[zehn Alben]

Rémi Dubail reichte mir das Stöckchen, jeden Tag ein Albumcover zu posten, das maßgeblich meinen Musikgeschmack geformt hat. Vielen Dank dafür. Ich lese diese Beiträge immer sehr gerne, mir fehlen bei diesen Stöckchen aber immer die dazugehörigen Geschichten, Geschichten finde ich nämlich immer schön. Ich werde daher die acht Alben aufzählen (zehn sind es leider nicht), die praktisch meinen Musikgeschmack geformt haben. In chronologischer Reihenfoge:

1) Ich war sechs oder sieben Jahre alt. Ich komme aus einer ziemlich unmusikalischen Familie. Meine Eltern besaßen drei geschenkte Schallplatten von James Last, die sie aber nur einmal gehört hatten und sonst gab es bei uns eigentlich nur Musikkassetten mit alpenländischer Volksmusik.
Neben uns wohnte ein Arzt. Als wir einmal bei ihm zu Besuch waren, legte er Beethoven auf. Es war eine der Symphonien, ich weiß aber nicht mehr welche. Offenbar begab ich mich zu dem Plattenspieler und schien dort zu erstarren. Ich hatte so etwas noch nie gehört.
Ein paar Tage später schenkte er mir ein ganzes Boxset der neun Beethoven Symphonien dirigiert von Karajan. Eine dicke schwarze Schachtel Die ersten acht in mono, die Neunte in Stereo. Ich hörte die 3., 5. und die 6. Symphonie praktisch in Dauerschleife auf Kopfhörern in Mono. Aber das machte mir nicht viel aus.
Der Arzt war sich natürlich im Klaren darüber, dass er da in mir etwas entfacht hatte, so kaufte er mir Wochen später ein Best of von Verdis Opernchöre. Nabucco, La Traviata und so weiter und eine Platte mit Arien von Verdi und Puccini. In Stereo. Stereo fand ich auch OK.

2) Never Mind The Bollocks, here’s the Sex Pistols. Ich muss fünfzehn gewesen sein. Ich hatte vorher verzerrte Gitarrenmusik entdeckt, gelang über Pink Floyd bei AC/DC und schließlich beim Metal, wo Iron Maiden meine Favoriten waren. Mein bester Freund kaufte sich eine Platte von Megadeth, auf dieser Platte wiederum gab es einen Song der ganz anders klang als die anderen. Dieser Song hieß “Anarchy in the UK” und war das energiegelandeste Stück Musik das ich je gehört hatte. Ein Jahr später bei unserem jährlichen Besuch in Bozen (wo es Plattenläden gab) sah ich diese Single liegen. Anarchy in the UK, von einer Band namens The Sex Pistols. Ich erfuhr, dass es sich hier um die Originalversion des Liedes handelte und Megadeth das nur gecovert hatten, was erklärte, warum sich dieses Stück immer so anders angefühlt hatte als der Rest. Ich durfte “Never Mind the Bollocks” im Laden Probehören. Was danach geschah war vermutlich die gleiche Schockstarre, wie jene die mich als Kind bei Beethoven einfrieren ließ.
Was ich da hörte war so rotzig, so aufgeladen, so gutgelaunt destruktiv, so etwas hatte ich noch nie gehört. Das war 1990, Punk war schon lange tot, aber in Südtirol passierte immer alles mit zehn Jahren Verspätung. Ein Jahr später schmierte ich mir becherweise Bleichmittel in die Haare und wollte nur noch Lederjacken tragen. Ein Jahr später brach ich die Ausbildung ab. Dazwischen brauch ich mir auch den Oberarm. Aber das ist eine andere Geschichte.

3) KOLLAPS. Einstürzende Neubauten. Das war ein oder zwei Jahre nach den Sex Pistols. Ich hörte Punkrock rauf und runter, mir gefiel natürlich das meiste, aber alles fühlte sich nur wie eine Weiterentwicklung von “Never Mind The Bollocks” an, was ich prinzipiell gut fand, weil ich es mochte was Punk mit der Musik gemacht hatte, was Punk mit der Haltung zu den Dingen gemacht hatte. Aber dann. Dann hörte ich zum erste Mal Kollaps. Ich wusste schon von den Einstürzende Neubauten. Ich hatte einmal “Haus der Lüge” gehört und verstand die Energie, ich merkte aber auch, dass diese Band den ersten Teil ihrer Entwicklung schon hinter sich hatte. Und als ich dann “Kollaps” hörte, dachte ich, wenn so eine Musik in die Welt gesetzt wurde, wie kann man nachher ÜBERHAUPT noch ernsthaft Musik schreiben oder hören. Kollaps war damals schon zehn Jahre alt, aber das war das destruktivste, nihilistischste, kälteste und schmerzhafteste was ich bisher gehört hatte.
Als müsste man in einer Rage alles kaputt machen weil man so einfach nicht weitermachen kann. Ein bisschen wie Punkrock, nur mit schlechterer Laune.

