Die Reise verlief dann ganz gut. Wir begannen den Tag mit einem stressbedingten Streit, der aber schnell abkühlte, sobald wir im Auto saßen. Als wir den Ring verließen, scherzten wir sogar wieder.
Der Cousin meiner Frau, der 2 km flussaufwärts wohnt, warnte uns schon seit Tagen wegen der Kälte. Vermutlich denkt er, dass Berlin im warmen Süden liegt. Die Temperaturen sind aber ähnlich, Berlin ist vielleicht 2 oder 3 Grad wärmer. Aber nachts kühlt es hier laut Wetteranzeige noch richtig ab. In der Nacht zum Sonntag wird es einen Plusgrad geben. Die Woche danach haben wir aber Temperaturen zwischen 18 und 23 Grad. Auch nachts ist es dann immer um die zehn.
Die Hündin war nach der langen Fahrt müde und gelangweilt. Als sie aus dem Auto sprang und verstand, wo sie wieder ist, rannte sie Runden im Kreis und absolvierte kleine Luftsprünge. Das war sehr witzig mit anzusehen. Mir kommt immer vor, dass sie hier die beste Zeit ihres Lebens hat. Kann aber gut sein, dass ich das nur in sie hineinprojiziere. Andererseits ist sie ohnehin immer gerne da, wo ich auch bin, ob das nun die Warschauer Straße oder der schwedische Wald ist, scheint ihr wenig auszumachen. Hier bin ich halt viel im Freien und ich bin körperlich aktiver, das macht ihr sichtlich Spaß. Dafür ist sie abends um 17 Uhr immer schon schlaffertig.
Das Haus fühlt sich allerdings kalt an. Kaminfeuer hilft – wie immer – wenig. Es ist angenehm, wenn man davor sitzt, aber es heizt weder Raum noch Haus. Wir haben drei Elektroradiatoren, die sich im ganzen Haus verteilt befinden, und auch mehrere antike Radiatoren, die mit einem Holzherd betrieben werden. Wir beschließen, nur die elektrischen anzuschalten, obwohl die zu schwach sind, die kalten Räume zu erwärmen. Als wir das feststellten, war es bereits zu spät, um das Holzherdsystem anzuschmeißen. Wir hatten den Holzherd vor ein paar Jahren das erste Mal aktiviert. Das Heizsystem stammt allerdings aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert. Es besitzt noch keine Pumpen bzw. Druckausgleichssysteme, die Heizung erfordert daher faktisch kontinuierliche Überwachung. Das fanden wir damals sehr stressig.
Wir kamen etwa um 17 Uhr an. Ich liebe es, das Haus aus dem Winterschlaf zu holen. Fenster öffnen, Decken schütteln, Strom anschalten, Wasser anschalten. Als Erstes saugten wir aber die Böden und die Regale in der Vorratskammer. Über den Winter leben Feldmäuse im Haus, die Hunderte und Tausende schwarze Knöllchen hinterlassen. Allerdings überwiegend in der Vorratskammer. Meine Frau sagt dauernd: Hantavirus, Hantavirus. Wir finden das lustig.
Und dann die erste Nacht in dem kalten Haus. Der beste Moment ist, nackt in dieses eisige Bett zu schlüpfen und es von innen heraus zu wärmen. In heißen Berliner Sommernächten denke ich gerne an diesen Moment.
Im Februar gab es einen großen Wintersturm, der massenweise Bäume umgerissen hat. In unserem Wald waren nur wenige Bäume davon betroffen. Allerdings einer, der genau über die Auffahrt zu unserem Haus gefallen war. Der Förster informierte uns vor ein paar Wochen, dass er den Baum beseitigt habe. Er wird uns eine Rechnung schicken. Heute inspizierte ich den umgefallenen Baum. Er liegt jetzt auf einem Hang unterhalb unseres Hauses. Ich werde ihn über den Sommer hinweg zerlegen. In zwei Jahren werden wir ihn dann verfeuern. Wir haben eigentlich noch reichlich Holz, hier habe ich aber das Gefühl, weit in die Zukunft vorausplanen zu müssen. Wie ein richtiger Bauer. Wenn ich mich beim Vorausplanen erwische, fühle ich mich immer ungemein weise. Wie ein alter Fischer, der an der Brandung steht, an seiner Pfeife zieht und so Sachen sagt, wie: Es zieht ein Wetter auf.
Der Baum liegt in einem zugewachsenen Bereich des Waldstückes unter dem Haus. Heute arbeitete ich mir einen Weg zu ihm frei. Es sind unzählige, junge Espen, die den Weg versperren. Ich kann sie alle mit einer Astschere entfernen. Das Stückchen Wald wollte ich bereits letztes und vorletztes Jahr von den Jungbäumen entledigen, ich kam aber nie dazu, weil mir das Werkzeug fehlte. Jetzt habe ich in der Scheune diese Astschere entdeckt. Keine Ahnung, wo die vorher war.
Die Hündin liebt es, wenn wir im Wald arbeiten. Sie arbeitet mit mir mit. Jede Espe, die ich fälle, beschnuppert sie ausgiebig, als würde sie Qualitätskontrolle durchführen. Dabei prüft sie auch ausgiebig den aufgerissenen Boden. Manchmal gräbt sie noch nach. Sie steht mir ständig im Weg und ist überhaupt keine Hilfe, aber sie ist ein Arbeitstier, sie wird gerne gebraucht, und mir macht es Spaß, wenn sie Spaß hat.
Am zweiten Abend sind wir beim Cousin und seiner Frau zum Essen eingeladen. Sie wohnen in einem eher neuen Holzhaus, das aus einem einzigen großen Raum besteht, der sich über zwei Stockwerke zieht und oben spitz zuläuft. In einer Dachnische, die über eine Treppe erreichbar ist, befindet sich die Schlafplattform. Es ist ein sehr schöner Raum. Es hat etwas Loftartiges und gleichzeitig doch etwas Hütthaftes. Wir verbrachten einen wunderbaren Abend mit indischem Essen und Bier.
