Gespräche am Tisch in den Händen hielt. Sie trug einen dicken, schwarzen Mantel aus Kunstpelz. Als sie ihn auszog, hatte sie nur ein kurzes, giftgrünes Kleid an. Sie war eher dick und hatte einen riesigen, rundgeformten Po und auch riesige Brüste. Das kurze Kleid spannte sich an ihrem Körper. Ich dachte an Sex. Sie wurde umschwärmt, jeder buhlte um Aufmerksamkeit, wollte bei ihr punkten, ein Witz folgte dem nächsten, weitere Männer setzten sich an den Tisch. Es drehte sich alles um sie: wie sie die nackten Beine zur Schau stellte, wie sie ihre Brüste hochdrückte, wie sie die Männer kontrollierte, selektierte. Sie war auf Männerfang ausgerichtet, ein Typ wie Saskia hatte es leicht.
Ich nahm nicht so sehr an den Gesprächen teil. Mir war das Gewitzel zuwider. Außerdem wollte ich an diesem Anbiedern nicht teilnehmen. Zudem kannte ich kaum jemanden wirklich gut. Der gemeinsame Nenner war wohl eine Vorliebe für schrammelige Gitarrenmusik, Metalbands aus den Achtzigern. Ich nehme mich da natürlich nicht aus, ich fand die Musik gut, das Schummerige, das Verrauchte. Der dominierende Farbton an der Kleidung war schwarz. Die Gesichter unrasiert. Ich weiß nicht, ob das etwas aussagt. Saskia saß am Kopf des Tisches, und mit ihren erdbeerroten Haaren und ihrem grünen Kleid stach sie hervor wie ein Ufo. Es lief Black Sabbath, die Leute lachten, es ging ein bisschen an mir vorbei, ich hatte schon einige Biere zu viel in mich hineingeschüttet, mein Blick war möglicherweise glasig, als plötzlich Saskias Finger auf mich zeigte. Alle verstummten. Sie sagte erst mal eine halbe Ewigkeit lang nichts. Als die halbe Ewigkeit vorbei war, sagte sie: Und wer bist du? Du schwarzhaariger Knabe?
Man muss wissen, dass sie tatsächlich ein gutes Stück älter als ich war. Sechs Jahre. Das sah man ihr an. Und ich war gerade zwanzig geworden. Mir sah man das auch an. So saß ich dann da, hatte glasige Augen, war widerwillig in einen Knaben verwandelt worden und war auf einmal der Mittelpunkt des Geschehens. Ich habe mal in einem schlauen Buch gelesen, dass man unangenehme Situationen, die man nicht zu beherrschen vermag, am besten einfach aussitzt, weil dies das Risiko eines Fehlers durch eigene Inkompetenz verringert. Das tat ich dann auch. Ich saß es einfach aus. Als der Finger auf mich zeigte und alle zwanzig Männer sich nach mir umdrehten, wusste ich sofort, diese Situation nicht meistern zu können. So schwieg ich. Ich saß da, schaute Saskias Finger an und schwieg. Es ist nicht auszuschließen, dass ich entsetzt gewirkt haben musste. Da Saskia ihren Finger aber nicht senkte, ihre feurigen Augen nicht von mir ließen und die versammelten Männer nicht wieder anfingen zu reden, schritt ich doch zur Tat und wiederholte einfach den letzten Gedanken, den ich hatte, bevor jeglicher weitere Gedanke in mir durch den Schreck zu Eis erfroren war. Ich sagte: Ich habe in einem schlauen Buch gelesen, wenn man eine Situation nicht beherrschen kann, dann soll man die Situation am besten einfach aussitzen.
Damit senkte sich ihr Finger und sie schien zufrieden. Die Männer begannen wieder zu reden, vereinzelt wurde über meine komische Antwort gelacht, aber nur zögerlich, man wusste es offenbar nicht einzuordnen, ob es ein Witz war, oder eine Aussage oder eine Entschuldigung oder was auch immer. Maarten gab mir ein schräges Lächeln. Aber seine Augen waren noch viel glasiger als meine. Die Spannung am Tisch löste sich schnell, man wandte sich wieder anderen Dingen zu.
Saskia hingegen hatte es wohl keine Ruhe gelassen. Eine halbe Stunde später (die Musik war lauter geworden, die Stimmung diverser) kam sie vom Tresen mit zwei Bieren zurück und setzte mir eines davon vor meine Nase.
Soso, aussitzen also, sagte sie. Woher kommst du denn mit deinem komischen Akzentchen?
Ich sagte: Bozen. Norditalien.
Bozen kannte sie nicht, jedoch kannte sie Italien. Es folgte der obligatorische rhetorische Austausch über Sonne, Essen und das gute Leben.
Sie sagte, sie ginge nachher tanzen, in einen dieser besetzten Schuppen am Merwedekanal. Sie sagte, ich solle mitkommen.
Dann holte sie ihre Brieftasche hervor, öffnete eines der Fächer und hielt es mir vor mein Gesicht. Da lagen ein paar Pillen drin. Es war die Zeit von Ecstasy. Sie sagte: zwei für mich, zwei für dich. Ich sagte: ok.
Sie schien zufrieden.
Es gab viele Männer an jenem Abend, die ihr den Hof gemacht hatten. Auch gut aussehende und auch coole Typen. Aber an jenem Abend hatte sie offenbar am ehesten Interesse an jemandem, der so komische Sachen sagte wie „aussitzen“. So ging der Zufall. Sie sagte, ich solle austrinken. Jochem gab ich Bescheid, dass ich ohne ihn ginge. So laut und auffällig sie gekommen war, so leise war ihr Abgang. Sie ließ sich ein Taxi rufen, dann nahm sie ihren schwarzen Kunstpelzmantel und ging, ohne jemanden eines Blickes zu würdigen. Ihre Effizienz fand ich bemerkenswert. Als wir im Taxi saßen, thematisierte ich das: Deine Schlagkraft ist gut, du hast zielstrebig geangelt.
