Bitte abstimmen

Heute bin ich auf diesen Schreibwettbewerb gestossen. Daraufhin habe ich mein Blog nach ein paar kurzen Mehrzeilern durchstöbert und sie auf hundert Wörter zurechtgestutzt. Das nennt sich Drabble. Und auf jener verlinkten Webseite wird den drei besten Drabbles ein Preisgeld von 500, 200 und 100€ ausgezahlt.
Jetzt habe ich sechs Drabbles geschrieben und will, dass ihr entscheidet, welche drei ich einreiche. Wenn ich einen der drei Preise gewinne, dann kaufe ich für das Preisgeld Bier und Salzstangen und lade euch alle (Bekannte und Unbekannte) in meine Wohnung ein um das Preisgeld zu verfeiern.

Und nein, ich habe kein freundschaftliches oder geschäftliches Verhältnis zu Bloomsbury/BerlinerVerlag. Ich habe nur Lust zu feiern und dieses Poll-Plugin zu probieren.

Hier die sechs Drabbles, und unten bitte abstimmen.

I

ch war früh da, am Flughafen. Ich dachte, genug Zeit mitzunehmen sei gut, ich warte immer gerne an Flughäfen. Zeitungsläden durchstöbern, auf die Uhr schauen, auf Anzeigentafeln schauen, das ist sinnlich. Heute bin ich dann durch das Oktogon gelaufen. Im Kreis, mehrmals. Alle Terminals im Kreis. Ich habe über Tegel gelesen, dass er weit über seine Kapazitäten hinausgewachsen ist, Tegel platzt sozusagen, und so lief ich durch das Oktogon im Kreis, an Polizisten vorbei, an den Wartenden vorbei, an den Brötchenverkäufern vorbei und dachte die ganze Zeit: Tegel ist am Platzen, irre das, alles irre, Tegel hat seine Kapazitäten überschritten.

I

n der U-Bahn sitzt ein junger Mann Mitte dreißig und liest ein Buch auf seinem eReader. Ich habe das noch nie live gesehen und fühle mich entsprechend in die Wirklichkeit geholt. Am Bahnhof Weinmeisterstraße steigt eine junge Frau hinzu, sie hält einen eReader locker in der Hand, und setzt sich dem jungen Mann gegenüber. Sie bemerken einander nicht sofort, schließlich ist es aber soweit. Sie sehen sich, und lächeln sich mit einer wissenden Geste an.
Ich lese Kafka auf meinem Handy. Ich fühle mich ausgeschlossen. Aber vielleicht bin ich auch nur neidisch auf das Lächeln, das er bekommen hat.

N

eulich bei der Friseurin gesessen. Sie hatte lilane Haare, dunkel umrandete Augen, Ringe in der Lippe und in der Nase. Und Beine, die mir bis zum Hals reichten. Ich schaute ihr verträumt beim Schneiden meiner Haare zu. Das war so verspielt, wie sie mit den Fingern durch meine Haare fuhr, die Länge schätzte, und in kurzen Schnippen, mit einem kecken Blick in ihren Augen, meine Frisur stutzte. An einer Seite ging ihr lilanes Haar in einem langen geflochtenem und verfilztem Zwirbel bis unter ihre Hüfte. Wären meine Träume als kleiner Junge etwas unanständiger gewesen, wäre sie wohl mein Rapunzel gewesen.

A

n jenem langen Tag im Büro, als mir das Wasser bis zum Hals stand, gab ich meinen Kollegen keinen Abschiedsgruß, sondern ging wortlos in die Hocke. Um zu warten. Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Geräusche der Oberfläche hören konnte, oder ob es nur die Bewegungen des Wassers waren. Die dicken Fische mit den Glubschaugen sahen mich verwundert an, weil ich zum Spaß große Luftblasen hochblubbern ließ. Sie versammelten sich bei mir, und der größte aller Glubschaugenfische schnitt mir Grimassen und ich machte dicke Wangen, und ließ dabei Luftblasen aus der Nase wachsen, wie ein närrisch gewordener Unterwasserstier.

E

ines der beachtlichsten Dinge in Schottland, sind die überschminkten, dicken Frauen in enggezurrten Kleidern oder leopardenfellmusternen Leggings. Frauen, die anderswo als ordinäre, dumme Hühner verachtet werden. In Glasgow prägen sie am Samstagabend das Straßenbild. Ich bin hingerissen von der selbstbewussten Art, wie sie hier auftreten, sich schön finden, und laut lachen. Solche Frauen tauchen oft in meinen Träumen auf. Dort sitzen sie auf grünen Sofas, haben toupiertes Haar und die Fingernägel rot lackiert. Sie essen nicht und trinken nicht, sie sitzen nur da und sehen zu mir herüber. Manchmal schauen sie ein bisschen böse. Doch ich weiß nie warum.

V

or dem Supermarkt stehen drei Rentner beisammen und reden über die unerzogene Jugend von heute. Ganz klassisch: sie stehen beisammen, reden von der unerzogenen Jugend und stammeln kopfschüttelnd Wortfetzen wie “schlimmschlimm”.
Ich stehe daneben und belade mein Fahrrad. Ich befestige mühsam zwei große Plastiktaschen, eine Großpackung Toilettenpapier, und eine Büchersendung. Dann fällt mir das Fahrrad um, eine der Taschen geht auf, ein Joghurt platzt und das Gemüse rollt über den Bürgersteig. Die Dreiergruppe nimmt es zur Kenntnis und widmet sich wieder dem Gespräch über Erziehung.
Weissnich. Die Rentner von heute sind auch nicht mehr das, was sie früher waren waren.

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14 Comments

  1. mek

    Supine: Anreisekosten sind im Budget nicht drin, sonst: super 🙂

    percanta, stimmt. Twitter hat mich zum Zeichenzähler gemacht. (werde ich jetzt immer bei Rechtschreibfehlern sagen)

    frauziefle: die sind zu uneigenständig. Lesen sich nur im Kontext.

  2. Gewählt. Darf ich mich jetzt auch zum Streberaffen machen? Dann könnte man den Rentnern hinten ein “waren” klauen und Schottland zwei Kommata (“sich schön finden und laut lachen” und “Dinge in Schottland sind”, aber da wird auch klar: ohne Komma wird’s wirr). Tschuldigung. Ich dachte nur, wenn das dann eingereicht wird…

  3. mek

    Nix mainstream. Wenn man hier abstimmt, gehört man automagisch zur Avantgarde.

    Stilhäschen. Nehme ich mit danke, aber löschen issnich. Der hundert Worte wegen.

  4. Einspruch. Die Inseltexte waren genau mein Einstieg in dieses Blog. Weil mich fasziniert hat, wie mit ein paar Zeilen eine ganze Welt beschrieben ist. Wie Deckel öffnen bei einem leckeren Essen und einmal einatmen.

  5. mek

    Oh, Eckart, das ist ein wirklich sehr schönes Kompliment. Danke.

    Frauziefle, Danke, aber der Inseltext hat ungefähr 250 Wörter. Den auf 100 zu trimmen würde bedeuten, nur die halbe Welt zu beschreiben.

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