Sie sagt, sie könne es noch gar nicht fassen achtzehn zu sein, so plötzlich, alle Türen stünden nun offen. Sie will wie eine junge Frau wirken, sie ist stark geschminkt, trägt Kleider aus dem Privatfernsehen und schneidet Themen einer erfolgreichen, reisenden Weltbürgerin an. Sie redet und redet, zu ihrer Freundin gegenüber am Tisch, von der Marketingschule in London, von ihrer Sehnsucht nach San Francisco, und hey, Liv Tyler wohne da schließlich auch, wie ich von ihr erfahre.
Das Mädchen zu dem sie spricht, nennt sie plötzlich “Mama”. Ich sehe die Mutter nur von der Seite, ihr gewelltes und üppiges Haar bedeckt ihr Gesicht. Die Mutter wirft ab und an einen Ratschlag dazwischen, schweigt sonst meistens, und an der Stimme erkenne ich, dass sie älter ist. Sie kleiden sich beide im selben Stil, den des 23-jährigen Mädchens. Als die Mutter ihren Schminkspiegel hervorzieht um ihre Lippen nachmalen, streicht sie ihr Haar zur Seite und ich sehe ihr 55-jähriges Gesicht, hübsch würde ich sagen, doch man sieht es ihr an, wie sie unter den hängenden, sich faltenden Gesichtspartien leidet, wie sie sich immernochnicht und wahrscheinlich auch mit achtzig Jahren nicht, damit abgefunden hat, dass sie altert. Wie es mir auffällt, dass ich dachte sie sei hübsch, ich mich nachher besinne, sie gar nicht attraktiv zu finden, lediglich hübsch halt, weil vor lauter skizzierter Jugend die Fülle und Farbtiefe einer attraktiven Frau völlig fehlt. Ich stellte mir ihre Ehe vor, ihr erfolgreicher Mann mit üppigem Bauch im Anzug, wie er ihr immer wieder sagen muß wie hübsch sie sei, ach, das Kleid macht Dich zehn Jahre jünger, wie ihr ganzes Leben von diesen Momenten zehrt.
Sie steht auf, läuft zwischen den Stuhlreihen des ICEs hinunter zur Toilette, sie ist mager, der Arsch in der Markenjeans ist nicht ausgefüllt, ihr Gang wirkt ausgehungert, etwas eingeknickt, kränklich. Als sie zurückkommt, habe ich das Bedürfnis ihr mein Reiseproviant zwischen die Rippen zu schieben. Ich gucke manchmal etwas lüstern, vor allem wenn ich an Reiseproviant denke, das ist mir angeboren, und so schaute ich lüstern drein als sie den Gang hoch zu ihrem Sitzplatz zurückkam und ich mir die beste Stelle aussuchte wo ich ihr das Käsebrot dazwischenschieben hätte können. Sie sieht meinen lüsternen Blick an ihrem Brustkorb, und in dem Moment flammt ein Strahlen in ihren Augen auf, sie drückt die Brust nach vorne, verlangsamt ihren Schritt, neigt den Kopf affektiert zur Seite, streicht sich das Haar spielerisch aus ihrem Gesicht wie ein junges, schüchternes Mädchen, wiegt ihre Hüfte, und lächelt verlegen – und paarungswillig.

14 Comments

  1. Nein, ohje liest sich das so? Ich wollte diese Art von Frau (ich spreche bewusst von “Art”) zeigen, die sich am Fremdbild des jungen Mädchens festhalten und davon zehren.
    Das ist wohl missglückt.

  2. Ich stellte mir ihre Ehe vor, ihr erfolgreicher Mann mit üppigem Bauch im Anzug, wie er ihr immer wieder sagen muß wie hübsch sie sei, ach, das Kleid macht Dich zehn Jahre jünger, wie ihr ganzes Leben von diesen Momenten zehrt.

