Auf Mastodon postete jemand einen Link zu einer Veranstaltung des Digitalen Unabhängigkeitstages, dem sogenannten DI.DAY. Es sollte diverse Vorträge geben und anschließend würde man Interessierten Linux auf deren Laptops sowie e/OS auf die Telefone installieren. Da ich schon länger darüber nachdenke, mich in meiner Freizeit solchen Initiativen zu widmen, weil Technologie wieder zunehmend politisch wird, ging ich spontan hin, um zumindest den Vorträgen beizuwohnen und dann einfach mal zu sehen, was sich ergibt. Vor fast dreißig Jahren fing das, was sich heute als meine Karriere bezeichnen lässt, genau in solchen Orten an, als ich in einem besetzten Haus in Utrecht zusammen mit einem Freund eine sogenannte Internetwerkstatt gründete. Eigentlich ein längeres Thema für den autobiografischen Themenzyklus.
So ging ich gestern jedenfalls ins C‑Base, einen Veranstaltungsort im zweiten Hinterhof eines gewerblichen Altbaus in der Rungestraße, auf der anderen Seite der Jannowitzbrücke. Der Eingangsbereich ist mit Metallplatten verkleidet und mit futuristischen Details versehen. Man betritt einen dunklen, metallischen Gang, der von bunten LEDs ausgeleuchtet ist. Wie ich mittlerweile weiß, ist das C-Base in Wirklichkeit Teil eines riesigen Raumschiffes aus prähistorischen Zeiten, das unter Berlin verschüttet liegt. Neueste Forschungen haben ergeben, dass sich das Raumschiff in einer kreisrunden Form vermutlich fast über das ganze Gebiet von Berlin-Mitte erstreckt. Man kann die Erkenntnisse aus den Studien auf detaillierten Karten, die im C-Base ausgestellt sind, begutachten. Bisher hat man vom Raumschiff nur jenen Teil ausgraben können, der heute C‑Base heißt, und der andere Teil ist das uns heute als Fernsehturm am Alex bekannte Bauwerk, das als zentrale Antenne des Vehikels funktionierte. Man darf auf die weiteren Entwicklungen der Ausgrabungen gespannt sein.
Ich fühlte mich wirklich dreißig Jahre in die Vergangenheit versetzt. Im Guten, wie im – nunja, auch weniger Guten. Ich liebe diese Nerdigkeit. Mit wie viel Detailliebe, diese Tafel mit dem vergrabenen Raumschiff gestaltet ist, mit wie viel Liebe auch der ganze Ort aufgezogen ist. Die Applikationen an den Wänden, der Tresen, die Schränke. Andererseits wirkt diese ganze Dunkelheit und diese Ansammlung von Männern mit langen Haaren oder langen Bärten mit über den Kopf gezogenen Hoodiekapuzen auf Außenstehende doch immer etwas abschreckend. Wenn man digitale Souveränität, Open Source, Linux und diese Sachen in den Mainstream bringen will, sollte man vielleicht am Erscheinungsbild arbeiten. Das störte mich vor dreißig Jahren schon. Nur weil ich selbst in besetzten Häusern abhing und ich diese Abrissästhetik immer noch liebe, wusste ich auch, dass man damit nicht die Welt überzeugt. Mit unseren zugestickerten Laptops, schwarzen Hoodies und fensterlosen Kammern, wirkten wir immer, wie ein Klischee.
Irgendwie ging ich davon aus, dass sich die Ästhetik verändert hat. Ich weiß nicht, warum ich diesem Gedanken aufgesessen war. Vielleicht, weil 90% der Server auf dieser Welt mit Linux laufen, vielleicht, weil die Businesses sich zunehmend von Microsoft abkehren, vielleicht, weil ich öfter von öffentlichen Linux-Installationsangeboten las und dabei eher an Nachbarschaftstreffs mit Kaffee und Kuchen dachte. Auch wenn ich den Besuch im C-Base sehr charmant fand, würde ich mir wünschen, wenn man solche Veranstaltungen einfach mal in einem weißen, hellen Raum mit weißen Tischen, weißen Stühlen, weißen Regalen und weißen Gedanken abhalten würde.
Immerhin waren auch Frauen anwesend. Etwa ein Drittel war weiblich. Das war früher nicht unbedingt so.
Die beiden Vorträge handelten von der EUDI-Wallet und dem neuen EuroOffice. EuroOffice ist ein bescheuerter Name, aber es ist ein sehr wichtiges Projekt, das als vollwertige Alternative für Microsofts Office-Komponenten im Nextcloud Workspace integriert ist. Wir werden das auch in der Firma ausrollen. Die Themen sind nicht neu für mich, aber ich bin ja nicht für die Inhalte da, ich bin nur da, um etwas von der Luft einzuatmen und um zu sehen, wie ich mich da künftig einbringen kann.
Ich muss dort einen seltsamen Eindruck gemacht haben. Vielleicht, weil ich ein Hemd mit Kragen trug und etwas älter war, als der Durchschnitt. Wobei noch drei andere, ältere Herren da waren, die aber ganz offensichtlich zur Veranstaltungsgruppe gehörten. Ich wurde mehrfach gefragt, ob ich Hilfe bräuchte. Sicherlich wollte man nur behilflich sein, ich war ja alleine da, saß etwas abseits. Ich sagte, ich sei nur aus persönlichem Interesse da, ich wollte mich einfach umsehen, ich nutze Linux seit fast dreißig Jahren, ich wollte in Zukunft vielleicht mithelfen, auf fremden Laptops Linux zu installieren. Aber als sich herausstellte, dass ich keine Hilfe benötigte, war das Interesse auch schnell wieder verflogen. Vielleicht sendete ich komische Signale.
Nach den Vorträgen teilten sich die Anwesenden in drei Gruppen auf. Jene, die sich Linux installieren lassen wollten. Dafür waren zwei junge Menschen extra zur Veranstaltung gekommen. Eine junge Frau und ein junger Mann. Beide setzten sich mit einem älteren Spezialisten mit Bart an einen Tisch. Eine andere Gruppe setzte sich an einen anderen Tisch und dort installierten sie e/OS auf Telefonen. Der größere Teil der Gruppe netzwerkte (analog) an den Tischen herum. Ich bin ja nicht schüchtern, fand aber dennoch keinen Einstieg, um mich mit den Leuten zu vernetzen. Nach einer Weile, die ich ein bisschen unbeholfen am Tresen und am Flyerkasten verbrachte, beschloss ich dann doch, zu gehen.
Ich werde aber wiederkommen.