Sie sagte, ich weiß doch noch gar nicht, ob du ein guter Fang bist.
Wir lachten. Ich sagte, gib mir mal die Pillen her, damit es sich wenigstens für mich gelohnt hat. Sie sagte, ich solle nicht frech werden, ich versprach, nur frech zu sein, wenn es sich lohnen würde. Wir teilten uns die vier Pillen und sie sagte: lauf mir ja nicht weg. Ich sagte: Sicher nicht, wenn wir nachher noch zu dir gehen.
Ich fand mich sehr mutig für diesen Satz.
Die Party fand in einem ziemlich beengenden Kellerraum in einem dieser besetzten Schuppen am Veilinghaven statt. Eine Gruppe von Ravern hielt da ein gutes Dutzend backsteinerne, garagenartige Gebäude besetzt, die vermutlich zum Jaarbeurs gehörten und perspektivisch abgerissen werden sollten. Die Decken im Keller hingen sehr niedrig. Selbst ich mit meiner durchschnittlichen Körpergröße fühlte mich ein wenig eingeengt. Es gab Leute, die mussten ihren Kopf einziehen, um stehen zu können. Tanzen war auf diese Weise natürlich eine ungute Angelegenheit. Zudem waren die Decken morsch oder wirkten zumindest so, man wollte da nicht mit dem Kopf dagegenstoßen, wer weiß, was da mit herunterkommen würde. Saskia war eher klein, einssechzig um genau zu sein. Die Pillen hatten zu wirken begonnen. Sie schwenkte ihre Brüste und hob ihre Arme, sie erreichte die Decke nicht, es beschäftigte sie nicht, sie schmieg sich an mich, wir küssten uns. Wenn das Ecstasy in mir hochkommt, dann werde ich immer zu einem Glühwürmchen. Ich laufe mit einem Lichtkörper in meiner Brust durch die Gegend. Das meine ich so gut wie wörtlich. Alles konzentriert sich um dieses Licht-Ding in meiner Brust herum. Ich laufe durch die Gegend und spüre nur: Liebe.
Scheiß Drogen, immer. Ich war auf einmal so verliebt. Eigentlich verliebte ich mich an jenem Abend in jedes Gesicht, in das ich schaute, aber ganz besonders verliebte ich mich in Saskia. In ihre roten Haare, in die Art, wie sie ihre Hüfte wiegte, in ihr grünes Kleid, in die Art, wie sie lächelte, und in ihren dicken Po. Ich will es jetzt nicht auf die Drogen schieben, ich will also nicht sagen, dass ich nur vernebelt war, ich hätte mich auch ohne die Pillen in sie verliebt, meine Gefühle waren auch nachher noch echt, sie hatte mir imponiert, ich fand ihre Art attraktiv, sexy, sie wirkte von Anfang an offen auf mich, und offene Leute bekommen immer einen Freundschaftsvorschuss von mir, und natürlich fand ich sie auch schön, wenngleich sie nicht im klassischen Sinne schön war, sie wirkte etwas streng und ihre Nase war vielleicht zu klein, zudem hatte sie für ihr Alter bereits ordentliche Augenringe. Wobei ich gestehen muss, dass mir ihre Augenringe gefielen, das hatte etwas Verlebtes, das ich als sehr authentisch betrachtete, oder zumindest mochte ich diese am Abgefucktsein angelehnte Ästhetik.
Danach gingen wir zu ihr nach Hause, wir zogen uns sofort aus und ich versenkte meinen Penis in ihrem Po.
Ich blieb über das Wochenende. Wir fickten, schauten im Bett fern und krümelten das ganze Bett voll. Am Montag zog ich mir die Kleider an und ging nach Hause. Am Freitag kam ich wieder. Wir schluckten Ecstasy, gingen tanzen und danach fickten wir das ganze Wochenende lang, während wir fernsahen und Käsetoasts aßen. Am Montag ging ich wieder. So machten wir das ein paar Wochen lang. Irgendwann kam ich schon am Donnerstag und nach einige Zeit ging ich erst am Dienstag wieder. Die Partys ließen wir bald aus und fickten nur noch.
Als das Ficken weniger wurde, stellte sie mich ihren Eltern vor.
Das war im späten Herbst. Den Eltern war ich suspekt. Hausbesetzer und dunkelhaarig. Die Eltern wohnten im katholischen Süden. Genauer verortet: im Land der Flüsse, also der lange Streifen zwischen den Rhein- und Maasarmen. Ihre Eltern betrieben eine kleine Werft. Aber die Hunde (eine dänische Dogge, ein buschiger Bouvier und 3 kleine, kläffende Irgendwas-Terrier) mochten mich offenbar, was die Eltern dazu veranlasste, mir direkt mitzuteilen, dass ich wohl kein schlechter Mensch sein könne. Das war nicht als Kompliment gedacht, auch nicht als Eisbrecher, es war lediglich eine Feststellung. Die Hunde mochten mich, also konnte ich kein schlechter Mensch sein. Ein okayer Mensch war ich deswegen noch lange nicht.