4) KOYAANISQUATSI. Philipp Glass. Meine erste Begegnung mit der Musik von Philipp Glass ging so: jemand sagte: lass uns zu mir nach Hause gehen, kiffen und KOYAANIQUATSI schauen. Mich interessierte es nicht, was das für ein Film war. Kiffen fand ich super und dabei einen Film zu schauen noch superer. Für diejenigen die diesen Film nicht kennen, in Wikipedia fand ich folgenden Satz aussagekräftig: “Außergewöhnlich ist die Abwesenheit von Dialogen und handelnden Personen, der Film besteht ausschließlich aus aneinandermontierten, assoziativen Zeitlupe- und Zeitraffer-Bildsequenzen von Städten und vielen Naturlandschaften in den Vereinigten Staaten und der von Philip Glass komponierten und exakt auf die Bilder zugeschnittenen Musik.”
Was sich nach schwerverdaulicher Kost anhört ist in Wahrheit ein durchgehend fesselnder audiovisueller Trip. Der auch ohnne Drogen funktioniert, wie in mehreren Selbstversuchen für euch getestet.

5) Nick Cave and The Bad Seeds. The Good Son. Zu den Bad Seeds kam ich erst verhältnismäßig spät, da war ich 18 oder 19. Jetzt kam dieser düstere Typ in mein Leben und sang von der Liebe. Fand ich krass.
Von The Ship Song kaufte ich mir später eine Maxi Single. Das Lied hörte ich eine Zeit lang mit 33RPM obwohl sie mit 45RPM aufgenommen wurde. Ein schönes Erlebnis.

6) CocoRosie. The Adventures of Ghosthorse and Stillborn. Danach geschah jahrelang wenig Neues. Ich hörte Nick Cave, Einstürzende Neubauten, ein bisschen Tom Waits und immer wieder Punkrock. Es war dann mit 31 oder 32, als ich über eine Internetsendung (heute nennt man das Podcast) CocoRosies Lilah hörte. Die Band machte mich fertig. Dieser Mix aus Spielzeugmaschinen, Femminismus, naiver Rap und der allgemeinen Schrägness. New weird America. Lustigerweise waren CocoRosie mein Türöffner für HipHop und Rap.

https://www.youtube.com/watch?v=OPCsD7NNcWA

7) Soap&Skin (Anja Plaschg). Lovetunes For A Vacuum. Ein paar Jahre später veröffentlichte eine siebzehnjährige Österreicherin ihr Debütalbum Lovetunes for a Vacuum. Ich kann mit jungen Mädchen üblicherweise wenig anfangen, aber ihr Portrait auf dem Cover ließ mich unbewusst an so etwas wie New Weird Austria denken, wenn es so etwas gegeben hätte. Der Spiegel konkludierte in seiner Albumskritik mit dem Satz: da öffnen sich die Pulsadern von ganz alleine. Ich sofort reingehört und war augenblicklich hin-ge-rissen. Seitdem habe ich kaum eines ihrer Konzerte in Berlin verpasst.

8) Lana del Rey. Born To Die. Auch wenn ich ihre späteren Alben deutlich besser finde, war Born To Die für mich die Befriedung mit dem groß orchestrierten Pop und ist Lana del Rey die spannendste Personalie in der Mainstream Musik. Von Musiksnobs in meinem privaten Umeld wird sie natürlich verachtet und ich verteidige sie immer mit glühender Faust, da sich an Lana del Rey auch zeigt, wie konservativ und schablonenhaft oft gedacht wird. Diese Bilder die sie aufwirft, wie sie mit verspritzten Lippen zwischen den Klischees wandelt, wüste Phantasiekulissen hochzieht, immer Pop, immer im rauschig, nie suggestiv, immer direkt. Sie ist in Wirklichkeit total subversiv (ich weiß das natürlich und niemand hat es bisher durchschaut). Ich habe alle ihre Albums gekauft.

3 Comments

    • Das ist jetzt lustig, dass gerade du das kommentierst. Weil die erwähnte “Internetsendung” in Nummer 6 einer deiner Podcasts war.

      • Das finde ich jetzt gut. Ich wusste garnicht, dass ich mal einen Podcast gemacht habe. War wahrscheinlich ein Mitschnitt von einer Radiosendung, die auf Radio Flora lief. Das lässt sich dann ja schwer unterscheiden …

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