[was schön war, KW40]

The Path. Relativ neue Serie auf Amazon. In einem Dorf im Bundesstaat New York hat sich eine Sekte eingerichtet. Eine der Hauptpersonen verliert den Glauben. Wer The Leftovers und Lost mochte, wird vermutlich auch The Path mögen. Die Grundstimmung ist ähnlich, diese latent drohende Kulisse eines Schicksals, das über Länder und Städte kommt.
Jessy Pinkman als zweifelnder Familienvater.

Wir schauten alle zehn Folgen in einem Rutsch. Diese hermetische Welt. Nach 8 Stunden öffnete ich die Vorhänge, shit, dit is ja Berlin. Nachher im Spätkauf beim Kauf von Fertignudeln fühlte ich mich wie ein Alien.

Am Freitag kam K’s Bruder zu Besuch. Den ganzen Abend in der Küche gesessen, zusammen gekocht, Bier und Wein getrunken, Musik gehört, Fickt-euch-allee gesungen. Das war schön.

K’s Bruder brachte ein paar Flaschen seines neuen Lieblingssektes mit. Arunda, aus Südtirol. Arunda kannte ich, das ist der Sekt aus Mölten, ein kleines Dorf auf dem Tschöggelberg. Mölten ist das dem Dorf aus dem meine Mutter kommt. Das war ein lustiger Zufall.

Als ich so über den Sekt und Mölten nachdachte, fiel mir etwas ein. Ich hatte keine besondere Beziehung zu Mölten, was größtenteils damit zusammenhing, dass die Eltern meiner Mutter in einem Bauernhof weit oberhalb des Dorfes wohnten. Mölten war eigentlich nur dieses etwas altmodische Bauerndorf, durch das wir hindurchfuhren. Manchmal gingen wir zum Friedhof und zündeten Kerzen für Verwandte meiner Mutter an. Als ich noch kleiner war besuchten wir im Dorf auch eine Tante. Wir nannten sie Tota. Es war nicht meine Tante, sondern die Tante meiner Mutter. Eine sehr sehr alte Frau. Sie ging gebückt mit einem Stock und sie trug immer ein Kopftuch, ihre Augen lagen in zwei tiefen Höhlen und sie redete mit einer Grabesstimme. Ich fürchtete mich immer vor ihr. Genau so hatte ich mir immer die Hexe aus Hänsel und Gretel vorgestellt. Es tut mir wirklich leid für sie, dass ich sie als hexenartig in Erinnerung behalten werde, ich glaube sie war wirklich ein guter Mensch. Ich muss das nochmal in Erfahrung bringen, ich erinnere mich, dass sie nach dem Krieg das uneheliche Kind einer Bediensteten aus dem Dorf großgezogen hat.
Tota wohnte jedenfalls in einem noch viel älteren Haus unten im Dorf und ich kann mich erinnern, dass es in dem Haus immer dunkel war, so wie es in diesen südtiroler Bauernhäusern ja immer dunkel war, aber ihr Haus war noch viel dunkler. Das Bild, das mir von Tota am eingeprägtesten in Erinnerung geblieben ist, ist wie sie uns in ihrem Haus empfing. Wie sie mit ihrem steinalten Gesicht, gebückt und ihrem Kopftuch diese schwere Holztür öffnet. Und hinter ihr im Haus: alles finster.

Als ich sechs oder sieben Jahre alt war, starb sie. Vielleicht war ich auch acht. Als sie starb wurde das Haus verkauft und einge Jahre später zu einer Sektkellerei umgebaut. Für mich war das eine logische Konsequenz, das Haus war innen so finster, das ganze Haus muss in Wirklichkeit ein riesiger Keller mit kleinen Fenster gewesen sein.

Dreißig Jahre später sitze ich in Berlin bei einem Sekt aus Mölten und denke mir: Mölten. Wieviel Einwohner hat Mölten? Tausend? Tausendfünfhundert? Wie viele solche Dörfer haben eine eigene Kellerei? Wie groß ist die Chance, dass ein Tausendeinwohnerdorf mehr als eine Sektkellerei hat?
Kann es sein was ich denke? Kann es sein?

Eine Whatsapp an meine Mutter brachte Licht in die Angelegenheit. Der Sekt schmeckte danach fast magisch.

2 Comments

  1. Katrin

    Bei den Herzdamengeschichten bin ich auf diesen Eintrag über Arunda gestoßen. Wie schön! Mein Opa hat vor vielen Jahren immer Kleiderspenden etc. nach Südtirol geschleppt und ich habe in meiner Kindheit mehrere Sommerurlaube in Mölten verbracht. Die Stiefmutter des Sekt-Kellermeisters hatte eine Pension im Ort und viele Jahre später entdeckte mein Vater den Arunda wieder. Seither sind wir gelegentlich aber immer mit viel Spaß zur Sektprobe dort. Was für eine schöne Geschichte!! In diesem Sinne Prost!

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