Saskia und ich hatten nie über unseren Beziehungsstatus gesprochen. Die Verliebtheit ließ erstaunlich schnell nach, aber wir hatten eine wirklich gute Zeit miteinander. Wir hatten nicht sehr viel Leidenschaft füreinander, aber wir waren ständig an etwas in Leidenschaft verbunden und begeisterten darin einander. Ich hatte vorher noch nie eine Beziehung gehabt, deshalb wusste ich nicht so genau, was ich zu erwarten hatte. Die Beziehung meiner Eltern oder der Familien aus meinen katholischen Gefilden wollte ich mir nicht als Vorbild nehmen, und so viele Beziehungen gab es in meinem persönlichen Umfeld damals noch nicht, zumindest keine Art von Beziehung, die ich für mich als erstrebenswert empfand. Ich wollte vielleicht nur ficken und verliebt sein. Verliebt war ich vielleicht schon ein bisschen. Aber wir unternahmen viel zusammen. Ich war sehr neugierig auf dieses Land, ich wollte alle komischen Winkel kennenlernen, die Gebiete unter dem Meeresspiegel, die speziellen Deiche, Ortschaften, die Namen wie Monster oder Duurwijk trugen, mittelalterliche Schlösser, Orte, an denen Schlachten ausgetragen wurden. Je mehr ich mich mit der Thematik beschäftigte, desto mehr Fragen warfen sich mir auf. Das Fruchtbare an diesem Interesse war, dass Saskia eine passionierte Autofahrerin war und sich von meiner Unternehmungslust anstecken ließ. An den Wochenenden fuhr sie mich an wirklich jeden noch so entlegenen Winkel dieses Landes.
also, der anfang ist extren herr lehmann, bis auf den fakt, dass es nicht in der dritten person geschrieben ist. wollte sagen, es ist ein schönes textfragment aber es passt wirklich nicht so ins buch. ich nahm mir die freiheit. vielleicht sollte man statt frank franco sagen? ist aber jetzt schon zu spät.
Frank lernte Saskia im März kennen, als eine späte Winterperiode über das kleine Königreich hereinbrach. Er saß mit Maarten und einem anderen Bekannten in der Kneipe Dorstig Hart am Fenster, als er draußen eine junge, etwas dicke Frau auf allen Vieren über den Bürgersteig kriechen sah.
Es war wirklich eisig geworden. Zuvor hatte es einige Tage geregnet, und danach war so etwas wie ein dritter Winter über das Land hereingebrochen. Fahrradfahren war nicht mehr möglich, und auch die Bürgersteige waren von einer Eisschicht überzogen. Vor allem auf den holprigen und schiefen Bürgersteigen der südlichen Altstadt, in der sie sich befanden, war es fast schon lebensgefährlich, wenn man nicht sonderlich sicher auf den Beinen stand. Das Dorstig Hart lag etwa fünfzig Meter von Franks Haus entfernt, daher saß er dort vor allem, um warme Abende zu verbringen. Ihr Haus war bei zweistelligen Minusgraden kaum warmzukriegen, da ging Frank lieber in die Kneipe.
Saskia kroch bis zur Tür heran, wo einige junge Männer ihr laut lachend die Hand reichten und ihr in die Kneipe hineinhalfen. Frank saß am Fenster und beobachtete die Szenerie. Sie fluchte. Die Männer lachten. Sie fluchte weiter, machte aber Witze über sich selbst.
Saskia war laut. Sie setzte sich an ihren langen Tisch, an dem ein gutes Dutzend Männer saßen. Männer, die eigentlich nichts miteinander zu tun hatten. Man kannte sich halt im Dorstig Hart, das Hart war eine kleine Kneipe mit einem stets wiederkehrenden Publikum. Neunzig Prozent der Besucher bestanden aus Männern. Die Frauen, die da einkehrten, waren tätowierte Frauen. Waren sie hübsch, dann kamen sie nur in Begleitung von großen, bärtigen Männern. Waren sie nicht hübsch, wirkten sie meist verbraucht, oder sie waren offensiv unangenehm. Letztere wurden von den Männern meist in Ruhe gelassen.
Saskia konnte Frank keiner der beiden Frauengruppen zuordnen. Sie war hübsch, wobei hübsch nicht ein Adjektiv war, mit dem man sie sofort versehen hätte. Sie war aber attraktiv, begehrenswert, jedoch nicht der Typus Frau, der Schutz bedurfte. Im Gegenteil, sie war so unmittelbar, so direkt und mit einem kräftigen Stimmorgan gesegnet, dass die Männer wie von selbst eine gesunde Distanz zu wahren schienen.
Frank imponierte das. Ihm imponierte auch, wie viel Bier sie trinken konnte und wie sie immer noch die Fäden der Gespräche am Tisch in den Händen hielt. Sie trug einen dicken, schwarzen Mantel aus Kunstpelz. Als sie ihn auszog, hatte sie nur ein kurzes, giftgrünes Kleid an. Sie war eher dick und hatte einen riesigen, rundgeformten Po und auch riesige Brüste. Das kurze Kleid spannte sich an ihrem Körper. Frank dachte an Sex.
Sie wurde umschwärmt. Jeder buhlte um Aufmerksamkeit, wollte bei ihr punkten, ein Witz folgte dem nächsten, weitere Männer setzten sich an den Tisch. Es drehte sich alles um sie: wie sie die nackten Beine zur Schau stellte, wie sie ihre Brüste hochdrückte, wie sie die Männer kontrollierte, selektierte. Sie war auf Männerfang ausgerichtet. Ein Typ wie Saskia hatte es leicht.
