Neulich wollte ich mich einmal lustig darüber machen, dass man den Namen „Rheinland-Pfalz“ auf Englisch mit „Rhineland-Palatinate“ übersetzt. Pfalz. Also, ich weiß nicht. Ich bin nicht in Deutschland aufgewachsen und habe keinen Bezug zu der Gegend bzw. ich habe keine Ahnung, was das ist. Auch nicht die Oberpfalz. In meinen Ohren klingt das wie auf der Walz sein, nach Wald und Federschmuck im Hut eines Jägers. Auch Kurt Beck kam aus der Oberpfalz, sein Bart, der hatte immer etwas Jägerhaftes, an den Backen meistens zu lang, und seine Anzüge wirkten auf mich oft wie Jägerlodenjacken, außerdem aß ich vor zwanzig Jahren, als ich nach Deutschland kam, gerne in der Hamburger „Pfälzer Stube“ Saumagen mit Röstkartoffeln.
Naja. Das bedeutet Pfalz für mich.
Palatinate. Fand ich für so eine Fiederallala-Gegend schon etwas hochtrabend. Zum Glück machte ich mich aber nicht öffentlich darüber lustig, sondern schaute erst mal nach, was das Wort überhaupt bedeutet. Jetzt stellte sich heraus, dass das Wort vom römischen Palatin abgeleitet ist. Also jenem der sieben Hügel Roms, auf dem die Kaiser ihre Residenzen bauten. Im Mittelalter nannten Könige ihre im Land verteilten Residenzen deswegen Palatins. Auch der Amtsträger, der die zur Residenz gehörende Region verwaltete, war der Palatin, der in der Residenz namens Palace bzw. Palast wohnte. Östlich des Rheins leitete sich aber der Begriff Pfalz ab, für mich bekam die Gegend deswegen einen Jägerhut mit Federschmuck aufgesetzt.
Tja.
Erfurchtsvoll fragte ich die künstliche Wahrscheinlichkeitsberechnerin: „Ist die Pfalz schön?“. Sie antwortete: „Oh ja, und wie!“
#
Am Abend fuhr ich zurück nach Berlin. Es regnete die ganze Strecke lang. Wir fuhren alle schön gemütlich bei 120. Das mag ich. Um halb sieben rief ich Lu an, weil wir einen Jour fixe haben, zumindest solange ich noch in Hamburg bin. Sie begrüßte mich mit einem fröhlichen „Helau“. Davon musste ich sehr lachen. Ich hatte heute zufällig um 11:11 Uhr auf mein Telefon geschaut und wurde an den Karneval erinnert. Sie war überrascht davon, dass ich bei 11:11 an Karneval denke, ich war wiederum überrascht davon, dass sie positive Gefühle zu Karneval hat. In meinem Freundeskreis kenne ich nur Rheinländer, die von Karneval angewidert sind. Aber das sind natürlich die Exil-Rheinländer, die sicherlich einen Grund haben, warum sie nicht im Rheinland wohnen. Zumindest, wenn sie es freiwillig tun. Ich glaube, ich könnte Karneval durchaus etwas abgewinnen. Diese gesellschaftliche Ausnahmesituation. Wir waren uns jedoch einig, dass diese großen Gesellschaftsexzesse, wie z. B. Silvester oder auch Weltmeisterschaften, irgendwie nicht mehr so cool sind, weil unterschwellig neuerdings eine latente Feindseligkeit mitschwingt. Es fällt mir schwer zu beurteilen, ob das früher auch so war und ob es nicht nur mit meinem Alter zu tun hat, aber – ja, aber, den Gedanken haben wir dann nicht ganz zu Ende geführt. Außer, dass wir beide schon länger nicht mehr an solchen Feiern teilnehmen.
Ich erzählte ihr vom Treffen mit unseren gemeinsamen Freunden am Dienstagabend, und auch deswegen kamen wir über das Altern zu sprechen. Ihre Konklusion ist, dass wir im Alter allesamt mehr in größeren Gemeinschaften leben müssen. Also größer in dem Sinne, dass wir uns nicht auf diese Zweipersonenkonstrukte wie ein Liebespaar verlassen sollten. Spätestens, wenn man sich im Alter trennt oder eine verstirbt, wird es für viele Menschen sehr einsam. Das fängt bei unscheinbaren Kleinigkeiten an, wie bei ihrem Bekannten, der zur Chemo musste und niemanden hatte, der seine Goldfische füttert. Es fehlten ihm natürliche Freundschaften, die er guten Gewissens um Hilfe mit den Goldfischen fragen könnte. Neulich fragte ich mich ja, ob es die Definition von Freundschaft ist, wenn jemand ans Sterbebett kommt. Die Kaltmamsell schlug daraufhin vor, eine Nummer kleiner zu denken, und sagte, vielleicht reiche es als Definition aus, wenn man zu jemandes Beerdigung geht. Jetzt neige ich dazu, zweidrei drei Nummern herunterzuschrauben. Vielleicht sollte man schon glücklich darüber sein, wenn man ohne schlechtes Gewissen jemanden bitten kann, die Goldfische zu füttern.