[Sa, 19.9.2026 – Lebensstandorte, Wohnungspartys, Berlin]

Am Freitag bei Nachbarn gewesen, die früher bei uns im Haus wohnten und nun auf die andere Straßenseite gezogen sind. Wir treffen uns noch oft im Kiez, weil auch sie einen Hund haben, und wir manchmal gemeinsam mit den Hunden laufen. In ihrer neuen Wohnung haben sie eine spektakuläre Dachterrasse, von der aus man über ganz Berlin schauen kann. Diesen Blick hatte man in den Neunzigern ja ganz oft. Damals waren wir ständig auf den Dächern, auf denen man richtig weite Strecken laufen konnte, ganze Blocks mit verzweigten Pfaden über Hinterhäuser und Quergebäude. Mit so einer Dachterrasse könnte ich auch gut leben. Aber wir wohnen im dritten Stock.

Da der Mietvertrag für deren Wohnung bald ausläuft, überlegen sie, wegzuziehen. Weiter in den Süden, nach Spanien oder Italien. Die Frau konnte während des Lockdowns in Corona nicht arbeiten und produzierte deswegen Motivationsreden für Frauen im Internet und wurde damit zu einem Internetstar. Mit ihren Einnahmen könnte sie locker die gesamte Familie unterhalten.

Diese Flexibilität, sich einen Ort zum Leben auszusuchen, ist wirklich beneidenswert. Ich als Tech-Spezialist dachte auch immer, ich sei flexibel. In gewisser Weise bin ich das natürlich schon. Ich könnte auch in Schweden arbeiten, in Neuseeland oder in Chicago. Ich müsste mir aber immer eine Arbeitgeberin suchen und viel vor Ort sein. Als Tech-Chef kann ich nicht einfach in einer einsamen Hütte sitzen.

Gestern war ich auf der Geburtstagsfeier einer Freundin. Ich liebe Wohnungspartys. Herumstehen mit Drinks und dabei quatschen. Gelegentlich ein Stück Käse abschneiden und diesen mit einem Schluck Bier begießen. Wir standen in einer kleinen Runde zusammen und redeten über Berlin, die jämmerliche Parteienlandschaft in dieser Stadt, und die Wahlen von morgen. Es fällt mir immer schwer, den Leuten meinen Berlinblues zu erklären, aber neulich gab es im Spiegel diesen Kommentar von Tobias Rapp, dem Mitherausgeber der Jungle World, der es besser erfasst hat, als ich, was in Berlin politisch gerade passiert. Alle wollen ihren eigenen IST-Zustand schützen. Das zieht sich durch das gesamte Parteienspektrum. Traurigerweise am wenigsten bei der AfD. Wobei der letzte Satz meine eigene Konklusion ist. Aber alle progressive Energie scheint aus dieser Stadt verschwunden. Wirtschaftlich, sozial, wie auch kulturell. Das ist das, was ich meine, wenn ich sage, dass Berlin konservativ geworden ist. Der progressive Geist ist gegangen.

Und die Jungle World muss das wissen. Die haben 25 Seiten aus meiner Novelle abgedruckt.

Immerhin gibt es noch Hertha, die sich mit einer No-Name-Truppe gerade von Sieg zu Sieg durch die Saison grooved. Wegen der Party verpasste ich das Abendspiel gegen Dresden. Ab und zu schaute ich rein. 0:1, dann 1:1, aber am Ende siegte wieder Hertha. Ich weiß gar nicht, was mit meinem Verein los ist. Im Kiez werde ich oft mit Hahohe begrüßt, wenn ich eine Hertha-Jacke trage, oder die Menschen laufen selbst mit Hertha-Merch herum und grüßen mich. „Gute Zeit, wa?“. Friedrichshain ist noch nicht an die Unioner verloren. Im Getränkemarkt an der Eldenaer werde ich von den zwei Kassierern auf die Herthafahne an meiner Jacke angesprochen: Endlich jemand Vernünftiges. Der eine zeigte mir seinen Herthasticker an der Säule hinter der Kasse. Auf dem Sticker ist das Logo von deren Hertha-Fanclub abgebildet. Er schlägt sich mit der flachen Hand auf die Brust. Ich nicke anerkennend.

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