Frank nahm nicht so sehr an den Gesprächen teil. Ihm war das Gewitzel zuwider. Außerdem wollte er an diesem Anbiedern nicht teilnehmen. Zudem kannte er kaum jemanden wirklich gut. Der gemeinsame Nenner war wohl eine Vorliebe für schrammelige Gitarrenmusik, Metalbands aus den Achtzigern. Er nahm sich da natürlich nicht aus, er fand die Musik gut, das Schummerige, das Verrauchte. Der dominierende Farbton an der Kleidung war schwarz. Die Gesichter unrasiert. Frank wusste nicht, ob das etwas aussagte.
Saskia saß am Kopf des Tisches, und mit ihren erdbeerroten Haaren und ihrem grünen Kleid stach sie hervor wie ein Ufo. Es lief Black Sabbath, die Leute lachten, es ging ein bisschen an Frank vorbei. Er hatte schon einige Biere zu viel in sich hineingeschüttet, sein Blick war möglicherweise glasig, als plötzlich Saskias Finger auf ihn zeigte.
Alle verstummten.
Sie sagte erst mal eine halbe Ewigkeit lang nichts. Als die halbe Ewigkeit vorbei war, sagte sie:
„Und wer bist du? Du schwarzhaariger Knabe?“
Man muss wissen, dass sie tatsächlich ein gutes Stück älter war als Frank. Sechs Jahre. Das sah man ihr an. Und Frank war gerade zwanzig geworden. Ihm sah man das auch an. So saß er dann da, hatte glasige Augen, war widerwillig in einen Knaben verwandelt worden und war auf einmal der Mittelpunkt des Geschehens.
Frank hatte mal in einem schlauen Buch gelesen, dass man unangenehme Situationen, die man nicht zu beherrschen vermag, am besten einfach aussitzt, weil dies das Risiko eines Fehlers durch eigene Inkompetenz verringert. Das tat er dann auch. Er saß es einfach aus. Als der Finger auf ihn zeigte und alle zwanzig Männer sich nach ihm umdrehten, wusste er sofort, diese Situation nicht meistern zu können. Also schwieg er. Er saß da, schaute Saskias Finger an und schwieg. Es ist nicht auszuschließen, dass er entsetzt gewirkt haben musste.
Da Saskia ihren Finger aber nicht senkte, ihre feurigen Augen nicht von ihm ließ und die versammelten Männer nicht wieder anfingen zu reden, schritt Frank doch zur Tat und wiederholte einfach den letzten Gedanken, den er gehabt hatte, bevor jeglicher weitere Gedanke in ihm durch den Schreck zu Eis erfroren war.
Er sagte:
„Ich habe in einem schlauen Buch gelesen, wenn man eine Situation nicht beherrschen kann, dann soll man die Situation am besten einfach aussitzen.“
Damit senkte sich ihr Finger, und sie schien zufrieden. Die Männer begannen wieder zu reden. Vereinzelt wurde über Franks komische Antwort gelacht, aber nur zögerlich. Man wusste es offenbar nicht einzuordnen, ob es ein Witz war, oder eine Aussage, oder eine Entschuldigung, oder was auch immer. Maarten gab ihm ein schräges Lächeln. Aber seine Augen waren noch viel glasiger als Franks. Die Spannung am Tisch löste sich schnell, man wandte sich wieder anderen Dingen zu.
Saskia hingegen hatte es wohl keine Ruhe gelassen. Eine halbe Stunde später, die Musik war lauter geworden, die Stimmung diverser, kam sie vom Tresen mit zwei Bieren zurück und setzte Frank eines davon vor die Nase.
„Soso, aussitzen also“, sagte sie. „Woher kommst du denn mit deinem komischen Akzentchen?“
Frank sagte:
„Bozen. Norditalien.“
Bozen kannte sie nicht, jedoch kannte sie Italien. Es folgte der obligatorische rhetorische Austausch über Sonne, Essen und das gute Leben.
Sie sagte, sie ginge nachher tanzen, in einen dieser besetzten Schuppen am Merwedekanal. Sie sagte, Frank solle mitkommen.
Dann holte sie ihre Brieftasche hervor, öffnete eines der Fächer und hielt es Frank vor das Gesicht. Da lagen ein paar Pillen drin. Es war die Zeit von Ecstasy.
Sie sagte:
„Zwei für mich, zwei für dich.“
Frank sagte:
„Ok.“
Sie schien zufrieden.
Es gab viele Männer an jenem Abend, die ihr den Hof gemacht hatten. Auch gut aussehende und auch coole Typen. Aber an jenem Abend hatte sie offenbar am ehesten Interesse an jemandem, der so komische Sachen sagte wie „aussitzen“. So ging der Zufall.
Sie sagte, Frank solle austrinken. Jochem gab er Bescheid, dass er ohne ihn ginge. So laut und auffällig sie gekommen war, so leise war ihr Abgang. Sie ließ sich ein Taxi rufen, dann nahm sie ihren schwarzen Kunstpelzmantel und ging, ohne jemanden eines Blickes zu würdigen. Ihre Effizienz fand Frank bemerkenswert.
Als sie im Taxi saßen, thematisierte er das:
„Deine Schlagkraft ist gut, du hast zielstrebig geangelt.“
Sie sagte:
„Ich weiß doch noch gar nicht, ob du ein guter Fang bist.“
Sie lachten. Frank sagte:
„Gib mir mal die Pillen her, damit es sich wenigstens für mich gelohnt hat.“
Sie sagte, er solle nicht frech werden. Er versprach, nur frech zu sein, wenn es sich lohnen würde. Sie teilten sich die vier Pillen, und sie sagte:
„Lauf mir ja nicht weg.“
Frank sagte:
„Sicher nicht, wenn wir nachher noch zu dir gehen.“
Er fand sich sehr mutig für diesen Satz.
