der sichere Hafen der Liebe

(Wiedergekäut. Für gestern)

Sarah und ich, wie liebten einander, und hatten es zu einer Wohnung gebracht die irgendwie ganz legal war. Die Wohnung stand leer und so schleppten wir unsere Matratze, eine Pfanne, einen Aschenbecher und zwei Kaffetassen durch das Treppenhaus, in diese Wohnung hinauf und hängten ein dickes Schloss an die Tür.

Die Wohnung war ein hübsch anzusehendes Loch. Eine kleine Küche, ein fensterloses Badezimmer und ein relativ grosses Wohnschlafarbeitszimmer. Die Löcher in der Wand verhängten wir mit Sarahs Ölfarbkünsten und auf die Gräben im Fussboden nagelten wir Türen. Die Pilze, die an den Wänden wucherten, schlugen wir heraus, und die entstandenen Löcher bedeckten wir mit weiteren Meisterwerken meiner Bettgenossin. Sie hat es in der Zeit, in der wir dort lebten, nie wirklich geschafft, genug Bilder für alle Löcher zu malen, aber wir gewöhnten uns daran, wie man sich eben an alles gewöhnt.

Wir hatten einen Warmwasserboiler gefunden, der nach einigen Seitenhieben und Kinnhaken wieder funktionierte. Ein beeindruckender Zeitzeuge antiker Technik, der mehrere Wochen lang ohne Unterbrechung und äusserst fleissig Wasser erhitzte, bis er eines Tages plötzlich und unangekündigt in den Streik trat. Kein Kinnhaken half, kein Arschtritt, bis er einige Tage später plötzlich wieder funktionierte. Völlig grundlos.
Diese Arbeitsverweigerungen häuften sich und dauerten jedesmal länger.
Ich mochte das nie besonders gerne, da ich unter dem kalten Wasserstrahl der Dusche unaufhörlich schrie.
Fünf mal liess ich mir diese Ausfälle gefallen, aber dann war ich richtig verärgert. Somit hörte ich auf zu duschen.
Sarah wusste mit beruhigenden Worten meinen Ärger zu besänftigen, und sagte, dass das Duschen nicht so wichtig sei, da wir ohnehin nicht stanken, alles sollte der Reihe nach geschehen, zuerst sollten wir etwas für den Kühlschrank besorgen, uns um unser leibliches Wohl kümmern, und weil wir die Einkäufe immer zusammen zu erledigen pflegten, einigten wir uns auf Übermorgen oder Überübermorgen. Der Warmwasserboiler konnte warten.
Überdies hatte sich der die guten Karten bei uns ohnehin verspielt, weil er immer dann aufhörte seine Pflicht zu erledigen, wenn wir dreckiger waren als der verschobene Abwasch in der Küche.

Die Küche betraten wir allerdings selten, und wenn, dann nur, wenn uns gerade der Putzfimmel überkam. Und nach dieser Putzwut kochten wir eben nur so lange, wie der Müll dort zu ertragen war. Der Putzfimmel ist aber die schlechtgelaunteste aller Musen, und will immer nur so richtig küssen, wenn man warmes Putzwasser hat. Also warteten wir auf den Boiler.
Obwohl – das stimmt nicht ganz. Im Laufe der Zeit erfanden wir ein kluges System, den widerspenstigen Warmwasserboiler wieder in Schuss zu bringen:

