Dafür, dass ich am Sonntag das erste Mal in Deutschland wählen darf, bin ich doch sehr unentschlossen. Alle Parteien, die aus meiner linkgrünversifften Weltanschauung infrage kämen, lösen nicht mehr viel Begeisterung in mir aus. Und das zeigt schon das eigentliche Problem in dieser Republik. Wie auch Philip Ruch vom ZPS in diesem Interview sagte: „Und neben mir steht da dieser AfD-Wähler, dessen Augen glühen über das Glück der Partei, die er da wählen darf.“
Vor fünf oder zehn Jahren hätte ich wahrscheinlich grün gewählt. Die einzige richtige Wahl, an der ich je teilgenommen habe, war mit 18 Jahren, als in Italien wieder ein neues Parlament gewählt wurde. Dort setzte ich mein Kreuz unter die „Rifondazione Comunista“. Würde ich heute nicht mehr machen.
Am Sonntag steht mir eine SPD zur Auswahl, die keine Vision für diese Stadt und diese Gesellschaft hat, mit einem Kandidaten, von dem ich nur weiß, dass er irgendwie eher Niedersachse ist, als Berliner und jetzt auch noch in irgendeinen Skandal verwickelt ist, mit dem ich mich nicht näher beschäftigen will.
Dann gibt es die Grünen, die keinerlei progressiven Geist mehr versprühen, sondern in einer seltsamen Pose von Überzeugungen und Dogmas erstarrt zu sein scheinen. Nicht einmal den Bau von Radwegen haben sie ordentlich auf die Gleise gebracht. Ihre 30km pro Jahr wurden nur von der CDU mit 20km noch einmal unterboten. In Paris bauten sie in 5 Jahren über 1000 Kilometer neue Radwege.
Dann gibt es noch die Linken, die mit einem ungeheuren Populismus tatsächlich 36 Milliarden Euro Steuergeld in die Hand nehmen wollen, um den Bestand eines Wohnungskonzerns aufzukaufen und dies dann als Kampf gegen die Wohnungsnot bezeichnen. Die Linken stellen immerhin die richtigen Fragen. Wohnungsnot ist das Problem, das die meisten in der Stadt umtreibt, aber die Linke hat zu ziemlich jeder guten Frage eine falsche Antwort.
Eine Partei, die 36 Milliarden Euro Steuergeld in die Hand nimmt und damit neue Wohnungen baut, würde ich allerdings sofort wählen.
Dann kommt die Unwählbarkeitsfraktion. Als die CDU vor 3 Jahren die Regierung übernahm, dachte ich: Na gut. Sie haben gewonnen, mal schauen, was sie machen. Ich traute ihnen auf alle Fälle den Bau von Wohnungen zu. Das kann die CDU ja, oder? Immobilien. Hier kommt jetzt eine lange Kunstpause.
Die FDP. Ach. Sie haben ein paar gute, progressive Ideen zur Sterbehilfe und vor allem bei Wirtschaftsthemen, aber das war es auch schon und insgesamt ist sie mir einfach zu sehr eine Bessergestelltenpartei der oberen Einkommensschicht, die null soziale Weitsicht hat.
Ach, und über BSW und AfD will ich jetzt gar nicht reden.
Vor einigen Jahren bin ich der VOLT-Partei beigetreten. Meine erste Parteizugehörigkeit. Sie stellen die richtigen Fragen und haben die richtigen Antworten darauf. Sie haben eine weite Perspektive, sind undogmatisch, progressiv und auch sozial. Aber sie haben kein Momentum. Die richtigen Antworten sind offenbar gerade nicht gefragt. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mein Kreuz bei einer Partei setzen sollte, die unter der 5% Hürde bleiben wird. Es geht ja darum, die AfD zu verhindern. Geht es nicht darum? Die KI sagt: Es ist kompliziert.

Exakt, so isses. Eine Dramödie, eine Klamotte.
Bin seit über 40Jahren Grüner, aber hier in der Stadt lassen sie mich zweifeln. Kein Esprit, keine Vision.
Und irgendwie hat man das Gefühl, dass sich alle wählbaren Parteien in ihrem Wohlfühlkomposthaufen eingerichtet haben.
Was tun?
Was tun? Protestwählen. Aber wen?
Ich war mal in einer Partei, damit ich mir diese Frage nicht stellen muss. Das fand ich sehr entlastend. Wenn man Wahlkampf für eine Partei macht, wählt man die auch, alles andere wäre verrückt.
Jetzt bin ich schon wieder zehn Jahre nicht mehr in einer Partei und das Elend ist wieder da. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, was ich am Sonntag mit meiner Zweitstimme mache. Mit der Erststimme wähle ich einfach den einzigen Kandidaten, den ich schon mal gesprochen habe. Erststimme ist aber sowieso egal, die A*d holt das Direktmandat mit einem Typen, den kein Mensch kennt.