Die Party fand in einem ziemlich beengenden Kellerraum in einem dieser besetzten Schuppen am Veilinghaven statt. Eine Gruppe von Ravern hielt da ein gutes Dutzend backsteinerne, garagenartige Gebäude besetzt, die vermutlich zum Jaarbeurs gehörten und perspektivisch abgerissen werden sollten. Die Decken im Keller hingen sehr niedrig. Selbst Frank mit seiner durchschnittlichen Körpergröße fühlte sich ein wenig eingeengt. Es gab Leute, die mussten ihren Kopf einziehen, um stehen zu können. Tanzen war auf diese Weise natürlich eine ungute Angelegenheit.
Zudem waren die Decken morsch oder wirkten zumindest so. Man wollte da nicht mit dem Kopf dagegenstoßen. Wer weiß, was da mit herunterkommen würde.
Saskia war eher klein, einssechzig um genau zu sein. Die Pillen hatten zu wirken begonnen. Sie schwenkte ihre Brüste und hob ihre Arme, sie erreichte die Decke nicht, es beschäftigte sie nicht. Sie schmiegte sich an Frank, sie küssten sich.
Wenn das Ecstasy in Frank hochkam, dann wurde er immer zu einem Glühwürmchen. Er lief mit einem Lichtkörper in seiner Brust durch die Gegend. Das meinte er so gut wie wörtlich. Alles konzentrierte sich um dieses Licht-Ding in seiner Brust herum. Er lief durch die Gegend und spürte nur: Liebe.
Scheiß Drogen, immer.
Frank war auf einmal so verliebt. Eigentlich verliebte er sich an jenem Abend in jedes Gesicht, in das er schaute, aber ganz besonders verliebte er sich in Saskia. In ihre roten Haare, in die Art, wie sie ihre Hüfte wiegte, in ihr grünes Kleid, in die Art, wie sie lächelte, und in ihren dicken Po.
Frank wollte es nicht auf die Drogen schieben. Er wollte also nicht sagen, dass er nur vernebelt war. Er hätte sich auch ohne die Pillen in sie verliebt. Seine Gefühle waren auch nachher noch echt. Sie hatte ihm imponiert, er fand ihre Art attraktiv, sexy. Sie wirkte von Anfang an offen auf ihn, und offene Leute bekamen immer einen Freundschaftsvorschuss von Frank. Natürlich fand er sie auch schön, wenngleich sie nicht im klassischen Sinne schön war. Sie wirkte etwas streng, und ihre Nase war vielleicht zu klein. Zudem hatte sie für ihr Alter bereits ordentliche Augenringe. Wobei Frank gestehen musste, dass ihm ihre Augenringe gefielen. Das hatte etwas Verlebtes, das er als sehr authentisch betrachtete, oder zumindest mochte er diese am Abgefucktsein angelehnte Ästhetik.
Danach gingen sie zu ihr nach Hause, zogen sich sofort aus und schliefen miteinander.
Frank blieb über das Wochenende. Sie fickten, schauten im Bett fern und krümelten das ganze Bett voll. Am Montag zog er sich die Kleider an und ging nach Hause. Am Freitag kam er wieder. Sie schluckten Ecstasy, gingen tanzen und danach fickten sie das ganze Wochenende lang, während sie fernsahen und Käsetoasts aßen. Am Montag ging Frank wieder.
So machten sie das ein paar Wochen lang. Irgendwann kam Frank schon am Donnerstag, und nach einiger Zeit ging er erst am Dienstag wieder. Die Partys ließen sie bald aus und fickten nur noch.
Als das Ficken weniger wurde, stellte sie ihn ihren Eltern vor.
Das war im späten Herbst. Den Eltern war Frank suspekt. Hausbesetzer und dunkelhaarig. Die Eltern wohnten im katholischen Süden. Genauer verortet: im Land der Flüsse, also der lange Streifen zwischen den Rhein- und Maasarmen. Ihre Eltern betrieben eine kleine Werft. Aber die Hunde, eine dänische Dogge, ein buschiger Bouvier und drei kleine, kläffende Irgendwas-Terrier, mochten Frank offenbar, was die Eltern dazu veranlasste, ihm direkt mitzuteilen, dass er wohl kein schlechter Mensch sein könne.
Das war nicht als Kompliment gedacht, auch nicht als Eisbrecher, es war lediglich eine Feststellung. Die Hunde mochten Frank, also konnte er kein schlechter Mensch sein. Ein okayer Mensch war er deswegen noch lange nicht.
Saskia und Frank hatten nie über ihren Beziehungsstatus gesprochen. Die Verliebtheit ließ erstaunlich schnell nach, aber sie hatten eine wirklich gute Zeit miteinander. Sie hatten nicht sehr viel Leidenschaft füreinander, aber sie waren ständig an etwas in Leidenschaft verbunden und begeisterten darin einander.
Frank hatte vorher noch nie eine Beziehung gehabt, deshalb wusste er nicht so genau, was er zu erwarten hatte. Die Beziehung seiner Eltern oder der Familien aus seinen katholischen Gefilden wollte er sich nicht als Vorbild nehmen, und so viele Beziehungen gab es in seinem persönlichen Umfeld damals noch nicht. Zumindest keine Art von Beziehung, die er für sich als erstrebenswert empfand. Er wollte vielleicht nur ficken und verliebt sein. Verliebt war er vielleicht schon ein bisschen.
Aber sie unternahmen viel zusammen. Frank war sehr neugierig auf dieses Land. Er wollte alle komischen Winkel kennenlernen, die Gebiete unter dem Meeresspiegel, die speziellen Deiche, Ortschaften, die Namen wie Monster oder Duurwijk trugen, mittelalterliche Schlösser, Orte, an denen Schlachten ausgetragen wurden. Je mehr er sich mit der Thematik beschäftigte, desto mehr Fragen warfen sich ihm auf.
