[Samstag, 27.11.2021 – paar Gedanken zu Winter, Licht und Europa]

Unsere Nachbarn sind heute für drei Monate zu ihren Familien nach Indien verreist. Das machten sie letzten Winter auch. Die Frau hat ein bisschen Angst vor der dunklen Jahreszeit.
Vorher wohnten sie zwei Jahre in Paris, jetzt zwei Jahre in Berlin. Eigentlich wollten sie bleiben. Diese dunklen Winter in Europa fänden sie aber sehr einschüchternd.

Ich habe erst vor einigen Jahren begriffen, wie weit oben auf der Erdkugel sich Europa befindet. Vergleicht man es mit den USA, dann befindet sich New York C ungefähr auf der Höhe von Madrid. Ein Bekannter von mir wohnt in der Nähe von Montreal in Quebec, da sind die Sommer eher kurz und er hat bis in den Mai hinein Schneehaufen vor seiner Haustür. Zieht man eine Linie von seiner Stadt bis nach Europa, landen wir etwas nördlich von Bordeaux. Zieht man von Berlin eine Linie gegen Westen, landet man in Zentralkanada bei einem Naturpark für Eisbären. Genau. Eisbären.

Meine indische Kollegin zog letztes Jahr im November nach Berlin. Als sie noch in Indien lebte erzählte ich ihr von den großen Lichtunterschieden im Winter und im Sommer. Sie freute sich vor allem auf die langen Sommertage. Bei ihr zuhause ging die Sonne immer zwischen 6 und 7 unter. Jeden Tag. Das ganze Jahr.

Im Winter sehe ich hier manchmal den Tag nicht. Wenn ich nach Hause fahre, ist die Sonne schon lange untergegangen. Glücklicherweise fahre ich morgens meist spät ins Büro. Die Fahrt ins Büro ist im Dezember meine tägliche Ration Licht. Falls ich in der Mittagspause spazieren gehe, verzieht sich das Tageslicht schon in Richtung Abend.

Vor einigen Jahren schrieb mich eine frühere Bekannte aus Madrid an. Sie würde für ein Jahr nach Köln ziehen, sie wollte wissen, auf was sie sich vorbereiten müsse. Dicke Pullover? Wie viele Lagen? Welche Jacken? Und Schuhe? Das war ein lustiges Gespräch. Es wurde ein sehr milder Winter. Dieses Schreckensgespenst.

Ich habe mich jetzt auf den Winter eingestellt. Das beginnt meistens Anfang November. Oft durch die Zeitumstellung. Auch wenn Licht und Wärme eine feine Sache sind, kann ich dem Winter als dem Gegenentwurf dazu, viel Freude abgewinnen. Schlimm finde ich nur März und April. Diese Zwischenzeit, in der es nicht mehr Winter ist, man aber noch wie im Winter lebt. Diese zwei langen, grauen Monate bis das Land wieder auftaut.

#
Und die Pandemie wirft eine neue Welle auf. Ich stelle mich auf einen neuen Coronawinter ein. Coronawinter fühlt sich wie ein langes Weihnachten an.

Ein Kommentar

  1. Ist schon irre, was für ein mildes Klima uns der Golfstrom bereitet. Unsere eigene Goldilocks-Zone. Wir nehmen das hier so als gegeben hin und wundern uns, dass es an anderen Orten auf demselben Breitengrad so kalt ist. Eher sollten wir uns wundern, warum es hier so warm ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.