Dieser erste Satz von dir haut mich irgendwie um 🙂
Habe eben inspiriert durch Deine Uninspiriertheit (welche ich teile), mal wieder Wahl-O-Mat gemacht. Mal sehen, welche Schlüsse ich bis Sonntag aus dem Ergebnis ziehe. Immerhin grobe Orientierungshilfe in puncto Wahl des vielleicht(?) besseren Kompromisses.
Die PDF ist inhatlich ja mehr oder weniger deckungsgleich mit Volt. Außer, dass Volt diesen europäischen Fokus hat (ein Image, das der Partei eher im Weg steht, wenn man mich fragt).
Bergpartei ist lustig. Rankt bei mir auch eher weit oben. Wahlomat ist ein nettes Gimmick. Würde mich bei der Entscheidung aber nicht beeinflussen.
PDF hat auf jeden Fall die beste Abkürzung.
Ich würde als Slogan »Ich druck das mal aus« verwenden.
Für die Bergpartei habe ich mal gespendet, weil ich die selbstgemalten Plakate super fand. Aber ich hätte Angst davor, die Leute näher kennenzulernen, glaube ich.
Als ich die ersten Volt-Plakate über und unter den anderen Wahlplakaten entdeckte, dachte ich ehrlich gesagt im ersten Moment, das wäre ein pfiffiger Marketing Move einer dieser Liefer- oder Fahrdienste (Bolt, Wolt) oder ein weiterer Dienst, der so ähnlich heißt und mal eben seine Reklame zwischen die Partei-Nasen quetscht. Dass es evt. doch eine Partei sein könnte, kam mir erst beim wiederholten Vorbeigehen ins Bewusstsein, als ich die Cloud mit Begriffen las 🙂
Ursprünglich dachte ich, es handle sich um eine Sexparty.
(…vom Wahlprogramm hast Du erst nach Bestätigung der Club-Mitgliedschaft erfahren? 😁)
Öhm, ich lese Parteimails nicht sehr gründlich.
hey, ich habe den wahl o mat angeworfen und mich dann auch noch von gpt strategisch beraten lassen. meiner freundin wurde zb von einer freundin gesagt, dass sie als direktmandat linke wählen müsste um die afd zu verhindern. das ist hier im gräfekiez nicht wirklich korrekt, stellte sich heraus. tatsächlich haben die grünen vor einigen tagen die erste wahlkampfaktion ever gestartet, die mir in der seele was gegeben hat. ich fuhr am prinzenbad vorbei und da an der ubahn spielten die grünen laute musik, und tanzten mit schildern herum, auf denen stand „danke, dass ihr fahrrad fahrt!“. es war gute stimmung und ein schöner moment. ich fahre ja fast überall mit fahrrad hin, und wenn nicht fahrrad dann lastenrad. oder bvg. die stadt erstickt ja in verkehr. die fahrradinfrastruktur ist mir wichtig. ich bin aber auch gegen die krassen enteignungspläne, die mir eher so ein populistisches ressentiment einfach bedienen zu wollen scheinen. wenn man den feind im äusseren findet, dann muss man bei sich selbst nicht nachsehen, warum man nicht aktiv baut. summa summarum lande ich dann doch wieder bei der spd. ich fand, sie hatte, bevor sie durch die wahlwiederholung abgesägt wurde, dann doch den mut, viele unpopuläre massnahmen anzureissen. das mit dem kracht skandal fand ich wirklich sehr last minue vor der wahl mässig. hausdurchsuchung. bestechung, die aber dem bestechenden am ende gar nix gebracht hätte. hm. die cdu als erklärte autofahrerpartei und führungsversager wähle ich nicht. die direktkandidatin der spd für kreuzberg ist historikerin und projektleiterin (wie obige freundin übrigens). kann mir vorstellen,dass sie das macht. wenn man schon immer von juristen vertreten wird, dann kommen so irre sachen raus wie sondervermögen und verfassungsklagen. in kreuzberg wird die direktkandidatin aber vermutlich grün. bist du eigentlich sicher, dass volt die 5 prozent hürde nicht knackt? gpt sagt: volt hat keine gesonderte statistik in den umfragen. habe theoretisch auch hohe übereinstimmung mit volt. könnte mir das in zukunft vorstellen. die 20 prozent afd gruseln mich natürlich auch. das internet sagt: ganz klar der alte osten der stadt. leute. so, gehe jetzt erst mal wählen und hoffe auf das beste.
Volt ist etwa gleichauf mit der Kleinstpartei FDP (hrhr)