Das Fruchtbare an diesem Interesse war, dass Saskia eine passionierte Autofahrerin war und sich von Franks Unternehmungslust anstecken ließ. An den Wochenenden fuhr sie ihn an wirklich jeden noch so entlegenen Winkel dieses Landes.
man kann den stil dann noch etwas eindampfen, dann ist es schon sehr pointiert, aber gerade das mit dem aussitzen hat viel von der lehmannschen kommunikationsphilosophie:
Frank lernte Saskia im März kennen, als Holland beschloss, noch einmal Winter zu machen, obwohl man damit eigentlich schon durch gewesen war.
Er saß mit Maarten und einem anderen Bekannten im Dorstig Hart am Fenster. Das Dorstig Hart hieß Dorstig Hart, weil Kneipen in Utrecht offenbar Namen haben mussten, die so klangen, als hätte sich jemand nach drei Bier für Poesie interessiert. Draußen war es glatt. Nicht einfach ein bisschen glatt, sondern so glatt, dass man sich nicht mehr fragte, ob man stürzen würde, sondern nur noch, ob man vorher noch eine würdige Haltung einnehmen konnte.
Frank war im Dorstig Hart, weil sein Haus fünfzig Meter weiter bei zweistelligen Minusgraden ungefähr die Temperatur einer schlecht gelaunten Garage hatte. In der Kneipe war es warm, es gab Bier, und man musste nicht so tun, als sei Wohnen unter solchen Umständen eine politische Entscheidung. Es war eher eine Entscheidung gegen das Erfrieren.
Da sah er draußen eine Frau auf allen Vieren über den Bürgersteig kriechen.
„Guck mal“, sagte Maarten.
Frank guckte.
Die Frau kroch mit einer gewissen Entschlossenheit. Nicht würdelos, dachte Frank, eher praktisch. Sie war jung, aber nicht ganz so jung wie Frank, und etwas dick. Sie trug einen schwarzen Kunstpelzmantel, der auf dem Eis aussah wie ein Tier, das nach einer verlorenen Wette nach Hause wollte.
Vor der Tür halfen ihr ein paar Männer hoch. Sie lachten. Sie fluchte. Dann lachten sie noch mehr, und sie fluchte weiter, aber so, dass man merkte, dass sie es nicht ganz ungern hatte, wenn gelacht wurde, solange sie selbst bestimmte, worüber.
Das war Saskia.
Sie kam herein, brachte Kälte mit, Lärm und eine Art Selbstverständlichkeit, die Frank sofort unangenehm beeindruckend fand. Sie setzte sich an den langen Tisch, an dem ungefähr ein Dutzend Männer saßen, die sich alle kannten, ohne deshalb Freunde zu sein. Im Dorstig Hart kannte man sich eben. Das war keine soziale Leistung, sondern eine Nebenwirkung regelmäßigen Trinkens.
Neunzig Prozent der Leute dort waren Männer. Die restlichen zehn Prozent waren Frauen, die entweder tätowiert waren oder so aussahen, als hätten sie keine Lust, sich von Männern erklären zu lassen, was tätowiert bedeutete. Hübsche Frauen kamen meistens mit großen bärtigen Männern. Nicht hübsche Frauen wurden in Ruhe gelassen, was Frank immer für eine der wenigen zivilisatorischen Errungenschaften dieser Kneipe hielt.
Saskia passte in keine dieser Kategorien.
Sie war hübsch, aber nicht auf die Art, dass man zuerst „hübsch“ gedacht hätte. Man dachte eher: Aha. Und dann dachte man noch etwas, das man nicht sofort hätte laut sagen sollen. Sie hatte erdbeerrote Haare, ein giftgrünes kurzes Kleid unter dem Kunstpelz und eine Stimme, mit der man auch in einer vollbesetzten Straßenbahn noch eine Revolution hätte absagen können.
Die Männer wurden sofort munter. Einer machte einen Witz. Ein anderer machte einen besseren Witz. Ein dritter machte denselben Witz lauter. Saskia ließ sie machen. Sie trank Bier, lachte, widersprach, zeigte Bein, rückte ihre Brüste zurecht und kontrollierte den Tisch, ohne so auszusehen, als kontrolliere sie ihn. Frank fand das sehr stark. Er nahm sich vor, es nicht zu zeigen.
Er sagte nichts.
Das lag nicht daran, dass er über den Dingen stand. Frank stand selten über den Dingen. Meistens stand er daneben und hoffte, dass die Dinge nicht nach ihm fragten. Außerdem war ihm dieses Gewitzel zuwider. Nicht grundsätzlich. Er mochte Witze. Aber er mochte nicht, wenn Männer Witze machten, um von einer Frau bemerkt zu werden. Das hatte etwas von Hunden, die Stöcke brachten.
Black Sabbath lief. Die Leute rauchten. Alles war schwarz, auch die Kleidung, und die Gesichter waren unrasiert, was in dieser Umgebung nicht unbedingt eine Information war. Saskia saß am Kopf des Tisches und sah in ihrem grünen Kleid zwischen den schwarzen Jacken aus wie ein sehr gut gelauntes Ufo.
Frank hatte schon zu viel getrunken. Sein Blick war vermutlich glasig, aber er hoffte, dass das im Dorstig Hart nicht weiter auffiel. Da zeigte plötzlich Saskia mit dem Finger auf ihn.
Es wurde still.
Frank sah den Finger an.
Saskia sagte nichts.
Die Männer sahen Frank an.