    Wahrscheinlich sagt ihr schmerbäuchiger Mann ihr genau das nicht. Aber sie sieht sehr wohl, dass er jungen Frauen hinterherschaut, die vom Alter beinahe seine Tochter sein könnten. Und hat insgeheim Angst, dass sie mal gegen eine Jüngere ausgetauscht wird.

  3. Sie vermuten vielleicht richtig, allerdings schien sie mir ein wenig zu ambitioniert für solche unterschwellige, lebenslange Demütigungen.
    Aber was scheint schon nicht alles.

  4. Ich musste zwar erst einen Suchroboter anschmeissen, aber jetzt kann ich nur noch sagen: eine Hübsche haben Sie sich da für Ihre Träume ausgesucht, lieber Opa 🙂
    Die Zweite kenne ich nicht und sie ist leider auch nicht auffindbar.

  5. man liest immer nur, wie es nicht geht, kaum wie es geht, das mit dem in-würde-altern…

    muss dann wohl irgendwann “damenhaft” sein oder wird obszön? wenn ich 50 bin, nenn ich alle männer “schätzchen”. vielleicht auch schon vorher.

  6. “Sie sagt, sie könne es noch gar nicht fassen achtzehn zu sein, so plötzlich, alle Türen stünden nun offen. Wenn sie doch nur endlich mal die Klappe halten könnte. Oder sogar ausziehen. Stehen doch alle Türen offen. Hoffentlich klappt das mit der Schule in London. Sauteuer, aber wir hätten sie endlich vom Hals. Sie wird sich noch wundern, was das alles kostet. Dann muss sie einteilen lernen, nicht mehr ständig diesen Fummel oder jenen… am besten aus meinem Schrank.
    Sie kreist um sich selbst, das ist genug zu tun. Zuhören kommt später. Hinsehen auch. Was will der Typ? Verdammt, jetzt hab ich Lippenstift an den Zähnen. Er geiert schon die ganze Zeit herüber. Mädel, sei doch endlich mal still, der ganze Wagen hört schon zu.

    Eklig diese Zugtoiletten, fiese Beleuchtung, macht aus dem besten Makeup einen bunten Teller Knete. Wir sind ja bald da. Der junge Herr pflegt immer noch zu geiern? Jetzt sabbert er an seinem Käsebrot herum, als hätte das Ding Nippel. Kommt wohl auch grade von Mutti mit Stullen im Gepäck. Dieses feiste Gesichtchen wurde immer gut genährt. Doch er hat ein freundliches Lächeln. Immerhin schon aus dem Alter raus, wo man nur um sich selber kreist. Ständig Pläne macht unter hormonellem Größenwahn. Aber der Blick ist unverschämt genug. Immer noch Pläne? Schaut mir auf die Titten, als wenn die Dinger Nippel hätten. Haha. Zuhause hungrig geblieben trotz Pausbäckchen?

    Jungen Männern muss man alles erklären. Und in dem Alter, wo sie endlich wissen, wie es sich gehört, haben sie sich Erektionsprobleme angesoffen. Kaufen Viagra und Nutten. Ach, junger Mann, lächel nicht so wissend. Iss Muttis Stulle und mach Pläne. Es würde dein Schaden nur sein…”

    (just kidding)

  7. Mit diesem Kommentar muss ich mich geschlagen geben. Sie haben mich natürlich, und das meine ich ohne jegliche Ironie, zutiefst getroffen, ausgezogen, und würde man noch alte Bräuche pflegen, dann trüge ich jetzt Teer und Federn.
    Es bleibt mir nichts anderes übrig, als zu versuchen, mein ungelenkes Verliererlächeln ein wenig würdevoll wirken zu lassen.

    Aber (ein “aber” kommt immer): Lippenstift auf den Zähnen, das wäre mir aufgefallen.

    (dass ich die Lady, die Sie beschreiben, durchaus als attraktiv befunden hätte, erwähne ich nur in Klammern.)

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