bin dann mal ein faschistischer Blockwart

Diesen Sommer wollte ich dem Taubennest voraus sein. Letzten Sommer hatte sich unter dem Taubennest im Hof ein sehr breiter und zwei Zentimeter dicker Taubenscheiß-Streifen gebildet. Dummerweise genau auf dem Weg zu den Mülltonnen und zwar genau so, dass man dem Kot kaum ausweichen konnte.

Wenn ich im Haus den Nachbarn begegnet bin, wusste jeder Bescheid, ja, das sei natürlich ärgerlich, aber wir waren uns einig, so ein Taubennest herunterzuschlagen geht ja gar nicht, da löscht man ja das Leben von kleinen Taubenbabys aus. Ich war dann so clever, das Nest im Winter zu entfernen. Ich weiß nicht, wo Tauben im Winter schlafen, jedenfalls nicht in jenem Nest in unserem Hof. Der Balkon meines Nachbarn, dem Taxifahrer, ist näher am Nest, ich bat ihn, die Arbeit für mich zu erledigen, da ich keinen so langen Stock hatte. Er weigerte sich aber, es gäbe bestimmt so europäische Gesetze, die ihm das Entfernen von Taubennesten verbieten würden. Ich beruhigte ihn aber und erklärte ihm, dass das Nest ja leer sei und leere Neste dürfe man sicherlich abschlagen.

Vor ein paar Tagen sah ich dann wieder ein Taubenpaar, das den Baum im Hof inspizierte. Sie standen auf diesem dicken Ast, der genau über den Weg zu den Mülltonen ragt. Sie gingen hin und her, hackten mit dem Schnabel ins Holz. Ich ging davon aus, dass es sich um das selbe Taubenpaar wie letzten Sommer handelte, da sie gleich aussahen (taubenblaues Federkleid, Schnabel und Flügel). Ich vermutete, dass sie, enttäuscht über ihr verschwundenes altes Ehenest in dem sie diesen herrlichen Sommer 2013 verbracht hatten, bald wieder abzögen. Ich wollte das in den nächsten Tagen aber beobachten. Falls sie mit dem Nestbau beginnen sollten, würde ich aber sofort irgendwas unternehmen. Wie dieses Irgendwas aber aussehen würde, hatte ich keine Ahnung.
Als ich am nächsten Tag in den Baum schaute, waren die Tatsachen aber schon geschaffen. Ein richtiges, fertiges Nest war gebaut und eine dicke Taubenmama saß darin. Ich wusste nicht, dass Nestbau so schnell geht. Jetzt geriet ich in Panik. Nicht wieder einen Sommer lang über Taubenscheiße steigen. Nicht wieder diese Spuren bis ins Haus hinein. Ich nahm einen Besen und schritt damit auf den Balkon. Der Besen war nicht lang genug und ich wollte ja nur die Blätter zum Rascheln bringen, die Taubenmutter muss allerdings mein Entsetzen gespürt haben, sie sprang sofort auf und flog davon. Es lagen noch keine Eier im Nest. Ich war erleichtert. Das war wirklich einfach gewesen.
Am Abend saß sie da aber wieder. Natürlich. Eigentlich hatte ich es auch geahnt. Ich wiederholte das Prozedere, nahm den Besen und stieg auf den Balkon. Diesmal flog sie aber nicht weg, sondern stand lediglich auf und wartete ab, was nun geschehen würde. Ich konnte mit dem Besen aber das Nest nicht erreichen, ich wollte ja auch nichts kaputt machen ich raschelte nur ein bisschen durch die Blätter. Ich tat es allerdings so lange (etwa eine halbe Minute) in der Hoffnung, dass sie den Mut verlöre und sich einfach irgendwo anders ihr Nest baut, auf einem anderen Ast meinetwegen, auf der anderen Seite des Baumes ist alles okay, aber nicht auf diesem Ast, der genau über dem Weg zu den Mülltonnen hängt. Ich war aufgeregt, ging in die Wohnung hinein, kam wieder heraus, ging wieder hinein. Die Taube schaute mich die ganze Zeit lang an. Ich muss für sie den Terror verkörpert haben. Ich wusste auch nicht, was tun, konnte nur wieder in den Blättern rascheln. Psychoterror. Ihr das Gefühl geben, dass ihre Kinder hier nicht sicher sind. So funktioniert Biologie doch, oder? Ein Nest ist ja ein Nest. Wie eine Höhle aber dann für Vögel. Von K erhielt ich wenig Unterstützung. Sie sagte, ich sei ein Blockwart. Ein faschistischer, tierquälender Blockwart. Sie ist aber auch nicht die Müllbeauftragte in unserem Haushalt und musste nicht letzten Sommer durch den Hof laufen.
Ich ging schlafen.
Am nächsten Tag schaute ich wieder nach dem Rechten. Die Taube saß wieder da. Diesmal war auch das Männchen dabei. Ich raschelte wieder in den Blättern. Doch dann tat ich etwas, das ich jetzt aufschreiben muss um mir der vollen Tragweite meines Handelns bewusst zu werden. Ich meine, der Sommer 2013 war wirklich hart, ich hielt mir manchmal sogar den Mund zu, wenn ich über den Taubenhaufen zu den Müllcontainern lief, ich habe einmal eine Doku gesehen, in der vor Taubenschiss gewarnt wurde, und als der Kot mit der größten Erregerdichte überhaupt bezeichnet wurde. Was ich dann tat, war also das Folgende: ich griff zur Wasserpistole.
Ich füllte die Wasserpistole und beschoss die beiden Tauben. Der Wasserstrahl war nicht hart sondern eher von der pft-Sorte, aber die beiden Tauben mochten das nicht. Nach dem ersten Schreck blieben sie jedoch im Nest sitzen und die Taubenmutter hatte wieder diesen Blick auf, bei dem ich wusste, dass sie den totalen, absoluten Totalterror in mir sah.
Sie taten mir leid. Sie hatten ja keine Ahnung was in mir vorging. Wie sie da als Totalmutter bloß ihren Nachwuchs in die Welt setzen wollte, ein ganz natürlicher aber hochemotionaler Prozess. Wie sie da saß und meinen Wasserspritzern trotzte. Irgendwie war das so sehr Mutterliebe, dass ich die Wasserpistole beiseite legte und aufgab. Und mich schämte.