Frank sah weiter den Finger an und dachte, dass es für solche Momente keine vernünftige Vorbereitung gab. Man konnte lesen, man konnte trinken, man konnte politische Flugblätter verteilen und Häuser besetzen, aber wenn eine ältere Frau in einem grünen Kleid in einer Kneipe mit dem Finger auf einen zeigte, war man wieder ein Kind.
„Und wer bist du?“, fragte Saskia schließlich. „Du schwarzhaariger Knabe?“
Frank war zwanzig. Saskia war sechs Jahre älter, was in diesem Alter nicht sechs Jahre waren, sondern ein anderes Erdzeitalter. Er fühlte sich sofort zu jung, zu nüchtern, zu betrunken und zu sichtbar.
Er hatte einmal in einem schlauen Buch gelesen, dass man Situationen, die man nicht beherrschte, am besten aussitzen sollte. Weil jede Handlung nur die Wahrscheinlichkeit erhöhte, dass man etwas Dummes tat. Das fiel ihm jetzt ein. Es fiel ihm deshalb ein, weil ihm sonst nichts einfiel.
Er schwieg.
Saskia senkte den Finger nicht.
Die Männer fingen nicht wieder an zu reden.
Frank sagte: „Ich habe in einem schlauen Buch gelesen, wenn man eine Situation nicht beherrschen kann, soll man sie am besten aussitzen.“
Das war nicht elegant, aber immerhin ein Satz.
Saskia betrachtete ihn. Dann senkte sie den Finger. Einige Männer lachten, aber vorsichtig, weil niemand wusste, ob es ein Witz gewesen war. Maarten grinste schief. Seine Augen waren noch glasiger als Franks, was Frank tröstete.
Die Gespräche gingen weiter. Die Lage war überstanden. Frank war nicht gestorben. Das war in solchen Situationen schon viel.
Eine halbe Stunde später kam Saskia vom Tresen zurück und stellte Frank ein Bier vor die Nase.
„Soso“, sagte sie. „Aussitzen also.“
Frank sah das Bier an. Dann sah er Saskia an.
„Woher kommst du mit deinem komischen Akzentchen?“, fragte sie.
„Bozen“, sagte Frank. „Norditalien.“
Saskia kannte Bozen nicht. Italien kannte sie. Also redeten sie über Sonne, Essen und das gute Leben, wie Menschen das immer tun, wenn sie Italien nicht kennen, aber eine Meinung dazu haben. Frank sagte wenig. Saskia sagte viel. Das war angenehm, weil Frank gerne wenig sagte, wenn jemand anderes viel sagte und es nicht ganz dumm war.
Sie erzählte, dass sie später tanzen gehen würde, in einen besetzten Schuppen am Merwedekanal. Frank sollte mitkommen.
Dann holte sie ihre Brieftasche heraus, öffnete ein Fach und hielt es ihm hin. Darin lagen Pillen.
„Zwei für mich, zwei für dich“, sagte sie.
Frank sagte: „Okay.“
Das war vielleicht keine besonders ausgereifte Lebensentscheidung, aber sie war schnell getroffen. Frank mochte schnelle Entscheidungen, wenn er hinterher nicht sofort über sie nachdenken musste.
Saskia war zufrieden. Sie sagte, er solle austrinken.
Frank sagte Jochem Bescheid, dass er ohne ihn gehen würde. Jochem nickte, als sei das eine Information, die irgendwo in seinem Kopf ankommen würde, nur nicht heute.
Saskia ließ sich ein Taxi rufen. Sie nahm ihren schwarzen Mantel und ging, ohne sich noch einmal umzudrehen. Die Männer am Tisch bemerkten das zu spät. Frank fand das bemerkenswert. Sie hatte den ganzen Raum beherrscht und verließ ihn dann, als sei er nicht mehr zuständig.
Im Taxi sagte Frank: „Deine Schlagkraft ist gut. Du hast zielstrebig geangelt.“
„Ich weiß doch noch gar nicht, ob du ein guter Fang bist“, sagte Saskia.
Sie lachten.
„Gib mir mal die Pillen“, sagte Frank, „damit es sich wenigstens für mich gelohnt hat.“
„Werd nicht frech“, sagte Saskia.
„Nur, wenn es sich lohnt“, sagte Frank.
Er war ziemlich stolz auf diesen Satz. Nicht weil er besonders gut war, sondern weil er überhaupt herausgekommen war.
Die Party fand in einem Kellerraum statt, der eigentlich nicht für Menschen gedacht war, sondern eher für Kartoffeln oder schlechtes Gewissen. Über dem Veilinghaven standen ein paar backsteinerne, garagenartige Gebäude, die irgendwelche Raver besetzt hielten. Wahrscheinlich sollten sie irgendwann abgerissen werden. Frank fand, dass viele Dinge in Holland so aussahen, als sollten sie irgendwann abgerissen werden, aber bis dahin konnte man darin wohnen, feiern oder beides.
Die Decke im Keller war niedrig. Selbst Frank, der nicht groß war, fühlte sich eingeengt. Größere Leute mussten den Kopf einziehen, was dem Tanzen eine traurige Würde gab. Außerdem wirkte die Decke morsch. Man wollte nicht dagegenkommen, weil man nicht wissen konnte, was dann herunterfiel. Staub, Ziegel, Geschichte.
Saskia war klein. Einssechzig, sagte sie irgendwann, als sei das eine technische Angabe. Sie hatte mit der Decke keine Probleme. Die Pillen begannen zu wirken. Sie hob die Arme, bewegte sich, lachte, schmiegte sich an Frank, und Frank küsste sie.
Dann wurde in seiner Brust das Licht angeschaltet.