Überflüssiges Geld legten wir in eine Schuhschachtel, denn sobald einiges Geld zusammengekommen war, wollten wir einem Warmwasserboilerklempner Arbeit geben. Ich war zwar technisch immer schon ein wenig talentiert, aber die Launen unseres Boilers überforderten mich, da musste einer ran, der diese Launen studiert hatte und die nötigen Auszeichnungen und Stempel mit sich herumtrug.
Doch das Geld wollte sich aus unerklärlichen Gründen nur äusserst langsam vermehren, manchmal verringerte sich das Gewicht der Schuhschachtel sogar, sodass unser revolutionärer Versuch, dem arbeitenden Volk die Arbeit, und somit die Macht wieder zurückzugeben, kläglich scheiterte. Aber wir waren ja eh keine Kommunisten und deshalb war das nur halb so schlimm wie es vielleicht klingen mag. Jedenfalls ergab es sich dann meistens so, dass gerade jemand zu Besuch war, der sich mit Klempnerei ein wenig auskannte und ihn kurzerhand reparierte. Das war immer wieder eine Freude. Daraufhin
investierten wir die Klempnerersparnisse in Schnaps.

Wenn der Boiler repariert war, verbrachten wir unsere Zeit erstmal damit, auf den Putzfimmel zu warten. Das dauerte für gewöhnlich nur ein paar Tage, oder Wochen. Doch wenn es dann soweit war, brach die Hölle los, und man konnte davon ausgehen, dass unser Nest, in nur wenigen Wochen, hochglänzend strahlen und nach Flieder riechen würde.
In diesen inspirierten Wochen hatten wir merkwürdigerweise selten Besuch. Wahrscheinlich wollte man uns beim Arbeiten nicht stören. Man kann beim Putzen mit herumlungernden Menschengestalten ohnehin wenig anfangen. Das wussten unsere Besucher wahrscheinlich auch.

Sarah kaufte immer nur Pfandflaschen und das rechnete ich ihr sehr hoch an. Nicht während dem Kauf der Getränke selbst, sondern nach der Putzfimmelperiode. Nach getaner Arbeit konnten wir das Pfand einlösen und uns ein mittelgrosses Arsenal an Feierabendbier zulegen. Was für ein Kapital sich durch unsere systematische, effizienzlose Unordnung aufstapelte! Als hätte man ein wenig vorgesorgt, um sich für die Zukunft einzudecken. Ein Sparstrumpf sozusagen.
Es sprach sich immer schnell herum, dass unsere Wohnung wieder sauber war, und wir am Feiern waren. Die Freunde tauchten rechtzeitig auf, und halfen kräftig mit, uns von der Arbeit zu erholen.

Die Zeit nach dem Säubern war immer die Kreativste. Es war eine helle Freude, die Bruchbude neu zu gestalten. Sarah hatte einmal die Wände der Küche in sattem, kräftigem grün gestrichen. Sie erläuterte dazu, dass die Farbe uns dazu bewegen sollte, die Küche nicht mehr in Dreck und Müll versinken zu lassen. Weil wir ja Linksradikale waren, und doch auch Steine schmissen, wenn die Politiker die Natur verschandelten. Das Bild der grünen Küche sollte bei uns Schrecken hervorrufen, wenn wir Dreck herumliegen liessen, es sollte Bilder von Gasmasken und Atompilzen aufkommen lassen und
uns zur Verantwortung rufen.
Das machte alles viel Sinn. Ich liebte Sarah für solche grosse, weitsichtige Ideen. Und tatsächlich: damit nicht mehr all die Verpackungen und anderer Müll herumlag, hörten wir auf zu kochen.