Ich fuhr dann für das Wochenende nach Brandenburg hinaus. An den See. Ein weiterer Sommer mit ein bisschen Taubenkot im Hof wird nun ja nicht gleich eine Katastrophe sein. Für den nächsten Sommer muss ich halt bessere Vorsorgemaßnahmen treffen. Ich bin eben unerfahren. So etwas passiert. Als ich heute aber zurückkam, war das Taubenpaar ausgezogen. Wenn man so will, ein Happyend.

3 Comments

  1. Ich weiß nicht, ob das noch schlimmer als “faschistisch” ist, aber nach meinem laienhaften Dafürhalten ist ihr Trachten und Handeln in dieser Angelegenheit eher unter Speziesismus einzuordnen. Aber was soll ich sagen, ich sehe mich außerstande, den ersten Stein zu werfen. Habe nämlich auch schon mal mit der Wasserpistole die Terrasse einer Bekannten gegen Zudringlichkeiten von Piepmätzen verteidigt. Ich mache so etwas eigentlich gar nicht gerne und kann Ihnen Ihr Dilemma vollstens nachfühlen.

  2. Das Spiel mit den Augen kenne ich. Wer zuerst blinzelt, hat verloren und muß was für den anderen tun. Eiskrem aus dem Kühlschrank holen oder ein Bier. Was Ihren Wasserwerfer angeht: Obacht! So ein Fall wird gerade in Stuttgart verhandelt! Und – ein Wort unter Freunden – früher standen Sie auf der anderen Seite vom Wasserwerfer. Da denken Sie jetzt mal schön drüber nach!

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