So kam es ihm jedenfalls vor. Bei Ecstasy wurde Frank zu einem Glühwürmchen, allerdings zu einem, das Bier getrunken hatte und nicht wusste, wo es wohnte. Alles sammelte sich in seiner Brust. Ein warmes, dummes, schönes Leuchten. Er sah Gesichter und liebte sie. Er sah Hände und liebte sie. Er sah Saskia und liebte sie besonders.
Scheiß Drogen, dachte Frank, wenn er noch dachte.
Er verliebte sich in ihre roten Haare, in ihr grünes Kleid, in ihre Hüften, in ihre Stimme, in ihre Augenringe. Vor allem in ihre Augenringe. Sie hatten etwas Verlebtes, und Frank hielt Verlebtheit damals für Echtheit, was nicht ganz dasselbe ist, aber nahe genug, wenn man zwanzig ist.
Später gingen sie zu ihr.
Sie landeten sofort im Bett.
Frank blieb das Wochenende. Sie schliefen miteinander, sahen fern, aßen Käsetoasts und krümelten das Bett voll. Am Montag zog Frank seine Sachen an und ging nach Hause. Am Freitag kam er wieder.
So ging das eine Weile.
Freitag: Pillen, Tanzen, Saskia.
Montag: Heimweg, kaltes Haus, Restlicht in der Brust.
Irgendwann kam Frank schon am Donnerstag. Später ging er erst am Dienstag. Dann ließen sie die Partys weg. Das war effizienter und billiger.
Als das Schlafen miteinander weniger wurde, stellte Saskia ihn ihren Eltern vor.
Das war im Herbst.
Ihre Eltern wohnten im katholischen Süden, im Land der Flüsse, also in diesem langen Streifen zwischen Rhein und Maas, wo alles ordentlich und feucht wirkte. Sie betrieben eine kleine Werft. Frank gefiel das Wort Werft. Es klang nach Arbeit, Wasser und Leuten, die wussten, was sie taten. Frank wusste selten, was er tat.
Den Eltern war er suspekt.
Hausbesetzer. Dunkelhaarig. Aus Italien, aber nicht richtig. Zu jung. Zu dünn vielleicht. Auf jeden Fall nicht das, was man sich wünschte, wenn die Tochter jemanden mitbrachte, den man einordnen wollte.
Die Hunde mochten ihn.
Es gab eine dänische Dogge, einen buschigen Bouvier und drei kleine Terrier, die aussahen, als hätten sie einen gemeinsamen Nervenschaden. Sie bellten viel, aber nicht gegen Frank. Die Dogge lehnte sich an ihn. Der Bouvier setzte sich in seine Nähe. Die Terrier entschieden, ihn nicht sofort zu hassen.
„Die Hunde mögen dich“, sagte Saskias Vater.
Frank nickte.
„Dann kannst du kein schlechter Mensch sein“, sagte ihre Mutter.
Das war nicht als Kompliment gemeint. Es war auch kein Eisbrecher. Es war eine Diagnose. Die Hunde mochten ihn, also war er kein schlechter Mensch. Ein guter Mensch war er deshalb noch lange nicht. Eher ein vorläufig geduldeter Mensch.
Frank nahm es hin. Er war geübt darin, vorläufig geduldet zu werden.
Über ihren Beziehungsstatus hatten Saskia und Frank nie gesprochen. Das war praktisch. Sobald man über so etwas sprach, musste man Wörter benutzen, und Wörter machten aus Dingen Zustände. Frank mochte Zustände nicht. Zustände hatten Folgen.
Die Verliebtheit ließ schneller nach, als Frank gedacht hätte. Oder vielleicht hatte er gar nichts gedacht. Aber sie hatten eine gute Zeit. Nicht diese Art von guter Zeit, bei der man später behauptet, es sei alles groß und wahr gewesen. Eher eine gute Zeit, weil man zusammen herumfuhr, aß, trank, lachte und nicht allein war.
Frank hatte vorher noch keine richtige Beziehung gehabt. Die Beziehungen seiner Eltern wollte er nicht als Vorbild nehmen, und die Beziehungen anderer Leute auch nicht. Die meisten Beziehungen, die er kannte, wirkten wie schlecht gelüftete Zimmer: Man konnte kurz hineingehen, aber wohnen wollte man darin nicht.
Vielleicht wollte Frank nur schlafen, essen, verliebt sein und nicht frieren. Das war, wenn man ehrlich war, kein schlechtes Programm.
Er wurde neugierig auf Holland. Auf die Gebiete unter dem Meeresspiegel. Auf Deiche, Dörfer, Schlösser, Schlachtenorte und Orte mit Namen wie Monster, die in jedem anderen Land als Warnung gegolten hätten. Je mehr er darüber las, desto weniger verstand er, was Frank im Allgemeinen für ein gutes Zeichen hielt. Dinge, die man sofort verstand, waren meistens nicht sehr interessant.
Saskia fuhr gern Auto. Das war ein Glück. Frank hatte Unternehmungslust, aber kein Auto. Saskia hatte ein Auto und offenbar nichts dagegen, mit Frank an entlegene Orte zu fahren, an denen es Wind, Wasser und irgendeine historische Niederlage gab.
An den Wochenenden fuhren sie durchs Land.
Saskia am Steuer, Frank daneben.
Manchmal redeten sie viel. Manchmal wenig. Manchmal stritten sie über Musik, über Essen, über Politik, über die Frage, ob man noch irgendwo Kaffee bekommen würde. Manchmal sagte Frank etwas Kluges. Meistens sagte Saskia dann: „Ach, Frank.“
Das konnte vieles heißen.
Frank mochte es trotzdem.