In einer lauwarmen Vollmondnacht wachte ich aus unruhigen Träumen schweissgebadet auf, und war von einem ähnlichen genialen Geistesblitz befallen. Ich schritt ins Badezimmer und fing an, die Wände anzumalen, mit einem tiefen, weiten Blau. Ultramarin. Der Hintergedanke zur Farbe war der, dass wir ein wenig entspannter mit unserem Problem des verschütteten Wassers im Badezimmer, und die daraus enstandene Feuchtigkeit im Boden umzugehen vermochten. Das Badezimmer hatte halt ein Feuchtigkeitsproblem und wir schafften es nicht, es zu verdrängen.
Der Trick wirkte. Er wirkte zumindest soweit, dass wir das Wasser auch weiterhin nicht aufwischten. Aber darüber hinwegsehen konnten wir trotzdem nicht. Daraufhin verzweifelte ich drei Tage und drei Nächte lang an meiner Genialität. Als es am vierten Tag aus dem fensterlosen Badezimmer blitze und rauchte, und ich mir bei heldenhaften Versuchen den Kurschluss zu finden, mehrmals einen Stromschlag einfing, und ich daraufhin den ausgefallenen Strom ausgefallenen Strom sein liess, benutzten wir im Badezimmer nur noch Kerzen, und die Wasserflecken verschwanden aus unserem Blickfeld. Kerzen – es hätte so einfach sein können.
Einmal, als wir bei Kerzenschein in der Badewanne sassen, sagte Sarah, dass vielleicht bloss meine Wahl der Farbe die Fehlentscheidung war. Feuchtigkeit und Wasserpfützen wären ja nicht Ultramarinblau, sondern schlicht braun oder grau oder schwarzgrün. Wahrscheinlich hatte sie recht. Aber wen kümmerte das schon, wenn man es nicht sah.

Wir bauten uns auch ein riesiges Hochbett. Nicht nur weil wir versuchten dem Müll und den ganzen Haufen an Gegenständen zu entfliehen, sondern auch weil wir einen Ort des Rückzugs brauchten. Wo wir unsere Liebe zelebrieren konnten.
Das Ding wurde wirklich riesig. Ich, als Architekt unserer Liebesburg hatte mit unserer Liebe wohl etwas übertrieben. Der Koloss nahm einen dreiviertel Teil unseres Lebensraumes ein, und uns die Luft zum atmen.
Meine Freunde – deren Freundschaft sich darauf beschränkte, dass sie für Bier auf alles Mögliche einhämmerten, sagten zwar mehrmals zwischen Alkoholdunst und Tabakrauch hindurch, dass das Ding uns erdrücken würde, aber ich ignorierte das, ich wollte eine Liebesburg. Als die Festung dann fertig war, erschrak ich, aber Sarah schien glücklich zu sein, und das war alles was zählte.
Symbolisch strichen wir das Bett rot.

Die Fische im Bad hatte alle Sarah gemalt. Ich wollte ihr helfen und malte schwimmende Aschenbecher an die Wand. Doch sie verstand meinen abstrakten Kunstsinn nicht und schickte mich weg, mit der Begründung, dass Aschenbecher unter Wasser gar nicht atmen können. Ich sah ein, dass sie recht hatte. Verzweifelt über mein verkanntes Genie, fing ich an zu trinken.

6 Comments

  1. raiek

    Alles ganz schön logisch, auch emotional und so. Aber hab ich das richtig verstanden, das die Geschichte in Holland spielt, oder gibt es noch eine weitere Hausbesetzergeschichte in Deinem Leben? (Entschuldige, war das indiskret?) Wieso können Aschenbecher eigentlich unter Wasser nicht atmen und wieso ist das wichtig, wenn sie über Wasser auch nicht atmen können, die armen. Die Fische müssen doch auch mal die Gelegenheit haben, abaschen zu können!

  2. kay

    hi mek, wollte auch noch mal kurz danke für den kurzweiligen abend sagen. hat mir gut gefallen, wenngleich ich zum ende hin ein akutes bedürfnis nach sauerstoff hatte. lieben gruß auch an julchen und an doktor oetker (der marmorkuchen war lecker!). 😉

  3. astride

    Oh jaa, das Leninbett! Die mag ich ganz besonders!
    Gratulation auch zur Lesung, der Kuchen war phänomenal, bestimmt!;)

  4. alles in allem scheint das ein sehr unterhaltsamer, belesener abend gewesen zu sein. in der hoffnung, dass dieser auch einmal in der düsseldorfer region stattdindet, begnüge ich mich heute mit den “lesungen für daheimgebliebene”.

    allesamt eine lesegenuß.

    danke dafür.

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